Autor: Axeli Knapp

Die Wegbegleiterin

Die Erfahrung, in Bewegung zu sein, gründet in der Erfahrung von Resonanz. Auf Antworten stoßen, Widerhall finden, wirksam werden – das trägt, das bindet und ist doch aus demselben Stoff, aus dem sich Projektionen kollektiver Stärke und die trügerische Gewissheit von Gemeinsamkeit speisen können. Keine der feministischen Denkerinnen der Anfangsjahre der neuen Frauenbewegung in der Bundesrepublik hat diese Ambivalenz eindrücklicher ausgeleuchtet als Christina Thürmer-Rohr. Ihre kompromisslose Zurückweisung aller Unterstellungen einer Gleichbetroffenheit und Ähnlichkeit von Frauen als Opfer oder „letzten Ausweg“ (Garaudy) schlug bei der Veröffentlichung 1987 hohe Wellen. Ich erinnere bis heute das Gefühl einer Aufregung, die mich bei der Lektüre erfasste, einer Aufregung die sich einer bis dahin nicht gekannten Mischung aus grundsätzlicher Zustimmung, ja, Verbundenheit, und inhaltlichen Vorbehalten in einigen Details verdankte.

Auch wenn die Zersetzung feministischer Grundüberzeugungen in den Vagabundinnen-Essays (Thürmer-Rohr 1987) von Ferne an die in etwa zeitgleich formulierten Kritiken Schwarzer Feministinnen aus den USA und England erinnert und eine Emphase zeigt, die der späteren poststrukturalistischen Dekonstruktion eines Kollektivsubjekts „Frauen“ ähnelt, ist Christina Thürmer-Rohrs Kritik in einer unverwechselbaren Tonlage formuliert. Dies hat nicht nur etwas mit der Unverwechselbarkeit einer individuellen Ausdrucksweise zu tun, die es zweifellos ist. Diese bildet sich selbst aber in einem gesellschaftlich-kulturellen Kontext heraus, einem spezifischen historischen Resonanzraum, der unsere Wahrnehmung einfärbt und die Motive nahelegt, die das Denken und Sprechen in Bewegung bringen. Die historische Überantwortung bestimmter Probleme beeinflusst auf vielfältige Weise unsere Art des Fragens, des wühlenden Forschens, des Hindenken-Müssens und die damit verbundenen affektiven Besetzungen, auch wenn wir dessen nicht immer gewahr sind. Wir können es weder erzwingen noch verhindern, dass auch auf diese Weise Resonanzpotential entsteht, Resonanz zwischen denen, die eine geschichtliche Erfahrung teilen. Und doch ist das etwas Anderes als pure Zeitgenossinnenschaft, Kontemporalität, Kohortenschicksal. Man muss das historisch Nahelegte auch aneignen, das Hindenken-Müssen wollen, das Hindenken-Wollen müssen.

Die Trümmer vergangener Katastrophen liegen in der Gegenwart. Und es sind viele. Christina Thürmer-Rohr denkt aus der Fassungslosigkeit heraus, aus der Verzweiflung über den Wahnsinn einer Geschichte von Kriegen und Vernichtung, einer Geschichte, die nicht vergeht, sondern sich in immer neuen Steigerungen fortschreibt. „Dass es ‚so weiter‘ geht ist die Katastrophe“, schreibt Walter Benjamin (1982, 592) im Passagenwerk. Und an dem, was diese furchtbare Kontinuität ermöglicht, an dem Überhang an Vergangenem, der in die Zukunft ausgreift und die Möglichkeiten immer schon verstellt hat, arbeitet sie sich ab. Das ist das Lot, das Maß ihrer keineswegs unmäßigen Kritik. Unmäßig ist allein der gesellschaftliche Wahnsinn, die „monströse Bösartigkeit der Fakten unserer Zeit“ (Thürmer-Rohr 1987b, 23): „…in diesem Jahrhundert gab es Vor- und Einübungen in die Gegenwart, die kaum eine menschliche Phantasie sich bis dahin auszudenken getraut hat“ (Thürmer-Rohr 1987b, 21). Und keiner solle mehr sagen, die Lage sei nicht klar.

Die existenzielle Dringlichkeit ihres Denkens, die in immer neuen Wendungen umkreiste Erfahrung, mit Worten das nicht fassen zu können, um was es eigentlich geht, sind mir sehr nah. Christina Thürmer-Rohrs Empfindlichkeit für Sprache, das überscharfe Bewusstsein für die Korrumpiertheit der Begriffe, mit denen wir die Gegenwart begreifen und zu gestalten beanspruchen (Frieden, Fortschritt, Zukunft, Modernität, Humanisierung), für den Selbstbetrug, den wir begehen, wenn wir uns Paradiese ausmalen und uns selbst Schöndenken – sie stehen für eine Form des Welt- und Selbstbezugs, die im akademisch gewordenen Feminismus unserer Tage seltener geworden ist. Vernehmbarer als das schonungslose Aussprechen eigener Sprachlosigkeit ist heute eine professionalisierte Gender- und Diversity-Expertise, die sich zuweilen allzu mimetisch zum Gerede der Humankapitalisten verhält und das, wenn schon nicht für selbstverständlich, so doch für taktisch geboten ansieht.

„Wir müssen alles neu überdenken. Wir sind zurückgeblieben“, schreibt Christina Thürmer-Rohr in dem Essay „Abscheu vor dem Paradies“ (1987b, 36), und ich erinnere gut, dass ich diese Einschätzung, diesen Impetus, aufs Ganze zu gehen, aus vollem Herzen ebenso teilte, wie die Ahnung, dass Wissenschaft, die sich für dieses Vorhaben als allein autorisiert ausgibt und auf deren Versprechen auch ich mich eingelassen hatte, nicht hinreicht. „Hier ist momentan nur noch antisystematisch und aphoristisch weiterzumachen, oder lyrisch oder musikalisch“ (ebd.). Ja!

Und doch führt in der feministischen Kritik, sofern sie sich auch in theoretisch reflektierenden Formen und in der Tradition einer Aufklärung artikulieren will, die ihr Scheitern zu begreifen sucht, kein Weg an der Mühsal der Ebenen vorbei. Was bleibt anderes, als an der Aufgabe festzuhalten, mit Begriffen gegen Begriffe zu denken (Adorno 1970, 19) und der Arbeit an einem Reflexionsvermögen, das sich nicht abschottet und professionell verengt. Das von der Musik lernt, von der Poesie und von allen Facetten der Vernunft.

In einem Punkt gab es zum Zeitpunkt der Mittäterschaftsdiskussion ein Moment der Nichtübereinstimmung. Das betraf die Auffassung von einem weiblichen Sozialcharakter. In Abgrenzung gegenüber jenen, die in „Weiblichkeit“ lediglich ein ideologisches Konstrukt sahen, fasste Christina den Sozialcharakter als „Realisierungen (patriarchaler Zuschreibungen von Weiblichkeit) im Verhalten, Denken, Fühlen etc. der Frau“ (Thürmer-Rohr 1989, 87). Diese Verbindung zwischen Verhältnissen und Verhalten erschien mir kurzschlüssig. Mit Susanne Kappeler, die das Roundtable-Gespräch der Mittäterschaftstagung kommentierte, fand ich es richtig, auf der Notwendigkeit der gründlichen Unterscheidung zwischen Weiblichkeit und Frauen zu insistieren. Mit Christina teilte ich die Frage nach der Verinnerlichung von bürgerlichen Weiblichkeitsnormen und deren Kritik, fand aber Antworten plausibler, die den widersprüchlichen und durch andere Verhältnisse gebrochenen Charakter des Zusammenhangs von Individuation und Vergesellschaftung auch in der geschlechtstypisierenden Sozialisation ernst nahmen.

In der Musik bezieht sich Resonanz auf Schwingungen, auf Widerhall und Steigerung, auch auf das Mitschwingen von Saiten, die nicht gespielt werden. Für mich ist Christina eine wichtige Wegbegleiterin – auch ohne kontinuierliche Begegnung oder persönlichen Austausch. In ihren Texten habe ich eine Stimme gehört, die etwas auslöste, weil sie etwas mir Wichtiges auf ganz andere Weise ausdrückte, als ich es vermocht hätte. Das klingt nach.

Literatur

Adorno, Theodor W. (1970): Negative Dialektik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Benjamin, Walter (1982): Das Passagen-Werk. In: ders. Gesammelte Schriften, Bd. V. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Thürmer-Rohr, Christina (1987): Vagabundinnen. Feministische Essays. Berlin: Orlanda Frauenverlag.

Thürmer-Rohr, Christina (1987a): Das Ende der Gewißheit. In: Vagabundinnen. Feministische Essays, dies., Berlin: Orlanda Frauenverlag, 9-20.

Thürmer-Rohr, Christina (1987b): Abscheu vor dem Paradies. In: Vagabundinnen. Feministische Essays. Berlin: Orlanda Frauenverlag, 21-37.

Thürmer-Rohr, Christina (1989): Mittäterschaft der Frau – Analyse zwischen Mitgefühl und Kälte, In: Mittäterschaft und Entdeckungslust. Hrsg. von Studienschwerpunkt „Frauenforschung“ am Institut für Sozialpädagogik der TU Berlin. Berlin: Orlanda Frauenverlag, 87-104.

Dispossession. Eine Nachlese

Beim Lesen werde ich oft zur Anstreicherin. Fesselt mich ein Text, ob durch Anziehung oder Irritation, unterstreiche ich mit dem Bleistift unentwegt Sätze oder ganze Passagen, als wären die Bewegungen der Hand kurzgeschlossen mit den Bewegungen der Gedanken und Gefühle. Seit es „Film-Pagemarker“ gibt, klebe ich auch noch. In grün, lila, gelb und rot werden Seiten und Stellen markiert, die mir als wiederfindens- und bedenkenswert vorkommen. Jetzt ist Büchern schon von außen anzusehen, dass sie etwas mit mir gemacht haben – und ich mit ihnen. Zwar markiere ich unsystematisch, aber nicht grundlos. In meinen Regalen finden sich Werke, aus denen allenfalls vereinzelt Klebchen ragen. Andere Bände wiederum fallen dadurch ins Auge, dass sie aussehen, als hätten sie Frisuren: Papierene Punks mit Haaren aus Markern, die wie ein Irokesenschnitt im Profil abstehen. Ein solcher Buch-Punk entstand mit einer Lektüre aus dem Spätherbst 2014: Die Macht der Enteigneten. Ein Gespräch zwischen Judith Butler und Athena Athanasiou. Der Titel des englischen Originals macht deutlicher, worum es darin geht: Dispossession. The Performative in the Political.

Die Frage, der die beiden Theoretikerinnen in dem als Zwiegespräch angelegten Band nachgehen, ist die, was unter heutigen gesellschaftlichen Bedingungen als Kritik und widerständige Praxis zu verstehen sein könnte. Antworten darauf suchen sie in einem ebenso assoziations- wie aufschlussreichen Dialog, in dessen Zentrum der Begriff und die Erfahrung von „Enteignung“ stehen. Dieser Fokus ist nicht willkürlich gewählt, er basiert auf der Überzeugung einer folgenreichen Verklammerung von „Sein und Haben“ im „politischen Imaginären der westlichen (post)kolonialen kapitalistischen Moderne“ (Athanasiou). Politische Praxis, die sich als kritische begreift, muss sich damit sowohl als Bedingung ihrer eigenen Möglichkeit als auch als Bedingung ihres möglichen Scheiterns auseinandersetzen. Wie aber lässt sich Kritik denken, die die „liberale Logik des Eigentums“, die auch noch die Politiken von Anerkennung durchzieht, nicht reproduziert, sondern zu transzendieren sucht?

Enteignung“ im Kontext

„Enteignung“ wird in dem Gespräch nicht systematisch entfaltet, dagegen sperrt sich das dialogische Format, wohl aber wird der Begriff durch Kontextvariation und verschiebende Wiederholung angereichert, bis seine unterschiedlichen Facetten sowohl als Gegenstand wie als Voraussetzung von Kritik erkennbar werden. Als Gegenstand und Anlass von Kritik ist „Enteignung“ vertraut, vor allem im politisch-ökonomischen Verständnis: Enteignung von Land und von Mitteln des Überlebens, Enteignung als Vertreibung, Unterwerfung, Erwerbs- und Obdachlosigkeit. In diesem Bezugsfeld geht es Butler und Athanasiou darum, gegen eine von ihnen registrierte Wiederkehr ökonomistischer Argumente in der Linken, zu betonen, dass auch „an der Ökonomie nichts rein ökonomisch“ sei. Wie sowohl die Vermittlung als auch die Differenz zwischen Ökonomischem und Kulturellem gedacht werden könnte, diese Frage wird zwar aufgeworfen, aber nicht näher verfolgt. Die richtige Aussage, dass an der Ökonomie nichts rein ökonomisch sei, bedeutet ja nicht, dass Ökonomie nichts als Kultur und dass am augenscheinlich „Nicht-Ökonomischen“ nichts ökonomisches ist.

