Autor: Andreas Hechler

Aus der Bahn geworfen

Im Februar diesen Jahres hatten Mithu Sanyal und Marie Albrecht den Begriffsvorschlag ‚Erlebende (sexualisierter Gewalt)‘ in die Debatte um sexualisierte Gewalt eingebracht, resultierend aus ihrem Unbehagen mit der Passivität, die dem Begriff ‚Opfer‘ innewohne. Sie betonten gleichwohl das Recht jeder_s Einzelnen, sich so zu bezeichnen, wie es sich für sie_ihn am Stimmigsten anfühlt. Über diesen Vorschlag wurde in den Folgewochen in der taz, der Emma und anderen Medien heftig gestritten, inklusive Neonazi-Shitstorm. Mit diesem Beitrag schlage ich als weitere Option den Begriff ‚Widerfahrnis‘ vor. Aus meiner Sicht kann dieser für die Debatte um sexualisierte Gewalt hilfreich sein, da er weder verharmlost noch reviktimisiert und deutlich macht, dass die von Gewalt betroffene Person keinerlei Mitschuld an der Gewalt trägt. Ich möchte diesen Vorschlag explizit nicht als Konkurrenz- oder gar Gegenbegriff verstanden wissen, sondern als eine weitere Option.

 

Begriffsgeschichte

Das erste Mal hörte ich den Begriff ‚Widerfahrnis‘ von meinen Kolleg_innen bei Dissens – Institut für Bildung und Forschung. Eingeführt wurde er in diesem Kontext durch die Studie ‚Gewalt gegen Männer‘ mit dem Untertitel: ‚Personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland‘. Die 2004 erschienene Studie ist die erste ihrer Art in der Bundesrepublik und behandelt die gesamte Bandbreite der personalen Gewalt gegen Cis-Männer. Politisch-thematisch ist die ‚Gewalt gegen Männer‘-Studie einerseits in der Prävention von Gewalt angesiedelt, andererseits in dem Bestreben, geschlechtergerechte Verhältnisse herzustellen. Sie wendete sich schon damals dezidiert gegen das (im Vergleich zu heute noch eher marginale) männerrechtlerische Lager, welches seit jeher die Debatte um Gewalt gegen Männer für sexistische und antifeministische Positionen instrumentalisiert.

Den Weg in die Studie fand der Begriff ‚Widerfahrnis‘ durch die feministische Gewaltforscherin Barbara Kavemann, die diesen unter Rekurs auf Jan Philipp Reemtsma in einer Sitzung des wissenschaftlichen Beirats der ‚Gewalt gegen Männer‘-Studie einbrachte. Nach seiner Entführung 1996 veröffentlichte der Publizist und Mäzen Jan Philipp Reemtsma ‚Im Keller‘ – der Ort seiner Gefangenschaft. Reemtsmas autobiografische Reflexion ist der Versuch, die ihm „aufgezwungene Intimität“ mit seinen Entführern durch die Veröffentlichung zunichte zu machen.

Begriffsverwendung

Reemtsma beschreibt nach seiner Befreiung „Gefühle des Nicht-mehr-in-der-Welt-Seins“ und klassische Trigger-Widerfahrnisse, beispielsweise beim Betrachten eines Fotos: „Und da geschah es. Von einer Minute auf die andere war er [Reemtsma spricht hier von sich in der dritten Person] wieder im Keller. Das Gefühl war wieder da, deckte sich über alles oder schob es weg. Nichts anderes war mehr da“.

Reemtsma möchte nicht den Begriff ‚Erfahrung‘ für sich verwenden und führt den Begriff der ‚Widerfahrnis‘ ein. Ihm geht es dabei um das „Erlebnis, das ich nicht Erfahrung nennen möchte, weil Erfahrungen etwas mit den Kontinuitäten des Lebens zu tun haben, es sich im zu schildernden Fall aber um das Widerfahrnis extremer Diskontinuität handelt“. Das „Diskontinuierliche“, von dem Reemtsma hier spricht, verstehe ich als etwas, das unsere eigene Konstruktion von Wirklichkeit als einer kontinuierlichen Erzählung der eigenen Geschichte unterbricht. Es wirft eine_n komplett aus der Bahn, lässt für längere Zeit nicht mehr los und dringt auch danach unkontrolliert in Träume und Alltag ein, begleitet von Ohnmachtsgefühlen, Hilflosigkeit und Angst. Selbst- und Weltverständnis können dauerhaft erschüttert sein.

