Foto: Mark Crossfield, CC BY-SA 2.0

Für ein Streitgespräch – Deutungskampf schwuler Emanzipation

Schwule Emanzipation wird gegenwärtig wieder thematisiert. Nachdem es in den letzten Jahren um diese Fragestiller geworden war, treten zweiaktuelle Bücher mit Entwürfen eines linken schwulen Politischen an: Patsy l’Amour laLoves Beiträge im von ihr konzipierten Sammelband „Selbsthass & Emanzipation: Das Andere in der heterosexuellen Normalität“ (Querverlag) und die gemeinsame Monographie von Heinz-Jürgen Voß und Zülfukar Çetin, „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“ (Psychosozialverlag). Zwischen diesen zeichnet sich mit vielzähligen überregionalen Buchvorstellungen, Rezensionen und Kommentaren ein Deutungskampf um die populärwissenschaftliche Diskursmacht ihrer Gegenwartsdiagnosen ab.

Disparate Gegenwartsdiagnosen

Der Band von l’Amour laLove (2016) versammelt journalistische, autobiographische und wissenschaftliche Artikel unter der Prämisse eines fortbestehenden ‚Hasses‘ der heterosexuellen Hegemonie auf die homosexuellen ‚Anderen‘. Gegenwärtige Beteuerungen der Vielfalt seien nur ‚Scheintoleranz‘, wie die andauernde Gewalt in Form von Beschimpfungen, Übergriffen und psychosozialen Belastungen infolge eines Coming outs belege. Folge dessen sei eine ‚Identifikation mit dem Aggressor‘: Schwule versuchten sich durch Familiarität und Entsexualisierung ein heterosexuelles Image und damit Respektabilität zu erarbeiten. Diesem ‚Selbsthass‘ sei entgegenzutreten, so der Impetus des Werkes, durch ein ‚selbstbewusstes Anders-Sein‘. Die Notwendigkeit zur Emanzipation verlange eine individuelle Praxis selbstbewusster Nonkonformität.

Demgegenüber betrachten Voß und Çetin (2016) eine schwule Emanzipation mindestens diskursiv weitgehend als bereits erfolgt: Die Integration in Rechtsordnungen und Militär sowie Repräsentation in Medien gehe jedoch auf Kosten von Muslim_innen und derart wahrgenommener Personen. Aufbauend auf einer historischen Formation schwuler Identität auf biologistischen und rassistischen Konzepten reproduziere eine schwule Bewegung fortwährend die Entgegensetzung ‚Schwule vs. Muslim_innen‘: Durch gentrifizierende Umgestaltung ehemals migrantischer Nachbarschaften, durch die unnötige, provokative Durchführung von Demonstrationen, die lokale Community-Arbeit gefährde, wie durch die Produktion eines Wissens um hypermaskulin-homophobe migrantische Jugendliche. Damit stünden weiße Schwule auf der ‚Täterseite‘ – und deshalb in der Verantwortung für eine Auflösung jener festgefügter homosexueller Identitäten, so der transformative Vorschlag der Autoren.

Die Vereinzelung politischer Visionen

Aus ihrer jeweiligen Perspektive suchen die Autor_innen nach neuen kollektiven, aber nicht universellen Möglichkeiten schwuler Bewegung – und scheitern in der Debatte zugleich an diesem Anspruch: In und zu einer solchen Politik ist ein Streiten möglich und nötig. Eine Verwerfung des Gegenübers und Markierung als persona non grata kann ihr aber nicht zuträglich sein. Polemisierungen wie etwa l’Amour laLoves Vorwurf an Voß und Çetin, einen Kampf „gegen die Homosexualität an sich“ zu führen, delegitimiert die Position des Gegenübers im Diskurs und verstellt von vornherein jede gemeinsame Engführung oder Reibung. Gerade wenn sich alle Autor_innen auf die Debatte um Silvester 2015/16 beziehen, könnte angenommen werden, dass der aus feministischer Perspektive vielfach kritisierte Fehler reduktionistischer Deutungshoheit (sexualisierte Gewalt gegen Rassismus) nicht wiederholt wird. Dementgegen gehen die Autor_innen mit derartigen Grenzziehungen der zunehmenden medialen Provokation zur gegenseitigen Abwertung innerhalb linker Zusammenhänge auf dem Leim. Sie spielen damit denjenigen neo-konservativen Politiken in die Hände, die zu kritisieren sie explizit angetreten sind.

