Foto: Katharina Hoppe

Think we must; we must think

Die Arbeiten der Biologin und feministischen Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway sind bis heute prominent mit der Figur der Cyborg assoziiert, der Hauptprotagonistin ihres berühmten „Manifest für Cyborgs“ (1985). Haraway votierte hier dafür, die Naturwissenschaften sowie technologische Entwicklungen in ihren Ambivalenzen, das heißt Gefahren und Chancen, ernst zu nehmen und zum elementaren Bestandteil feministischer Theoriebildung und Forschung zu machen. Bis heute ist die Rezeption von Haraways Arbeiten vor allem im deutschsprachigen Raum durch diese Orientierung dominiert, auch aufgrund des wieder erstarkenden Interesses an Cyber- bzw. Xenofeminismus.

Mit ihrem Begriff des kybernetischen Organismus – kurz Cyborg – reagierte Haraway in ihrem „ersten Manifest“ auf die Beobachtung, dass die Grenzen zwischen Mensch und Maschine ebenso wie Mensch und Tier porös werden. In ihrer feministischen Aneignung steht die Cyborg dann für eine bestimmte Form von Hybridität, in der sich Entitäten in der Welt vorfinden: für eine grundlegende Relationalität. Haraway hat in ihrer Theoriebildung immer die historische Bedingtheit ihrer Figuren, die Kraft der Revision von Begriffen und die Notwendigkeit des Neuschreibens von Geschichte(n) betont. Bereits seit Beginn der 2000er Jahre fragt sie vor diesem Hintergrund, ob die Figur der Cyborg gegenwärtigen Entwicklungen überhaupt noch gerecht wird. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass es für die angemessene Beschreibung und Analyse der Gegenwart einer anderen, breiteren Kategorie bedarf: der Companion Species.

In diesen Tagen erscheinen nun gleich zwei Titel, die diese bedeutsame Akzentverschiebung in Haraways Denken dokumentieren: Ihre bei Duke University Press erscheinende neue Monographie Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene und ihr „zweites Manifest“, das „Companion Species Manifesto“, welches bereits 2003 bei Prickly Paradigm Press erschien und für diesen Herbst nun auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Das Manifest für Gefährten: Wenn Spezies sich begegnen“ angekündigt ist. Auch mit dem Begriff der Companion Species umschreibt Haraway eine konstitutive Relationalität, ein gemeinsames Werden, das für sie die Welt ausmacht. Der so verstandenen Welt gilt es zu begegnen: und zwar in konkreten Situationen.

Haraway hat die breitere, queere Kategorie der Companion Species, unter die auch Cyborgs als „kleine Geschwister“ fallen, besonders in einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Menschen und Hunden entwickelt. Wichtig ist es zu betonen, dass es bei der grundlegenden Relationalität, die der Begriff beschreibt, nicht um Beziehungen der Wahl oder besonders harmonische Relationen geht, sondern um eine faktische, ja ontologische Verwobenheit. ‚Wir‘ sind immer schon in dichten Geweben an das Andere, an die menschliche und nicht-menschliche Welt, ihren historischen Ballast und die in ihr wirksamen Herrschaftsverhältnisse gebunden: wir beteiligen uns an diesen, es gibt keinen Garten Eden.

Wenngleich Haraways Gesamtwerk wie ein Fadenspiel – eine Metapher, die sie selbst gerne verwendet – funktioniert, da es immer wieder und diachron die unterschiedlichsten Phänomene und Begriffe miteinander in Verbindung bringt, lässt sich das „Companion Species Manifesto“ als Beginn einer dritten Werkphase lesen: Nach einer eher wissenschaftshistorischen Periode, in der die Beiträge rund um ihre eindrucksvolle Arbeit zur Primatologie im 20. Jahrhundert Primate Visions (1989) zu verorten sind, und einer eher herrschaftskritisch orientierten Phase, die Haraways Texte zur feministischen Technowissenschaft umfasst und sich um die Monographie Modest_Witness@Second_Millenium. FemaleMan©_ Meets_Onco MouseTM (1997) gruppieren lässt, wendet sie sich in dieser dritten Phase der Formulierung eines Begriffs der Verantwortung zu, den sie im Anschluss an Emmanuel Lévinas und Jacques Derrida als Fähigkeit des Antwortens auf das Andere (response-ability) entwickelt: Es rücken nun vermehrt Fragen der Ethik in den Fokus.

