Wir sind alle …?
Wir sind alle Charlie, Ahmet, JüdInnen et cetera?
Wir sind verschieden und zusammen

Dreimal Anlauf nehmen …

Vor zehn Tagen hatte ich diesen Blogbeitrag in meinem Kopf schon fertig: Es sollte um wechselwirkende Ungleichheiten gehen: Wie etwa hängen die Lebenslagen einer deutschen Managerin, eines türkischen Unternehmers, einer polnischen Altenpflegerin und eines homosexuellen Flüchtlings aus Uganda im Berliner Alltag zusammen …

Und dann kam das Massaker von jihadistischen Fundamentalisten an JournalistInnen, JüdInnen und PolizistInnen in Frankreich am 7.1. und 9.1.2015. Das Thema rief mich zu sich und zugleich war ich zunehmend unsicher: Was kann ich dazu sagen? Was kann ich in der Geschlechterforschung dazu finden, wobei ich hier nur auf wenige Ansätze verweisen kann? Also versuchte ich einen Neuanfang zu dem Thema ideologisch motivierter Morde: Während alle über den Islam redeten, sollte man auch über Ungleichheiten und die Lebensläufe der Fundamentalisten sprechen, um anfangen zu können, das grausame Massaker zu verstehen. Verstehen von Gewalt ist eine Voraussetzung, um dagegen wirksam vorzugehen. Das bedarf eines eigenständigen Raumes der Reflektion und Verständigung ohne den Zwang der Parteinahme, wie ihn die Soziologie als kritische Selbstreflexion über gesellschaftliche Zusammenhänge (Heinz Bude) bietet.

Als ich soweit war, kam das Verbot der rechtspopulistischen Pegida-Demonstration wie auch aller anderen Demos in Dresden am 19.1.2015 wegen der Befürchtung eines islamistischen Attentats. Die politischen Freiheitsrechte und die Demokratie in Deutschland wurden durch jihadistische Terrornetzwerke direkt herausgefordert, wenn die Hinweise der Behörden zutreffen. Das verändert die Debatte nochmals: Also zurück auf Los, noch mal nachdenken, wie das alles zusammenzubringen wäre. Und dann merkte ich, das geht (vielleicht noch) nicht und ich komme nur soweit, ein paar grundlegende Fragen zu stellen und mich auf die Suchbewegung zu Antworten aufzumachen. Das ist subjektiv und ich freue mich, wenn Sie mich begleiten und darüber diskutieren wollen.

Vom Banlieue zu jihadistischen Mördern: Stationen und Entscheidungen

Wenn wir an ideologisch motivierte Massaker im letzten Jahrzehnt in Europa denken, fallen mir u.a. die Morde der Neonazis des NSU an Menschen mit Migrationsbiographien von 2000-2006, der Massenmord von Anders Behring Breivik, der als rechtsextremer Kreuzzügler gegen den Islam und den Feminismus auftrat, und die Attentate in Paris ein. Die Attentäter waren Männer, die teils von Frauen im ideologischen Umfeld unterstützt und alltäglich versorgt wurden. Die Mehrheit der Opfer von islamistischen Massakern (des IS oder von Boko Haram) lebt nicht in Europa und zu ihnen zählen viele Muslime.

Man sollte das Massaker von Paris in einen breiteren Kontext stellen. Das gilt auch für die Ideologie. Die Frage, inwiefern der Glauben mörderische Gewalt legitimiert, stellt sich für den Islam und ihr ist mit kulturrelativistischen Thesen nicht auszuweichen. Aber aufgrund ihrer Geschichte − etwa des Christentums in der Kolonialisierung − stellt sie sich ebenso für andere Religionen und Ideologien.

Wenn die Religion zur vorherrschenden „Leiterklärung“ wird, werden die sozialen Kontexte leicht vernachlässigt: Jihadistische Salafisten in Deutschland sind jung, überwiegend männlich1)Der Frauenanteil an deutschen JihadistInnen in Syrien wird auf 10-15 Prozent geschätzt. und oft aus dem Bildungssystem herausgefallen. In den Medien wird das mit dem Kürzel „jung – männlich – ungebildet“ beschrieben, aber daraus ergeben sich keine Antworten, sondern gerade Fragen an die Ungleichheits- und die Geschlechtersoziologie. Zunächst zu „ungebildet“: Wie erklärt sich dies Herausfallen, das mehr als die Hälfte der männlichen und weiblichen Jugendlichen mit türkischem Pass in Deutschland betrifft? Gleichzeitig hat der Anteil der jugendlichen MigrantInnen mit Bildungserfolg deutlich zugenommen, so dass deren Lebenswege sich zunehmend differenzieren. Aber die rigide Selektion und folgende Desorientierung von „BildungsverliererInnen“ geht auch auf die Ausschlussmechanismen im und die Reformunfähigkeit des Bildungssystems zurück.