Auf die eher beschwörend als bestimmend wirkenden Großformeln, wie sie vor allem Athena Athanasiou immer wieder in das Gespräch einbringt („Der Kapitalismus unserer Tage, eingelassen in eine neoliberale Gouvernementalität, verschmilzt mit einem biopolitischen Sozialdarwinismus, mit allen Implikationen im Hinblick auf Rasse, Geschlecht, Sexualität, Klasse und Fähigkeiten. Dieses Biopolitische bildet (….) den Kern der Logiken, Phantasien und Technologien, aus denen sich die politischen und moralischen Ökonomien unserer spätliberalen Gegenwart speisen.“ S.64), antwortet Judith Butler mit ebenso beharrlichen wie vorsichtigen Rückfragen und Differenzierungen, denen man den Respekt vor historischer Komplexität anmerkt. Diese Art der Rücksichtnahme ist mir sehr nah. Aber ich kann auch die Wut und das Moment der Verzweiflung über die gesellschaftlichen Zustände nachvollziehen, die sich in Litaneien der Kritik Ausdruck zu verschaffen suchen und doch durch sie nicht zu beschwichtigen sind.

Als subjektive Bedingung von Kritik erscheint Ent-Eignung im Kontext der posthumanistischen, dekonstruktiven und psychoanalytischen De-Zentrierung der Vorstellung eines mit sich identischen, souveränen, possessiven Individuums, die Athanasiou und Butler, von verschiedenen Ansatzpunkten ausgehend, teilen. Für Judith Butler ist die wechselseitige Abhängigkeit Voraussetzung von Verletzbarkeit; in der Einsicht in diese Abhängigkeit sieht sie aber auch eine Voraussetzung für die Ausbildung von Mitgefühl, von Kritikpotentialen und Motiven des Aufbegehrens. Pointiert formuliert sie: „Nur weil wir schon Enteignete sind, können wir enteignet werden. Unsere Abhängigkeit voneinander begründet unsere Verwundbarkeit durch gesellschaftliche Formen des Entzugs.“ (17)

Der Satz lässt die enorme Spannweite der Phänomenbereiche, inklusive damit verbundener affektiver Problematiken, erahnen, die in den Suchbewegungen der Gesprächspartnerinnen berührt werden. Er reicht von anthropologisch-ontologischen Sondierungen der conditio humana und der Unausweichlichkeit der Begegnung mit Alterität außerhalb unserer und in uns selbst, bis hin zu zeitdiagnostisch gefärbten Feststellungen über die Krisen der Gegenwart und die performative Dimension in zeitgenössischen Formen des Widerstands, die anhand zahlreicher Beispiele präsentiert werden.

Der großen Spannweite der angesprochenen Themen verdanken sich viele Anregungen. Sie führt aber auch dazu, dass das Gespräch immer wieder mal zu einer Rutschpartie zwischen unterschiedlichen Ebenen von Abstraktion und Konkretion wird. Variierende Wiederholungen können systematische Explikation nicht ersetzen, aber, wie gesagt, ein offener Dialog wäre von vornherein eine falsche Adresse für solche Erwartungen. Zugleich macht es die Gesprächsform möglich, die Gratwanderung, die den Beteiligten bewusst ist, zwischendurch immer mal wieder auf einer Metaebene zu thematisieren. Etwa, wenn Judith Butler darauf hinweist, dass es den Unterschied zu verstehen gälte, „der zwischen Gefährdetheit als einer existenziellen – und somit allen gemeinsamen – Kategorie und der prekären sozialen Lage besteht, die auf eine herbeigeführte Ungleichheit (…) zurückgeht.“ (38)

Fortunes of Feminism

In der Nachlese zu „Dispossession“ ist mir nicht nur deutlicher aufgefallen, was unausgeführt geblieben oder sogar problematisch ist, die Re-Lektüre bestätigte auch, dass hier einige „Fortunes of Feminism“ geborgen und zu heben sind.

Erstmals las ich „Die Macht der Enteigneten“ zu der Zeit, in der ich als Bloggerin der feministischen studien unter anderem über „facebook-Intelligibilität“ schrieb und mein Unbehagen an der paradoxen Proliferation identitärer Kästchen im Zeichen queerer Politik in einem Blogeintrag ausdrückte. Meiner Kritik ebenso sicher wie unsicher, und in bad need of discussions, die es nicht gab, war ich froh, in dem Kapitel über „Anerkennung und Überleben – oder Anerkennung überleben“ Vieles von dem angesprochen zu finden, was mich in dem Zusammenhang beschäftigte. Das betrifft besonders die Spannung zwischen einer Kritik liberaler Formen und Logiken von Anerkennung, wie sie Athena Athanasiou in dem Band mit Vehemenz vorträgt, und der Unmöglichkeit, diese Optionen mit ihren Vorgaben einfach zu negieren. Judith Butler erinnert in diesem Teil des Dialogs an einen Gedanken Gayatri Chakravorti Spivaks, die mit Blick auf den Liberalismus gesagt hat, er sei „das, was wir nicht nicht wollen können.“ Aus der doppelten Negation, einer Form, auf die Butler in ihren Texten des Öfteren zurückkommt, entsteht jedoch kein Positives, in diesem Fall keine Affirmation des Liberalismus. Es öffnen und erweitern sich die Denkmöglichkeiten, die sich in einer nur verwerfenden, für mich „undialektischen“ Kritik im Adornoschen Sinne, verengen müssen, bis es nicht mehr geht. Kritik aber, die ihre eigenen Möglichkeitsbedingungen untergräbt, wird haltlos.

Zwei Eindrücke möchte ich in meiner Nachlese zu „Dispossession“ noch festhalten. Die vielen Anstöße, die als unausgeführte „loose ends“ übrig bleiben, mögen manche enttäuschen. Sie stellen aber zugleich mehr als jeder systematische und damit zumindest tendenziell geschlossenere Versuch eine Aufforderung zum Mit-, Weiter- und auch Gegenandenken dar. Insofern drückt vielleicht gerade das Unfertige, Vorläufige mehr vom status quo situierter Kritik unter Bedingungen eines weltweiten Interdependenzzusammenhangs aus, als die verbreitete selbstgewisse Rechtgläubigkeit im Feld des Politischen es könnte. Die Einsätze der Gesellschaftskritik sind heute divers. Dem historisch gewordenen Überhang an gesellschaftlicher Vermittlung, der irrationalen sozio-ökologischen „Gewalt des Zusammenhangs“ (Negt), der sich niemand mehr entziehen kann, nähern wir uns aus notwendig partialer Perspektive an, ohne uns damit abfinden zu können. Sich in diesem Sinne sowohl durch unhintergehbare Diversität als auch durch ein Übermaß an unverfügbarer gesellschaftlicher Objektivität „ent-eignet“ zu sehen spiegelt die Ohnmacht des Gedankens und der kritischen Praxis. Reflexiv gewendet bedeutet das aber auch die Chance, der Gefahr der Selbsttäuschung, der Hybris von theoretischer wie praktischer Kritik innezuwerden, ohne zu resignieren. Das Gegenmittel zur amoklaufenden Kritik heißt noch immer: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten, Nicht-aufgeben. In jeder dieser Hinsichten bleibt man auf andere, auch auf ganz andere, verwiesen.

Der zweite Eindruck betrifft Ungleichzeitigkeiten in der Tradierung kritischer Theorien und das Problem einer (affirmativen) Aneignung von Kritik. In dem Dialog wird dies Problem besonders plastisch an der Stelle im Abschnitt „Sexuelle Enteignungen“, an der Athena Athanasiou Gedanken zur Performativität von Geschlecht aus Butlers „Körper von Gewicht“ referiert und sie mit Irigarays Idee einer „kritischen Mimesis“ in Beziehung setzt. Judith Butler reagiert auf Athanasious Interpretation durch diplomatisch formulierten Entzug: „…angesichts deiner Ausführungen frage ich mich, ob ich noch jene Sicht der Dinge teile.“ (78) Die Spiegelung in einer aneignenden Zusammenfassung von Gedanken aus einem von ihr vor circa zwanzig Jahren verfassten Text befremdet Butler und sie fragt – mit leicht foucauldianisch angehauchter Koketterie – zurück: „Wer war die Person, die solche Positionen vertrat?“ (78)

Selbst wohlmeinende Aneignung, nicht selten von identitifikatorischen Bedürfnissen getragen, ist nicht vor der Gefahr gefeit, lebendige Kritik durch Stillstellen und Entkontextualisierung zur „Position“ gerinnen zu lassen, die keine Entwicklung mehr zulässt, die nicht mehr zur Dis-position steht. Die Theoriestenogramme des doxographischen.Diskurses, des Redens über anstatt des Gebrauchens von Theorien, der zunehmend weitere Teile der akademischen Ausbildung bestimmt, verschärfen das Problem. Sie machen aus kritischem Denken Glaubenssätze und Kategoriengeklapper. Und sie machen aus der lebendigen, manchmal leidenschaftlich vorpreschenden, aber immer wieder differenzierenden, lernenden, nach- und weiterdenkenden Judith Butler eine de-finierte, eine verendgültigte Klassikerin.

Fortzusetzen

Wenn Ungleichzeitigkeiten in der Zugänglichkeit von Texten und der Rezeption hinzukommen, begünstigt das Blockaden im feministischen Widerstreit der Gegenwartsdeutungen und Konzepte, die wir uns angesichts der drängenden Probleme nicht leisten können. In der aktuellen deutschsprachigen Debatte über das kritische Potential des Gender-Begriffs nehme ich eine Art Lagerbildung zwischen Kritikerinnen wahr, die das Gender-Konzept (oft aus einer lacanschen Perspektive) mit klugen Argumenten kritisieren und anderen, die es mit ebenso nachvollziehbaren Begründungen verteidigen. Tove Soiland wirft der dekonstruktiven Gendertheorie vor, dass diese ihre eigenen Prämissen ontologisiere und damit der kritischen Reflexion entziehe. So sei immer schon voraus gesetzt, dass im Rahmen der heterosexuellen Matrix die Geschlechter als zwei binär aufeinander bezogene Positionen hervorgebracht würden. Dagegen gehe die Theorie der sexuellen Differenz, die ebenfalls eine nicht-essenzialistische Vorstellung von Geschlechterunterschieden vertrete, von einer tiefreichenden Asymmetrie im Bereich der androzentrischen symbolischen Ordnung aus, die nur für die männliche Seite überhaupt eine Subjektposition vorsehe. Insofern „gibt“ es in dieser Sicht keine zwei Geschlechter.

Im Dialog zwischen Judith Butler und Athena Athanasiou finden sich etliche Anhaltspunkte dafür, dass man bei diesen, so abstrakt gefasst: schlechten, Alternativen nicht stehen bleiben muss. Expliziter als früher und anderenorts macht Judith Butler klar, dass sie den Zusammenhang zwischen Sex, Gender und Begehren als historisch spezifischen sieht, der also auch in seinen Konstellationen und Veränderungen nur als spezifischer erfasst werden kann: „Ich würde nicht behaupten wollen, die Regulierung der Geschlechtsidentität stehe einzig und immer schon im Dienst der Regulierung von Sexualität, noch die Regulierung der Sexualität finde ihren Hauptzweck in der Stabilisierung von Geschlechternormen. Mitunter kann das zutreffen, aber zweifellos tritt ebenso oft der Fall ein, dass diese beiden Regulierungsweisen in entgegengesetzte Richtungen wirken oder auf eine Art, die für die jeweils andere relativ gleichgültig bleibt.“ (70)

Butler gibt als ihr spezifisches Interesse an, wie sich Machtverhältnisse „in die Register primärer Sensibilität“ einschreiben, wie sie sich so in uns festsetzen, dass sie zu einer „gewissermaßen unwillkürlichen Dimension unseres somatischen Lebens werden“ (136). Dennoch weiß sie zu gut, dass das Feld der dadurch eröffneten wichtigen Fragen nicht das ganze Feld der Antworten abdeckt, derer die Kritik der Gegenwartsgesellschaft bedarf. Sie schlägt selbst den Bogen zurück, wenn sie ihre Auseinandersetzung mit Prekarität in Beziehung setzt zu einer Tradition, die heute fast stereotyp als „Gegenposition“ zum Poststrukturalismus behauptet wird: „In gewissem Sinne stehen wir erneut vor einer Herausforderung, der sich vor ein paar Jahrzehnten sozialistische Feministinnen gestellt hatten.“ (67)

Den gegenwärtigen Schatzsucherinnen und -bilderinnen feministischer und queerfeministischer Theorie ist es überlassen, solche Einladungen zur Fortsetzung anzunehmen.

Berlin, Berlin und anderswo…
Achter de Dieken

… Vierter und letzter Teil der Reihe

Um zu wissen, was „Achter de Dieken“ passiert, muss man hinter die Deiche gehen. Der Blick auf den Horizont verändert sich von dort. Im abschließenden Blogeintrag will ich zwei Eindrücken, die von meinen Besuchen frauen- und gleichstellungspolitischer Einrichtungen in der nördlichen Provinz geblieben sind, genauer nachgehen. Der erste bezieht sich auf das verwickelte Verhältnis zwischen feministischer Theorie und frauen- bzw. geschlechterpolitischer Praxis, der zweite auf Veränderungen im Feld der Vernetzungen, die feministische Öffentlichkeit ausmachen.