Bislang wurden diese späten Arbeiten besonders im deutschen Sprachraum noch wenig beachtet. Karin Harrasser kommentierte einmal: „die Cyborg als Politik- und Erkenntnismodell“ sei ihr „näher, als der Hund, auf den Haraway inzwischen gekommen ist“ (2006: 457). Haraways Reisen nach „Dog-Land“ befremden vielleicht zunächst; ich bin jedoch versucht, diesen Befremdungseffekt als Teil der Haraway’schen Erzählstrategie zu lesen, mit der sie nach wie vor anregende, irritierende, politisierende theoretische Angebote ins Spiel bringt. „Dog-Writing“ als feministische Theorie? Ja, sagt Haraway. Es geht ihr darum, in ganz konkreten Situationen dem Anderen zu begegnen: Zurückzuschauen, zu antworten. Durch das konkrete Einlassen auf Anderes kann sich dann eine „signifikante Andersheit“ ergeben, können „Kontaktzonen“ aufgebaut werden – ein Konstruktionsprozess, der viel damit zu tun hat, Andersheit auszuhalten und ihr ernsthaft zu begegnen.

Gelingen solche Begegnungen, ereignen sich Momente, die Haraway mit dem Begriff des Offenen umschreibt. Im Offenen zu sein, ist für sie etwas Spekulatives und Experimentelles, ein „play“, in dem Neues entstehen kann, im Gegensatz zu einem „game“, das seine Regeln immer schon kennt: „People have to learn how to pay attention and to communicate meaningfully, or they are shut out of the new worlds that play proposes. […] Their contact zones degenerate into impoverishing border wars“ (Haraway 2008: 232). Solche Grenzkriege und degenerierte Kontaktzonen finden sich in Europa derzeit wohl zu Genüge. Haraways ethische Überlegungen fordern, sich ihnen zuzuwenden und die eigene Verwobenheit mit diesen anzuerkennen. Die konstitutiven Relationen zwischen konkreten Entitäten, die mit Kolonialismus, Herrschafts- und Machtverhältnissen durchtränkt sind, gilt es sichtbar zu machen und es gilt, sich mit den mithin befremdenden Effekten dieser Sichtbarmachung einer radikal geteilten Welt auseinanderzusetzen: „Think we must; we must think!“

„Think we must; we must think!“ ist einer der Wahlsprüche in Haraways neuer Monographie Staying with the Trouble, mit dem sie auch auf die für ihr Spätwerk wichtigen Arbeiten der Wissenschaftsphilosophinnen Vinciane Despret und Isabelle Stengers verweist. 13 Jahre nach dem „zweiten Manifest“ und acht Jahre nach Publikation der umfangreicheren Monographie mit Companion Species in der Hauptrolle – When Species Meet (2008) – legt Haraway hiermit einen weiteren Beitrag zu dem vor, was ich als dritte, ethische Werkphase eingeführt habe. Der Band dokumentiert Haraways unermüdliches Engagement für ein Neu- und Umschreiben von Geschichten, das für sie an Praktiken des Sichtbarmachens von Verwobenheiten in der Welt gebunden ist. Denken spielt in diesem Zusammenhang eine so wichtige Rolle, weil das Nicht-Denken-Können für Haraway im Anschluss an Hannah Arendts Analyse der von Adolf Eichmann verkörperten Banalität des Bösen ein ethisches Versagen ist, das insbesondere darin liegt, alles, was Nicht-Selbst ist, zu vergessen. Aber gerade die Welt und das Nicht-Präsente, das, was ‚uns‘ übersteigt, sind entscheidend für ethische Erwägungen.