Dann zu „männlich“ in dem Kürzel: Die Geschlechterforschung kritisiert das platte biologistische Stereotyp vom „männlichen Gewalttäter“ radikal. Zum Einen zeigt sie unterschiedliche Männlichkeiten von der hegemonialen bis zu untergeordneten Männlichkeiten auf und differenziert so die Männerbilder – auch die Bilder von Migranten und Muslimen.2)Vgl. u.a. die Forschungen von Zülfukar Çetin, Ahmet Toprak und das Netzwerk Männlichkeiten Migration und Mehrfachzugehörigkeiten wie auch die Überlegungen von Maureen Masiha Eggers zu Jungen und ihrem Neffen. Zum Zweiten hat die feministische Gewaltforschung nachdrücklich darauf hingewiesen, dass mit der interpersonalen Gewalt individuelle Entscheidungen und Verantwortung verbunden sind. Damit hat sie auch dem Stereotyp widersprochen, dass soziale Ungleichheit automatisch zu Gewalthandeln führt: Man wird nicht als Gewalttäter geboren, sondern einige Personen werden in der Verarbeitung von biographischen Erfahrungen dazu.

Was weiß man über diese Erfahrungen und Entscheidungen? Die jihadistischen Mörder in Paris haben Ausgrenzungen aufgrund des Migrationshintergrunds wie auch Einschlüsse, z.B. in der Schule oder auf dem Arbeitsmarkt erfahren. Sie wurden nicht religiös erzogen. Auffallend ist die Desorientierung und Kleinkriminalität, die sie in das Gefängnis führte. Die Begegnung mit einem radikalen Salafisten im Knast führte sie zu einer Art Erweckung, einer Neuformierung ihrer Subjektivität mit salafistischen Versatzstücken. So begannen sie ihre terroristische Karriere − teils mit einer militärischen Ausbildung im Nahen Osten.

Viele desorientierte junge Männer wenden sich dem jihadistischen Neosalafismus3)Rauf Ceylan unterscheidet zwischen puristischem, politischem und jihadistischem Neosalafismus. zu, der Gewalt gegenüber Männern, Frauen und Kindern akzeptiert und verübt. Dabei spielen die männlich zentrierte Gewaltkultur im Internet (z.B. extreme Gewaltspiele) wie auch Berichte über den Krieg und die hohen Opfer im Nahen Osten, insbesondere in Palästina, eine wesentliche Rolle. Oliver Roy spricht von einem postislamischen Lebensstil, bei dem Versatzstücke des Islam in einen puristischen Lebensstil der Erweckten eingebaut werden. Diese fordern so Anerkennung, Aufwertung und öffentliche Macht über Leben und Medien ein. Die Bereitschaft zum Märtyrertod bedeutet Reinheit und Opferbereitschaft, was auf perverse Weise den Gewaltrausch und -exzess begründet, mit dem die Täter beliebig Menschen in ihrer Reichweite umbringen. Sie überschreiten globale ethische Grundnormen der Menschlichkeit, wie sie in den globalen Frauen- und Menschenrechten4)Vgl. dazu die World Action Platform der IV: UN Weltfrauenkonferenz von Beijing und die Resolution 1325 des Weltsicherheitsrats, die Geschlechtergewalt in militärischen Konflikten ansprechen und Maßnahmen enthalten. und den Weltreligionen inklusive des Islams verankert sind.

Wenig beachtet werden die neopatriarchalen Normen: Die jihadistischen Männer kämpfen und „schlachten“ (nach dem Wortlaut eines IS-Werbevideos mit Deutschen im Kampfgebiet), gläubige Frauen sollen sie heiraten, versorgen und motivieren. Der IS vertritt einen extrem neopatriarchalen Männerbund und will seine Macht global und in Europa erweitern, indem er diese Normen und Symbole gezielt einsetzt.

