›Philosophie‹ oder: Denke subdiszipliniert und gefährlich!

Eigentlich ist ›Philosophie‹ kein zentraler Begriff für das Denken Judith Butlers – er bezeichnet das Feld, den Raum, in dem sie denkt. Doch da wird es schon schwierig: ›Gibt es‹ dieses Feld oder diesen Raum überhaupt? In dem Sinne, dass seine Grenzen feststünden, bezeichenbar wären, dass er im Wortsinne definiert wäre und daher auch sprachlich mit einer bestimmten Definition beschrieben werden könnte, die ihn umfassend und hinreichend erklärt? Sodass alle, die sich in diesem Raum bewegen, zustimmen könnten? Oder gar akzeptieren könnten, dass andere ›Philosoph_innen‹ dort auch zugangsberechtigt sind bzw. sich zugehörig fühlen?

Schon bin ich mitten drin im Denken Judith Butlers, wodurch sich so eine schlichte Frage, wie die nach der Zugehörigkeit zu einer (akademischen) Disziplin, als ausgesprochen schwierig erweist. Was ist das überhaupt: Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Definitionen, sprachliche Be- und Zuschreibungen? Was für Effekte erzeugt das? Ist es überhaupt möglich, in einem Raum zu denken, der irgendwie nicht wirklich beschreibbar ist – und doch ist: als Disziplin, die Instrumente zur Analyse bereitstellt, die eine Geschichte hat, die einen bestimmten Anspruch verfolgt, die sich irgendwie von anderen Disziplinen unterscheidet?

Lassen wir die philosophischen Spitzfindigkeiten und fragen wir stattdessen, warum es wichtig ist, Judith Butler eine Philosophin zu nennen. Warum sie nicht ›nur Gender-Theoretikerin‹ ist, wie das andere Philosoph_innen oft sagen – was bedeutet, dass sie eben keine Philosophin wäre, da ja das Gender-Thema in einer Disziplin wie der Philosophie, die es (vermeintlich) mit der reinen Wahrheit zu tun hat, überhaupt keine Relevanz hat, weder erkenntnistheoretisch noch sozialphilosophisch. Es ist wichtig, sie eine Philosophin zu nennen, nicht weil es hier um Anerkennungs-Eitelkeiten ginge, sondern darum, ob das, was wir aus ihren Reflexionen über die Art und Weise, wie wir und unsere Gesellschaften konstituiert sind, was uns zu dem (nicht) macht, was wir (nicht) sind, und in welches Verhältnis wir uns dazu setzen können, auch und gerade in einer Disziplin wie der ›Philosophie‹ sicht- und hörbar sein muss. Judith Butler lehrt uns nämlich in bester sokratisch-kantischer Tradition, dass nichts von dem, was wir für ›sicher‹ und ›gewiss‹ halten, nicht noch einmal hinterfragbar wäre. Und dass das Pochen auf sichere Gewissheiten – vor allem in der Moralphilosophie und der politischen Philosophie – möglicherweise gerade dazu dient, bestimmtes Denken zum eigenen strategischen Machterhalt auszuschließen.

Was heißt das nun wieder: Machterhalt in der ›Philosophie‹? Wo es doch um die reine Wahrheit geht? Oder könnte es auch hier – wie überall sonst – Hegemoniestreben geben, das durch bestimmte Konzepte abgesichert wird, die, indem sie als unhintergehbar behauptet werden, aus jeglicher kritischen Diskussion ausgeschlossen werden? Aber wäre das nicht zutiefst unphilosophisch – nicht alle Konzepte hinterfragen zu dürfen?

Manche haben scheinbar ›gute Argumente‹ gegen ein philosophisches Denken zu Hand, das immer wieder reflexiv die sicher geglaubten Überzeugungen in Frage stellt – aber ist es nicht gerade dieses, das traditionell Gewisse auf- und unterbrechende Denken, das den ›großen Philosophen‹ zugeschrieben wird? Auch wenn die meisten dann auf dem Index der verbotenen Bücher zu finden waren, weil die hegemonialen Wahrheitshüter gespürt haben, dass hier etwas passiert, ins Wanken kommt? Dass die Art und Weise, wie letztere die Ordnung der Welt beschreiben und vorgeben, nicht unangreifbar ist? Und ist es nicht die Aufgabe philosophischen Nachdenkens und Reflektierens, diese Zusammenhänge aufzudecken? Zu zeigen, dass nichts so sein muss, wie es ist, sondern dass es geworden ist und daher auch anders sein könnte? Könnte eine solche Auffassung das den Status quo und seine Gewissheiten reflektierende Denken so gefährlich machen – weshalb es auszuschließen, totzuschweigen oder lächerlich zu machen ist? Aber artikuliert sich auf diese Weise nicht ein doppeltes philosophisches Unbehagen mit sich selbst – in dem Versuch disziplinärer Grenzsicherung einerseits und in dem diese vermeintlichen Grenzen überschreitenden Denken andererseits?

Seit ich für eine meiner Nebenfachprüfungen im Rigorosum in dem Sammelband ›Zugänge zum Subjekt‹ in einer Fußnote auf Judith Butler(s Denken) gestoßen bin, wusste ich, dass sich das, was ich in der Philosophie gelernt hatte, aktualisieren und weiterdenken lässt. Dass die genuine Funktion philosophischen Denkens nicht in Vorschriften oder Empfehlungen aussprechender ›Anwendbarkeit‹ besteht, sondern darin, weiterhin und unaufhörlich seine Zeit kritisch zu reflektieren. Das hat unweigerlich zur Folge, dass sich das eigene Denken und die unhinterfragten Auffassungen verändern – dass das Denken in Fluss kommt. Diesen kritischen Anspruch, den Philosoph_innen von Sokrates bis Derrida verfolgt haben, finden wir aktuell in den Texten Judith Butlers, wenn wir uns nach-denkend auf ihre Themen und ihre Art zu denken einlassen. Das versuche ich in den philosophischen Seminaren weiterzugeben – das freudig-überraschte Echo lautet häufig: Das sei ein Denken, das berühre, das den Eindruck vermittle, am und den Puls der Zeit zu denken und das es vermag, (disziplinäres) Unbehagen zu überwinden und zu artikulieren.

Many thanks for your re-thinking philosophy, Judith, and: Happy Birthday – all my best, tatjana!

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