© Katharina Hoppe

„Don’t silence feminist science!“

„Don’t silence feminist science!“ Das war einer der Slogans, den ich und meine Kolleg_innen für den Science March in Frankfurt am Main gewählt hatten und auf Schildern aus Pappkarton gut sichtbar mit uns trugen. Die Großdemonstration hatte, ausgehend von einer Initiative in den USA, das Ziel, Wissenschaft zu stärken und die Notwendigkeit einer Politik zu bekräftigen, die „Fakten“ nicht verleugnet. Ziel unserer Gruppe war es, beim Science March einer feministischen Perspektive Raum zu geben und im Sinne der feministischen Wissenschaftskritik vor einer allzu vorbehaltslosen Berufung auf „Fakten“, „Objektivität“ und „Wahrheit“ zu warnen, mit der das globale Großevent angetreten war. Denn gerade solcherart apodiktische Bezugnahmen verklären die mannigfaltigen Machtstrukturen, in denen Wissen gemacht wird.

Feministische Wissenschaft – das ist mir auf dem Science March klar geworden – ist für viele Kolleg_innen, besonders (aber nicht nur) aus den Naturwissenschaften, ein Widerspruch in sich. So sprach mich ein Kollege an: „Das ist doch eine Provokation, Feminismus und Wissenschaft auf ein und dasselbe Schild zu schreiben!“ Ich entgegnete: „Wie meinen Sie das denn?“ Er antwortete: „Naja, das eine ist eine Meinung, ein Partialinteresse und das andere ist Objektivität.“ „Und was meinen Sie mit Objektivität?“, fragte ich ihn. Worauf er erwiderte: „Objektivität ist keine Meinung.“ Ich hakte noch einmal nach: „Können Sie auch positiv bestimmen, was Sie unter Objektivität verstehen?“ Daraufhin führte er schon etwas trotzig an: „Die Schwerkraft zum Beispiel. Objektiv ist gesichertes Wissen.“ Ich ließ mich weiter auf das Gespräch ein und erzählte, dass viele wissenschaftshistorische Studien zeigen würden, wie Wissen hergestellt wird und zwar in jeweils spezifischen Kontexten und dieses Wissen in der Folge umstritten, revidierbar und nicht neutral sei. Ich kam nicht weit mit meinen Erörterungen. Der Kollege fühlte sich nicht weniger angegriffen und irritiert als ich.

Ich nehme die Frage danach, was wir mit unserer Intervention bezwecken wollten, zum Ausgangspunkt, um hier einige (alte) Fragen neu zu stellen und dafür zu plädieren, dass feministische Wissenschaftler_innen sich aktiv in die Debatten um Objektivität und den Science March einmischen. Möglicherweise sollten wir auch innerhalb der feministischen Debatten aufs Neue diskutieren, was „unsere“ Wissensproduktion ausmacht und wie „wir“ diese verteidigen können.

Am diesjährigen „Earth Day“ vom 22. April gingen nach Angaben der Veranstalter_innen 1,3 Millionen Menschen in 600 Städten auf die Straße, um im Rahmen des Science March gegen finanzielle Kürzungen in der Forschungsförderung zu demonstrieren und eine an wissenschaftlichen Fakten orientierte Politik zu fordern. Viele Kolleg_innen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften waren allerdings zu Hause geblieben. Grund hierfür war oftmals die Rahmung des March for Science – etwa und zentral mit dem Motto „There is no alternative to facts“, das einer soziologisch und historisch informierten Perspektive auf Wissenschaft genuin widerspricht.