Der jihadistische Salafismus behauptet also eine neopatriarchale menschenfeindliche Männlichkeit, die im Bruch zum Islam und den Menschenrechten steht, um Macht einzufordern, für die junge fanatisierte Männer ihr Leben lassen und das Leben der Anderen bedenkenlos vernichten. Auch deswegen haben sich muslimische wie auch andere Frauen und Männer eindeutig und in großer Mehrheit dagegen gewandt: Wir sind Charlie, wir sind Ahmet, wir sind JüdInnen. Dass so viele Menschen die Bezeichnungen der Opfer – und damit der Anderen – übernahmen, bedeutet nicht Identität mit ihnen, sondern Gemeinsamkeit im Wissen der Verschiedenheit.

Die Neuformierung eines zivilen öffentlichen Raums

Auf das Massaker sind Herausforderungen für die (Demonstrations-)Freiheit und die die Demokratie auch in Deutschland gefolgt. Das Demonstrationsrecht wurde durch islamistische Drohungen gefährdet und durch den Staat eingeschränkt. Darüberhinaus werden die Grenzen der politischen Gemeinschaft zunehmend heftig umstritten. Völkische und rassistische Stimmen grenzen islamische MigrantInnen tendenziell aus. Pegida etwa fordert die Pflicht zur Integration, ein Wiedereinreiseverbot für „religiöse Fanatiker“ und ist gegen Gender Mainstreaming. Alice Schwarzer will zwar zwischen Islam und Islamismus unterscheiden, wendet sich aber gegen die Anerkennung des Kopftuches und zeigt Verständnis für die Pegida-Mitläufer. Die Mehrheit der MuslimInnen und der organisierte Islam in Deutschland beanspruchen ihren Platz in der politischen Gemeinschaft, indem sie sich zur Demokratie, Meinungsfreiheit bekannten und das Massaker klar verurteilten. Die Kanzlerin hat erklärt, dass der Islam seinen Platz in Deutschland hat. Zwei Stimmen gehen in dem religiös durchtränkten Diskurs gegenwärtig unter: Die säkularen MigrantInnen, die deren überwiegende Mehrheit bilden, und die migrantischen FeministInnen, die sich gegen Gewalt und für interkulturelle Geschlechtergerechtigkeit einsetzen. Die Gemengelage ist unklar und die Stimmen der Ausgrenzung werden lauter. Es ist nicht auszuschließen, dass es ein weiteres jihadistisches Attentat in Deutschland geben könnte. Wie wird es dann möglich sein, die demokratische Gemeinsamkeit und die Forderungen nach Gleichheit und Anerkennung zu behaupten?

Denn es geht nicht nur um die Auseinandersetzungen um die Grenzen, sondern auch um die Werte der politischen Gemeinschaft. Wie kann ein ziviler öffentlicher Diskursraum wiederentstehen, in dem nicht die militärischen Logiken von Abschreckung und Sicherheit vorherrschen, sondern in dem über individuelle Freiheit, friedliches Zusammenleben und Solidarität unter Verschiedenen gesprochen und gestritten werden kann? Ein mögliches Leitwort haben Jugendgruppen in einer Pariser Banlieue erarbeitet: „Nous sommes tous ensemble“. In meiner freien Übersetzung:

Wir sind verschieden und zusammen

Fußnoten   [ + ]

1. Der Frauenanteil an deutschen JihadistInnen in Syrien wird auf 10-15 Prozent geschätzt.
2. Vgl. u.a. die Forschungen von Zülfukar Çetin, Ahmet Toprak und das Netzwerk Männlichkeiten Migration und Mehrfachzugehörigkeiten wie auch die Überlegungen von Maureen Masiha Eggers zu Jungen und ihrem Neffen.
3. Rauf Ceylan unterscheidet zwischen puristischem, politischem und jihadistischem Neosalafismus.
4. Vgl. dazu die World Action Platform der IV: UN Weltfrauenkonferenz von Beijing und die Resolution 1325 des Weltsicherheitsrats, die Geschlechtergewalt in militärischen Konflikten ansprechen und Maßnahmen enthalten.