An diese Gedanken anschließend heißt es in der ‚Gewalt gegen Männer‘-Studie zur Begriffswahl: „Wie lässt sich begrifflich der Vorfall einer gegen eine Person gerichteten Gewalt benennen, ohne diese mit positiven Assoziationen zu belasten, wie es mit dem Begriff Erfahrung geschieht? Statt des Begriffes Gewalterfahrung verwenden wir deshalb weitgehend den Begriff Gewaltwiderfahrnis, der semantisch auf den Begriff Erfahrung aufbaut, aber durch das ‚wider‘ klar benennt, dass es sich nicht um ein positives Erlebnis handelt, sondern um etwas gegen die Person Gerichtetes“. Dieser Vorschlag wird gegen andere Begriffe abgegrenzt: „Damit aus einem ‚mir ist Gewalt widerfahren‘ ein ‚ich habe Gewalt erlebt/überlebt‘ werden kann, braucht es bereits eine aktive und gelungene Verarbeitung dieser Gewalt“.

Kann ‚Erfahrung‘ demzufolge etwas Gewaltverharmlosendes haben, betont dagegen ‚Erleben/ Überleben‘ einen aktiven Anteil des Subjekts, der nicht unbedingt gegeben sein muss. Die Autoren fragen auch, wie eine Person bezeichnet werden kann, gegen die ein Gewaltakt gerichtet gewesen ist. Sie kritisieren den Begriff ‚Opfer‘, „da mit dem Begriff Opfer oft übergreifend die ganze Person gemeint ist. Neben dem Begriff Opfer verwenden wir deshalb auch Gewaltbetroffener“.

‚Widerfahrnis‘ findet sich als Begriff in der Gewaltforschung bereits 1994 in einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. In die geschlechtsbezogene Gewaltforschung wurde er zehn Jahre später mit der ‚Gewalt gegen Männer‘-Studie eingeführt. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es heutzutage nur wenige Forschende und Publizierende gibt, die ihn verwenden, dies dafür umso überzeugter. ‚(Gewalt-)Widerfahrnis‘ hat es bisher nicht als systematisch verwendeter Begriff in die Studien zu Gewalt gegen (Cis-)Frauen geschafft, auch wenn er beispielsweise von Barbara Kavemann unter Bezugnahme auf Reemtsma benutzt wird, so u. a. in der von ihr mit herausgegebenen Studie ‚Erinnern, Schweigen und Sprechen nach sexueller Gewalt in der Kindheit‘. ‚Widerfahrnis‘ wurde auch partiell von Inter*-Organisationen übernommen, um die massive Gewalt zu skandalisieren, die intergeschlechtlichen Menschen in der Bundesrepublik widerfährt.

Kontextualisierung des Begriffs

Bei Menschen, denen Gewalt angetan wurde, gibt es häufig ein großes Bedürfnis, die erlittenen Ohnmachts- und Gewaltwiderfahrnisse zu verstehen und Kontrolle über das eigene Leben (wieder) zu erlangen. Hierfür ist oft notwendig, eine Sprache für die erlittenen Verletzungen zu finden. Das Dilemma vieler von sexualisierter Gewalt Betroffener, einerseits als Opfer anerkannt und zugleich nicht aufs Opfersein festgelegt bzw. reduziert werden zu wollen, bringt hingegen viele zum Verstummen. Keiner Person, der Gewalt angetan wurde, gehen Worte wie ‚Opfer‘ oder ‚Betroffene_r‘ leicht über die Lippen. Wer sich so bezeichnet, hat oft einen langen Prozess der Aneignung des jeweils für sich benutzten Begriffs hinter sich.

