Gegen ein Denken in Kategorien der Differenz. Zur Erinnerung an Colette Guillaumin

 

Am 10. Mai verstarb die französische Soziologin und Feministin Colette Guillaumin in Lyon. Sie wurde 83 Jahre alt. Mit ihr verliert der Feminismus eine bedeutende Denkerin. Ihre Arbeiten zu den Funktionsweisen von Herrschaft waren grundlegend dafür, dass Feministinnen heute Geschlecht als Effekt von Differenzierungs-, Hierarchisierungs- und Naturalisierungsprozessen denken können.

 

Rassismus – Wirklichkeit und imaginäre Formation

Ihre Auseinandersetzung mit Differenzkonstruktionen als Herrschaftsmechanismus begann mit einer Untersuchung zu Rassismus als soziale Wirklichkeit und imaginäre Formation. Ihre Studie L’Idéologie raciste, genèse et langage actuel (Die rassistische Ideologie. Genese und aktuelle Sprache) erschien 1972. Geschrieben hatte Guillaumin sie Ende der 1960er Jahre, zu einer Zeit, in der mit der Überwindung von Rassismus durch die Disqualifizierung biologistischen Rasse-Denkens gerechnet wurde. Guillaumin stand dieser Hoffnung skeptisch gegegenüber. Eine Abkehr biologischer Begründungen von Andersheit reiche nicht aus, um rassistische Unterdrückung und Gewalt zu beenden. Vielmehr müsse danach gefragt werden, wie ›Andersheit‹ überhaupt entsteht beziehungsweise wie sie jeweils gedacht und verstanden wird.

In L’Idéologie raciste, genèse et langage actuel beantwortet Gullaumin diese Frage historisch wie theoretisch. In historischer Perspektive arbeitet sie zunächst den historischen Kontext des modernen Rasse-Denkens auf. Das allein kann bereits als revolutionär gelten, denn was heute anerkanntes Wissen über die Geschichte des ›Rasse‹-Denkens ist, war es in den 1960er Jahren längst nicht. Guillaumin beschreibt die Veränderung im Verhältnis zum ›Anderen‹ an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert als einen in seiner Tragweite nicht zu unterschätzenden ideologischen Sprung. Alterität wurde von Fremdheit zu unveränderbarer und kontradiktorischer Differenz.

Theoretisch entwickelt Guillaumin im zweiten Schritt aus der historischen Rekonstruktion heraus ein Verständnis von ›Rasse‹ als sozialer Tatsache, die weder eine biologische noch eine kulturelle Grundlage hat, sondern allein in Sozialität, in sozialen Verhältnissen und Praxen gründet. Dabei liefert sie aus heutiger Perspektive grundlegende Einsichten, zum Beispiel jene, dass ›Rasse‹ als ein Bedeutungsträger funktioniere: Physische Merkmale werden mit Bedeutung aufgeladen; sie ›bedeuten‹ Andersheit und werden damit zu Zeichen, zu Markierungen von Differenz, die mit ihrer Anbindung an das Biologisch-Natürliche einen unhintergehbaren, unveränderbaren Charakter bekommen. Ort dieser Wahrnehmungsleistung ist ein gesellschaftliches Verhältnis, das Guillaumin als das Verhältnis des Majoritären zum Minoritären fasst. Als ›anders‹ markiert werden in diesem Verhältnis die Minoritären, der Majoritäre bleibt unmarkiert. Er erscheint als das Eigentliche, das Allgemeine, und fungiert als solcher als Referenz für die minoritären ›Anderen‹.

Auf der Ebene des Verhaltens funktioniere die Idee von Menschenrassen als Rechtfertigung sowohl für Unterdrückung und Ausbeutung als auch für individuelles Verhalten, die eigentlich den Werten der Mehrheitsgesellschaft zuwider laufen. Rassismus wirke somit als Wahrnehmungs- wie Verhaltensweise in einem Verhältnis zwischen Gruppen, die als solche allein in diesem Verhältnis bestehen.

Für einen materialistischen Feminismus

Diese Theoretisierung von Rassismus als Wahrnehmungssystem, das ein Herrschaftsverhältnis ›sinnvoll‹ macht und damit absichert, wird von Guillaumin selbst bezogen auf das Geschlechterverhältnis weitergedacht. Der Ort für dieses Nachdenken ist die Zeitschrift Question féministes, die in acht Ausgaben zwischen 1977 und 1980 erscheint. Guillaumin war Teil des Denkkollektivs im Umfeld der Zeitschrift, zu dem auch Monique Wittig, Christine Delphy, Nicole-Claude Mathieu, Paola Tabet und andere gehörten. Die Denkgemeinschaft bezeichnete die gemeinsame Arbeit selbst als »radikal feministisch«. Im Verlauf der Zeit hat sich für das Theorieprojekt die Bezeichnung »materialistischer Feminismus« etabliert – sicher nahegelegt durch Christine Delphys Aufsatz »Für einen materialistischen Feminismus« (1975).

