Autor: Anja Michaelsen

Modern Family. Über transnationale Adoption lachen und sprechen

Adoptionshumor, oder das, was ich dafür halte, ist eigen. Auch schön: „the troubles of being a step ladder“. Ich kann nicht genau erklären, warum ich das so komisch finde.

Etwas schmerzhafterer Art sind für mich Witze, die sich direkt auf (transnationale) Adoption beziehen. Zum Beispiel die Szene aus der erfolgreichen US-amerikanischen TV-Familien-Comedy-Serie Modern Family. Darin treffen zwei schwule Elternpaare bei einem Talentwettbewerb, an dem ihre Kinder teilnehmen, aufeinander. Beide Paare haben Kinder aus asiatischen Ländern adoptiert. Ein Vater des einen Paars sagt zu dem anderen Paar (die Helden der Serie Cam und Mitchell): „Yours is from Vietnam, right? … We were able to adopt one from Korea …“, und lässt die beiden stehen. Offensichtlich verunsichert flüstert Cam seinem Partner zu: „Are Koreans really better?“ Ein anderes aktuelles Beispiel: In einer Folge von Fresh Off the Boat , ebenfalls eine US-amerikanische Familien-Comedy-Serie, ist ein überangepasster (zu erkennen an freiwilligem täglichen stundenlangen Celloüben und unterwürfiger Höflichkeit gegenüber Älteren) aus China adoptierter Junge chinesischer als sein chinesisch-amerikanischer Mitschüler, weil er die ‚chinesischen Eigenschaften‘ wohlerzogener Kinder übererfüllt. Zugleich ist er jüdischer als seine jüdischen Adoptiveltern, indem er auf der strengen Einhaltung des Sabbat besteht. Was ihn in jedem Fall auszeichnet, ist ‚Überanpassung‘, eine in Zusammenhang mit Adoption nicht zufällige Charakterisierung.

Der Humor dieser Szenen setzt vertraute Assoziationen in Bezug auf Adoption voraus. Entscheidend ist hier für mich, dass er ohne große Erläuterungen eingesetzt wird. Gutes Fernsehen funktioniert, indem es die Grenzen des Sagbaren eines konventionellen Diskurses auslotet und graduell übersteigert. Unabhängig davon, ob die Szenen als komisch empfunden werden oder nicht, die Selbstverständlichkeit der Referenzen zeigt, dass die Adoption asiatischer Kinder zumindest für das US-amerikanische Publikum als Gemeinplatz angesehen wird.1)Sie steht auch in einer längeren US-amerikanischen Fernsehtradition, so werden auch in den Serien Friends, King of Queens und Sex and the City chinesische Babies adoptiert. Wie verständlich ist dieser Adoptionshumor für ein deutschsprachiges Publikum? Im Unterschied zu den USA gibt es hier, so weit ich weiß, aktuell keine kritische Öffentlichkeit in Bezug auf nationale oder transnationale Adoption. Hat das nur mit einer fehlenden ‚kritischen Masse‘ zu tun? Die Kinderrechtsorganisation terre des hommes, die lange Zeit den größten Anteil transnationaler Adoptionen nach Deutschland vermittelt hat, hörte Ende der 1990er Jahre damit auf – laut ihrer Website, weil bereits seit den 1980er Jahren Auslandsadoptionen zu stark von Marktmechanismen bestimmt seien.2)Ich habe dazu mehr geschrieben in: „Adoptions aus Korea. Stille Migration?“ In: Young-Seun Chang-Gusko, Nataly Jung-Hwa Han, Arnd Kolb (Hg.): Unbekannte Vielfalt. Einblicke in die koreanische Migrationsgeschichte in Deutschland. Köln: Edition DOMiD 2014, S. 234-247. Hatte diese Entscheidung Konsequenzen für transnationale Adoption durch andere Organisationen? Sind für die hiesige Öffentlichkeit die Bezüge zwischen transnationaler Adoption und postkolonialen transnationalen Beziehungen, prekären nationalen Geschlechterverhältnissen und der globalen Aufteilung von Reproduktionsarbeit evident?

Adoptierte Killjoys: Die Adoptionskontroverse
in den USA

Die oben zitierten Adoptionswitze sind symptomatisch für eine bereits seit längerem größere öffentliche Präsenz von Adoptionsfragen in den USA, zugleich aber auch für ihre ambivalente Besetzung. In den USA wird seit Jahren erhitzt über transnationale Adoption diskutiert, eine Diskussion, die bis in die Mainstreammedien hineinreicht. Sie kreist um zwei Aspekte: zum einen um die Frage ethisch befürwortbarer Vermittlungspraktiken, provoziert durch Berichte über falsch dokumentierte oder undokumentierte Fälle, fehlende elterliche Einverständnisse, Korruption und Kinderhandel in Bezug auf Adoptionen, zuletzt vor allem aus Guatemala, Äthiopien, Vietnam, Kambodscha oder Haiti. Zum anderen berichten immer mehr koreanische adoptierte Erwachsene über die emotionalen ‚Herausforderungen‘ ihrer Adoptionsgeschichte, sowohl aufgrund von Rassismuserfahrungen und der Schwierigkeiten, als nicht-weiße Person in einer weißen Familie/Umgebung aufzuwachsen, als auch in Bezug auf die in den meisten Fällen fehlenden Informationen über ihre Vergangenheit und die traumatische Dimension (frühkindlichen) Verlusts der Lebensumgebung, existenziell bedeutsamer Beziehungen und der Erinnerungen an diese.