Die Gespräche haben mir einmal mehr in Erinnerung gerufen, dass die Differenz zwischen Theorie und Praxis in zentralen Hinsichten unhintergehbar ist. Gleichwohl können beide nicht ohne einander bestehen. Diese altbekannte Spannung im Herzen des Feminismus ist nicht aufzuheben, wohl aber muss sie in ihren historisch veränderlichen Ausprägungen bearbeitet werden. Gegen unmittelbare Nützlichkeitsansprüche an Theorie, die seit einiger Zeit an den Hochschulen grassieren, gilt es, auch die Räume für Feminismus als handlungsentlasteter theoretischer Kritik und kritischer Theorie zu verteidigen. Diese müssen sich die Freiheit nehmen können, auf’s Ganze zu gehen, Zusammenhangsanalyse und pointierte Gesellschaftsdeutung zu betreiben, im Selbstbezug den nicht-intendierten Wirkungen und Ausschlüssen feministischer Kritik und frauenpolitischen Handelns nachzugehen, radikal und negatorisch („dies so nicht!“) zu denken und sich in entschieden unpragmatischer Weise zu äußern. Kritik muss auch das Risiko eingehen, nicht auf breite Zustimmung zu stoßen, bisher unsichtbaren oder kleingeredeten Problemen „einen Namen“ zu geben und sie damit öffentlich und politisch bearbeitbar zu machen. Praxistauglichkeit ist dabei weder ein Kriterium für die Richtigkeit noch für die Berechtigung ihrer Deutungen. Feministische Theorie würde sich jedoch ad absurdum führen, wenn sie gar nicht mehr auf gesellschaftliche Veränderung abzielte und deren aktuelle Möglichkeit als Problem kritischer Praxis reflektierte. Dass derartige Reflexionen auch in Gender-Kompetenz-Einrichtungen stattfinden können, die selbst von Trends profitiert haben, die dem theoretischen Feminismus das Wasser abgraben, gehört zu den Paradoxien des status quo feministischer Kritik.

In anderer Weise betreffen derartige Spannungen bzw. Widersprüche die frauen- bzw. geschlechterpolitische Praxis. Dies gilt sowohl für die institutionell eingebetteten Formen der Gleichstellungsarbeit, die Beratungsarbeit in Frauenzentren als auch für die feministischen Projekte und Aktionen in den radikaldemokratischen Experimentierfeldern zwischen Kunst und Politik. Jede dieser Praxen „weiß“ implizit mehr, als sich in ihren einzelnen Akten manifestiert. Sie „weiß“ auch um ihre Reichweite, ihre Grenzen, vielleicht auch um ihre gegenläufigen Effekte. Gleichzeitig nötigen die Legitimationsformen, in denen sie präsentiert werden, und die Anerkennungsbedingungen, denen sie unterliegen, immer wieder dazu, dieses implizite „Mehr“-Wissen nicht nur öffentlich nicht auszusprechen, sondern – je nach Kontext – es durch Erfolgs- und Innovationsverheißungen oder radikale aktivistische Rhetorik sogar aktiv zu desartikulieren. Das „mehr“ im implizit Gewussten kann Kritik beschwichtigen, es unterläuft aber auch bornierte Selbstgenügsamkeiten. Damit tangiert es die säuberlichen Zuordnungen von kritischem versus affirmativem Geschlechterwissen und praktischem Handeln, die sich in Beschreibungen des feministisch/geschlechterpolitischen Feldes so häufig finden. Wie aber koexistieren oder verbinden sich managerielle, sozialtherapeuthisch-beratende, pädagogische, politische und theoretisch-reflexive Aspekte des geschlechterbezogenen Wissens in den jeweiligen Handlungsfeldern? Mit welchen Gründen und von wo aus wird welche Form des Wissens, welche Form der Praxis als affirmativ, kritisch und/oder subversiv bezeichnet? Gibt es dazu einen feministischen Common Sense? Nein! Gibt es dazu eine feministische Kontroverse? Nein, jedenfalls nicht im Sinne eines das Feld strukturierenden Widerstreits.

Der andere Eindruck, den ich von meinen Ausflügen mitgebracht habe, betrifft die große Rolle von Vernetzungen und Bündnissen, die für meine Gesprächspartnerinnen im Gleichstellungsbüro und im Frauenzentrum einen wichtigen Bezugspunkt ihrer Arbeit darstellen. Auch wenn nicht alle Bezüge ständig aktualisiert werden und auch nicht alle im Alltag der Einrichtungen von gleichem Gewicht sein mögen, so gehören sie doch zum weiteren Horizont, in dem die eigene Praxis gesehen, ausgeübt und legitimiert wird.

Während ich diesen Eintrag schreibe, liegt neben mir auf dem Fußboden ein ganzer Berg von Infomaterialien und Flyern, papierene Mitbringsel von den drei Visiten. Es ist unglaublich, was da zusammengekommen ist und selbst als eine, der das Feld nicht ganz fremd ist, staune ich über das inhaltliche und politische Spektrum der Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen, das darin zum Ausdruck kommt. Wenn ich auf der Basis der mitgebrachten Papiere einen weiten Begriff von Vernetzung zugrunde lege, der nicht nur die faktische Zusammenarbeit etwa im lokalen „Bündnis Frau“ oder den Konferenzen der Gleichstellungsbeauftragten, Frauenberatungsstellen und Notrufe bezeichnet, sondern darüber hinaus den Möglichkeitsraum all dessen einbezieht, was mit ein paar Mausklicks an Projekten und relevanten Informationen potentiell erreich- und mit-teilbar wird, tut sich ein beeindruckendes Pluriversum auf.

Schon die oberflächliche Lektüre der Flyer und der punktuelle Besuch von dort angegebenen Webseiten und Links deuten darauf hin, dass es in diesem Netz aus Initiativen, Einrichtungen, Verbänden, Kirchen, Gewerkschaften und Parteien viele querlaufende Fäden, Gleichzeitigkeiten und Ko-Operationen gibt. Die kleinen Erkundungen machen mir bewusst, wie sehr sich die Räume feministischer und geschlechterpolitischer Öffentlichkeit seit den computerfreien bzw. -losen 1970er Jahren und der „Staatsknete“-Diskussion“ der Frauenbewegung verändert haben. Und dabei sind noch nicht einmal die interaktiven Möglichkeiten im WWW 2.0 angesprochen, die auch im Bereich feministischer Mobilisierung und Vernetzung an Gewicht gewinnen.

Situierte Selbstverständlichkeiten

Sowohl die Komplexität von Theorie/Praxis-Verhältnissen als auch die selbst im provinziellen „anderswo“ erfahrbare Vielfalt strategischer, legitimatorischer und virtueller Vernetzungen widersprechen den säuberlichen Einteilungen, die der Obertitel „Berlin, Berlin und anderswo“ auf den ersten Blick nahelegt. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, bildhaft gesprochen, dass Berlin überall sein kann. Auch an der Förde oder hinterm Deich. Umgekehrt haben sich auch in der Hauptstadt eigene Provinzen des Feminismus und der Genderpolitik herausgebildet, die wenig miteinander zu tun haben und insofern füreinander „achter de Dieken“ liegen. Gleichwohl gibt es jedoch eine für meine Fragestellungen bedeutsame Differenz zwischen Berlin und den vielen ‚anderswos‘ im deutschsprachigen Raum: Berlins unglaubliche Dichte an Universitäten und Fachhochschulen mit Schwerpunkten in der Geschlechter- bzw. Gender- und Diversityforschung und queertheoretischen Fragestellungen. Jedes Semester verlassen zahlreiche Absolvent_innen die Welten des akademischen Feminismus, und viele streben in Berufe und Praxisfelder, in denen sie weiterhin am Thema bleiben können. All das gilt hier in der nördlichen Peripherie mit ihren wenigen über das ganze weite Land verteilten Universitäten bzw. Fachhochschulen allenfalls in homöopathischer Verdünnung. Ich vermute, dass die unterschiedlichen Grade der Verdichtung von akademisch-feministischen und geschlechterpolitischen Milieus Auswirkungen auf die Bezugspunkte und die Selbstwahrnehmung kritischer Praxis haben. Die Selbstverständlichkeit, mit der das Berliner Gender Manifest von 2006 „kritisch reflektierende Praxis“ mehr oder weniger gleichsetzt mit der Dekonstruktion von Geschlecht und dem Ziel der Herstellung von Geschlechtervielfalt erscheint mir dafür symptomatisch. Im hiesigen Kontext wirkt dies jedenfalls weitaus weniger offenkundig. Angesichts der vielen ungeklärten Fragen bezüglich dieser Problematik würde man es sich zu leicht machen, das als Zurückgebliebenheit der Provinz oder reflexiven Mangel abzutun.

Wie aber kann mir die gegenwärtige feministische Diskussion zu Theorie-Praxis-Verhältnissen dabei helfen, angemessen mit den ambivalenten Eindrücken, Erfahrungen und Befunden umzugehen, die ich von meinen Exkursionen in die Praxis mitgebracht habe? Dazu nur eine kurze Skizze als Strukturierungshilfe für die Suche nach einer Antwort. Im Moment sehe ich drei große Richtungen, die sich mehr oder weniger deutlich gegeneinander positionieren: Da sind erstens diejenigen, die auf die inspirierende Rolle von Theorie für die Gender-Beratungspraxis setzen, dies bezieht sich insbesondere auf die Sensibilisierung für die paradoxen Effekte des eigenen praktischen Tuns. Als Feministin, die eher aus der Theoriearbeit kommt, würde ich ergänzend das wechselseitige Verwiesensein von feministischer Theorie und Praxis betonen. Theorie mag so handlungsentlastet sein wie sie will: Ohne die Rückbindung an gesellschaftliche Bedingungen und deren Erfahrung in verschiedenen Praxisfeldern bliebe sie leer und könnte noch nicht einmal mehr ihre eigenen Grenzen und gegebenenfalls Wirkungslosigkeit registrieren und begreifen.

Zweitens gibt es Stimmen, die die grundlegenden Unterschiede zwischen verschiedenen Formen des Geschlechterwissens hervorheben, so etwa dem Alltagswissen, dem wissenschaftlichen Geschlechterwissen und managerialer Genderexpertise. Als prägnantes Beispiel für diese Distanz wird gern der unterschiedliche Bezug auf Zweigeschlechtlichkeit herangezogen: Würden im Alltagswissen Männer und Frauen als schlicht gegeben vorausgesetzt, so befasse sich das wissenschaftliche Geschlechterwissen mit der Art und Weise, wie sie unterschieden werden. Insbesondere Angelika Wetterer betont die ausschlaggebende Bedeutung institutioneller Kontexte für die Herausbildung je spezifischer Wissensformen und sieht anstelle einer fruchtbaren Wechselbeziehung eher eine tendenzielle Unvereinbarkeit der Wissensformen, ihrer Logiken und Anerkennungsbedingungen. In Wetterers Sicht ist die „Fremdsprachigkeit“ oder sogar Unbrauchbarkeit der verschiedenen Formen des Geschlechterwissens füreinander geradezu ein grundlegendes Merkmal vollzogener Differenzierung, wie sie Professionalisierungsprozesse begleite.

Als dritte Strömung würde ich Stimmen zusammenfassen, die sich – oft in Verbindung von gouvernementalitätskritischen, (de)konstruktivistischen und/oder queerfeministischen Orientierungen – mit den institutionalisierten und bürokratieanfälligen Formen von Frauen- und Geschlechterpolitik auseinander setzen. Insbesondere die Strategie des Gender Mainstreaming ist vielfach Gegenstand der Kritik geworden. Die Sympathien in diesem Spektrum liegen – aus meiner Sicht – erkennbar nicht bei staatlich gezügelten Formen der Politik, die Impulse aus sozialen Kämpfen in administrative und juristische Regulative transformieren. Die Sympathien liegen auch nicht bei der professionalisierten Frauen- und Antidiskriminierungsarbeit, die als Formen der sozialtherapeutischen und pädagogischen Entschärfung gesellschaftlicher Konflikterfahrungen und damit als Teil neoliberaler Selbstoptimierungszwänge interpretiert werden. Sie liegen stattdessen bei erfindungsreichen Projekten und basisdemokratischen Aktionen auf Straßen und Plätzen, deren befreiendes Potential (als) hoch (ein)geschätzt wird. Als Modell für diese kollektiven Praxen gelten die repräsentations- und identitätskritischen Bewegungen der Platzbesetzungen seit 2011.

Differierende Ansichten von Theorie und Praxis.

Drei Rahmungen sind hier in aller Kürze und – unweigerlich auch – Verkürzung nur angedeutet, in denen Theorie-Praxis-Verhältnisse sich jeweils in fundamental unterschiedlichen Ansichten darstellen. Auch wenn sie einander auf den ersten Blick auszuschließen scheinen, sehe ich eine Herausforderung darin, sie durch kritische Bestimmung der mit den jeweiligen Positionen einhergehenden Dilemmata füreinander fruchtbar zu machen.

Wie die erste Strömung halte auch ich daran fest, dass nichts so praktisch ist wie gute Theorie. Praktisch heißt dabei nicht unbedingt nützlich in einem instrumentellen Sinne, wohl aber im Sinne eines emphatischen Begriffs, der Praxis als transformatives Übersetzen oder übersetzende Transformation begreift und feministische Theorie als Kritik im Handgemenge, als Vorratsarbeit für die Selbstverständigung der Zeit über ihre Wünsche und Möglichkeiten.

Angelika Wetterers Typologie des Geschlechterwissens eröffnet Reflexionsmöglichkeiten gerade durch ihre bewusste Überzeichnung institutioneller Differenzierung. Diese ist in Rechnung zu stellen und empirisch zugleich zu relativieren. Tatsächlich sind die Wissensformen weniger klar voneinander getrennt; sie beeinflussen sich auf vielfache Weise, aber nicht im Stil herrschaftsfreier Kommunikation, sondern unter Bedingungen von Hegemonien, Machtasymmetrien und Herrschaft.

