Schleswig im Dezember 2014, Axeli Knapp

Berlin, Berlin und anderswo …

Alle zieht es nach Berlin. Etliche meiner Mitstreiterinnen aus der Frauen- und Geschlechterforschung wohnen jetzt in der Hauptstadt oder wollen dorthin. Der Puls der Zeit scheint dort zu schlagen und manche sehen in Berlin die heimliche Hauptstadt der Genderforschung und des Feminismus. Mich hat es dagegen vor vier Jahren als frisch gebackene Ruheständlerin in die ländliche Peripherie gezogen. Nun wohne ich im „Echten Norden“, der bis vor kurzem noch als „Land der Horizonte“ für sich warb. Über Fragen feministischer Theorie und Praxis, die mich so lange beschäftigten, habe ich seit meinem Umzug zwar weiterhin gelesen und geschrieben, aber kaum einen Austausch mit anderen gehabt. Soweit ich bisher sehe, gibt es an meinem neuen Wohnort, der „freundlichen Kulturstadt“ (künftig wahrscheinlich „Wikingerstadt“) am „Ostseefjord Schlei“ kein feministisch-akademisch und linksliberal-grünlich geprägtes Milieu wie das, in dem ich mich in Hannover bewegte. Aber es befinden sich unter den laut Zensus 23.701 Einwohner_innen unübersehbar Menschen, die sich in Geschlechterfragen engagieren.

Bei der Lektüre der Schleswiger Nachrichten, dem lokalen, ziemlich bodenständigen Blatt, ist mir aufgefallen, wie präsent frauenbewegte, antidiskriminierungs-, gleichstellungs- und geschlechterpolitische Anliegen in Stadt und Landkreis Schleswig-Flensburg sind. Da lese ich, dass das einzige Kino am Platz in Kooperation mit dem regionalen „Bündnis Frau“ thematisch einschlägige Filmvorführungen organisiert, wie jüngst wieder zum „Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen“. Im St. Petri-Dom, dem Wahrzeichen der Stadt, wird zum „Männersonntag“ eingeladen zu einem „Gottesdienst von Männern nicht nur für Männer“. Und der Pastor des Ortsteils Friedrichsberg schreibt im Gemeindeblatt als seine Antwort auf die Frage „Was ist Liebe?“: „Wenn mein Mann im Urlaub auch nach der fünften Kirchenbesichtigung noch nicht die Geduld verliert.“ Im Rathaus gibt es die Vernissage einer von der „Arbeitsgruppe Hexenprozesse in Schleswig“ organisierten Ausstellung. Zur Eröffnung spricht neben dem Bürgermeister die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. In die Ausstellung eingeführt wird durch einen Vertreter der Arbeitsgruppe, der zugleich als Betreiber der geschichts- und museumspädagogischen Agentur „Zeitensprung“ Stadtführungen zum Thema „Hexenprozesse“ anbietet. Ziel der Ausstellung ist – nach fast 400 Jahren – die „Rehabilitierung der zu Unrecht verurteilten Frauen“. Die passende Begleitmusik zur Vernissage liefert eine Formation namens „Pech und Schwefel“. In der Rubrik „Region in Kürze“ wird unter der Überschrift „Von Frauen für Frauen: Tag der Begegnungen“ ein umfangreiches Vortrags- und Workshop-Programm von Frauen annonciert, die therapeutisch, coachend und beratend tätig sind. Der Erlös soll an das Frauenhaus und die Frauenberatungsstelle Wilma in Flensburg gehen. Bei der Lektüre des Kursangebots („Die Göttin ruft! Rückverbindung mit unserer weiblichen Kraft“, „Der Qigong-Weg der Frau“, „Lichtblicke des Frauseins“) fühle ich mich fast in die bewegten Zeiten der Berliner Sommeruniversitäten zurück versetzt, als es noch keine Separierung zwischen „autonomen“ und „Institutionenfrauen“ gab und Vertreterinnen der sogenannten „Spiri-Fraktion“, wie es damals hieß, sich noch mit linken Feministinnen und Wissenschaftlerinnen auseinander setzten und umgekehrt. Beim Gang zur Friseurin komme ich gleich an zwei Häusern vorbei, die einschlägige Beschilderungen tragen: „Frauenzentrum Schleswig e.V.“ und eine „Internationale Frauenwerkstatt Saheli“, die auf Plakaten in ihren Fenstern zum „Frauenfrühstück“ einlädt. All das erstaunt und macht neugierig.