Insbesondere an den Reaktionen auf Darstellungen psychischer Belastungen zeigt sich, wie heikel das Thema ist. Im Dezember 2014 wurde dies etwa an der Diskussion des Artikels „Please don’t tell me I was lucky to be adopted“ von Shaaren Pine in der Washington Post deutlich. Pine erzählt darin, dass Adoptiertsein (sie wurde im Alter weniger Monate aus Indien in die USA adoptiert) für sie eine traumatische, lebenslang anhaltende Erfahrung ist, deren Schmerzhaftigkeit dadurch verstärkt wird, dass sie nicht als solche wahrgenommen wird. Pine schreibt:

„For me, being an adoptee is like getting into a horrible car accident and surviving with devastating injuries. But instead of anybody acknowledging the trauma of the accident, they tell you that you should feel lucky. Even if the injuries never stop hurting, never quite heal. Even if the injuries make it impossible to feel comfortable in everyday life. So I learned not to talk about it. Even though my bones ached.“

Pine lenkt nicht nur den Blick darauf, dass transnationale Adoption in den meisten Fällen traumatische Verlusterfahrungen beinhaltet. Sie verdeutlicht auch die konventionelle Haltung, es sei ein Glück, dass ihr, in ihren Worten, der traumatische Unfall zugestoßen sei. Pine und andere Adoptierte, die ihre Adoptionsgeschichte nicht als eindeutiges Happy Ending affirmieren, werden dadurch zu Killjoys – zu Subjekten, die, wie Sara Ahmed beschreibt, selbst zum Problem werden, indem sie ein Unbehagen angesichts eines Problems artikulieren (The Promise of Happiness, 2010). Die Ursache des Problems, hier die traumatischen Bedingungen transnationaler Adoption, werden dadurch unsagbar. Die emotionale Not der Adoptierten kollidiert mit der konventionellen Vorstellung, sie seien in besonderer Weise auserwählte Wunschkinder.

Umkämpfte Adoptionspolitiken

Pines Darstellung, dass das Anerkennen und Sprechen über Adoption als traumatisches Erlebnis auf affektiver und diskursiver Ebene verhindert wird, ähnelt vielen biografischen Darstellungen anderer Adoptierter in Büchern, Filmen, Zeitungsartikeln, Onlineforen etc. Wütende und bis zu feindselige Kommentare auf diese Darstellungen sind geradezu reflexhaft vorherzusehen. Die Onlineversion von Pines Text hat 725 Kommentare erhalten, von denen einige so aggressiv waren, dass sie wiederum kommentiert wurden: „Adoptee Admits Emotional Challenges; Commenters Respond by Being Assholes“. Aggressive Kommentare – worauf auch immer – sind im Internet nicht überraschend. Besonders beunruhigend und charakteristisch ist jedoch, dass viele der Kommentierenden mitteilen, sie seien selbst Adoptiveltern, und die feindseligen Reaktionen durch die bloße Schilderung ‚negativer‘ Gefühle provoziert scheinen. Pines Erfahrung des Widerstands, Artikulationen des Unbehagens in Bezug auf transnationale Adoption anzuhören, bestätigt sich in den Reaktionen auf ihren Text.

Ein anderes viel kommentiertes aktuelles Beispiel ist der Artikel der Journalistin und Adoptivmutter Maggie Jones „Why a Generation of Adoptees is Returning to South Korea“, der im Januar diesen Jahres im Magazin der New York Times erschienen ist. Jones berichtet darin aus einer, sich offensichtlich der eigenen ambivalenten Position bewussten Perspektive, dass seit Ende der 1980er Jahre von den seit Ende des Koreakrieges bis heute etwa 200.000 koreanischen Adoptierten immer mehr in ihr Geburtsland zurückkehren. Zur Zeit leben etwa dreihundert von ihnen permanent in Korea. Sie haben eine eigene Infrastruktur aufgebaut, mit Unterkünften für den ersten Aufenthalt (KoRoot) und einer seit 1997 von Adoptierten geführten Organisation (GOA’L), die unter anderem Dolmetscher_innen für die Verständigung mit Kinderheimen und Angehörigen organisiert und bei der häufig schwer durchschaubaren Kommunikation mit den koreanischen Zweigstellen der Adoptionsvermittlungen hilft, sowie mit lokalen Medien, die seit Jahren von Zeitungsanzeigen bis zu ganzen Fernsehsendungen die Familiensuche koreanischer Adoptierter in ihr alltägliches Programm integriert haben.

Jones stellt in ihrem Artikel eine Gruppe aktivistischer Adoptierter vor, die sich bei TRACK und ASK engagieren und schreibt über ihre Adoptionsgeschichten, die Beweggründe für ihre Rückkehr, ihre politischen Kämpfe und Erfolge. Die Printversion erhielt 1200 Leser_innenkommentare, danach wurden keine weiteren mehr angenommen. Die Onlineversion wurde 994 Mal kommentiert. Auch dies häufig in feindseliger Weise.

Der ‚provokative‘ Inhalt von Jones’ Artikels besteht nicht nur darin, dass sich die Protagonist_innen bewusst für ein Leben in ihrem Geburtsland statt ihres Adoptivlandes entschieden haben, eine Entscheidung, die für viele auch darin begründet ist, Adoption als nur bedingt glückbringendes Ereignis zu empfinden. Darüber hinaus sind sie maßgeblich daran beteiligt, koreanische Adoptionspolitik zu verändern, sowohl in Bezug auf die transnationale Zusammenarbeit mit den Adoptivländern als auch in Kooperation mit chinesischen und indischen adoptierten Aktivist_innen. TRACK und ASK unterstützen konkret die politischen Interessen unverheirateter und prekär lebender Alleinerziehender in Korea und arbeiten mit Dandelions, einer Organisation biologischer Mütter zusammen, die ihre Kinder zur Adoption abgegeben haben, und der Korean Unwed Mother’s Family Association (KUMFA), einer Organisation alleinerziehender Mütter.