Ein Begriff wird immer eine abstrahierende Reduktion der je individuellen Erfahrung eines Menschen sein, und beim Sprechen über eigene Gewaltwiderfahrnisse besteht zusätzlich immer die Gefahr der Reviktimisierung. Gesellschaftliche Erwartungshaltungen können dazu zwingen, bestimmten Opfer-Zuschreibungen (Abhängigkeit, Hilflosigkeit, geringe Selbstwirksamkeit, unfähig für eigene Interessen einzutreten etc.) entsprechen zu müssen. In ‚Erinnern, Schweigen und Sprechen nach sexueller Gewalt in der Kindheit‘ wird diese Dynamik als „Opfer der Opferrolle“ bezeichnet. Werden zusätzlich gesellschaftliche Machtverhältnisse ausgeklammert, kann dies zu einer weiteren Stigmatisierung von Betroffenen führen. Bleibt beispielsweise männliche Herrschaft dethematisiert, ist der Weg zur ‚hysterischen Frau‘ und den nach wie vor üblichen Täter-Opfer-Verkehrungen nur noch ein kurzer. In der Folge bleiben die Bedürfnisse von sexualisierter Gewalt Betroffener unerfüllt und die Machtverhältnisse, die dazu geführt haben, unangetastet – ein fatales Perpetuum mobile.

Die Debatte um (sexualisierte) Gewalt und verwendete Begriffe hat eine lange Geschichte, die vor allem in feministischen Diskussionen wurzelt. Über die intensive Auseinandersetzung mit der Situation von Frauen als Betroffene sexualisierter Gewalt durch Männer, gehörte dazu auch, nach der Handlungsfähigkeit von Frauen in patriarchalen Verhältnissen zu fragen sowie die Sicht auf Frauen als Opfer zu kritisieren. Zwei Beiträge, die sich diesen Themen widmen und zu dieser Debatte wichtige Anstöße lieferten, sind ‚Frauen – Opfer oder Täter?‘ von Frigga Haug und ‚Frauen als Mittäterinnen‘ von Christina Thürmer-Rohr.

In einer Welt, die bestimmte Gewaltwiderfahrnisse normalisiert und damit dethematisiert, können bestimmte Begriffe zum Verstehen und Beschreiben des eigenen Erlebens hilfreich und im besten Fall empowernd sein. Ich persönlich bevorzuge den Begriff ‚Widerfahrnis‘, da er Gewalt nicht verharmlost (wie das bei ‚Erfahrung‘ der Fall sein kann) und deutlich macht, dass die betroffene Person keine Verantwortung oder gar Schuld an der Gewaltsituation trägt, in die sie hineingeraten ist. Es steckt im Begriff, dass einer_m die Gewalt von außen aufgezwungen wurde und ist vor diesem Hintergrund eine eindeutige Antwort auf die quälenden Zweifel vieler Menschen, denen sexualisierte Gewalt widerfahren ist, ob sie nicht doch irgendwie dazu beitragen haben: Nein, haben sie nicht. Zugleich ist in ‚Widerfahrnis‘ die Reviktimisierung nicht angelegt, der Begriff verweigert sich den oben angesprochenen Opfer-Zuschreibungen. Nicht zuletzt bleibt der Umgang mit der Gewaltwiderfahrnis (verdrängen, aneignen, durcharbeiten, integrieren, ressourcenorientierte Stabilisierung etc.) anders als in ‚erleben‘ oder ‚überleben‘ offen.

Aus einer männlichen Perspektive ist dies positiv wie negativ: die nach wie vor dominierende Ungleichung, nach der Männer keine Opfer sein dürfen, wird mit der Betonung des Ausgeliefert-Seins implizit kritisiert, zugleich ermöglicht die Verwendung der Begrifflichkeit eine Distanzierung von als ‚unmännlich‘ codierten Gefühlen wie Schmerz und Trauer und kann eine cismännliche Konstruktion von Autonomie fortschreiben.

Der Begriff lässt sich meiner Ansicht nach auf Diskriminierungsverhältnisse allgemein übertragen und ist eine mögliche Alternative zu dem häufig anzutreffenden ‚Diskriminierungserfahrungen‘ – ‚Diskriminierungswiderfahrnisse‘ scheint mir ein stimmigerer Begriff zu sein (analog: ‚Antisemitismuswiderfahrnisse‘, ‚Ableismuswiderfahrnisse‘, ‚Klassismuswiderfahrnisse‘ etc.).