Die Frage nach der Zukunft des Feminismus, wie sie im Jubiläumsheft der feministischen studien unter dem Titel „Was wollen sie noch?“ gestellt wurde, treibt mich nach wie vor um. Vielleicht sogar stärker als früher, weil ich, bedingt durch den Milieuwechsel, in manchen Einschätzungen unsicherer geworden bin. Im Grunde sind es weniger die anti-genderistischen Kommentare im Netz und in den Printmedien, die mich beunruhigen – die waren als Reaktion auf die gesellschaftliche Wirkung von Frauen-, Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitik zu erwarten. So ärgerlich und in ihren sozialklimatischen Wirkungen nicht zu unterschätzen sie auch sein mögen, letztlich sind sie Indikatoren des Erfolgs feministischer Kritik. Mehr Kopfzerbrechen bereitet mir das, was ich als Bröckeln und Ausfransen eines politisch-wissenschaftlichen Feldes und seiner Öffentlichkeitsformen empfinde. Oder sollte ich besser von seiner Ausbreitung und Normalisierung bei gleichzeitiger Vervielfältigung von Zugängen und Teilöffentlichkeiten sprechen? Von einer Streuung von Ansätzen und Strömungen, die inhaltlich nicht nur wenig verbindet, sondern die offenkundig im Widerspruch zueinander stehen, ohne dass sich daraus noch eine jener verbindenden und verbindlichen Kontroversen entwickeln würde, wie sie für den Feminismus bzw. die feministische Theoriediskussion bis zur Jahrtausendwende noch charakteristisch waren?

Bis dato hat mir immer die Metapher vom „magischen Viereck“ (Ilse Lenz) aus autonomer Frauenbewegung, Frauenforschung, Gleichstellungsstellen und frauenbewegten Politikerinnen geholfen, das Entstehen der frauenbewegt-feministischen Konstellation, ihre unterschiedlichen Ausprägungen in West und Ost, ihre Veränderungen und Formen der Öffentlichkeit zu begreifen. Die regulative Idee eines nicht identischen, aber solidarischen „Wir“, eines bei aller Differenz geteilten Projekts der Gesellschaftskritik und praktischen Veränderung war es, die die auseinanderstrebenden Kräfte immer wieder einfing und um Grundlagenfragen versammelte. Viele Erzählungen über den „westlichen“ Feminismus beschreiben ihn in diesem Sinne anhand der Debatten, der Lern- und Abarbeitungsprozesse, welche sowohl die Kritikperspektiven als auch die Selbstreflexion von Anfang an strukturierten: Die Täter/Opfer/Mittäterschaftsdebatte, die Gleichheit-Differenz-Debatte, die Debatte über Ungleichheit und Unterschiede unter Frauen, die Sex/Gender-Debatte und die Debatte über den Sinn und die Grenzen dekonstruktiver Ansätze. Es waren politische Debatten und kollektive Lernprozesse im Medium feministischer Theorie. In ihrem Zuge entstand niemals ein Einheitsdenken, wohl aber entwickelten sich Formen einer Reflexivität und Anforderungen an Komplexität, die ex negativo die Konturen des im Zeichen des Feminismus Denk- und Sagbaren umrissen.

An einem hohen Maß an Übereinstimmung kann es zweifellos nicht liegen, dass die heiße feministische Debattenkultur abzukühlen scheint. Es wird ja auch durchaus Kritik an einander geübt, sie bleibt allerdings punktuell und zündet nicht. Gibt es heute keine großen Themen mehr, die der Kontroverse würdig wären? Hat das besagte „Viereck“ seine Magie durch institutionelle Ausdifferenzierung so weitgehend verloren, dass Spannungsverhältnisse nicht mehr wahrgenommen werden und übergreifende Kontroversen nicht mehr möglich erscheinen? Ist das Ausbleiben von Widerstreit eine Ermüdungserscheinung oder Zeichen einer arbeitsteiligen Professionalisierung, Disziplinarisierung und Etablierung? Zeigen das Dominantwerden identitätspolitischer Problematiken und die Emphase der Dekonstruktion jetzt ihre Kehrseite? Und steht mit der Reflexion dieser Kehrseite eine Rekonfigurierung feministischer Gesellschaftskritik auf der Tagesordnung? Oder ist das Angebot an trans- und internationaler feministischer Theorie inzwischen so groß, unübersichtlich und für die Einzelnen nahezu uneinholbar, dass wir die Kontroversefähigkeit aus diesem Grund verloren haben?