Gerade deshalb ist eine neue Vision von Bewegung umso drängender. Nicht eine exklusive, die wie l’Amour laLove um den Aktivismus der 1970er Jahre trauert, oder eine nihilistische, die wie Voß und Çetin die ungewisse Futurität an sich feiert. Eher ist eine Perspektive des Neben- und Miteinander in parzellierten, mehrgliedrigen und vielgestaltigen Bewegungen notwendig, um der Komplexität gesellschaftlicher Ordnung gerecht zu werden und sie nicht erneut in Haupt- und Nebenwidersprüche aufzulösen – und um auch endlich eine lesbische politische Realität einzuholen, die nicht undifferenziert als weniger schwerwiegende Täterinnen nebengeordnet (Voß/Çetin) oder in der Entgegensetzung von politischer ‚Kampflesben‘-Identität und queerer Veruneindeutigung reduktionistisch individualisiert wird (l’Amour laLove).

Produktiv ist dafür eine gemeinsame Gesellschaftsdiagnose, die beide dargestellten Stoßrichtungen zusammenzudenken vermag. Dabei kann es sich indes nicht um ein einfaches Aufaddieren der beiden Publikationen handeln, in der Hoffnung ein holistisches Bild zu erhalten, das sowohl die erste wie die zweite Schwulenbewegung und Schwule als Opfer wie als Täter zeigt. Entgegen der Zergliederung in einem Deutungskampf muss viel eher ein Streitgespräch stattfinden und erhalten bleiben, das Perspektiven zwar verbindet, aber sie nicht auflöst, und mehrdimensionale Ansätze stützt, statt auf Abgrenzung und Vereinzelung zu setzen. Und das sodann den Versuch unternimmt, daraus politische Visionen abzuleiten.

Ein Kommunikations(v)ersuch

Ein produktiver Ausgangspunkt für eine solche Betrachtung bieten Mike Laufenbergs (2014) Arbeiten zur aktuellen Transformation von Homosexualität und Gesellschaft: Nicht mehr sind der soziale Ausschluss, die therapeutische Aufhebung oder die staatliche Sanktionierung das Ziel hegemonialer politischer Akteur_innen und Organisationen – heterosexueller wie homosexueller. Eher setzen diese gemeinsam auf eine Hineinfaltung des Homosexuellen in eine Heterosexualität, sprich der Integration um den Preis der Angleichung. Die Annäherung des Homosexuellen an Ideale wie Monogamie und Reproduktivität, die die Heterosexualität zu stärken und abzusichern vermögen, wird so zur Bedingung. Zugleich werden alternative, dem entgegenlaufende Existenzweisen umso kategorischer verworfen: Schwule und Lesben in eingetragenen Lebenspartnerschaften, die etwa die heterosexuelle Organisation des Staates stärken, sind zunehmend gern gesehen.