Aus dieser aktivistischen Perspektive ist es wesentlich, Adoption als ein sozialpolitisches und biopolitisches Instrument zur Regulierung prekärer Bevölkerungsteile zu verstehen, als ein politisches Mittel, das die Reproduktivität mancher Subjekte fördert und anderer begrenzt und tendenziell unterbindet. Sie lenkt den Blick auf die ungleiche soziale Verteilung von Reproduktivität, die zugleich eine rassifizierte und postkoloniale ist.

„If you hadn’t been adopted you wouldn’t have the internet“

Dieser (urkomische) Kommentar stammt von eine_r Zuschauer_in der Sendung „Seeing adoption through adoptees’ eyes. Why are some Korean adoptees rejecting international adoption practices?“ auf AlJazeera im Januar diesen Jahres. Wie viele der anderen Kommentare geht es dabei um das Abwägen von Gewinnen und Verlusten durch transnationale Adoption. Häufig scheint Gewissheit darüber zu bestehen, was auf beiden Seiten der Gleichung steht. Wohlstand, Sicherheit und Liebe werden dabei auf der einen Seite verortet, eine nicht vorhersehbare, prekäre Zukunft auf der anderen. Die wütenden Kommentierenden äußern ihr Unverständnis, wenn der offensichtliche Gewinn durch Adoption von den Adoptierten selbst nicht gewürdigt wird. Und es stimmt: Transnationale Adoption ist „eine der privilegiertesten Formen von Diaspora“ (David Eng, The Feeling of Kinship, 2010). In Deutschland bedeutet das, im Unterschied zu anderen Migrant_innen automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten.3)Übrigens unterscheidet sie das auch von in die USA Adoptierten, für die zusätzlich zur Adoption ein permanenter Aufenthaltsstatus beantragt werden muss. Da dies in einigen Fällen nicht passiert ist, ist immer wieder von erwachsenen Adoptierten zu hören, die nach Korea deportiert werden, wie in diesem aktuellen Fall von Adam Crapser. Zusätzlich war transnationale Adoption lange Zeit vor allem ein Mittelschichtsphänomen, Adoptierte sind daher häufig gut ausgebildet, sprechen in der Regel akzentfrei deutsch und sind kulturell assimiliert, so dass, bis auf das Aussehen – und den Affekt – zumeist nichts auf eine nicht-deutsche Herkunft hinweist. Unter diesen Voraussetzungen verkörpern sie Integrationsideale, sie sind Model Minority, wie Philipp Rösler oder in Frankreich die Kulturministerin Fleur Pellerin.

Erwachsene Adoptierte gewinnen in der Regel ökonomisches und Bildungskapital. Sie sind jedoch auch die schärfsten Kritiker_innen einer neoliberalen Ideologie des besseren Lebens, die darauf basiert, einige Kinder zu retten und zugleich (nicht nur) ihre Angehörigen zurückzulassen. Wenn eine der adoptierten Aktivistinnen in Maggie Jones’ Artikel mit der Aussage zitiert wird, „Our goal is to make ourselves extinct“, dann spricht daraus kein Todestrieb, sondern die kritische Analyse der Historizität und politischen Bedingtheit der eigenen Biografie. Aus einer solchen Perspektive ist nicht akzeptabel, dass transnationale Adoption die Prekarität von Frauen und Alleinerziehenden in den Herkunftsländern verstärkt, das heißt das globale Gefälle zwischen denen, deren reproduktive Rechte gefördert werden und denen, die dieser Förderung wie indirekt auch immer nutzen.

Transnationale Adoption muss daher in Zusammenhang mit anderen globalen Migrationsformen innerhalb postkolonialer, globaler Reproduktionsökonomien verstanden werden, etwa in Bezug zu globalisierter Care-Arbeit, als eine Variante, in der nicht die Mütter zum Arbeiten in reichere Länder migrieren, sondern ihre Kinder. Denn die abstrakt erscheinenden globalen reproduktiven Ökonomien manifestieren sich oft genug in den sozialen und psychischen Konflikten, dem traumatischen Erleben existenzieller Verluste der erwachsenen Adoptierten und ihrer Angehörigen in den Herkunftsländern und in den diskursiven und affektiven Widerständen, auf die der Versuch ihrer Artikulation immer wieder trifft.

Fußnoten   [ + ]

1. Sie steht auch in einer längeren US-amerikanischen Fernsehtradition, so werden auch in den Serien Friends, King of Queens und Sex and the City chinesische Babies adoptiert.
2. Ich habe dazu mehr geschrieben in: „Adoptions aus Korea. Stille Migration?“ In: Young-Seun Chang-Gusko, Nataly Jung-Hwa Han, Arnd Kolb (Hg.): Unbekannte Vielfalt. Einblicke in die koreanische Migrationsgeschichte in Deutschland. Köln: Edition DOMiD 2014, S. 234-247.
3. Übrigens unterscheidet sie das auch von in die USA Adoptierten, für die zusätzlich zur Adoption ein permanenter Aufenthaltsstatus beantragt werden muss. Da dies in einigen Fällen nicht passiert ist, ist immer wieder von erwachsenen Adoptierten zu hören, die nach Korea deportiert werden, wie in diesem aktuellen Fall von Adam Crapser.