Der Science March versteht sich merkwürdigerweise als eine apolitische Veranstaltung. Eine Erörterung der Frage, inwieweit eine Großdemonstration überhaupt apolitisch sein kann, erspare ich mir und den Leser_innen an dieser Stelle. Einer der Hauptinitiator_innen der Veranstaltung, Dr. Jonathan Berman vom University of Texas Health Science Center San Antonio, konstatierte jedenfalls in der New York Times: „Yes, this is a protest, but it’s not a political protest.“ Und weiter heißt es: „The people making decisions are in Washington, and they are the people we are trying to reach with the message: You should listen to evidence.“

Es scheint, dass die Veranstaltung und ebenso die Debatten, die sie mit sich gebracht hat, eine (vermeintlich) neue Diskussion angestoßen haben. Diese aber beschäftigt seit Generationen die Science Studies, die Wissenschaftsgeschichte und nicht zuletzt die feministische und postkoloniale Wissenschaftskritik: Es geht um das Verhältnis von Politik und Wissenschaft, das in zweierlei Hinsicht relevant wird. Zunächst sind der Ausweis der genuinen Kontextgebundenheit aller Wissensproduktion und der Hinweis auf die Umstrittenheit von Wissensbeständen zentral (Hark 2005). Der enge Zusammenhang von Wissenschaft und Politik kommt aber zudem in der Einsicht zum Tragen, dass Wissenschaft selbst nicht unpolitisch ist. Vielmehr tendiert sie dazu, gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse zu reproduzieren, insofern bestimmte Subjektpositionen privilegiert und damit auch bestimmte Wissensbestände einflussreich (oder als „objektiv“ anerkannt) werden. In Bermans Aussage wird demgegenüber eine Auffassung von Wissenschaft deutlich, die diese als hermetisch abgeriegelt und daher unpolitisch versteht. Wissenschaft und Politik stehen sich äußerlich gegenüber. Wissenschaft produziert Wissen über eine ihr selbst äußerliche – „faktische“ – Welt und Politik entscheidet. Eine solche Selbstbeschreibung der Wissenschaft macht es sich zu einfach und entzieht sich systematisch der Verantwortung für das Wissen, das sie produziert.

Spätestens seit den 1970er Jahren haben es sich Arbeiten aus den genannten Feldern zur Aufgabe gemacht, das Verhältnis von Wissenschaft und Politik zu bestimmen und die strenge Abgrenzung beider Sphären zu problematisieren. Eindrücklich haben die ethnographischen Laborstudien von Bruno Latour und Steve Woolgar (1979) gezeigt, wie wissenschaftliche Fakten hergestellt werden, nämlich in sozialer Praxis. Einer Praxis, die nicht allein von Normen und Wertvorstellungen notwendig durchdrungen ist, sondern auch von Macht. Wissenschaft ist hierbei einerseits immer eingebettet in ein politisches System mit seinen Mechanismen der Vergabe von Forschungsgeldern, den Schwerpunkten, die ein politisches Regime in einer je spezifischen historischen Situation setzt. Andererseits sind aber auch Labore, Universitäten, andere Forschungseinrichtungen und nicht zuletzt die Forschenden selbst nicht aus der (sozialen) Welt herausgelöst, wenn sie Wissenschaft betreiben. Gerade die feministische Wissenschaftskritik und Wissenschaftsgeschichtsschreibung hat darauf hingewiesen, dass Objektivität nicht schlicht mit ‚Neutralität‘ korrespondiert, sondern immer einen Ort hat. Donna Haraways Theorem des „situierten Wissens“ (1988), Sandra Hardings „strong objectivity“ (1991), Patricia Collins „outsider within“ (1986), alle diese Vorschläge zielen darauf ab, das Ziel der Produktion objektiven Wissens nicht aufzugeben, Objektivität aber anders und das heißt reicher, verkörperter und politisch reflektierter zu verstehen.