Problematiken des Begriffs

‚Widerfahrnis‘ kann und wird nicht nur auf Macht- und Herrschaftsverhältnisse bezogen, sondern, wie bei Reemtsma gezeigt, auch auf ganz individuelle Gewaltwiderfahrnisse, die nicht eingebettet sind in eine Geschichte und Struktur der Ausbeutung und Dominanz bestimmter Gruppen. Dies wirft die Frage nach der Trennschärfe des Begriffs auf. Bezogen auf Fragen von Herrschaft und sozialen Verhältnissen leistet der Begriff keine Differenzierung, und sein (begrüßenswerter) Bezug auf die Opfer-/Betroffenenseite im Gewaltverhältnis lässt Täter_innen und Ursachen eher im Nebulösen. Zu fragen ist auch, ob jede Mikroaggression – alltäglich-subtile Formen der Herabwürdigung und Verletzung – als ‚Widerfahrnis‘ bezeichnet werden kann/sollte oder ob das oben beschriebene ‚Aus-der-Bahn-geworfen-Werden‘ ein notwendiges Kriterium sein soll. Die ‚Gewalt gegen Männer‘-Studie enthält auch die erstere Kategorie (Mikroaggression), wo beispielsweise Abwertung, Mobbing, Verleumdung und dergleichen mehr als ‚Widerfahrnis‘ bezeichnet werden, während Reemtsmas Ausführungen in letztere Kategorie (Diskontinuität) fallen. Ich habe hierauf keine klare Antwort, und ein Begriff muss meines Erachtens auch nicht alles leisten, es sei hier aber als begriffliche Unschärfe benannt.

In bestimmen Kontexten ist der Begriff ‚Widerfahrnis‘ auch positiv gefüllt und steht damit der Setzung, die ich mit diesem Beitrag vorschlage, entgegen. Es gibt beispielsweise die Redensart ‚jemandem Gerechtigkeit widerfahren lassen‘. Hier wird die Verbform ‚widerfahren‘ synonym für ‚zuteilwerden‘ verwendet: Jemand findet oder bekommt Gerechtigkeit. In der Kulturwissenschaft meint der historische Begriff ‚pathos‘ ‚Widerfahrnis‘, und damit all das, was einem Menschen zustößt, inklusive den Bereich der Leidenschaften und Affekte. Auch hier kann es zur Positivbesetzung von Widerfahrnis/pathos kommen, wenn nämlich Kunst in Gestalt von Theater, Musik etc. zu einer Intensivierung und Steigerung der Affekte führt, verstanden als Entfesselung der Anteile, die dem tätig-selbstbestimmten Subjekt sonst unzugänglich bleiben. Die menschliche Fähigkeit, affiziert werden zu können und beispielsweise etwas genau deswegen als schön zu empfinden, weil man es nicht planvoll herbeigeführt hat, sondern ihm ausgesetzt war, läuft mit einer solchen inhaltlichen Füllung Gefahr, den Charakter von Gewaltakten zu nivellieren oder in einem Begriff der ästhetischen Erfahrung aufgehen zu lassen. ‚Gewaltwiderfahrnis‘ als Begriff wäre hier eindeutig(er) besetzt und verdeutlicht, dass es sich nicht um das freiwillige Goutieren von Kunst handelt.

Eine weitere Problematik der Verwendung des Begriffs ‚Widerfahrnis‘ ist seine Sperrigkeit. Das mag dem, was er benennen soll, angemessen sein – Gewaltwiderfahrnisse eignen sich nicht so gut für einen plauschigen Small Talk. Es gibt keine aktive Form, es ist keine Tätigkeit, man macht keine Gewaltwiderfahrnisse, sondern sie geschehen einer_m. Von daher lässt sich auch keine Personengruppe damit bezeichnen, es gibt kein substantiviertes Partizip. Auch dies ist nicht nur problematisch, da man der Fixierung von Identitäten oft nur schwer wieder entkommt – einmal ‚Opfer‘, immer ‚Opfer‘. ‚Widerfahrnis‘ könnte mit seiner anderen, nicht-identitären Logik eine mögliche Antwort auf die Frage sein, wie Menschen bezeichnet werden können/wollen, denen Gewalt angetan wurde.

Ich freue mich über Ergänzungen und Diskussion über diese hier dargestellte Geschichte des Begriffs ‚Widerfahrnis‘, seine Verwendung, Kontextualisierung und mögliche Probleme.

Bei all dem Sezieren von Begriffen sollte nicht ausgeblendet werden, dass Gewaltakte je nach Geschichte und Kontext von Menschen unterschiedlich erlebt werden, und was für die eine als passender Begriff empfunden wird, kann für den anderen unzureichend sein. Entscheidend ist weniger, welche Worte jemand wählt (oder gar keine und sich beispielsweise künstlerisch ausdrückt), sondern dass sie_er gehört, unterstützt und begleitet wird.