Zu den Aussagen der Zeug_innen im NSU-Prozess

In ihrer Kolumne „Liebe Präsidenten und der NSU!“ schreibt Mely Kiyak, dass die Angehörigen und Betroffenen der zwischen 2000 und 2007 ausgeführten Mord- und Bombenanschläge des „Nationalsozialistischen Untergrund“ nach dessen Bekanntwerden erfahren haben, dass „ihre Familientragödie Teil einer großen deutschen Tragödie ist“. Die Frage ist, inwiefern dies auch die allgemeine Öffentlichkeit erkannt hat.

Um das Erkennen von Rassismus und Neofaschismus als ein allgemeines Problem zu befördern, hat das Aktionsbündnis NSU-Komplex auflösen am 20. Januar 2015 einen Aktionstag vor dem Münchner Oberlandesgericht organisiert, an dem seit Mai 2013 das NSU-Verfahren verhandelt wird. Der Aktionstag sollte die Zeug_innen im Gericht unterstützen, die an diesem Tag zum Bombenanschlag auf die Keupstraße aussagen sollten. Auf einer Pressekonferenz erklärten die Aktivist_innen, insbesondere dazu beitragen zu wollen, die Stimmen der Betroffenen hörbar zu machen, ihnen eine Öffentlichkeit zu geben. Dass nach den Anschlägen einseitig nur in Richtung organisierte Kriminalität ermittelt wurde, habe auch damit zu tun, dass diese Stimmen, die schon früh auf einen rassistischen Hintergrund hingewiesen hatten, vor Bekanntwerden des NSU ignoriert worden waren. Zu sehen sei auch, dass öffentliche Reaktionen, Empörung und Trauer bei Gewalt und terroristischen Anschlägen deutlich geringer ausfallen, wenn die Betroffenen nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören. So verwundert es leider nicht, dass die großen Schweigemärsche unter dem Motto Kein 10. Opfer, die 2006 nach dem Mord an Mehmet Kubaşık in Dortmund und an Halit Yozgat in Kassel stattfanden, kaum öffentlich wahrgenommen wurden. Häufig, etwa in der Rede Angela Merkels bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt im Februar 2012 wird behauptet, die fehlende öffentliche Aufmerksamkeit sei darauf zurückzuführen, dass die Anschläge des NSU nicht als rassistische und neofaschistische erkennbar gewesen seien. Anstatt der irreführenden Annahme fehlender Hinweise zu folgen, muss jedoch gefragt werden, was verhindert, dass rassistische Gewalt erkannt wird. Das ist eine Frage einer allgemeinen Wahrnehmungsfähigkeit, die viel mit den diskursiven Ausschließungsstrategien zu tun hat, die kritische Rassismusforschung seit langem beschreibt1)Siehe etwa Manuela Bojadžijev: „Wer von Rassismus nicht reden will. Einige Reflexionen zur aktuellen Bedeutung von Rassismus und seiner Analyse“. In: Imke Schmincke, Jasmin Siri (Hg.): NSU Terror. Ermittlungen am rechten Abgrund. Ereignis, Kontexte, Diskurse. Bielefeld: transcript 2013, S. 145-154. und die sich in historisch gewachsenen, politisch strukturierten Affektdispositionen materialisieren. Die tendenzielle Unbetrauerbarkeit mancher steht, mit Judith Butler gesprochen, in Zusammenhang mit den Wahrnehmungsrastern – in einem engeren Sinn sind dies mediale Raster – durch die die Konturen des Menschlichen bestimmt werden (Raster des Krieges 2010). An der Unmöglichkeit der Betrauerbarkeit eines bestimmten Todes (Butlers Beispiele sind die AIDS-Toten und die zivilen Opfer US-amerikanischer Militäreinsätze in arabischen Ländern) lässt sich erkennen, wessen Verluste als real und allgemein relevant wahrgenommen werden.

Für mich stellt sich mit der in den letzten Monaten erneut evidenten Beobachtung gespaltener Trauerpolitiken auch die Frage, wer sich wann von welcher Gefahr bedroht fühlt und ob die Verluste – sowohl der Angehörigen, als auch eines Gefühls relativer Sicherheit und Zugehörigkeit sowie eines bedingten Vertrauens in Rechtstaatlichkeit und Rechtsprechung – als allgemeine empfunden werden, oder als Verluste, die ‚nur’ Migrant_innen betreffen.

Foto:   Initiative „Keupstraße ist überall“
Foto: Initiative „Keupstraße ist überall“

Wie schildern die Angehörigen und Betroffenen die Verluste und inwiefern sind diese als allgemeine Verluste erkennbar? Erschwerend zu den Anschlägen kam hinzu, so schildern die Betroffenen immer wieder, dass sie häufig über Jahre hinweg und bis zum Aufdecken des NSU verdächtigt und verunglimpft oder von der Öffentlichkeit allein gelassen wurden, dass eben jene öffentliche Anteilnahme gefehlt habe.2)Siehe Dostluk Sineması (Hg.): Von Mauerfall bis Nagelbombe. Der NSU-Anschlag auf die Kölner Keupstraße im Kontext der Pogrome und Anschläge der neunziger Jahre (Berlin: Antonio Antonio Stiftung 2014), Barbara John (Hg.): Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror für die Angehörigen bedeutet (Freiburg: Herder 2014). Die Beschreibung dieser zusätzlichen Gewalt verdichtet sich in der Feststellung, dass es den Angehörigen dadurch unmöglich war, um die Toten zu trauern, wie die Tochter von Mehmet Kubaşık schreibt:

