Dispossession. Eine Nachlese

Beim Lesen werde ich oft zur Anstreicherin. Fesselt mich ein Text, ob durch Anziehung oder Irritation, unterstreiche ich mit dem Bleistift unentwegt Sätze oder ganze Passagen, als wären die Bewegungen der Hand kurzgeschlossen mit den Bewegungen der Gedanken und Gefühle. Seit es „Film-Pagemarker“ gibt, klebe ich auch noch. In grün, lila, gelb und rot werden Seiten und Stellen markiert, die mir als wiederfindens- und bedenkenswert vorkommen. Jetzt ist Büchern schon von außen anzusehen, dass sie etwas mit mir gemacht haben – und ich mit ihnen. Zwar markiere ich unsystematisch, aber nicht grundlos. In meinen Regalen finden sich Werke, aus denen allenfalls vereinzelt Klebchen ragen. Andere Bände wiederum fallen dadurch ins Auge, dass sie aussehen, als hätten sie Frisuren: Papierene Punks mit Haaren aus Markern, die wie ein Irokesenschnitt im Profil abstehen. Ein solcher Buch-Punk entstand mit einer Lektüre aus dem Spätherbst 2014: Die Macht der Enteigneten. Ein Gespräch zwischen Judith Butler und Athena Athanasiou. Der Titel des englischen Originals macht deutlicher, worum es darin geht: Dispossession. The Performative in the Political.

Die Frage, der die beiden Theoretikerinnen in dem als Zwiegespräch angelegten Band nachgehen, ist die, was unter heutigen gesellschaftlichen Bedingungen als Kritik und widerständige Praxis zu verstehen sein könnte. Antworten darauf suchen sie in einem ebenso assoziations- wie aufschlussreichen Dialog, in dessen Zentrum der Begriff und die Erfahrung von „Enteignung“ stehen. Dieser Fokus ist nicht willkürlich gewählt, er basiert auf der Überzeugung einer folgenreichen Verklammerung von „Sein und Haben“ im „politischen Imaginären der westlichen (post)kolonialen kapitalistischen Moderne“ (Athanasiou). Politische Praxis, die sich als kritische begreift, muss sich damit sowohl als Bedingung ihrer eigenen Möglichkeit als auch als Bedingung ihres möglichen Scheiterns auseinandersetzen. Wie aber lässt sich Kritik denken, die die „liberale Logik des Eigentums“, die auch noch die Politiken von Anerkennung durchzieht, nicht reproduziert, sondern zu transzendieren sucht?

Enteignung“ im Kontext

„Enteignung“ wird in dem Gespräch nicht systematisch entfaltet, dagegen sperrt sich das dialogische Format, wohl aber wird der Begriff durch Kontextvariation und verschiebende Wiederholung angereichert, bis seine unterschiedlichen Facetten sowohl als Gegenstand wie als Voraussetzung von Kritik erkennbar werden. Als Gegenstand und Anlass von Kritik ist „Enteignung“ vertraut, vor allem im politisch-ökonomischen Verständnis: Enteignung von Land und von Mitteln des Überlebens, Enteignung als Vertreibung, Unterwerfung, Erwerbs- und Obdachlosigkeit. In diesem Bezugsfeld geht es Butler und Athanasiou darum, gegen eine von ihnen registrierte Wiederkehr ökonomistischer Argumente in der Linken, zu betonen, dass auch „an der Ökonomie nichts rein ökonomisch“ sei. Wie sowohl die Vermittlung als auch die Differenz zwischen Ökonomischem und Kulturellem gedacht werden könnte, diese Frage wird zwar aufgeworfen, aber nicht näher verfolgt. Die richtige Aussage, dass an der Ökonomie nichts rein ökonomisch sei, bedeutet ja nicht, dass Ökonomie nichts als Kultur und dass am augenscheinlich „Nicht-Ökonomischen“ nichts ökonomisches ist.