Bei aller Sympathie mit dem identitätskritischen, negatorischen und zugleich auf die Kreativität der Vielen setzenden Impetus der dritten Strömung, denke ich, dass feministische Politik nicht auf Formen der Institutionalisierung und Organisierung verzichten kann, die repräsentationelle Elemente beinhalten. Diese Widersprüche werden in den repräsentationskritischen Bewegungen ebenso reflektiert wie die Dilemmata von Verdinglichung, von Gleichheit und Differenz Gegenstände reflektierter Gleichstellungspolitik sind. Insofern ist es falsch, die Richtungen als einander ausschließend anzusehen.

Veränderte Kritikbedingungen

Bislang bin ich immer davon ausgegangen, dass die spezifische Produktivität im durch und durch netzförmigen „Viereck“ von Frauenbewegung, Gleichstellung, Geschlechterforschung und Frauen- bzw. Geschlechterpolitik darin begründet liegt, dass es bei aller Professionalisierung und Arbeitsteilung doch von Grenzgänger_innen getragen wird, die mit feministischen und geschlechterbezogenen Themen in jedem Bereich „zwischen den Stühlen“ sitzen. Sie haben sich der Entweder-Oder-Logik der herrschenden institutionellen Ordnungen von Wissenschaft, Politik und praktischem Expert_innentum nicht gefügt. Nicht immer nur aus freien Stücken, sondern auch als Effekt anhaltender Randständigkeit der ganzen Thematik, trotz aller rhetorischen Modernisierung. Die Position „zwischen den Stühlen“, der Spagat, die Transfers und Reibungen zwischen den verschiedenen Feldern waren es, die zur Vitalität der feministischen Konstellation und zu ihren kollektiven Lernprozessen beigetragen haben. Unübersehbar haben in den vergangenen rund 20 Jahren Formen der Spezialisierung, der Professionalisierung und Arbeitsteilung zugenommen, auch die Öffentlichkeiten, in denen früher der „Schwesternstreit“ und die großen Kontroversen unter Anwesenden ausgetragen wurden, haben sich verändert. Mir scheint, dass die Form des Lernens in kollektiven Debatten der Vergangenheit einer übersichtlicheren, kleinräumigeren und irgendwie auch bornierten „fordistischen“ Konstellation des Feminismus angehört. Der Drive feministischer Grundlagenkritik ist selbst angewiesen auf die Ausschlüsse, die das Feld hervorgebracht hat. Was aber kommt nach der Grundlagenkritik? Auf dem Hintergrund meiner biographischen Erfahrung nehme ich das Abkühlen der „heißen epistemischen Kultur“ des Feminismus, inklusive seiner akademischen Varianten durchaus als Verlust wahr; der Komplexitätsgewinn ist zu begrüßen, aber er verändert die Kritikbedingungen. Gleichzeitig ist unübersehbar, dass sich etwas neu konfiguriert, nicht zuletzt unter Nutzung der neuen Medien und des Internet. Dass die feministischen studien, eine interdisziplinäre Theoriezeitschrift mit Tradition, unter die Blogger_innen gegangen ist, gehört selbst zu diesen Veränderungen.

Während ich über die Eindrücke von meinen Besuchen „Achter de Dieken“ nachdachte, erreichte mich die Email einer ehemaligen Studentin, die vor einigen Jahren zum Promovieren in eines der Zentren der Genderforschung gezogen war und sich nun mit der Frage ihrer beruflichen Zukunft auseinander setzt. Auch sie schreibt von „Achter de Dieken“: „Frage mich aber gerade, ob ich überhaupt noch außerhalb dieser rosaqueeren Pomo-Uniblase leben kann. Gar nicht so leicht, von all dem Abschied zu nehmen.“ Wie symptomatisch ist diese Wahrnehmung des akademischen (Queer)Feminismus als Exklave? Ist sie eine Art Innenansicht auf die sozialisierende Wirkung des Elfenbeinturms oder steht die Exklave als Blase der Freiheit für einen gesellschaftlichen Vor-Schein im Blochschen Sinne? Wie weit sind die Wege von dort nach anderswo? Und zurück?

Berlin, Berlin und anderswo… III

… Teil drei der Reihe Berlin, Berlin und anderswo

Auf Augenhöhe

Am 9. Februar fand das Gespräch mit dem Vierer Team des Frauenzentrums Schleswig statt. Damit liegt der letzte Besuch einer frauen- bzw. geschlechterpolitischen Einrichtung an meinem neuen Wohnort in der Grenzregion zu Dänemark hinter mir. Verglichen mit der prekären Situation der ‚Internationalen Frauenwerkstatt Saheli’, von der ich im vorigen Blogeintrag berichtete, sind sowohl das Gleichstellungsbüro als auch das Frauenzentrum gegenwärtig institutionell gesichert. Das kommunale Gleichstellungsbüro, weil es eine gesetzlich mehrfach verankerte und vor allem im Gleichstellungsgesetz (GstG) des Landes Schleswig-Holstein inhaltlich definierte Aufgabe erfüllen soll, das Frauenzentrum, weil es in der Arbeitsteilung der verschiedenen Einrichtungen in Stadt und Landkreis wichtige Problemfelder abdeckt. Ein für mich erstaunliches Zeichen von Kooperation auf Augenhöhe: Das Frauenzentrum, eine Gründung aus den frauenbewegten 1970er Jahren, ist laut Bericht der Gleichstellungsstelle berechtigt, die städtische Gleichstellungsbeauftragte bei Abwesenheit gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern zu vertreten. Aus großen Städten kenne ich so etwas nicht.

Die Schleswiger Gleichstellungsbeauftragte, Karin P.-N. macht einen patenten, aufgeschlossenen Eindruck. Von Haus aus Erzieherin und Diakonin hatte sie sich vor rund 15 Jahren auf die neu eingerichtete Stelle beworben, weil sie das Aufgabenfeld interessierte und sie sich beruflich mit einer Vollzeitstelle verbessern konnte. Engagiert erzählt sie von den verschiedenen Facetten ihrer Arbeit, dem learning by doing in und durch Praxis, den Anregungen, die sie aus dem vergleichenden Blick über die Grenze nach Dänemark gewinnt, von den Vorteilen der Übersichtlichkeit und der „kurzen Wege“ in einer Kleinstadt, die vieles erleichtern.

Die gegenwärtige Stimmungsmache gegen den vermeintlichen  ‚Genderismus’ und die Überbürokratisierung durch zu viele Gleichstellungsbeauftragte hält sie von sich aus nicht für erwähnenswert. Anstatt des Gegenwinds, bei dem man die Segel anders setzen kann, um vorwärts zu kommen, befürchtet sie eher die Gefahren einer Flaute. Und die droht von anderswo her: So sieht Karin P.-N. in Sparzwängen der Kommunen und in zeitlichen Verdichtungen der Arbeit Entwicklungen, die tendenziell die Bereitschaft tangieren, sich zusätzlich mit gleichstellungspolitischen Themen zu befassen. Vor allem der Bürokratievorwurf und der Verdacht der ‚Doppelarbeit’, wenn sie mit ihrer Querschnittsaufgabe in den Leistungsbereich anderer Abteilungen oder Beratungseinrichtungen gerät, seien bedenklich, da sie bei politischer Opportunität gegen ihre Arbeit ins Feld geführt werden können. Der gesetzliche Auftrag ist unter solchen Bedingungen, so sagt sie, immer noch ein starkes Argument.

Karin P.-N. hat mir ihren Jahresbericht 2012/13 zu lesen gegeben, der Auskunft gibt über ihre Tätigkeit in jenem Jahr. Neben allgemeiner Beratung zu Themen wie flexible Arbeitszeiten, Wiedereinstieg in den Beruf oder Konflikte am Arbeitsplatz, z.B. Mobbing, spielt vor allem Aufklärungsarbeit eine Rolle, die wesentlich in Form von Vorträgen stattfindet, die sie in Gremien, Einrichtungen und Vereinen hält. Zurzeit bestehende Arbeitskreise, in denen spezifische Themen bearbeitet und Problemlösungsvorschläge entwickelt werden, sind u.a. der Arbeitskreis Alleinerziehende und interessierte Frauen, die AG Arbeitswelt, die AG Familientag und die AG Kinderarmut im Bündnis für Familie in der Region Schleswig-Flensburg. Die Umsetzung von Gender Mainstreaming auf der kommunalen Ebene ist ein zentrales Thema. So wurde in der Gleichstellungsstelle ein Gender-Leitfaden für die Kindertagesstätten erstellt und praktisch erprobt: alle städtisches Kitas nahmen an einer Schulung teil zu „Gender im Kita-Alltag.“ Damit ‚übersetzt’ Frau P.-N. Vorgaben aus den Bildungsleitlinien des Landes Schleswig-Holstein für Kindertagesstätten, in denen die Gender-Problematik einen wichtigen Baustein darstellt, in Praxisfelder der kommunalen Verwaltung. Solche ‚Übersetzungen’ genauer kennenzulernen, die in den verschiedenen geschlechterpolitischen Kontexten unterhalb der Ebene gängiger Pauschalcharakterisierungen von ‚Theorie’ und ‚Praxis’ stattfinden, ist für die Selbstreflexion feministischer Theorie meines Erachtens unverzichtbar.

Praxis mit und ohne Theorie

Im Tätigkeitsbericht ist auch das Anforderungsprofil der städtischen Gleichstellungsbeauftragten aufgeschlüsselt. Neben den allgemeinen Qualifikationen und Fähigkeiten, die für Managementaufgaben gefordert sind, findet sich ein Punkt „frauenpolitische Kompetenz“. Sie besteht aus den Elementen: „Frauenspezifische Interessenvertretung/Parteilichkeit, Engagement in Politik, Gewerkschaften, Verbänden, Vereinen; Kenntnisse der Geschichte und der Positionen der Frauenbewegung, Fähigkeit zur feministischen Geschichtsanalyse, Gender Kompetenz; Kenntnis frauenrelevanter Gesetzeswerke.“ Haltungen, Aktivitäten, Erfahrungen, Kenntnisse und reflexives Vermögen sind in diesem Profil locker zusammengeführt. Die bewegungsgeschichtlichen Zerreißproben, die sich hinter den Komponenten „frauenspezifische Interessenvertretung/Parteilichkeit“ und „Gender Mainstreaming“ verbergen, erscheinen hier aufgehoben, bzw. der Praxis überlassen. Das erinnert mich wieder an einen Satz des holländischen Phänomenologen und Psychologen J.H. Van den Berg, der gesagt hat: „Wir leben beständig eine Lösung der Probleme, die für das Denken hoffnungslos unlösbar sind.“ Wie aber werden im ‚gelebten Leben’, wie es sich etwa in der Praxis eines Gleichstellungsbüros darstellt, die Probleme, wie sie das Denken gefasst und Sprache bezeichnet hat, bearbeitet? Und welches Denken bzw. ‚Wissen’ hat die Probleme als solche bestimmt?

Zweifellos sind in die Problemdefinitionen, in deren Horizont Karin P.-N. arbeitet, über die sie Vorträge hält oder die sie in Form von Schulungen umsetzt, feministische Einsichten und Befunde der Frauen- und Geschlechterforschung eingeflossen. Wie vermittelt auch immer. Im Glossar, das den Tätigkeitsbericht der Gleichstellungsbeauftragten abschließt, finden sich kurze, prägnante Erläuterungen zu den Stichworten „Antidiskriminierung/Diskriminierung“, „Feminismus“, „Frauenquote“, „Gender“, „Gender Mainstreaming“, „Gender Pay Gap“, „Gleichstellungspolitik“, „Gender-Kompetenz“ und „Geschlechterforschung/Gender Studies“. Auch in diese Erläuterungen fließen Einsichten aus dem wissenschaftlichen Diskurs ein. Dennoch sagt sie in unserem Gespräch, dass Geschlechterforschung und feministische Theorie in ihrer täglichen Arbeit keine Rolle spielen würden. Aktuelle Ergebnisse empirischer Forschung nähme sie schon mal zur Kenntnis, aber „am liebsten in einer Kurzzusammenfassung.“ Gelegentlich, so die Antwort auf meine Nachfrage nach feministischer Theorie, würden studentische Praktikantinnen Impulse aus dem akademischen Diskurs ins Spiel bringen. So zum Beispiel die Diskussionen um geschlechtergerechte und diskriminierungsfreie Sprache. Gefragt, welche der im Umlauf befindlichen Varianten sie verwendet, ob Binnen-I, Unterstrich, Sternchen oder anderes, antwortet sie, dass es darum gehe, Frauen überhaupt erst einmal sichtbar zu machen und dass sie männliche und weibliche Sprachformen verwendet. Die konstruktivistische Grundlagendiskussion über die Verdinglichung der Zweigeschlechtlichkeit, etwa durch Gender Mainstreaming, ist für sie – anders, als die kritische Reflexion von Geschlechterstereotypen, die Frauen und Männern zuschreiben, wie sie sind und was sie zu tun und zu lassen haben – sehr weit weg. Das Thema Intersektionalität, das ich als Beispiel für die jüngere feministische Theoriediskussion bringe, übersetzt sie spontan in die Formel des „ganzheitlichen Denkens“, in dem sie geübt sei: „Als Diakonin konnte ich von den jeweiligen unterschiedlichen Lebensbedingungen auch nicht absehen. Das ist für mich selbstverständlich.“ In einem Punkt wird Wissenschaft für sie allerdings aktuell bedeutsam: als geplante Begleitforschung eines Experiments in der Leitung des städtischen Bauamts. Nachdem die bisherige Leiterin wegen der Geburt eines Kindes auf Teilzeitarbeit gewechselt hat, soll das Amt in einer Zweierbesetzung mit einer weiteren Frau in Teilzeit, d.h. ‚familienfreundlich’, geführt werden. Da es sich um den ersten Versuch dieser Art in Norddeutschland handelt, der zudem, angesichts enormer Herausforderungen in der Stadtentwicklung, nicht unumstritten ist, liegt ihr das Gelingen des Projekts und seine Akzeptanz besonders am Herzen. Da erhofft sie von der Wissenschaft empirisch gestützte Belege für den Sinn und die – erwarteten – positiven Wirkungen des Experiments.