Was soll ich davon halten, wenn eine Weggefährtin aus der Geschlechterforschung sich verabschiedet und verkündet, fortan nichts mehr zu dem Thema schreiben zu wollen. Warum nimmt sie ihre Kritik an jüngsten Entwicklungen in diesem Feld nicht – wie früher – zum Anlass, eine Debatte anzustacheln? Wie ist es einzuschätzen, wenn eine feministische Medienwissenschaftlerin in der Einleitung eines Buches mitteilt, „Gender“ sei „sowas von out“, meint sie damit „Gender“ oder auch die kritische Analyse von Geschlechterverhältnissen und den Feminismus? Was bedeutet es, wenn eine Gender-Professorin mir in einer Mail schreibt, dass sie manchmal an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns zweifelt? Geht es um die institutionellen und diskurspolitischen Bedingungen von Gender & Diversity Studien oder um die gesellschaftlichen Problematiken, die diese adressieren sollen oder könnten?

Die verschiedenen Eindrücke bewegen dazu, alte Grundsatzfragen des Feminismus mit Blick auf die veränderten Rahmenbedingungen und Trends erneut und entschiedener aufzuwerfen: In welchen Dialektiken bewegt sich feministische Aufklärung gegenwärtig und was genau bedeutet es, vom „erfolgreichen Scheitern feministischer Kritik“ zu sprechen, einem Topos, der anscheinend eine verbreitete Wahrnehmung trifft? Wie sieht der ungeliebte Erfolg aus und worin genau besteht das, was als „Scheitern“ bezeichnet wird? Ist Erfolg ohne Ambivalenz denkbar und wie sieht Kritik aus, die nicht (auch) scheitert? Wäre sie nicht zum Fürchten? Was passiert in den Übersetzungsprozessen zwischen den verschiedenen Feldern des Politischen? Wie ist es um das Verhältnis kritischer Ansätze im „akademischen Feminismus“ (Hark) und praktischen Veränderungsinteressen bestellt? Verweisen Phänomene der „Ver-Inselung“ und „Fremdsprachigkeit“ (Wetterer) füreinander auf einen Mangel von Theorie und Praxis oder sind sie Indikatoren vielleicht spät erfolgter, aber unumgänglicher Differenzierungsprozesse? Was sind heute die Kernprobleme feministischer Kritik? Ist feministische Theorie dabei, zur Flaschenpost zu werden, während „Institutionenfrauen“ und andere in diesem Feld engagierte Personen in ihren professionspolitischen Projekten von Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsarbeit mühsam dicke Bretter bohren und dabei auf Sicht steuern? Oder war sie es vielleicht schon seit längerem, ohne sich das einzugestehen? Wenn es viele Absender feministischer Theorie gibt, aber keine bestimmten Adressat_innen, noch nicht einmal die im Zeichen feministischer Grundlagenkritik auseinander genommene „imagined community“ der „Frauen“, bleibt dann nur die Vagheit einer Multitude? Welche Botschaften schicken feministische Theoretiker_innen an deren Adresse? Wer soll sie lesen? Wer will sie lesen? Wer kann sie lesen? Schicken Feminist_innen anderer Weltgegenden auch Flaschenpost? Wo strandet sie?

Nun aber Stopp!

Bevor ich nach Berlin fahre, um statt der entschleunigten „Langsamzeit“ meines neuen Zuhauses am nördlichen Rand mal wieder den schnellen Puls des Zentrums zu spüren, will ich ins Rathaus, ins alte „Graukloster“, um mich mit der Gleichstellungsbeauftragten zu treffen. Termine im Frauenzentrum und der „Internationalen Frauenwerkstatt Saheli“ sind auch schon verabredet. Mich interessieren die Probleme, mit denen sie als Verfechterinnen von Frauenbelangen, als Akteurinnen von Gleichstellung und Antidiskriminierungspolitiken in ihrer Arbeit hauptsächlich zu tun haben und die Frage, an welchen Formen von Wissen sie sich in ihrer jeweiligen Arbeit orientieren. Spielt feministische Theorie dabei eine Rolle? Wenn ja, in welcher Form? Spüren sie im Alltag den Gegenwind des „Anti-Genderismus“ und Antifeminismus und welchen Reim machen sie sich darauf? Ich bin gespannt und werde berichten.

Axeli Knapp

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