„Obwohl ich die ganze Zeit sicher war, dass die Täter nur Rechtsradikale gewesen sein konnten, war die Gewissheit eine Riesenerleichterung. Ich hatte das Gefühl, jetzt haben wir es all den Leuten gezeigt, die immer schlecht über uns geredet haben. Vor allem aber hatte ich das Gefühl, dass ich jetzt endlich trauern konnte um meinen Vater. Vorher haben mir die Polizei und die Mitmenschen das gar nicht erlaubt mit all ihren Verdächtigungen. Ich merkte, dass das größte Problem in mir war: dass ich nicht trauern konnte. Bis heute kann ich nicht akzeptieren, wie mein Vater getötet wurde. Das werde ich mein Leben lang nicht können. Aber jetzt kann ich akzeptieren, dass er nicht mehr da ist. Vorher war mein Vater nie wirklich weg, weil ich ihn verteidigen musste gegen all diejenigen, die schlecht über ihn redeten.“3)Gamze Kubaşık: „Ich will nicht ewig Opfer sein“. In Barbara John: Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror für die Angehörigen bedeutet. Freiburg: Herder 2014, S. 129.

Die Schilderungen der Betroffenen im Gericht bestärken den Eindruck, dass viele von ihnen diese Erfahrung erschwerter oder verunmöglichter Trauer geteilt haben, was etwa anhand der Prozessprotokolle der Initiative NSU-Watch nachvollziehbar ist:

So berichtet auch die Ehefrau von Habil Kılıç, der im August 2001 in München in ihrem gemeinsamen Lebensmittelgeschäft ermordet wurde, von Verdächtigungen und Verleumdungen, vom Verlust ihrer Wohnung und ihres Geschäfts und dass sie sich fühle, als sei sie selbst zu einer lebenslänglichen Strafe verurteilt.

Ihre Mutter erzählt, sie habe erst nach dreistündigem Polizeiverhör vom Tod ihres Schwiegersohnes erfahren. Sie hätte ihm noch die Hand halten können. Ihre Enkelin sollte wegen des Mordes an ihrem Vater und der sich anschließenden Verleumdungen von der Schule verwiesen werden.

Der Vater von Süleyman Taşköprü, der im Juni 2001 in Hamburg im Lebensmittelgeschäft der Familie erschossen wurde, berichtet, dass seinem Hinweis auf zwei Männer, die das Lebensmittelgeschäft in Hamburg verlassen haben, keine Beachtung geschenkt wurde und dass er neun Jahre lang immer wieder verhört wurde.

Der Vater von Halit Yozgat, erschossen im April 2006 in dem Internetcafé, das sie gemeinsam in Kassel betrieben haben, berichtet, dass ihm, nachdem er selbst seinen Sohn gefunden hat, keine Gelegenheit gelassen wurde, mit seiner Frau und seinen Töchtern zu sprechen.

Der Besitzer des Imbisses in Rostock, in dem Mehmet Turgut im Februar 2004 erschossen wurde, erzählt, dass er dreizehn Stunden lang verhört und ihm gesagt wurde, der Mordanschlag habe ihm selbst gegolten.

Gamze Kubaşık erzählt, ihrer ganzen Familie sei unterstellt worden, Drogen zu verkaufen, sie sei bei der Vernehmung unmittelbar nach dem Mord weder gefragt worden, ob sie der Vernehmung folgen könne, noch sei sie auf die Möglichkeit des Rechtsbeistandes hingewiesen worden. Die Polizisten hätten sich noch über sie lustig gemacht. Der Hinweis ihrer Mutter, dass es sich um Nazis gehandelt haben müsse, sei von der Polizei ausgeschlossen worden. Sie konnten ihre persönlichen Sachen nicht mehr aus dem Kiosk herausholen.

Die Schwester der jungen Frau, die durch den im Januar 2001 verübten Bombenanschlag auf das Lebensmittelgeschäft in der Kölner Probsteigasse schwer verletzt wurde, berichtet, dass sie unter Schock stehend direkt nach der Explosion isoliert und verhört wurde. Sie war damals vierzehn Jahre alt.

Zwei Zeugen, die im Juni 2006 gemeinsam auf der Kölner Keupstraße unterwegs waren und durch den Bombenanschlag schwer verwundet wurden, berichten, dass ihnen, nachdem sie im Krankenhaus aus dem Koma erwacht sind, jeweils nicht gesagt wurde, ob ihr Freund überlebt hat.

Ein anderer vom Anschlag auf die Keupstraße Betroffener erzählt, dass er noch am selben Tag sechs Stunden lang bis spät in die Nacht und fast vollständig entkleidet verhört wurde. Dabei seien ihm ausschließlich Fragen nach Kontakten zu organisierter Kriminalität gestellt worden.4)Die beiden letzten Aussagen habe ich selbst bei einem Prozessbesuch am 20. und 21. Januar 2015 gehört.

Im Zusammenhang mit den Anschlägen des NSU wiederholen sich bekannte Ermittlungs- und diskursive Praktiken der Opfer-Täter-Umkehr, der Verharmlosung rassistischer und neofaschistischer Gewalt und der Weigerung, den Opfern zuzuhören.5)Siehe etwa die Berichte der Opferberatungsstelle Sachsen. Neben der im Prozess angestrebten Aufklärung über die Dimension der ‚Ermittlungsfehler’ und die mindestens indirekte Unterstützung durch staatliche Organe, veranschaulichen die Berichte der Angehörigen und Betroffenen einen ‚alltäglichen’ Rassismus der Marginalisierung, Distanzierung und Exotisierung von Gewalt und des Nicht-Hörens von Gewalt-Benennungen, der sich in der Verunmöglichung von Trauer zuspitzt. Was bedeutet das für die Frage, inwiefern eine allgemeine Öffentlichkeit in der Lage ist, Rassismus und die durch ihn verursachten Verluste zu erkennen? „Wir sind bereits soziale Wesen mit komplexen sozialen Deutungen, sowohl wenn wir Entsetzen empfinden, als auch wenn wir überhaupt nichts empfinden.“ (Butler, Raster des Krieges 2010, S. 54) Gerade die Abwesenheit, das Fehlen von Empathie und Trauer, ist politisch.