Von Frauen für Frauen

Während kommunale Gleichstellungsbüros, wenn auch erkämpft durch Engagement ‚von unten’, strukturbezogene Aufgaben auf der Führungsebene der Kommunalverwaltung wahrnehmen und insofern (zumindest auch) top down agieren, repräsentieren Einrichtungen wie das Frauenzentrum Schleswig e.V. inhaltlich und institutionell noch ein Stück der autonomen Tradition der Frauenbewegung: dem Selbstverständnis nach feministisch geprägt, mit dem Ziel des empowerment von Frauen und einer nicht-hierarchischen Teamstruktur. Aber seit den Anfängen in den frauenbewegten Selbsthilfegruppen und der Notrufarbeit der 1970er Jahre hat sich auch Vieles verändert. Einige Stichworte und Zahlen spiegeln die Geschichte des Zentrums als eine der Ausweitung, Konsolidierung und vor allem zunehmender Professionalisierung: Seit 1979 ist das Frauenzentrum Schleswig als gemeinnütziger Verein eingetragen. Seit 1989 ist die Frauenberatungsstelle bei häuslicher und sexueller Gewalt in der Trägerschaft des Vereins, seit 1995 die Schwangerschaftskonfliktberatung und schließlich seit 2000 auch KIK Schleswig-Holstein, ein Kooperations- und Interventionskonzept für alle Institutionen und Einrichtungen, die mit häuslicher Gewalt befasst sind. Seit März 2000 unterstützt zudem ein Förderverein die Arbeit des Frauenzentrums, das finanziert wird aus Landes- und kommunalen Mitteln sowie aus Eigenmitteln des Vereins.

Das Team des Frauenzentrums besteht zurzeit aus drei Frauen, die ein sozialpädagogisches Studium absolviert und Zusatzqualifikationen im beraterischen und sozialtherapeutischen Bereich erworben haben, sowie einer Verwaltungskraft. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt, was sich auch in der Verteilung der Stundenkontingente ausdrückt, im Feld von Frauenberatung bei sexualisierter Gewalt/Notruf/KiK, aber auch die Schwangerenkonfliktberatung nimmt breiten Raum ein. Dass das Frauenzentrum bei finanziellen Notlagen Gelder aus der Bundesstiftung „Mutter und Kind“ verteilen kann, gibt diesem Bereich zusätzliches Gewicht. In der Einschätzung von Monika S., die dem Zentrum am längsten angehört, ist es dieses Doppelprofil und die im Lauf der Zeit erworbene Professionalität, die zu der hohen Akzeptanz beigetragen hat, die das Frauenzentrum in Schleswig genießt. Hätte man früher bei der Thematisierung sexualisierter Gewalt schon mal gehört: „Sowat givt dat bi uns nich“, würde heute die Notwendigkeit ihrer Arbeit doch weitgehend eingesehen. Dieser Wandel, in dem sich Wirkungen feministischer Kritik niederschlagen, ist positiv, aber Monika S. und ihre Mitstreiterinnen beobachten auch Veränderungen der Rahmenbedingungen, die sich erschwerend auswirken. Da ist zum einen der demographische Wandel; die Mitglieder- und Altersstruktur des Vereins verschiebt sich. Mit wachsendem Alter schwinde nicht nur tendenziell die Bereitschaft zur aktiven Teilhabe, auch die biographisch frauenbewegten Impulse gingen dem Feld allmählich verloren. Dem entsprechen Veränderungen auf der Seite der Beratung suchenden Frauen, wie Isabel C. registriert: „Die Politisierung des persönlichen Leids ist zurückgegangen“, dies gelte vor allem für junge Frauen, die kein Bewusstsein von Benachteiligung mehr hätten. Damit würden sich auch die Anforderungen an Beratung verändern.

Wie die Gleichstellungsbeauftragte sagen auch meine Gesprächspartnerinnen vom Frauenzentrum, dass feministische Theorie und Geschlechterforschung in ihren Arbeitsalltag wenig Raum haben: „Sie stellen aber trotzdem eine elementare Basis unserer parteilichen Frauenarbeit dar.“ Im Studium haben sich sowohl Heidi T., die „Neue“ im Team, als auch Isabel C. gezielt mit feministischen Problemstellungen befasst. Isabel C., deren Diplomarbeit Positionen in der feministischen Sprachforschung vergleichend diskutiert, führt vor allem „Zeitmangel“ als Grund für die Entfernung zum wissenschaftlichen Diskurs an. Von größerer Bedeutung seien da Fachkonferenzen und aktuelle Auswertungen von Studien wie z.B. die Analyse von Strafverfahren gemäß § 177 StGB (Sexuelle Nötigung, Vergewaltigung), die sowohl den politischen Auftrag als auch die individuelle Beratungstätigkeit beeinflussen. Kontroversen in ihrem Feld, die vor allem bei Treffen im Netzwerk der Frauennotruftreffen (FNT) oder dem Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Notrufe (bff) ausgetragen werden, dem sie angehören, beziehen sich auf die Interpretation des Auftrags und der Zielgruppe ‚Frauen’: Schließt sie auch Transfrauen ein und sollen männliche Opfer sexualisierter Gewalt einbezogen werden? Hierzu gibt es im Netzwerk unterschiedliche Auffassungen. Für Isabel C. stehen „postmoderne“ Theorie und die Diskussion um Gender und Diversity für eine Entwicklung, die wegzuführen droht von der feministischen, frauenpolitischen Agenda, die ihre Sache ist.

Antifeministische und antigenderistische Strömungen sehen auch die Zentrumsfrauen gegenwärtig nicht als direkte Bedrohung für ihre Arbeit. Die Gefahr einer Delegitimierung komme eher, und auch darin stimmen sie mit Karin P.-N. überein, im Gewand scheinbar rationaler Sachargumente. Der Vorwurf einer „Doppelstruktur“ könne, wenn die politische Stimmung kippt und Mehrheitsverhältnisse sich verschieben, die Akzeptanz eines Ansatzes tangieren, dem es vor allem darum gehe, die betroffenen Frauen zu unterstützen und zu stärken, gegenüber den Paarberatungsansätzen anderer Einrichtungen (z.B. Diakonie und pro familia).

Meine Stippvisiten der frauen- bzw. geschlechterpolitischen Einrichtungen in der nördlichen Provinz beanspruchen nicht, systematische Einblicke zu geben. Es sind Impressionen, die zum Weiterfragen anregen können. Davon auszugehen, wie vielleicht die Überschrift über dieser kleinen Blogserie nahelegt, dass die wahrgenommene Irrelevanz feministischer Theoriebezüge im Arbeitsalltag Symptom einer Ungleichzeitigkeit zwischen ‚Berlin’ und ‚anderswo’ wäre, würde unterstellen, dass die Taktgeber eines avancierten Bewusstseins im großstädtischen Zentrum zu vermuten seien, nicht in der ländlichen Peripherie. Das denke ich nicht. Die Verhältnisse und Kommunikationswege sind viel komplizierter. Ich gehe auch nicht davon aus, dass kritische Theorien per se über höhere Einsichten verfügten und dass sie deshalb in – selbstverständlich ebenfalls kritische – Praxis „umzusetzen“ wären. Gegen die simplifizierenden Annahmen eines solchen ‚Umsetzungsmodells’ könnte die erklärte Randständigkeit des Theoriediskurses durchaus eine sowohl praxisadäquate als auch kritische Antwort sein. Gleichzeitig ist unübersehbar, dass in die jeweiligen Praxen viel an geschlechtertheoretischen Deutungen eingeflossen ist und dass theoriebasierte Praxisreflexion gerade angesichts der in den Gesprächen selbst beschriebenen Veränderungen unverzichtbar ist. Historisch und strukturell haben beide etwas miteinander zu tun, sind aufeinander verwiesen – aber offenkundig sieht die Beziehung heute anders aus als früher, in den Hochzeiten des „magischen Vierecks“ mit seinen relativ überschaubaren Öffentlichkeiten und Perspektivierungen. In meinem nächsten und letzten Blogeintrag will ich dem noch einmal nachgehen.

Alle Beiträge der Reihe Berlin, Berlin und anderswo …

Saheli lebt …

… Teil zwei der Reihe Berlin, Berlin und anderswo

Inzwischen habe ich mich mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt getroffen und mit der Leiterin der „Internationalen Frauenwerkstatt Saheli“. Das Treffen mit dem Team des Frauenzentrums Schleswig e.V. steht noch aus. Etwas trotzig habe ich die Datei mit den Aufzeichnungen der bisherigen Gespräche „Notizen aus der Provinz“ genannt – ein Akt der Parteinahme, denn ich bin von meinen Stippvisiten beeindruckt an den heimischen Schreibtisch zurückgekehrt.

Die Bereitwilligkeit, sich mit mir, einer ihnen Unbekannten ohne institutionelle Anbindung, zu treffen und von der eigenen Arbeit zu erzählen, hat mich überrascht. Nirgendwo hatte ich mich schriftlich angemeldet. Zum Frauenzentrum war ich einfach mit dem Rad gefahren, um dort – vom Nieselregen leicht derangiert – mein Anliegen vorzubringen. Vorgestellt hatte ich mich als Neubürgerin, die die frauenpolitische Szene in Schleswig kennenlernen möchte. Und als Geschlechterforscherin, zur Zeit auch noch Bloggerin bei den feministischen studien, die sich Gedanken über das Verhältnis von frauen-, gleichstellungs- und antidiskriminierungspolitischer Praxis und Geschlechterforschung bzw. feministischer Theorie macht. Auch bei der „Internationalen Frauenwerkstatt Saheli“, wo ich bei meinem Spontanbesuch ins „Frauenfrühstück“ reingeplatzt war, wurde meine Bitte um ein Gespräch sofort freundlich aufgenommen. Im Gleichstellungsbüro der Stadt, das sich im entfernter gelegenen Rathaus in der Altstadt befindet, hatte ich telefonisch um einen Termin gebeten und war auch hier auf neugieriges Interesse und professionelles Entgegenkommen gestoßen.

Die Settings der Gespräche unterschieden sich. Die Gleichstellungsbeauftragte empfing mich gemeinsam mit ihrer Sekretärin und einer Praktikantin in ihrem großzügigen Büro im Rathaus. Mit der Vertreterin der „Internationalen Frauenwerkstatt Saheli“ sprach ich allein, weil sie die Arbeit ihrer Einrichtung auch ziemlich allein aufrecht erhält. Der Termin beim Frauenzentrum kann erst Anfang Februar stattfinden, weil möglichst das ganze, dann weitgehend neu zusammengesetzte, Team bei dem Gespräch anwesend sein soll.

„Saheli“, so lernte ich, bedeutet „Freundin“. Gegründet vor Jahren von Schleswigerinnen, die einen internationalen Ort für Frauen schaffen wollten, an dem diese gemeinsam nähen oder sonst etwas Handwerkliches herstellen (deshalb „Werkstatt“) und sich bei dieser Gelegenheit kennenlernen und austauschen könnten. Auch eine Anlaufstelle für Migrantinnen im Ortsteil Friedrichsberg sollte es sein, wo diese praktische Unterstützung im Umgang mit Behörden und Ähnlichem bekommen könnten.

Meine Gesprächspartnerin, Frau G., ist vor sieben Jahren zu „Saheli“ gekommen. Als Ein-Euro-Kraft vom Arbeitsamt dorthin vermittelt, um den beiden Gründerinnen und ihrem Verein zur Seite zu stehen. Einen Bezug zur Frauenbewegung oder Frauenpolitik hatte die gelernte Kinderpflegerin und erfahrene Büroangestellte nicht. Das Praxisfeld ihrer Einrichtung hat sie sich im Laufe der Zeit über mitmachendes Lernen erschlossen. Feministische Theorie spielt in einer anderen Welt. Geschlechterforschung auch. Schon das Aussprechen der Worte wirkt hier merkwürdig deplatziert. Die frauenbewegte Vorgeschichte von „Saheli“ ist in den Aktenordnern bewahrt, aber nicht Teil eines bewegungspolitischen Selbstverständnisses der gegenwärtigen Akteurinnen. Dennoch gibt es „Überlebsel“ (Freud) aus jener Zeit, so etwa die Selbstbezeichnung als „Werkstattfrauen“. Frau G. erzählt lachend, dass dieses Wort manche schon irritiert habe. Einer habe sogar als ernstgemeinte Alternative „Empfangsdamen“ empfohlen. Ein Vorschlag aus dem Geist des neuen Begrüßungsmanagements für Flüchtlinge?