Auf die eher beschwörend als bestimmend wirkenden Großformeln, wie sie vor allem Athena Athanasiou immer wieder in das Gespräch einbringt („Der Kapitalismus unserer Tage, eingelassen in eine neoliberale Gouvernementalität, verschmilzt mit einem biopolitischen Sozialdarwinismus, mit allen Implikationen im Hinblick auf Rasse, Geschlecht, Sexualität, Klasse und Fähigkeiten. Dieses Biopolitische bildet (….) den Kern der Logiken, Phantasien und Technologien, aus denen sich die politischen und moralischen Ökonomien unserer spätliberalen Gegenwart speisen.“ S.64), antwortet Judith Butler mit ebenso beharrlichen wie vorsichtigen Rückfragen und Differenzierungen, denen man den Respekt vor historischer Komplexität anmerkt. Diese Art der Rücksichtnahme ist mir sehr nah. Aber ich kann auch die Wut und das Moment der Verzweiflung über die gesellschaftlichen Zustände nachvollziehen, die sich in Litaneien der Kritik Ausdruck zu verschaffen suchen und doch durch sie nicht zu beschwichtigen sind.

Als subjektive Bedingung von Kritik erscheint Ent-Eignung im Kontext der posthumanistischen, dekonstruktiven und psychoanalytischen De-Zentrierung der Vorstellung eines mit sich identischen, souveränen, possessiven Individuums, die Athanasiou und Butler, von verschiedenen Ansatzpunkten ausgehend, teilen. Für Judith Butler ist die wechselseitige Abhängigkeit Voraussetzung von Verletzbarkeit; in der Einsicht in diese Abhängigkeit sieht sie aber auch eine Voraussetzung für die Ausbildung von Mitgefühl, von Kritikpotentialen und Motiven des Aufbegehrens. Pointiert formuliert sie: „Nur weil wir schon Enteignete sind, können wir enteignet werden. Unsere Abhängigkeit voneinander begründet unsere Verwundbarkeit durch gesellschaftliche Formen des Entzugs.“ (17)

Der Satz lässt die enorme Spannweite der Phänomenbereiche, inklusive damit verbundener affektiver Problematiken, erahnen, die in den Suchbewegungen der Gesprächspartnerinnen berührt werden. Er reicht von anthropologisch-ontologischen Sondierungen der conditio humana und der Unausweichlichkeit der Begegnung mit Alterität außerhalb unserer und in uns selbst, bis hin zu zeitdiagnostisch gefärbten Feststellungen über die Krisen der Gegenwart und die performative Dimension in zeitgenössischen Formen des Widerstands, die anhand zahlreicher Beispiele präsentiert werden.

Der großen Spannweite der angesprochenen Themen verdanken sich viele Anregungen. Sie führt aber auch dazu, dass das Gespräch immer wieder mal zu einer Rutschpartie zwischen unterschiedlichen Ebenen von Abstraktion und Konkretion wird. Variierende Wiederholungen können systematische Explikation nicht ersetzen, aber, wie gesagt, ein offener Dialog wäre von vornherein eine falsche Adresse für solche Erwartungen. Zugleich macht es die Gesprächsform möglich, die Gratwanderung, die den Beteiligten bewusst ist, zwischendurch immer mal wieder auf einer Metaebene zu thematisieren. Etwa, wenn Judith Butler darauf hinweist, dass es den Unterschied zu verstehen gälte, „der zwischen Gefährdetheit als einer existenziellen – und somit allen gemeinsamen – Kategorie und der prekären sozialen Lage besteht, die auf eine herbeigeführte Ungleichheit (…) zurückgeht.“ (38)

Fortunes of Feminism

In der Nachlese zu „Dispossession“ ist mir nicht nur deutlicher aufgefallen, was unausgeführt geblieben oder sogar problematisch ist, die Re-Lektüre bestätigte auch, dass hier einige „Fortunes of Feminism“ geborgen und zu heben sind.