Hier schließt auch Haraways Kritik an dem in den letzten Jahren in Mode gekommenen Begriff des Anthropozäns an. Das Anthropozän umschreibt jenes Erdzeitalter, in dem der Mensch als wichtigste geologische Kraft wirksam geworden sei: Eine solche Begriffsbildung steht Haraway zufolge für eine anthropozentrische Gedankenlosigkeit, die immer nur einen Modus kennt, nämlich den Menschen ins Zentrum allen Werdens und Denkens zu stellen. Das neue Buch enthält eine Umschrift des Anthropozäns in das „Chthuluzän“, in dem vom Werden unterschiedlichster Entitäten ausgegangen wird. Abgeleitet vom Griechischen khthonios (χθόνιος), was so viel bedeutet, wie ‚darunter liegend‘, ‚unterirdisch‘, ‚dem Erdboden angehörig‘, ‚einheimisch‘ verweist der Begriff wiederum auf eine tiefgreifende Relationalität, die wir teilen und gemeinsam Bewohnen, zugleich weist der Begriff darauf hin, dass es sich dabei auch um eine matschige Angelegenheit handelt, die jede Phantasie von Reinheit, Abgeschlossenheit und Selbstidentität konterkariert.

Wie schon in ihrem Frühwerk, ist es für Haraway zentral, die Welt in ihrer gewitzten Materialität ernst zu nehmen. So schließt sie auch in ihrem neuen Buch an die Hunde-Ethnographien an und analysiert im Sinne einer Perspektive des Multispecies-Becoming unter anderem Tauben. Immer wieder geht es um das Aufspannen von Netzen, um „tentacular thinking“, um Fadenspiele, um Sympoiesis statt Autopoiesis. Im „Chthuluzän“ gilt es ein gemeinsames Werden abzubilden und innerhalb der komplexen Relationen antworten zu lernen. Und es geht auch um die aktive (Anders-)Gestaltung von Verwobenheiten: In „Make Kin, not Babies!“ findet Haraway einen zweiten Wahlspruch. Ein Ziel besteht darin, enge, heterogene Bindungen herzustellen, die quer liegen zu Vorstellungen biologischer Verwandtschaft.

Für das Einüben einer antwortenden Haltung in der so verstandenen Welt geben die beiden nun erscheinenden Publikationen, die den Anfang und den vorläufigen Endpunkt von Haraways Formulierung einer ethischen Position innerhalb ihres Gesamtwerkes markieren, eine Reihe von Anregungen. Es bleibt abzuwarten, ob nun auch im deutschsprachigen Raum eine stärkere Rezeption einsetzt. Mir scheint, in einer Welt wie dieser, in der das Andere so ostentativ ausgeschlossen und abgetrennt wird, Nähe auf Distanz gebracht wird, ist ein Analyseinstrument, das die konstitutive Verwobenheit von ‚uns‘ und ‚den Anderen’ hervorhebt und dabei dieses Andere nicht einverleibt und gleich macht, unabdingbar. Die konstitutiven Beziehungen der Welt als Werden heterogener Companion Species zu denken, die ‚uns‘ ausmachen, sie anzuerkennen, auf sie zu antworten und schrittweise zu verändern suchen, ist das Projekt: Think we must; we must think!


Literatur:

Haraway, Donna (1985): „Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften“, in: dies., Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt am Main und New York: Campus Verlag 1995, S. 33-72.

Haraway, Donna (1989): Primate Visions. Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science, London und New York: Routledge.

Haraway, Donna (1997): Modest_Witness@Second_Millenium. FemaleMan©_ Meets_Onco MouseTM. Feminism and Technoscience, London und New York: Routledge.

Haraway, Donna (2003): The Companion Species Manifesto. Dogs, People, and Significant Otherness, Chicago: Prickly Paradigm Press

Haraway, Donna (2008): When Species Meet, Minneapolis und London: University of Minnesota Press.

Harrasser, Karin (2006): „Donna Haraway: Natur-Kulturen und die Faktizität der Figuration“, in: Stephan Moebius und Dirk Quadflieg (Hg.), Kultur. Theorien der Gegenwart, Wiesbaden: VS Verlag, S. 445-459.

Die Neuerscheinungen:

Donna Haraway, Das Manifest für Gefährten. Wenn Spezies sich begegnen, Berlin: Merve, Herbst 2016.

Donna Haraway, Staying with the Trouble. Make Kin in the Chthulucene, Durham und London: Duke University Press, 2016.

2 comments

  1. Susanne Völker says:

    Herzlichen Dank für diesen Beitrag, der angesichts des eben vergangenen Soziologiekongresses zu Geschlossenen Gesellschaften zeigt, wohin die Soziologie über ihre Disziplin hinaus weiterdenken kann – wenn sie den Herausforderungen einer mit Anderen/m geteilten Welt angemessen antworten will!

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