Die Initiatorinnen von „Saheli“ sind inzwischen verstorben, es gibt zwar noch eine Vereinsstruktur, aber fast alle Mitglieder haben sich aus der praktischen Arbeit zurückgezogen, Nachwuchs fehlt. Frau G. macht weiter. Der Landkreis und die Stadt tragen nach wie vor anteilig eine Grundfinanzierung (z.B. die Miete für die geräumige Wohnung im Erdgeschoß des nahe dem Bahnhof gelegenen Altbaus). Damit würdigen sie die niedrigschwellige Stadtteilarbeit mit Migrantinnen, vorwiegend türkischer und arabischer Herkunft, neuerdings verbunden mit der nachdrücklichen Empfehlung, die bislang punktuelle Kooperation mit dem Frauenzentrum auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu intensivieren.

Auf verschiedene Weise wird versucht, das Budget aufzustocken. Ein Flohmarkt hat wenig gebracht, mehr schon die kostengünstige Überlassung der Räumlichkeiten für Geburtstags- und Familienfeiern. Die Grundidee ist zündend: da Migrant_innen oft eher kleine Wohnungen haben, brauchen sie einen Ort für Feste. Die Botschaft des Schildes an der Tür von „Saheli“, „Zutritt nur für Frauen“, wird zu solchen Zwecken pragmatisch außer Kraft gesetzt: „Auch die Väter wollen ja wissen, wo ihre Kinder Geburtstag feiern.“ Zum „Frauenfrühstück“ tragen u.a. Spenden der lokalen Tafel bei. Frau G. arbeitet inzwischen nicht mehr auf Ein-Euro-Basis, sondern betreibt „Saheli“ für Null Euro weiter unter dem Vorbehalt, dem Arbeitsmarkt jederzeit zur Verfügung zu stehen. Dieser Vorbehalt von Amts wegen hat aber praktisch kaum Auswirkungen, auch der hiesige Arbeitsmarkt heißt Frauen ihres Alters nicht willkommen.

Jeden Vormittag ist Frau G. in der „Werkstatt“, wenn Termine anfallen auch mal nachmittags. Sie hilft bei der Anmeldung von Kindern in der Schule, beim Ausfüllen amtlicher Formulare; wenn es sein muss, setzt sie sich auch in den Bus und begleitet eine Frau zum Arzt. Sogar Deutschunterricht gibt sie. Zwar ist der nicht zertifiziert, da dafür die Voraussetzungen nicht gegeben sind, aber das Deutschsprechen ist eingebettet in praktische Aktivitäten, Kochen zum Beispiel, und macht Spaß. Sie habe es einfach nicht geschafft, sagt sie, „Saheli“ nach dem Tod der Gründerinnen nicht weiterzubetreiben, auch wenn sie manchmal am Ende ihrer Kräfte sei: „Aufhören, das kann ich meinen Mädels nicht antun.“

Fragen wie „Was wollen sie noch?“ oder „Was bleibt?“, die die Selbsthistorisierung des Feminismus begleiten, werden hier auf eine Weise beantwortet, die mich berührt hat. Da ist anscheinend ein „Nachlass“ angenommen worden, eine „Verlassenschaft“, wie es so schön im Österreichischen heißt. Dieser „Nachlass“ wird von Frau G. und den verschiedenen Nutzerinnen der Einrichtung weitergetragen als Praxis, die weder unmittelbar von den gesellschaftskritischen Deutungen des Feminismus inspiriert ist, noch sie zu Legitimationszwecken heranzieht, die aber in einem Geist der praktischen Frauensolidarität Probleme aufgreift, um im Alltagleben Unterschiede zu bewirken.

Während unseres Gesprächs klingelt mehrfach das Telefon, werden Verabredungen getroffen, schaut eine zur Tür herein. Man mag es angesichts der Rahmenbedingungen kaum glauben: Saheli lebt.

Axeli Knapp

Berlin, Berlin und anderswo …

Alle zieht es nach Berlin. Etliche meiner Mitstreiterinnen aus der Frauen- und Geschlechterforschung wohnen jetzt in der Hauptstadt oder wollen dorthin. Der Puls der Zeit scheint dort zu schlagen und manche sehen in Berlin die heimliche Hauptstadt der Genderforschung und des Feminismus. Mich hat es dagegen vor vier Jahren als frisch gebackene Ruheständlerin in die ländliche Peripherie gezogen. Nun wohne ich im „Echten Norden“, der bis vor kurzem noch als „Land der Horizonte“ für sich warb. Über Fragen feministischer Theorie und Praxis, die mich so lange beschäftigten, habe ich seit meinem Umzug zwar weiterhin gelesen und geschrieben, aber kaum einen Austausch mit anderen gehabt. Soweit ich bisher sehe, gibt es an meinem neuen Wohnort, der „freundlichen Kulturstadt“ (künftig wahrscheinlich „Wikingerstadt“) am „Ostseefjord Schlei“ kein feministisch-akademisch und linksliberal-grünlich geprägtes Milieu wie das, in dem ich mich in Hannover bewegte. Aber es befinden sich unter den laut Zensus 23.701 Einwohner_innen unübersehbar Menschen, die sich in Geschlechterfragen engagieren.

Bei der Lektüre der Schleswiger Nachrichten, dem lokalen, ziemlich bodenständigen Blatt, ist mir aufgefallen, wie präsent frauenbewegte, antidiskriminierungs-, gleichstellungs- und geschlechterpolitische Anliegen in Stadt und Landkreis Schleswig-Flensburg sind. Da lese ich, dass das einzige Kino am Platz in Kooperation mit dem regionalen „Bündnis Frau“ thematisch einschlägige Filmvorführungen organisiert, wie jüngst wieder zum „Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen“. Im St. Petri-Dom, dem Wahrzeichen der Stadt, wird zum „Männersonntag“ eingeladen zu einem „Gottesdienst von Männern nicht nur für Männer“. Und der Pastor des Ortsteils Friedrichsberg schreibt im Gemeindeblatt als seine Antwort auf die Frage „Was ist Liebe?“: „Wenn mein Mann im Urlaub auch nach der fünften Kirchenbesichtigung noch nicht die Geduld verliert.“ Im Rathaus gibt es die Vernissage einer von der „Arbeitsgruppe Hexenprozesse in Schleswig“ organisierten Ausstellung. Zur Eröffnung spricht neben dem Bürgermeister die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. In die Ausstellung eingeführt wird durch einen Vertreter der Arbeitsgruppe, der zugleich als Betreiber der geschichts- und museumspädagogischen Agentur „Zeitensprung“ Stadtführungen zum Thema „Hexenprozesse“ anbietet. Ziel der Ausstellung ist – nach fast 400 Jahren – die „Rehabilitierung der zu Unrecht verurteilten Frauen“. Die passende Begleitmusik zur Vernissage liefert eine Formation namens „Pech und Schwefel“. In der Rubrik „Region in Kürze“ wird unter der Überschrift „Von Frauen für Frauen: Tag der Begegnungen“ ein umfangreiches Vortrags- und Workshop-Programm von Frauen annonciert, die therapeutisch, coachend und beratend tätig sind. Der Erlös soll an das Frauenhaus und die Frauenberatungsstelle Wilma in Flensburg gehen. Bei der Lektüre des Kursangebots („Die Göttin ruft! Rückverbindung mit unserer weiblichen Kraft“, „Der Qigong-Weg der Frau“, „Lichtblicke des Frauseins“) fühle ich mich fast in die bewegten Zeiten der Berliner Sommeruniversitäten zurück versetzt, als es noch keine Separierung zwischen „autonomen“ und „Institutionenfrauen“ gab und Vertreterinnen der sogenannten „Spiri-Fraktion“, wie es damals hieß, sich noch mit linken Feministinnen und Wissenschaftlerinnen auseinander setzten und umgekehrt. Beim Gang zur Friseurin komme ich gleich an zwei Häusern vorbei, die einschlägige Beschilderungen tragen: „Frauenzentrum Schleswig e.V.“ und eine „Internationale Frauenwerkstatt Saheli“, die auf Plakaten in ihren Fenstern zum „Frauenfrühstück“ einlädt. All das erstaunt und macht neugierig.

Die Frage nach der Zukunft des Feminismus, wie sie im Jubiläumsheft der feministischen studien unter dem Titel „Was wollen sie noch?“ gestellt wurde, treibt mich nach wie vor um. Vielleicht sogar stärker als früher, weil ich, bedingt durch den Milieuwechsel, in manchen Einschätzungen unsicherer geworden bin. Im Grunde sind es weniger die anti-genderistischen Kommentare im Netz und in den Printmedien, die mich beunruhigen – die waren als Reaktion auf die gesellschaftliche Wirkung von Frauen-, Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitik zu erwarten. So ärgerlich und in ihren sozialklimatischen Wirkungen nicht zu unterschätzen sie auch sein mögen, letztlich sind sie Indikatoren des Erfolgs feministischer Kritik. Mehr Kopfzerbrechen bereitet mir das, was ich als Bröckeln und Ausfransen eines politisch-wissenschaftlichen Feldes und seiner Öffentlichkeitsformen empfinde. Oder sollte ich besser von seiner Ausbreitung und Normalisierung bei gleichzeitiger Vervielfältigung von Zugängen und Teilöffentlichkeiten sprechen? Von einer Streuung von Ansätzen und Strömungen, die inhaltlich nicht nur wenig verbindet, sondern die offenkundig im Widerspruch zueinander stehen, ohne dass sich daraus noch eine jener verbindenden und verbindlichen Kontroversen entwickeln würde, wie sie für den Feminismus bzw. die feministische Theoriediskussion bis zur Jahrtausendwende noch charakteristisch waren?

Bis dato hat mir immer die Metapher vom „magischen Viereck“ (Ilse Lenz) aus autonomer Frauenbewegung, Frauenforschung, Gleichstellungsstellen und frauenbewegten Politikerinnen geholfen, das Entstehen der frauenbewegt-feministischen Konstellation, ihre unterschiedlichen Ausprägungen in West und Ost, ihre Veränderungen und Formen der Öffentlichkeit zu begreifen. Die regulative Idee eines nicht identischen, aber solidarischen „Wir“, eines bei aller Differenz geteilten Projekts der Gesellschaftskritik und praktischen Veränderung war es, die die auseinanderstrebenden Kräfte immer wieder einfing und um Grundlagenfragen versammelte. Viele Erzählungen über den „westlichen“ Feminismus beschreiben ihn in diesem Sinne anhand der Debatten, der Lern- und Abarbeitungsprozesse, welche sowohl die Kritikperspektiven als auch die Selbstreflexion von Anfang an strukturierten: Die Täter/Opfer/Mittäterschaftsdebatte, die Gleichheit-Differenz-Debatte, die Debatte über Ungleichheit und Unterschiede unter Frauen, die Sex/Gender-Debatte und die Debatte über den Sinn und die Grenzen dekonstruktiver Ansätze. Es waren politische Debatten und kollektive Lernprozesse im Medium feministischer Theorie. In ihrem Zuge entstand niemals ein Einheitsdenken, wohl aber entwickelten sich Formen einer Reflexivität und Anforderungen an Komplexität, die ex negativo die Konturen des im Zeichen des Feminismus Denk- und Sagbaren umrissen.

An einem hohen Maß an Übereinstimmung kann es zweifellos nicht liegen, dass die heiße feministische Debattenkultur abzukühlen scheint. Es wird ja auch durchaus Kritik an einander geübt, sie bleibt allerdings punktuell und zündet nicht. Gibt es heute keine großen Themen mehr, die der Kontroverse würdig wären? Hat das besagte „Viereck“ seine Magie durch institutionelle Ausdifferenzierung so weitgehend verloren, dass Spannungsverhältnisse nicht mehr wahrgenommen werden und übergreifende Kontroversen nicht mehr möglich erscheinen? Ist das Ausbleiben von Widerstreit eine Ermüdungserscheinung oder Zeichen einer arbeitsteiligen Professionalisierung, Disziplinarisierung und Etablierung? Zeigen das Dominantwerden identitätspolitischer Problematiken und die Emphase der Dekonstruktion jetzt ihre Kehrseite? Und steht mit der Reflexion dieser Kehrseite eine Rekonfigurierung feministischer Gesellschaftskritik auf der Tagesordnung? Oder ist das Angebot an trans- und internationaler feministischer Theorie inzwischen so groß, unübersichtlich und für die Einzelnen nahezu uneinholbar, dass wir die Kontroversefähigkeit aus diesem Grund verloren haben?

Was soll ich davon halten, wenn eine Weggefährtin aus der Geschlechterforschung sich verabschiedet und verkündet, fortan nichts mehr zu dem Thema schreiben zu wollen. Warum nimmt sie ihre Kritik an jüngsten Entwicklungen in diesem Feld nicht – wie früher – zum Anlass, eine Debatte anzustacheln? Wie ist es einzuschätzen, wenn eine feministische Medienwissenschaftlerin in der Einleitung eines Buches mitteilt, „Gender“ sei „sowas von out“, meint sie damit „Gender“ oder auch die kritische Analyse von Geschlechterverhältnissen und den Feminismus? Was bedeutet es, wenn eine Gender-Professorin mir in einer Mail schreibt, dass sie manchmal an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns zweifelt? Geht es um die institutionellen und diskurspolitischen Bedingungen von Gender & Diversity Studien oder um die gesellschaftlichen Problematiken, die diese adressieren sollen oder könnten?