Erstmals las ich „Die Macht der Enteigneten“ zu der Zeit, in der ich als Bloggerin der feministischen studien unter anderem über „facebook-Intelligibilität“ schrieb und mein Unbehagen an der paradoxen Proliferation identitärer Kästchen im Zeichen queerer Politik in einem Blogeintrag ausdrückte. Meiner Kritik ebenso sicher wie unsicher, und in bad need of discussions, die es nicht gab, war ich froh, in dem Kapitel über „Anerkennung und Überleben – oder Anerkennung überleben“ Vieles von dem angesprochen zu finden, was mich in dem Zusammenhang beschäftigte. Das betrifft besonders die Spannung zwischen einer Kritik liberaler Formen und Logiken von Anerkennung, wie sie Athena Athanasiou in dem Band mit Vehemenz vorträgt, und der Unmöglichkeit, diese Optionen mit ihren Vorgaben einfach zu negieren. Judith Butler erinnert in diesem Teil des Dialogs an einen Gedanken Gayatri Chakravorti Spivaks, die mit Blick auf den Liberalismus gesagt hat, er sei „das, was wir nicht nicht wollen können.“ Aus der doppelten Negation, einer Form, auf die Butler in ihren Texten des Öfteren zurückkommt, entsteht jedoch kein Positives, in diesem Fall keine Affirmation des Liberalismus. Es öffnen und erweitern sich die Denkmöglichkeiten, die sich in einer nur verwerfenden, für mich „undialektischen“ Kritik im Adornoschen Sinne, verengen müssen, bis es nicht mehr geht. Kritik aber, die ihre eigenen Möglichkeitsbedingungen untergräbt, wird haltlos.

Zwei Eindrücke möchte ich in meiner Nachlese zu „Dispossession“ noch festhalten. Die vielen Anstöße, die als unausgeführte „loose ends“ übrig bleiben, mögen manche enttäuschen. Sie stellen aber zugleich mehr als jeder systematische und damit zumindest tendenziell geschlossenere Versuch eine Aufforderung zum Mit-, Weiter- und auch Gegenandenken dar. Insofern drückt vielleicht gerade das Unfertige, Vorläufige mehr vom status quo situierter Kritik unter Bedingungen eines weltweiten Interdependenzzusammenhangs aus, als die verbreitete selbstgewisse Rechtgläubigkeit im Feld des Politischen es könnte. Die Einsätze der Gesellschaftskritik sind heute divers. Dem historisch gewordenen Überhang an gesellschaftlicher Vermittlung, der irrationalen sozio-ökologischen „Gewalt des Zusammenhangs“ (Negt), der sich niemand mehr entziehen kann, nähern wir uns aus notwendig partialer Perspektive an, ohne uns damit abfinden zu können. Sich in diesem Sinne sowohl durch unhintergehbare Diversität als auch durch ein Übermaß an unverfügbarer gesellschaftlicher Objektivität „ent-eignet“ zu sehen spiegelt die Ohnmacht des Gedankens und der kritischen Praxis. Reflexiv gewendet bedeutet das aber auch die Chance, der Gefahr der Selbsttäuschung, der Hybris von theoretischer wie praktischer Kritik innezuwerden, ohne zu resignieren. Das Gegenmittel zur amoklaufenden Kritik heißt noch immer: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten, Nicht-aufgeben. In jeder dieser Hinsichten bleibt man auf andere, auch auf ganz andere, verwiesen.

Der zweite Eindruck betrifft Ungleichzeitigkeiten in der Tradierung kritischer Theorien und das Problem einer (affirmativen) Aneignung von Kritik. In dem Dialog wird dies Problem besonders plastisch an der Stelle im Abschnitt „Sexuelle Enteignungen“, an der Athena Athanasiou Gedanken zur Performativität von Geschlecht aus Butlers „Körper von Gewicht“ referiert und sie mit Irigarays Idee einer „kritischen Mimesis“ in Beziehung setzt. Judith Butler reagiert auf Athanasious Interpretation durch diplomatisch formulierten Entzug: „…angesichts deiner Ausführungen frage ich mich, ob ich noch jene Sicht der Dinge teile.“ (78) Die Spiegelung in einer aneignenden Zusammenfassung von Gedanken aus einem von ihr vor circa zwanzig Jahren verfassten Text befremdet Butler und sie fragt – mit leicht foucauldianisch angehauchter Koketterie – zurück: „Wer war die Person, die solche Positionen vertrat?“ (78)

Selbst wohlmeinende Aneignung, nicht selten von identitifikatorischen Bedürfnissen getragen, ist nicht vor der Gefahr gefeit, lebendige Kritik durch Stillstellen und Entkontextualisierung zur „Position“ gerinnen zu lassen, die keine Entwicklung mehr zulässt, die nicht mehr zur Dis-position steht. Die Theoriestenogramme des doxographischen.Diskurses, des Redens über anstatt des Gebrauchens von Theorien, der zunehmend weitere Teile der akademischen Ausbildung bestimmt, verschärfen das Problem. Sie machen aus kritischem Denken Glaubenssätze und Kategoriengeklapper. Und sie machen aus der lebendigen, manchmal leidenschaftlich vorpreschenden, aber immer wieder differenzierenden, lernenden, nach- und weiterdenkenden Judith Butler eine de-finierte, eine verendgültigte Klassikerin.