Vielleicht illustriert diesen Punkt immer noch am besten Haraways Kritik am „göttlichen Trick“, den sie als anti-feministisch und kolonial ausweist. Einen solchen Trick vollzieht Wissensproduktion immer dann, wenn sie ihre eigene Perspektivität verleugnet und Wissen präsentiert, das sich als losgelöst von der Welt gibt, in die es eingebunden ist. Die Idee einer klaren Sicht von oben, welche die Möglichkeit der Distanznahme von jener Welt suggeriert, die es zu erforschen gilt und in die „wir“ radikal eingebunden sind, haftet einem klassisch-realistischen Wissenschaftsverständnis an, das auf Universalisierungen und Neutralität beruht. Aber nicht nur Universalisierung, sondern auch Relativismus vollzieht einen göttlichen Trick: „Relativismus ist ein Mittel, nirgendwo zu sein, während man beansprucht, überall in gleicher Weise zu sein. Die ‚Gleichheit‘ der Positionierung leugnet Verantwortlichkeit und verhindert eine kritische Überprüfung. In den Objektivitätsideologien ist der Relativismus das perfekte Spiegelbild der Totalisierung: Beide leugnen die Relevanz von Verortung, Verkörperung und partialer Perspektive, beide verhindern eine gute Sicht. Relativismus und Totalisierung sind ‚göttliche Tricks‘“ (Haraway 1988: 84). Die Verortung der Wissen produzierenden Subjektposition ist deswegen so wichtig, weil sie klare Zurechenbarkeiten ermöglicht. Neben dem Postulat der Positionierung ist es aber zudem entscheidend, dass Objektivität gerade dort entsteht, wo unterschiedliche partiale Perspektiven füreinander anschlussfähig werden: ein Verknüpfen unterschiedlicher Wissensbestände ist hierbei gerade auch ein Projekt, das umstritten ist und ebendiese Umstrittenheit ist ein wichtiges Merkmal der Wissenschaft. Die Herstellung ‚besseren‘ Wissens meint für Haraway nicht methodisch klarer, wahrer, transparenter, unpolitischer, sondern eher dichter, verwobener, partialer und politisierender zu verfahren.

Das Projekt feministischer Wissenschaftskritik – und dies ist ein entscheidender Punkt – weist wissenschaftliche Praxis keineswegs zurück, sondern ist leidenschaftlich in sie involviert. Diese Leidenschaft wird hier jedoch nicht verleugnet. Es ist ohne Frage notwendig und ein politischer Akt, den Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen aus (natur-)wissenschaftlicher Perspektive zu skandalisieren. Zugleich sollten sich Wissenschaftler_innen aber auch fragen, welche unterschiedlichen und transdisziplinären Wissensbestände wechselseitig produktiv gemacht werden können. Es muss die Frage gestellt werden, wie ein reiches Wissen über „den Klimawandel“ entstehen kann, der ja seinerseits ein heterogenes Phänomen ist, das sich mannigfaltig artikuliert und dessen Folgen unterschiedlich akzentuiert werden. Für solche Verknüpfungen, die nie reibungslos ablaufen können, ist es unerlässlich deutlich zu machen, wie politische Überzeugungen in wissenschaftliche Forschungen einfließen, wie spezifische Verkörperungen immer noch weitgehend aus der Wissenschaft ausgeschlossen sind (es sind die „unmarkierten Körper“, denen immer noch vor allen Dingen Wissenschaftlichkeit zugeschrieben wird) und die Frage aufzuwerfen, wie „wir“ gutes Wissen generieren können – der feministische Impuls ist es hierbei, wie auch Haraway betont, auf Zurechenbarkeit und Verantwortung zu beharren. Wissen entsteht und besteht nicht losgelöst von einem materiellen und diskursiven Zusammenhang, der dieses ermöglicht, beschränkt und ihm überhaupt zu einer Wirkmächtigkeit verhilft – dieser Zusammenhang muss in Debatten um Objektivität mitgedacht werden.