Fußnoten   [ + ]

1. Siehe etwa Manuela Bojadžijev: „Wer von Rassismus nicht reden will. Einige Reflexionen zur aktuellen Bedeutung von Rassismus und seiner Analyse“. In: Imke Schmincke, Jasmin Siri (Hg.): NSU Terror. Ermittlungen am rechten Abgrund. Ereignis, Kontexte, Diskurse. Bielefeld: transcript 2013, S. 145-154.
2. Siehe Dostluk Sineması (Hg.): Von Mauerfall bis Nagelbombe. Der NSU-Anschlag auf die Kölner Keupstraße im Kontext der Pogrome und Anschläge der neunziger Jahre (Berlin: Antonio Antonio Stiftung 2014), Barbara John (Hg.): Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror für die Angehörigen bedeutet (Freiburg: Herder 2014).
3. Gamze Kubaşık: „Ich will nicht ewig Opfer sein“. In Barbara John: Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror für die Angehörigen bedeutet. Freiburg: Herder 2014, S. 129.
4. Die beiden letzten Aussagen habe ich selbst bei einem Prozessbesuch am 20. und 21. Januar 2015 gehört.
5. Siehe etwa die Berichte der Opferberatungsstelle Sachsen.

Wie sinnvoll sind Trigger-Warnungen in Veranstaltungen der Gender und Queer Studies?

In einer meiner Lehrveranstaltungen dieses Semesters, Gender und Medien, sind Darstellungen von Gewalt immer wieder Gegenstand des Unterrichts. Es handelt sich um ein Einführungsseminar, das einen Überblick über Fragestellungen und Methoden medienwissenschaftlicher Geschlechterforschung geben und ein Vermögen zur kritischen Analyse vermitteln soll. Auseinandersetzungen mit Gewalt sind dabei unvermeidlich. Den Einstieg ins Seminar bildet etwa die angstvolle Schaulust eines männlichen Protagonisten an häuslicher Gewalt und der Ermordung einer Nachbarin. Gemeint ist Hitchcocks Rear Window (USA 1954), ein ‚Klassiker’ des Forschungsbereichs, der in Verbindung mit Laura Mulveys psychoanalytischer Theorie des Kinoapparates diskutiert wird. In einem anderen filmischen Beispiel, Douglas Sirks Imitation of Life (USA 1959), das ich in Bezug auf die Whiteness von Filmtechnologie zeige, wird eine der weiblichen Hauptfiguren von ihrem rassistischen Freund brutal zusammengeschlagen. Eine Sichtung von Victor/Victoria (USA 1982) vermittelt die irritierende Beiläufigkeit, mit der in selbst nicht ganz konventionellen Geschlechter-Inszenierungen Szenen angedeuteter Vergewaltigung eingefügt sind. Zu den im Seminar diskutierten Beispielen muss viel mehr gesagt werden, als dass sie Gewaltdarstellungen beinhalten. Dennoch ist ihre Gewaltförmigkeit ein wesentlicher Bestandteil und häufig Ausgangspunkt für die kritische Analyse.

Die derzeitige Diskussion um Trigger-Warnungen und die Frage nach der verletzenden Wirkung von Bildern und Sprache veranlassen mich dazu, über den Umgang mit diesen in der Lehre und die Notwendigkeit einer entsprechenden warnenden Einführung nachzudenken. Trigger-Warnungen werden seit einiger Zeit verstärkt in den USA, seit letztem Jahr auch hier in aktivistischen und akademischen Kontexten und insbesondere auf Veranstaltungen der Gender und Queer Studies diskutiert. Dabei geht es um die Bitte, eine Warnung vor dem Zeigen expliziter Gewaltdarstellungen auszusprechen und so zu vermeiden, dass das Publikum von diesen überwältigt wird oder im schlimmsten Fall traumatische Erfahrungen ‚getriggert’, d.h. ‚Re-Traumatisierungen’ ausgelöst werden.1)Auf die Bitte um eine Einschätzung von entsprechenden Warnungen formulierten die Studierenden in meinem Gender und Medien-Seminar viele sehr bedenkenswerte sowohl befürwortende als auch kritische Argumente, die hier zum Teil in den Text einfließen. Ich möchte mich an dieser Stelle dafür bedanken. Ebenso danke ich Karin Michalski und Maja Figge für Diskussionen!

Schutz wovor?

Bereits die filmischen Mainstream-Beispiele des Seminars sind häufig sehr gewaltvoll, vielleicht nicht zufällig hat aber eine Dokumentation, die aus einer queeren Community heraus entstanden ist – The Brandon Teena Story (USA 1989) von Susan Muska und Gréta Olafsdóttir – die explizite Auseinandersetzung mit dem Zeigen von Gewaltdarstellungen im Seminar herausgefordert. Der Film hat auf viele, mich eingeschlossen, eine verstörende Wirkung, da darin eine als äußerst brutal dargestellte ländliche Gemeinschaft den Tod eines Transmannes verursacht. Auch ein anderer dokumentarischer ‚Klassiker’ queeren Films, Jennie Livingstons Paris is Burning (1990) wird durch den gewaltvollen Tod einer Transfrau strukturiert. Es sind diese Darstellungen, die insbesondere die Frage aufwerfen, wieviel den Studierenden und mir selbst zumutbar ist, welche Gewalt und in welcher Form diese notwendigerweise Gegenstand der Auseinandersetzung in einem Gender und Medien-Seminar und in den Gender Studies im Allgemeinen sein sollte.