Fortzusetzen

Wenn Ungleichzeitigkeiten in der Zugänglichkeit von Texten und der Rezeption hinzukommen, begünstigt das Blockaden im feministischen Widerstreit der Gegenwartsdeutungen und Konzepte, die wir uns angesichts der drängenden Probleme nicht leisten können. In der aktuellen deutschsprachigen Debatte über das kritische Potential des Gender-Begriffs nehme ich eine Art Lagerbildung zwischen Kritikerinnen wahr, die das Gender-Konzept (oft aus einer lacanschen Perspektive) mit klugen Argumenten kritisieren und anderen, die es mit ebenso nachvollziehbaren Begründungen verteidigen. Tove Soiland wirft der dekonstruktiven Gendertheorie vor, dass diese ihre eigenen Prämissen ontologisiere und damit der kritischen Reflexion entziehe. So sei immer schon voraus gesetzt, dass im Rahmen der heterosexuellen Matrix die Geschlechter als zwei binär aufeinander bezogene Positionen hervorgebracht würden. Dagegen gehe die Theorie der sexuellen Differenz, die ebenfalls eine nicht-essenzialistische Vorstellung von Geschlechterunterschieden vertrete, von einer tiefreichenden Asymmetrie im Bereich der androzentrischen symbolischen Ordnung aus, die nur für die männliche Seite überhaupt eine Subjektposition vorsehe. Insofern „gibt“ es in dieser Sicht keine zwei Geschlechter.

Im Dialog zwischen Judith Butler und Athena Athanasiou finden sich etliche Anhaltspunkte dafür, dass man bei diesen, so abstrakt gefasst: schlechten, Alternativen nicht stehen bleiben muss. Expliziter als früher und anderenorts macht Judith Butler klar, dass sie den Zusammenhang zwischen Sex, Gender und Begehren als historisch spezifischen sieht, der also auch in seinen Konstellationen und Veränderungen nur als spezifischer erfasst werden kann: „Ich würde nicht behaupten wollen, die Regulierung der Geschlechtsidentität stehe einzig und immer schon im Dienst der Regulierung von Sexualität, noch die Regulierung der Sexualität finde ihren Hauptzweck in der Stabilisierung von Geschlechternormen. Mitunter kann das zutreffen, aber zweifellos tritt ebenso oft der Fall ein, dass diese beiden Regulierungsweisen in entgegengesetzte Richtungen wirken oder auf eine Art, die für die jeweils andere relativ gleichgültig bleibt.“ (70)

Butler gibt als ihr spezifisches Interesse an, wie sich Machtverhältnisse „in die Register primärer Sensibilität“ einschreiben, wie sie sich so in uns festsetzen, dass sie zu einer „gewissermaßen unwillkürlichen Dimension unseres somatischen Lebens werden“ (136). Dennoch weiß sie zu gut, dass das Feld der dadurch eröffneten wichtigen Fragen nicht das ganze Feld der Antworten abdeckt, derer die Kritik der Gegenwartsgesellschaft bedarf. Sie schlägt selbst den Bogen zurück, wenn sie ihre Auseinandersetzung mit Prekarität in Beziehung setzt zu einer Tradition, die heute fast stereotyp als „Gegenposition“ zum Poststrukturalismus behauptet wird: „In gewissem Sinne stehen wir erneut vor einer Herausforderung, der sich vor ein paar Jahrzehnten sozialistische Feministinnen gestellt hatten.“ (67)

Den gegenwärtigen Schatzsucherinnen und -bilderinnen feministischer und queerfeministischer Theorie ist es überlassen, solche Einladungen zur Fortsetzung anzunehmen.

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