Die in der Zeitschrift versammelten Aufsätze bilden in ihrer Gesamtheit das theoretische Programm des materialistischen Feminismus französischer Prägung. Dieser setzt die von Simone de Beauvoir begonnene Befragung der Konstruktion von Geschlecht fort und entwickelt ein anti-essentialistisches und anti-naturalistisches Verständnis von Geschlecht. Das heißt, das Denkkollektiv um die Question féministes versteht Geschlecht nicht als natürlich gegeben, sondern als Ergebnis sozialer Verhältnisse. ›Männlich‹ und ›weiblich‹ gelten als soziale Kategorien, die die Zugehörigkeit zu einer Klasse, einer Geschlechtsklasse (classe de sexe) anzeigen, und die wiederum Ausdruck eines Ausbeutungsverhältnisses ist: der Aneignung der Arbeit, Körper und Sexualität der einen Gruppe (Frauen) durch die andere Gruppe (Männer). Unterdrückung und Ausbeutung bringen Zweigeschlechtlichkeit als dichotomes Geschlechterverhältnis hervor und werden durch die Naturalisierung der Geschlechterdifferenz(ierung) und die Norm der Heterosexualität abgesichert, so die materialistisch-feministische Deutung.

Der zentrale Gedanke, dass natürliche Unterschiede behauptet werden, um Unterdrückung abzusichern, führt Colette Guillaumin in mehreren Aufsätzen in elaborierter Weise aus. Von besonderer Bedeutung ist hier der Aufsatz »Machtausübung und Naturvorstellung« (Pratique du pouvoir et idée de Nature), der 1978 in zwei Teilen in den Nummern zwei und drei der Questions féministes erscheint. Er ist der zentrale Beitrag Guillaumins zur feministischen Theoretisierung des Geschlechterverhältnisses. Hier entwickelt sie die Grundlinien des Konzeptes der sexage, das sie in folgenden Aufsätzen an spezifischen Fragen oder Beispielen ausbuchstabiert. Sexage denkt Guillaumin explizit als materialistische Alternative zum Begriff ›Sexismus‹, um den Aspekt der Ausbeutung zu unterstreichen.

Sexage

Guillaumin fasst die ›Aneignung‹ (appropriation) von Frauen hier als spezifische Form von Unterwerfung und Ausbeutung. In ihren Augen gleicht die Ausbeutung, die sich im Geschlechterverhältnis vollzieht beziehungsweise dieses konstituiert weniger dem Verhältnis von ›Kapitalist‹ und ›Proletarier‹ als vielmehr dem Verhältnis von ›Lehnsherren‹ und ›Leibeigenem‹ oder ›Sklavenhalter‹ und ›Sklaven‹. Denn es wird nicht allein Arbeitskraft ausgebeutet, sondern die gesamte Person, ihre Zeit, ihr Körper und ihre Individualität angeeignet. An diese Parallele anknüpfend, führt Guillaumin den Begriff sexage – aus den Begriffen sexe, esclavage und servage – als Bezeichnung für den konstituierenden Mechanismus des Geschlechterverhältnis als besonderem Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis ein.

Für Guillaumin ist klar, dass sich nicht allein die Formen der Unterwerfung und Ausbeutung ähneln, sondern auch deren Deutung und Legitimation. In beiden Fällen, also sowohl in der Sklaverei wie im Geschlechterverhältnis werde die Existenz der ausgebeuteten Gruppe über eine vermeintliche innere Bestimmung, eine spezifische Natur, erklärt, die wiederum an einem zum Zeichen, zum Bedeutungsträger mutierten physischen Merkmal festgemacht wird, das als solches, als Zeichen, allein im spezifischen Kontext des Herrschaftsverhältnisses funktioniert. Bezeichnet und markiert werden allein die Unterdrückten und Ausgebeuteten, allein ihre ›Differenz‹ erscheint erklärungsbedürftig. Durch die ›Natur‹ als Begründungsfigur aber werden die sozialen Prozesse, die die antagonistischen Gruppen allererst konstituieren, unsichtbar. Unter Rückgriff auf ihre Forschungsergebnisse zum ›Rasse‹-Denken weist Guillaumin ›Natur‹ hier als eine moderne Erfindung aus, die erst im Kontext der modernen, kapitalistisch verfassten Gesellschaften des Westens mit ihren spezifischen Arbeitsteilungen und Ausbeutungsformen ihre volle Kraft entfaltet.

Die Vorstellung, dass es sich um ›natürliche Gruppen‹ handelt, betrifft also beide Kategorien, ›Rasse‹ und ›Geschlecht‹, gleichermaßen, so Guillaumin. Beide sind als »imaginäre Formationen« zu verstehen, »die rechtlich festgeschrieben und materiell wirksam sind« (341). Mit dieser Aussage bringt Guillaumin den konstruktivistischen Kern der materialistischen Analyse auf den Punkt.

Guillaumins Denken verkörpert, was heute nahezu als Markenzeichen genderkritischen Denkens überhaupt verstanden werden kann. Denn die Frage nach Geschlecht in die Frage nach Differenzierungsprozessen verwandelt zu haben, war nicht allein prägend für die feministische Theorie und Forschung in Frankreich, sondern hat über die Grenzen Frankreichs hinaus das feministische Denken beeinflusst. Dass freilich die Person Colette Guillaumin ebenso wie ihre Texte jenseits der französischen Grenzen noch zu entdecken sind, da letztere bis dato nicht in deutschen Übersetzungen vorliegen, ist eine der tragischen Wendungen in der Geschichte des feministischen Denkens. Umso mehr ein Grund, an eine große feministische Denkerin zu erinnern.

 

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