In einem viel diskutierten Text hat Jack Halberstam auf dem queeren Blog Bully Bloggers die Notwendigkeit von Trigger-Warnungen in Frage gestellt. In Halberstams Text und ergänzenden Beiträgen auf dem Blog werden viele wichtige, vor allem kritische Argumente aufgeführt, auf die ich an dieser Stelle nicht genauer eingehen kann; so wird etwa die Forderung nach Trigger-Warnungen innerhalb einer neoliberalen Logik individualisierten Leidens und einer allgemeinen Verschiebung vom Politischen zum Therapeutischen, von politics zu policy betrachtet. Es wird die Frage möglicher Zensur-Effekte und des Unsagbarmachens von Gewalt diskutiert, wie auch der Umstand, dass insbesondere diejenigen Lehrenden durch die Forderung nach Trigger-Warnungen unter Druck geraten, die selbst aus einer prekären Position heraus sprechen. Ich finde manches in den Überlegungen auf Bully Bloggers problematisch2)Etwa der zum Teil penetrante Verweis auf die Humorlosigkeit der „getriggerten Generation“ und das Unterstreichen der eigenen Humorfähigkeit, ein Umstand, der Halberstam auf twitter die Bezeichnung als „sports dad of queer theory“ eingebracht hat, was ich wiederum ziemlich lustig finde und Halberstam selbst in einem Nachtrag zum ursprünglichen Blogeintrag zitiert., besonders bedenkenswert erscheint mir jedoch die Frage, welche Art der Verletzung eigentlich durch Trigger-Warnungen vermieden werden soll. Die Psychoanalytikerin Avgi Saketopoulou versteht in einem äußerst lesenswerten Beitrag den Begriff des Triggerns als Referenz auf die Freudsche Angsttheorie. Dabei gehe es darum, durch eine Warnung die Entstehung von Angstsignalen zu verhindern, womit Angstreaktionen gemeint sind, die jene Reaktionen wiederholen, mit denen das Ich auf eine frühere traumatische Situation reagiert hatte. Diese treten in einer Trigger-Situation in abgeschwächter Form auf, wodurch psychische Abwehroperationen ausgelöst werden.3)Vgl. Laplanche und Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1967, S. 68. Die Forderung nach Trigger-Warnungen beinhaltet also den Wunsch, Situationen zu vermeiden, die einer ursprünglichen traumatischen Situation ähnlich sind, um keine angstförmigen Reaktionen hervorzurufen, die paradoxerweise eigentlich ein psychischer Schutzmechanismus sind. Das Funktionieren von posttraumatischen Reaktionen bedarf natürlich der viel genaueren Betrachtung. Entscheidend ist hier für mich, dass Saketopoulou darauf hinweist, dass Angstsignale in keinem einfachen, linearen Verhältnis zum traumatischen Ereignis stehen, sie sind unbewusst und ihre Symptomatik (Angstattacken, Phobien, psychosomatische Phänomene) ist unvorhersehbar. Das bedeutet jedoch auch, dass Warnungen vor Darstellungen von ‚im Allgemeinen’ als gewaltvoll erachteten Situationen höchst wahrscheinlich nicht im eigentlichen Sinn als Trigger-Warnungen funktionieren. Während das, was Angstsignale auslöst, viel individueller und idiosynkratischer zu sein scheint, kann die Warnung vor verstörendem Material stattdessen den ungewollten Effekt hervorrufen, die kritische Auseinandersetzung mit dem Material von vornherein zu verstellen, weil eine verstörende Wirkung antizipiert wird.

Eine besondere Situation in den Gender und Queer Studies?

Die Rede vom Triggern und die Sorge um posttraumatische Reaktionen gehen also möglicherweise an dem vorbei, worum es bei der Bitte um Warnungen vor gewaltvollen Bildern eigentlich geht. Vielleicht ist dies nicht das Verhindern von ‚Re-Traumatisierung’, sondern der Wunsch, zumindest an einigen relativ ‚geschützten’ Orten nicht in derselben Weise alltäglicher und allgegenwärtiger Gewalt ausgesetzt zu sein, auf die der Begriff des Traumas nur bedingt anwendbar ist.4)Es wäre an dieser Stelle sinnvoll, über alternative Begriffe zum Traumatischen nachzudenken. Autor*innen der Queer Theory argumentieren seit einiger Zeit gegen eine zu leichtfertige Verwendung des Trauma-Begriffs und arbeiten an Konzepten wie „slow death“, um sich der Alltäglichkeit von, als nicht weniger desaströs verstandener, Gewalt jenseits von Trauma anzunähern. Siehe Lauren Berlant: „Slow Death (Sovereignty, Obesity, Lateral Agency)“. In: Critical Inquiry, Vol. 33, No. 4 (Summer 2007), S. 754-780. Die Wirksamkeit von Trigger-Warnungen in Frage zu stellen, soll nicht bedeuten, die alltägliche Erfahrung homophober, transphober, rassistischer, sexistischer, normativer Gewalt, die für viele von schwerwiegender Realität ist, zu relativieren oder sich mit der Formulierung von Allgemeinplätzen wie der generellen Unmöglichkeit sicherer Räume zufrieden zu geben. Die Frage ist, inwiefern der verständliche Wunsch nach einem entlastenden Raum in den Gender und Queer Studies von besonderer Bedeutung ist, ein Raum, in dem es möglich wäre, die von vielen sich im Alltag angeeignete „defensive Wachsamkeit“ (Saketopoulous) zumindest vorübergehend aufzugeben. Die Frage ist jedoch auch, inwiefern diesem Wunsch zugleich in besonderer Weise nicht entsprochen werden kann, weil eben die Gewaltförmigkeit sozialer Beziehungen zentraler Gegenstand der kritischen Analyse ist.