Eine derartige Perspektivenverschiebung macht eine Re-Evaluierung der von den Autor_innen skizzierten politischen Praxen notwendig. Die Polarisierung zwischen Hetero- und (Rest der) Homosexualität, aus der l’Amour laLove Impulse zur Diskussion der psychischen Verfasstheit schwuler Subjekte ableitet, erscheint vor diesem Hintergrund nicht mehr als gegebenes Faktum, sondern ist ein Effekt gegenwärtiger neo-konservativer Transformationen. Ihre politische Vision stützt damit jene Tendenzen, stellt das Homosexuelle still, untersagt jedes ‚Anders-Werden‘ und heroisiert lediglich die individuelle Opposition. Ähnliches gilt für die diskursive Verwerfung queerer Muslim_innen, die Zuweisung von Archaik an einen ‚islamischen Kulturkreis‘ sowie für die gesamte Entgegensetzung zwischen ‚Muslim_innen und Schwulen‘: Der bürgerliche bis neu-rechte Rassismus ist eine der Bedingungender Integration in die heterosexuelle Idealordnung. Dies endbindet die (weißen schwulen) Subjekte nicht von einer Verantwortung für rassistisches Handeln, perspektiviert diese spezifische Form aber als zeitgebundenes Phänomen der letzten 30 Jahre. Entgegen der historischen Ableitung der Auflösung schwuler Identität per se durch Voß/Çetin, ist so im Spezifischen nach Möglichkeiten der Bearbeitung der Verschränkung von Rassismus und weißer Homosexualität zu fragen.

Vor dem Hintergrund der Ein- und Ausblendungen der beiden Bände kann eine alleinige politische Vision weder in der kategorischen Aufhebung homosexueller Identität bestehen noch in der strategischen Neueinsetzung absoluter Opposition, wie sie l’Amour laLove anreißt. Der Vorschlag von Voß/Çetin lässt sowohl eine konkrete Praxis der (diskursiven) Nicht-Identität als auch einen Umgang mit der Funktion der Grenzziehung durch den gegenwärtigen Rassismus vermissen. Die Strategie von l’Amour laLove ignoriert dahingegen, dass sie eine Individualisierung stützt, die ohnehin marginalisierte Subjekte vereinsamt und damit weiterer Gefährdung aussetzt. Nötig ist dahingegen ein mehrdimensionales Vorgehen: So müssen psychische Anforderungen der Angleichung an die Heterosexualität bearbeitet werden, wie auch eine (öffentliche) Form des Widerstandes gegen jene gefordert ist. Gleichsam drängt der Kampf gegen Rassismus und fordert insbesondere dazu heraus, schwule Politiken der Sichtbarkeit zu überarbeiten. Ohne außerdem ein Verhältnis zum (Hetero-)Patriarchat zu entwickeln und der differenzierten Einbeziehung feministisch-lesbischer Strategien und Gesellschaftsdiagnosen, kann ein solches Unterfangen aber ebenso keinen Erfolg haben.

Schließlich muss eine politische Vision darauf bauen, Beziehungen neu zu gestalten. Entgegen der Zergliederung zwischen ‚Tunten‘, ‚Türken‘ und ‚happy rainbowfamilies‘ wäre zu versuchen, nicht nur situative Bündnisse zu schmieden, sondern auch kollektiv wie individuell Haltungen der Sorge, der Freude und der Lust an- und miteinander zu stiften. Nicht etwa um melancholisch das Begehren nach einer kollektiven Bewegung zu heilen, sondern um eine Hierarchisierung und Verwerfung bestehender Differenzen nicht zuzulassen. Dies wäre Aufgabe eines emanzipatorischen Kampfes. Ein anerkennendes Streitgespräch, ein multidimensionales Neben- und Miteinander statt eines Deutungskampfes, ist ein möglicher Weg dorthin und eine notwendige Voraussetzung, um schwule linke Politiken zu re-thematisieren.

Literatur

Çetin, Zülfukar / Voß, Heinz-Jürgen (2016): Schwule Sichtbarkeit – Schwule Identität. Kritische Perspektiven. Buchreihe: Angewandte Sexualwissenschaft Band 7. Gießen: Psychosozial-Verlag.

l’Amour laLove, Patsy (2016): Selbsthass und Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität. Berlin: Queerverlag.

Laufenberg, Mike (2014): Biomacht und Sexualität. Vom Sicherheitsdispositiv zur Politik der Sorge. Bielefeld: transcript.

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