Die Verortung des Science March als unpolitisch ist daher hochproblematisch. Und dies vor allen Dingen deshalb, weil damit jener alte Glaube an Transparenz, Entkörperung und Objektivität erneuert wird, der durchweg männlich konnotiert ist. Um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken, braucht es feministische Wissenschaft. Wir müssen Räume schaffen, in denen gestritten werden kann und unterschiedliche wissenschaftliche Befunde allgemeinverständlich aufbereitet werden. Dies ist kein Angriff auf ‚die Anderen‘ (etwa die Naturwissenschaftler_innen), sondern der Versuch, besseres Wissen zu generieren, indem durch kritische Nachfragen Gewissheiten irritiert und die Gewordenheit von Wissensbeständen mitgedacht wird. Hierbei geht es darum, deutlich auszuweisen, wie Wissen entsteht, wem es nützt, welche Leben es fördert und welche es vergisst oder aufs Spiel setzt. All das ist Wissenschaft.

Wissenschaft predigt keine letzten Wahrheiten, sondern stellt „Fakten“ zur Disposition. Nicht zuletzt erfahren diese Fakten kritische Würdigungen durch feministische Interventionen. Diese Interventionen sind heute wie früher dazu angehalten, auf die Gefahren universalisierender, essentialisierender und exkludierender Gesten hinzuweisen, denn „die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ (Ingeborg Bachmann). Wahrheit ist nun gerade deswegen eine Zumutung, weil sie nie die letzte Gewissheit stellt, weil sie immer weniger ist, als sie verspricht. Eine Wahrheit, die keine Zumutung wäre, eine Wahrheit nämlich, die „uns“ Gewissheit schenkte, ist die totalitäre Wahrheit. Sie schließt ab, indem sie „uns“ geschlossenes Wissen, geschlossene Weltbilder präsentiert und tut damit gerade nicht das, was sie tun sollte – sie öffnet nicht. Gerade wegen ihrer öffnenden Funktion muss Wahrheit Zumutung bleiben.

 

Literatur

Collins, Patricia Hill (1986): „Learning from the Outsider Within. The Sociological Significance of Black Feminist Thought“, in: Social Problems 33 (6), S. 14-32.

Haraway, Donna (1988): „Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive“, in: dies., Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt am Main und New York: Campus Verlag 1995, S. 73-97.

Hark, Sabine (2005): Dissidente Partizipation. Eine Diskursgeschichte des Feminismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Harding, Sandra (1991): Whose Science? Whose Knowledge? Thinking from Women’s Lives. New York: Cornell University Press.

Latour, Bruno; Woolgar, Steve (1979): Laboratory Life. The Social Construction of Scientific Facts. Beverly Hills: Sage Publications.

 

Jonas Heller, Nilda Inkermann, Sonja Kleinod, Sarah Lenz und Laura Schnieder danke ich für wichtige Kommentare zu diesem Text und die vielen Gespräche über (feministische) Wissenschaft, in denen wir uns nicht immer einig waren. Für ebenso anregende und nicht-abschließende Diskussionen über den Science March bedanke ich mich außerdem bei den Teilnehmenden meines Haraway-Seminars an der Goethe-Universität Frankfurt in diesem Semester.

 

One comment

  1. Martin Mair says:

    Ja, es wäre nicht schlecht, wenn Feministinnen endlich ihr selbst gewähltes feministisches Ghetto verlassen. Natürlich müssen Feminsitinnen sich dann der Kritik stellen, was für die eigene Wissenschaft ja wieder nur ein Gewinn sein kann!

    Warum Feministinnen dazu neigen, unter sich zu bleiben und die eigenen Ideologie nicht kritisch zu hinterfragen hat mich schon immer gewundert. Wer für eine gute Sache kämpft, sucht sich doch BündnispartnerInnen und sucht den Austausch mit anderen. So wie die gute alte Johanna Dohnal, die war noch wirklich eine Politikerin im Sinne des Wortes: Angelegenheiten der Allgemeinheit im öffentlichen Raum sichtbar und aushandelbar machen. Oder: Schlag nach bei Hannah Arendt …

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