Die verschiedenen Eindrücke bewegen dazu, alte Grundsatzfragen des Feminismus mit Blick auf die veränderten Rahmenbedingungen und Trends erneut und entschiedener aufzuwerfen: In welchen Dialektiken bewegt sich feministische Aufklärung gegenwärtig und was genau bedeutet es, vom „erfolgreichen Scheitern feministischer Kritik“ zu sprechen, einem Topos, der anscheinend eine verbreitete Wahrnehmung trifft? Wie sieht der ungeliebte Erfolg aus und worin genau besteht das, was als „Scheitern“ bezeichnet wird? Ist Erfolg ohne Ambivalenz denkbar und wie sieht Kritik aus, die nicht (auch) scheitert? Wäre sie nicht zum Fürchten? Was passiert in den Übersetzungsprozessen zwischen den verschiedenen Feldern des Politischen? Wie ist es um das Verhältnis kritischer Ansätze im „akademischen Feminismus“ (Hark) und praktischen Veränderungsinteressen bestellt? Verweisen Phänomene der „Ver-Inselung“ und „Fremdsprachigkeit“ (Wetterer) füreinander auf einen Mangel von Theorie und Praxis oder sind sie Indikatoren vielleicht spät erfolgter, aber unumgänglicher Differenzierungsprozesse? Was sind heute die Kernprobleme feministischer Kritik? Ist feministische Theorie dabei, zur Flaschenpost zu werden, während „Institutionenfrauen“ und andere in diesem Feld engagierte Personen in ihren professionspolitischen Projekten von Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsarbeit mühsam dicke Bretter bohren und dabei auf Sicht steuern? Oder war sie es vielleicht schon seit längerem, ohne sich das einzugestehen? Wenn es viele Absender feministischer Theorie gibt, aber keine bestimmten Adressat_innen, noch nicht einmal die im Zeichen feministischer Grundlagenkritik auseinander genommene „imagined community“ der „Frauen“, bleibt dann nur die Vagheit einer Multitude? Welche Botschaften schicken feministische Theoretiker_innen an deren Adresse? Wer soll sie lesen? Wer will sie lesen? Wer kann sie lesen? Schicken Feminist_innen anderer Weltgegenden auch Flaschenpost? Wo strandet sie?

Nun aber Stopp!

Bevor ich nach Berlin fahre, um statt der entschleunigten „Langsamzeit“ meines neuen Zuhauses am nördlichen Rand mal wieder den schnellen Puls des Zentrums zu spüren, will ich ins Rathaus, ins alte „Graukloster“, um mich mit der Gleichstellungsbeauftragten zu treffen. Termine im Frauenzentrum und der „Internationalen Frauenwerkstatt Saheli“ sind auch schon verabredet. Mich interessieren die Probleme, mit denen sie als Verfechterinnen von Frauenbelangen, als Akteurinnen von Gleichstellung und Antidiskriminierungspolitiken in ihrer Arbeit hauptsächlich zu tun haben und die Frage, an welchen Formen von Wissen sie sich in ihrer jeweiligen Arbeit orientieren. Spielt feministische Theorie dabei eine Rolle? Wenn ja, in welcher Form? Spüren sie im Alltag den Gegenwind des „Anti-Genderismus“ und Antifeminismus und welchen Reim machen sie sich darauf? Ich bin gespannt und werde berichten.

Axeli Knapp

Alle Beiträge der Reihe Berlin, Berlin und anderswo …

Facebook-Intelligibilität

Facebook ist Avantgarde. Nicht nur mit dem Angebot eines betriebsfinanzierten „Social Freezing“ im Dienste der Frauenförderung (siehe: „Schockgefrostet“). Auch in Sachen Diversity macht der Global Social Media Leader Schlagzeilen. Am Stammsitz in Kalifornien (Menlo Park, Kreuzung Willow Road und Hacker Way), wird die Regenbogenflagge mit dem Facebook-„f“ in der Mitte gehisst und die Revolution kann beginnen. Zunächst für alle, die das Netzwerk im amerikanischen Englisch nutzen, dann folgt England und seit Neuestem, genau gesagt seit Anfang November, auch die deutsche Facebook Community.

Wer sich beim englischsprachigen Facebook anmeldet, sieht sich nicht mehr nur mit der – zumindest von Fall zu Fall schwer entscheidbaren – Frage konfrontiert, ob man weiblichen oder männlichen Geschlechts sei. In Ergänzung der alteingesessenen beiden Gender-Optionen gibt es nun den Button „Custom“. „Custom“ heißt soviel wie Sitte, Brauch, Usance, aber auch maßgeschneidert, spezialgefertigt und benutzerdefiniert. „Zoll“ und „Kundschaft“ gehören auch noch dazu. Wer „Custom“ anklickt, ruft ein zumindest quantitativ imponierendes Scroll-Menü auf, das diverse Möglichkeiten geschlechtlicher Kategorisierung anbietet. Im amerikanischen englisch sind es 58 Optionen, die Briten haben 70. Die maßgeschneiderten Auswahlmöglichkeiten sind laut Facebook in enger Absprache mit „leading LGBT advocacy organizations“ entstanden. Bei den 60 deutschsprachigen Vorgaben, die unter „benutzerdefiniert“ aufrufbar sind, hat der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands mitgewirkt. Zusätzlich zu den erweiterten Möglichkeiten der geschlechtlichen Zuordnung, können geneigte Nutzer_innen noch wählen, welche Pronomen sie bevorzugen: männlich – weiblich – neutral. Außerdem ist wählbar, welchem Kreis von friends die Selbstzuordnungen zugänglich sein sollen.

Das neueste Geschenk aus dem Mutterland der identity politics ist mal wieder hin- und herreißend. Einige der angebotenen Kategorisierungen muten merkwürdig willkürlich an. Aber vielleicht gilt diese Wahrnehmung auch nur für Leute, die mit den sprachlichen Feintunings im Reich der Gender Diversität nicht vertraut sind. Dazulernen lässt sich zweifellos immer. Dennoch ist es eine echte Herausforderung, „A-Gender“, „Gender Nonconforming“ oder „Gender Questioning“ nicht nur für kategorisch ausgedrücktes Unbehagen, sondern ernsthaft für „Gender Options“ halten zu sollen. Aber schon kursieren hilfreiche Erläuterungen im Netz, wie etwa die von Sam Killerman aus dem Social Justice Advocate´s Handbook: A Guide to Gender. Hier legt Killerman, der sich selbst als „social justice comedian“ bezeichnet, eine nützliche Handreichung vor mit einem Fokus auf „enjoyable learning“.

Geschlechtsoptionen

Die Problematisierung eines binären Ordnungssystems der Geschlechtszugehörigkeit, das Menschen, die sich psychisch und körperlich darin nicht wiederfinden können, nötigt und ihnen Gewalt antut, ist richtig. Auch der deutsche Ethikrat, ein von der Bundesregierung und dem Bundestag eingesetztes Gremium, hat sich im vergangenen Jahr endlich mit der Frage der zweigeschlechtlichen Normierung befasst. Er schlägt in seiner im Februar 2012 vorgelegten Stellungnahme vor, das Personenstandsgesetz zu ändern und eine dritte Geschlechtsoption einzuführen, zum Beispiel: „männlich“ – „weiblich“ – „anderes“. Gegen dieses Votum beharrt die Intersex-Bewegung zu Recht darauf, dass eine dritte Option diskriminierungsfrei zu sein habe. Alle Kategorien, die per definitionem an die zweigeschlechtliche Norm gebunden blieben (zum Beispiel „anderes“) scheiden aus ihrer Sicht aus, da sie herabsetzende Wirkung haben. Als Beispiele für eigenständige Kategorien werden genannt „Zwitter“ oder auch „Intersex“. Andere plädieren dafür, den Geschlechtseintrag als entbehrlich anzusehen und ihn ganz aufzugeben. Mit diesem Plädoyer lässt sich bruchlos an Vorstellungen einer „genderless society“ anschließen, die eine (de)konstruktivistisch-(queer)feministische Steigerungsform von „gender blindness“ darstellt. Ist im letzteren Fall noch etwas da, von dem abgesehen werden kann und sollte, so soll im ersteren Fall im Endeffekt alles wegfallen, was überhaupt wie Unterscheidungen nach Geschlecht aussieht.

Ich habe Vorstellungen von der Abschaffung der Geschlechtsunterscheidung schon immer für eine politisch wenig aussichtsreiche „Kopfgeburt“ und außerdem für Hybris gehalten. Das hat in den heißen Tagen der Sex/Gender-Debatte zu manchem Strauss mit (de)konstruktivistischen Weggefährtinnen geführt, obwohl ich den durchdachten Konstruktionsgedanken gegen biologische Essentialismen immer verteidigt habe und verteidige. Die Rede von einer „genderless society“ evoziert aber bei mir eher dystopische als utopische Assoziationen. Zweifellos muss es darum gehen, den engen Verweisungszusammenhang von Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität und über Prozesse des „Othering“ definierten exklusiven Auslegungen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ weiter aufzuklären, zu öffnen und zu verschieben. Dass das geht, wenn auch langsam und oft im Rhythmus einer Echternacher Springprozession, lässt sich beobachten. Selbst an den unzureichenden Bemühungen des Ethikrats. Auch Judith Butler, die oft so gelesen wird, als behaupte sie einen geradezu deterministischen Zusammenhang von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität betont vor allem in jüngeren Texten die Diskontinuitäten zwischen Regulierungen von Geschlechtszugehörigkeit, den damit verbundenen Eigenschaftszuschreibungen und der Regulierung von Sexualität. Damit öffnet sich ein weites Feld für politische Interventionen.

Wenn ich also – trotz mancher Kritik an der historischen Form heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit – Bestrebungen einer Abschaffung der Geschlechtskategorisierung nicht teile, was begründet dann meine Vorbehalte gegen die nun von Facebook vorgeführte Alternative einer Pluralisierung von Gender?

True, authentic selves?

Man könnte sich fragen, warum Facebook nicht auf den Zug der Advokat_innen der Abschaffung von Geschlechtsunterscheidungen aufgesprungen ist, zum Beispiel durch unaufwändiges Streichen der Vorgaben „male“/ „female“? Ich denke, die Antwort liegt auf der Hand. Warum sollte ein Konzern, der mit BIG DATA und bewerbbaren Profilen Profit macht, freiwillig auf kostenlos zur Verfügung gestelltes Algorithmenfutter verzichten? Dass die Social Media dagegen irgendwann auf den Zug identitätspolitischer Initiativen aufspringen würden, die an der Proliferation von „voice“ , „visibility“, „identity“ und „representation“ arbeiten, war zu erwarten. Fast möchte ich darauf wetten, dass die nächste Stufe der Expansion sich auf das informationell vielversprechend polymorphe Gebiet des Sexuellen erstrecken wird. Zwar beteuerte eine Facebook-Sprecherin, dass die Angaben zu den Gender-Identifikationen nicht ausgewertet und kommerziell genutzt würden – aber: wer mag das glauben? Studierende in Wien, denen ich neulich nach einem Vortrag von Facebooks guten Vorsätzen zum Datenschutz erzählte, brachen jedenfalls in spontanes Hohngelächter aus.

Lassen sich die Anliegen der LGBTQ-Verbände, die Facebook bei der Erstellung einer politisch einigermaßen korrekten Kategorienliste behilflich waren, nachvollziehen, ohne zugleich die verschachtelte Facebook Intelligibilität unkritisch feiern zu müssen?

Wahrscheinlich war ich zu lange nicht mehr in den USA, um nicht über die aufdringlichen Floskeln zu stolpern, mit denen das Unternehmen sein Unternehmen der Gender-Diversifikation anpreist: „We want you to feel comfortable being your true, authentic self“, „we’re proud to offer a new custom gender option to help you better express your own identity on Facebook“, „to be transparent about who you really are“. Auch in den Glückwünschen, die Lobby-Gruppen und Einzelne auf der Diversity-Seite posteten, wimmelt es von „authentic selves“, und „true and unique identities“ die nur darauf gewartet haben, mit Hilfe von Facebook endlich intelligibel, d.h. (an)erkennbar zu werden. Dass es berechtigte Bedürfnisse gibt, sich nicht verstecken zu müssen und ohne Angst vor Diskriminierung leben zu können, ist evident. Aber in welchen Formen und Kontexten das intelligibel-Werden umgesetzt wird, muss reflektierbar sein, ohne sogleich als fortschrittsfeindlich abgewehrt zu werden.

Ist das, was jetzt als „wahres Selbst“, als „eigene Identität“ und „Authentizität“ beschworen wird und was fortan mit einem Klick auf ein Kästchen manifestiert werden kann, das, was zuvor unausgedrückt blieb? Ich wittere bei dieser Art der Formatierung und ihrer Begleitrhetorik eher eine Variante jener Geständnis- und Subjektivierungsdiskurse, wie sie Foucault in „Sexualität und Wahrheit“ historisch nachgezeichnet hat. Heute wirken, und das ist der Fortschritt, Organisationen der Betroffenen an den Kategorisierungen mit. In den Authentifiktionen der Gegenwart verbinden sich Erfahrungen von Diskriminierung und Befremdung auf schwer zu entwirrende Weise mit Gruppismen, Lifestyles und Individualismus. Dass die innere Logik mancher Bezeichnungen kaum nachvollziehbar ist, deutet zudem weniger auf mangelnde „Dudenfertigkeit“, wie ein Sprecher des LSVD meint, sondern eher auf einen gewissen Kategorisierungsüberschuss hin, der von anderen Motiven getrieben ist als von dem Bedürfnis nach sprachlicher Adäquanz.