One comment

  1. Marziyeh Bakhshizadeh says:

    Ich freue mich über Ihren interessanten Beitrag und hoffe, nach diesen Anregungen lassen sich die mit den Ereignissen verbundenen Themen unter verschiedenen Aspekten gründlich diskutieren.
    Eigentlich war ich beschäftigt mit der Überarbeitung der fundamentalistischen Perspektive in meiner Dissertation, als das Massaker in Paris passierte, und daher habe ich bemerkt, wie sich derartige theoretischen Argumente sogar in der heutigen modernen Zeit praktisch auswirken können. Ich war tief beim Gedanken, wie weit eine Interpretation von Religion, die eigentlich auf die Glückseligkeit der Menschen zielt, so viel Brutalität und Gewalt gegen sie erlauben kann.
    Besonders die in dem Beitrag erwähnten neo-patriarchalen Normen, die von den jihadistischen Männern vertreten werden haben bei mir die Frage aufgeworfen, ob das wirklich neu ist; ob die Gewalt gegen Menschen und die menschenfeindliche Männlichkeit etwas Neues ist.
    Wie Charles Taylor glaube ich auch, dass der gegenwärtige Fundamentalismus ein neues Gesicht hat und der Kampf um Anerkennung, Selbstachtung, Würde, Identität und Kolonialisierungsgeschichte hier eine große Rolle spielen*, dennoch sind manche Normen, wie die Diskriminierung von Frauen, nicht-Muslimen und die Legitimation der Sklaverei, nichts Neues in Regionen, in denen Fundamentalistische Interpretationen des Islam vorherrschen und dies hat eine lange Vorgeschichte in der islamischen Welt. Neu ist vielleicht, dass solche Interpretationen durch den Prozess der Globalisierung auch ihre regionalen Grenzen zu überschreiten suchen.
    Diese Diskriminierungen werden meistens durch Teile der islamischen Texte, Tradition und fiqh (islamische Jurisprudenz) legitimiert, die von extremen Fundamentalisten für die Rechtfertigung ihrer Gewalttaten verwendet werden.
    Dabei besteht nach meiner Erfahrung eine besondere Schwierigkeit darin, dass diese Stellen sogar von muslimischen Akademikerinnen mit einem Tabu belegt werden. Es ist selbst im Akademischen Rahmen unerwünscht, sachlich über als problematisch empfundene Passagen in diesen Texten und die daraus resultierenden Praktiken zu sprechen. Noch weniger geschieht ein solcher Austausch außerhalb der Universität.
    Solange die Muslime einen solchen Teil nicht in der Öffentlichkeit debattieren lassen, auch aus Angst, die ohnehin zunehmende Islamophobie würde dadurch möglicherweise neuen Auftrieb erhalten, solange keine kritische Untersuchung der ganzen islamischen Lehre in diesem Diskursraum ausgeführt wird, können wir nicht wirklich von Frieden und Freiheit für alle Bürger sprechen, da diese immer von dem „Unsagbaren“ und „Unsichtbaren“ bedroht werden.
    Die Fundamentalistische Interpretation des Islams kann ihren Einfluss auch darum behalten, weil die gemäßigten gläubigen Muslime sich vor einer öffentlichen Auseinandersetzung mit den Teilen der islamischen Lehre, die Gewalt und Unterdrückung rechtfertigen, fürchten. In meinen Augen kann nur eine öffentliche kritische Auseinandersetzung über diese problematischen Stellen der islamischen Rechtstradition verhindern, dass sich der Fundamentalismus weiter ausbreitet. So kann die Legitimation von Gewalt in diesen Stellen entkräftet und damit die Wurzel der Gewalt ausgerissen werden.
    Erst dann können die Interpretationen des Islams an Einfluss gewinnen, die sich an der Gleichheit der Geschlechter und Menschenwürde orientieren, und gleichberechtigt als verschiedene Lesarten nebeneinander existieren.
    Die Entstehung eines solchen zivil öffentlichen Diskursraumes wird zurzeit auch durch die zunehmende Islamophobie in vielen europäischen Ländern erschwert, die durch fremdenfeindliche Forderungen zu einer Verunsicherung der Muslime beiträgt. Indirekt tragen solche Forderungen so dazu bei, dass die fundamentalistische Interpretation ihre Hegemonie ausbauen kann.

    *Taylor, Charles 2004. Die Religion und Identität der Moderne, in: Ammann, Ludwig; Göle, Nilüfer (Hg.): Islam in Sicht: Der Auftritt von Muslimen im öffentlichen Raum. Bielefeld: Transcript, 342-378

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