In ein anderes Verhältnis zum Persönlichen treten

Zumal sich Vorstellungen von Schutz und Entlastung stark unterscheiden können. Gerade die Auseinandersetzung mit gewaltvollen Darstellungen kann als Entlastung empfunden werden, wenn es gelingt, durch das Benennen gewaltvoller Realität eine Möglichkeit zur Distanzierung von dieser zu schaffen, eine Voraussetzung für das kritische Verstehen ihrer Funktionsweisen:

„… stepping back from the personal or, put another way, stepping differently in relation to it … because the capacity to analyze and alter the embedded structures that reproduce social inequalities and sometimes murderous violence require precisely this separation.“
— Ann Peligrini (2014), Classrooms and Their Dissed Contents

Die Konfrontation mit Darstellungen von Gewalt führt im besten Fall dazu, ein Verhältnis zu dieser einzuüben, das es ermöglicht, nicht immer wieder von ihr grundlegend erschüttert zu werden. Zugleich ist dies natürlich eine Frage des Wie. So fragen die Studierenden im Gender und Medien-Seminar berechtigterweise, warum es nicht möglich sein sollte, vor dem Zeigen gewaltvoller Bilder auf diese hinzuweisen, was nicht in Form von Trigger-Warnungen geschehen muss. Solche Hinweise, die in der Regel wenig diskutiert werden, aber in den Gender und Queer Studies vermutlich an vielen Orten übliche Konvention sind, können als Ausdruck des Anerkennens einer allgemeinen Verletzbarkeit verstanden werden, als Explizit-Machen von Verletzbarkeit als Grundlage für die notwendige, aber zugestanden schmerzhafte Auseinandersetzung mit einer Gewaltförmigkeit, der alle, einschließlich vieler Lehrenden zu häufig nicht ausweichen können. Dieser Umstand und der Wunsch, auf dieser Grundlage ein distanzierendes, zur Analyse befähigendes Verhältnis zur Gewalt zu finden, ist ja gerade für viele Lehrende und Forschende in den Gender und Queer Studies ursprüngliche Motivation ihrer Arbeit.

Der Wunsch nach Trigger-Warnungen scheint mir – neben aller berechtigten Kritik – eine Aufforderung an die Lehrenden der Gender und Queer Studies zu beinhalten, sich der eigenen Voraussetzungen zu erinnern. Saketopoulou formuliert das sehr elegant:

„How does one keep in mind the tension between the fact that the most powerful transference magnet for the materialization of those reparative wishes, might after all be subjects who may themselves be the most highly permeable to trauma – the professor whose intellectual commitments lie in areas that take note of and speak back to structural and social inequalities?“
— Avgi Saketopoulou (2014), Trauma Lives Us

Möglicherweise enthält die erhitzte Diskussion um Trigger-Warnungen den Versuch einer Distanzierung auf Seiten der Lehrenden, nicht von der Auseinandersetzung mit Gewalt, aber von dem Eingeständnis, dass auch analytische Distanzierung nicht davor verwahrt, von ihr getroffen zu werden.

Es ist sicherlich noch viel mehr zu der Frage der Trigger-Warnungen zu sagen, bei der es ja letztlich auch darum geht, in welcher Weise und unter welchen Umständen Bilder und Sprache verletzen können.

Fußnoten   [ + ]

1. Auf die Bitte um eine Einschätzung von entsprechenden Warnungen formulierten die Studierenden in meinem Gender und Medien-Seminar viele sehr bedenkenswerte sowohl befürwortende als auch kritische Argumente, die hier zum Teil in den Text einfließen. Ich möchte mich an dieser Stelle dafür bedanken. Ebenso danke ich Karin Michalski und Maja Figge für Diskussionen!
2. Etwa der zum Teil penetrante Verweis auf die Humorlosigkeit der „getriggerten Generation“ und das Unterstreichen der eigenen Humorfähigkeit, ein Umstand, der Halberstam auf twitter die Bezeichnung als „sports dad of queer theory“ eingebracht hat, was ich wiederum ziemlich lustig finde und Halberstam selbst in einem Nachtrag zum ursprünglichen Blogeintrag zitiert.
3. Vgl. Laplanche und Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1967, S. 68.
4. Es wäre an dieser Stelle sinnvoll, über alternative Begriffe zum Traumatischen nachzudenken. Autor*innen der Queer Theory argumentieren seit einiger Zeit gegen eine zu leichtfertige Verwendung des Trauma-Begriffs und arbeiten an Konzepten wie „slow death“, um sich der Alltäglichkeit von, als nicht weniger desaströs verstandener, Gewalt jenseits von Trauma anzunähern. Siehe Lauren Berlant: „Slow Death (Sovereignty, Obesity, Lateral Agency)“. In: Critical Inquiry, Vol. 33, No. 4 (Summer 2007), S. 754-780.