Irritation als Identitätsform

Was soll das Intelligible von Kategorien wie „Gender Variant“, „Neither“, „Non-binary“ oder „Other“ sein? Was gibt es da zu erkennen oder anzuerkennen außer in den Nuancen schwankende Ausdrücke von Irritation? Die Facebook-Kategorisierung verwandelt Irritation in eine Identitätsform. Diese verleiht der Irritation Ausdruck und lässt sie zugleich verschwinden.

Die Sachlage ist, zugestandenermaßen, kompliziert und im Blogformat nicht im Einzelnen auszuleuchten. Wie soll es das auch sein? Immerhin haben Judith Butler und Athena Athanasiou jüngst ein ganzes Buch gebraucht (Die Macht der Enteigneten, 2014), um Widersprüche wie die zu umkreisen, die sich sofort aufdrängen, sobald man das freundliche Diversifizieren bei Facebook auf der Folie der neoliberalen Gouvernementalität der Gegenwart betrachtet. Diese, so Athena Athanasiou „investiert – politisch, psychisch und ökonomisch – in die Herstellung und Gestaltung von Lebensformen: Sie ‚macht‘ leben, indem sie Anregungen bereitstellt, das ‚eigene‘ Leben zu inszenieren.“ (S. 51) Athanasiou liest derartige Verführungen zur Sichtbarkeit als Formen der Ent-eignung. Aber es gibt auch noch einen anderen Gesichtspunkt der Kritik: der raum-greifende Charakter der neuen Form der Netz-Intelligibilität. Angesichts des durch den Global Social Media Leader verbreiteten Spektrums kategorialer personae von „authentic selves“ drängen sich Parallelen zu Judith Butlers Bemerkungen zur Dialektik von Freiheit und Unfreiheit auf: „Die Propagierung bestimmter, kulturell geprägter Vorstellungen von ‚Freiheit‘, verbunden etwa mit einem hohen Maß an Sichtbarkeit oder diskursiv hervorgehobener ‚outness‘, exportiert in gewisser Weise Konturen der Freiheit aus der Ersten Welt. (…) Verwunderlich ist (…), welche Art kultureller Beschränktheit uns (…) davon abhält zu fragen, wie jene Normen, die in manchen Situationen im Namen der Freiheit wirken, sich zu Vehikeln eines Kulturimperialismus und der Unfreiheit verkehren können.“ (S. 74)

Die hier nur angedeuteten Widersprüche lassen sich nicht schlichten. Und mir fällt zu diesem Blog kein besserer Schluss ein als noch einmal Judith Butler zu zitieren mit ihren bedenkenswerten Überlegungen zu den Gratwanderungen zwischen Nicht-Intelligibilität und einer „Überfrachtung“ mit Intelligibilität: „Dabei geht es nicht darum, neue Formen von Intelligibilität zu instituieren, die ihrerseits zur Grundlage des (Selbst)Erkennens werden. Und ebenso wenig geht es darum, Nicht-Intelligibilität um ihrer selbst willen zu feiern. Der Punkt ist vielmehr, unter widrigen Umständen gemeinsam mit anderen voranzukommen, in einer Bewegung, die sowohl Mut als auch kritische Praktiken erfordert, eine Form des Verhältnisses zu Normen und zu anderen, die sich nicht in einem neuen Regime niederlässt.“ (S. 100)

Axeli Knapp

„Afrika als ein Land…….“ und andere Formen der Komplexitätsvernichtung

Kürzlich bekam ich eine Email von Karina, die mir den Link zu einem Text des Historikers und Literaten Paul Tiyambe Zeleza schickte, der auf dem Blog „Africa is a Country“ erschienen war. So einen Essay über „Ebola“ aus dem „Land Afrika“, der sich mit den Ängsten und Abwehrphantasien befasst, die die Seuche jenseits von Afrika hervorruft, hätte ich gern geschrieben. Aber ich hätte ihn nicht in dieser Weise schreiben können. Die Rede aus der Perspektive der ersten Person, die den erfahrungsgesättigten Beitrag des Autors bestimmt, der aus Malawi kommt und jetzt in den USA lebt, stünde mir in dieser Hinsicht nicht frei. Die Erfahrungen, die er gemacht hat, kann ich nicht machen. Auch Karina, die einen namibischen Pass hat, die dort geboren und aufgewachsen ist, kann, als weiße Frau, diese Erfahrungen nicht machen. Aber wir können das, was Zeleza berichtet, nachzuvollziehen versuchen und den Link weitergeben.

Paul Tiyambe Zeleza schreibt davon, was seine Beunruhigung durch Ebola bestimmt. Und das ist nicht identisch mit dem, was er in Gesprächen mit Bekannten und Kollegen und von der hysterisierten Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten wahrnimmt. Seine Befürchtungen gelten den rassistischen Projektionen, den selbstgewissen Zuschreibungen und homogenisierenden Unterstellungen, die durch die panische Angst vor einer Pandemie beflügelt werden. Sie sind bedrohlich, weil sie die Öffentlichkeit um etwas Wichtiges berauben:

„Ebola has robbed the American public of Africa´s multiple stories, of the continent´s splendid diversities, complexities, contradictions, and contemporary transformations.“ Der Essay endet mit dem Satz „As someone who earns a living as an educator, I am afraid of Ebola because it is an enemy of critical and balanced thinking about Africa, about disease, about our common humanity.“

Die weitreichenden Vorgänge der Horizontverengung, die Zeleza am Beispiel der Ebola-Hysterie in den USA nachzeichnet, sind sowohl symptomatisch als auch exemplarisch. Symptomatisch sind sie in der immer wieder besonders schnell zu mobilisierenden Bereitschaft, alle Vorsicht und Rücksicht fahren zu lassen, wenn es um Angelegenheiten oder Problematiken geht, die den afrikanischen Kontinent betreffen. Die rasche Regression auf stereotype Deutungsmuster zeigt an, in welchem Maße das kulturelle Vorbewußte von den Niederschlägen des Rassismus geprägt ist. In den USA auf andere Weise und mit anderen Facetten als in Europa. Exemplarisch sind dagegen die kognitiven Strukturierungen, die mit diesen politisch-psychologischen Prozessen einhergehen. Sie lassen sich auch in und im Blick auf andere(n) Weltgegenden und andere Diskurse als dem über Ebola beobachten.

Beraubung der Öffentlichkeit und die damit einhergehende Verengung von Wahrnehmungshorizonten sind Begleiterscheinungen globaler Krisenphänomene und Konflikte. Scheuklappendenken, Gruppenegoismen und feindselige Fundamentalismen aller Art sind in erschreckender Intensität aufgelebt. Vom grassierenden „Gruppismus“ spricht Rogers Brubaker in seinem lesenswerten Buch Ethnizität ohne Gruppen. Gruppismen können sowohl in der Selbstwahrnehmung als auch in der Fremdwahrnehmung dazu führen, dass individuierende Sichtweisen affektiv blockiert und/oder delegitimiert werden. Mich besorgt, dass derartige Strukturierungen nicht nur auf einer Seite bleiben, sondern auch die Formen der Kritik an diesen Entwicklungen beeinflussen können.

Differenzierende Einsichtnahmen in verbundene und verbindende Problemlagen geraten unter Verdacht und werden verpönt. Wenn nur das „rote Licht des Zorns“ (Virginia Woolf) leuchtet oder Angst den Weltbezug bestimmt, werden Grobschlächtigkeiten innerpsychisch, intersubjektiv und auch politisch funktional. Blockieren der Selbstreflexion, Denktabus und die Regression auf unterkomplexe Deutungen gehen Hand in Hand. Sich in die Schuhe der anderen zu stellen, wird deckungsgleich mit Überlaufen, Verstehen verwandelt sich umstandslos in Rechtfertigen. Dann erscheinen abwägende Gesellschaftsanalytiker als „Sympathisanten“ beliebiger Feinde der Gesellschaft, reflexive Feministinnen werden zu „Männerversteherinnen“, die den Feminismus „Zurück auf Los“ setzen wollen, nachdenkliche Männer zu warm duschenden „Frauenverstehern“, Kritikerinnen von Entscheidungen der israelischen Regierung zu antisemitischen „Pälastinenserversteherinnen“, oder, als jüngste Variante in diesem Kampf um Deutungshoheit und politische Grenzziehungen, Menschen, die sich auch selbstkritisch mit dem neuen kaltheißen Krieg in Europa auseinander setzen, zu „Rußlandverstehern“, die Putins völkerrechtswidrige und opportunistische Politik verteidigen. Allesamt sind sie „Gutmenschen“. Dass diese von den Nazis geprägte Formel heute in öffentlichen Debatten wieder so leichthändig benutzt wird, ist erschreckend.

Nachdenklich gemacht hat mich besonders eine Passage des Ebola-Essays, in der sich Zeleza mit der Autorisierung von Sprechpositionen befasst, welche die Legitimität des Sprechens und den Wahrheits- und Glaubwürdigkeitsgehalt des Gesagten in Authentizitätszuschreibungen verankert. Für ihn gehören stereotype Authentisierungen, wie wohlmeinend auch immer, zum Arsenal der Komplexitätsvernichtung. Über epistemische Echtheitszertifikate schreibt er ironisch:

„I am afraid of Ebola because it is robbing me of my African authenticity when I fail to give special insight into the nature of the disease from inquiring collegues or the media. About the culinary delights of eating monkey meat that apparently sparked Ebola and the strange primeval customs that helped spread it like wildfire. The fact that I am not a medical doctor, or from the three affected countries, doesn´t matter. I am an African. Or have I become too Americanized to understand my African disease heritage? Maybe I am not Americanized enough to speak authoritatively about things I know little about, not even when it comes to that simple place with a single story called Africa.“

Komplexität im Blick auf Andere, auf sich selbst und die Gesellschaft immer wieder herzustellen, den Vermittlungen nachzugehen, die einen Sachverhalt bestimmen, ist aus meiner Sicht radikal. Auch Zelezas Plädoyer ist in diesem Sinne radikal. Öffentlichkeiten durch eine kontroverse, in demokratischen Prozessen zu bearbeitende Vielfalt von Gesichtspunkten zu bereichern, anstatt sie zu berauben, gehört zum besten Erbe der in Europa so schmählich verratenen Aufklärung. Die eigene historisch-gesellschaftliche Verortung und Verantwortung auf möglichst umfassende Weise zu begreifen und sich auch noch im Deutungskampf die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel zu bewahren, sind aus meiner Sicht Voraussetzungen jeder Form emanzipatorischer Politik und Gesellschaftskritik. Aber diese Voraussetzungen sind ihrerseits voraussetzungsvoll. Sie sind nie einfach gegeben, sondern müssen gegen innere und äußere Widerstände durchgesetzt werden.

Die Geschichte des Feminismus liefert bis in die Gegenwart Lehrstücke dafür, wie kompliziert das Herstellen von Komplexität, wie schwer die Arbeit an Differenz und wie schmerzhaft die Auseinandersetzung mit der Frage der Ungleichheit unter vermeintlich oder „irgendwie“ Gleichbetroffenen sein kann. Zugleich ist sie ein Lehrstück dafür, wie überlebensnotwendig und bereichernd diese Arbeit ist.

Zelezas Essay thematisiert Zusammenhänge zwischen der gesellschaftlichen Ausbreitung von Angst und Unsicherheit, der Regression auf stereotype Weltdeutungen und auf ebenso stereotype Zuschreibungen authentischer Expertise. Er beschreibt sie als Phänomene der Komplexitätsvernichtung und Beraubung der Öffentlichkeit. Ich habe den Eindruck, dass es auch paradoxe Formen der Komplexitätsvernichtung und Beraubung der Öffentlichkeit gibt, die Begleiterscheinungen von Intentionen der Kritik und sogar der Selbstkritik sind.

Ich sehe einen zumindest in den Effekten vergleichbaren Zusammenhang in der seit seiner einiger Zeit beliebten Verknüpfung der Rede vom „situierten Wissen“ (Donna Haraway) mit Aufzählungen sozialkategorialer Positionierungen (race, class, gender, religion, age, ability …). Darin manifestiert sich zuweilen eine verquere Dialektik von Aufklärungsintention und Komplexitätsvernichtung. Habe ich mich schon „situiert“, wenn ich diese Kästchen aufrufe? Für was stehen sie jeweils, welche Lebenswirklichkeiten und Machtverhältnisse sollen sie anzeigen, wie sind sie durch einander vermittelt, welche Bezüge zwischen Erfahrungen und Erfahrungsverarbeitung unterstellen sie? Diesbezüglich sind die Fragen immer noch größer als die Antworten, die die Wissenschaft bislang beisteuert. Das spricht für Zurückhaltung, nicht für discourse-policing, das mit Selbstbezichtigungsritualen beantwortet wird. Was sollen die anderen denken, wenn eine Person ihr Sprechen mit einem Bekenntnis einführt? Zum Beispiel: „Ich als teilprivilegiertes weißes, heterosexuelles, ableisiertes, katholisches Arbeitermädchen vom Lande“? Wie kommt jemand dazu, sich als Individuum auf diese Weise in der Selbstbezeichnung zu entnennen? Zur Entnennung wird das Benennen von „Positionierungen“, wenn es selbstgenügsam bleibt. Dann läuft es Gefahr, auszublenden, dass Individuation und Vergesellschaftung zwei Seiten eines Zusammenhangs bilden, die nicht deckungsgleich sind.

Gesellschaft geht nicht auf in Gruppenhierarchien und Individuen gehen nicht auf in den ihnen zugedachten und selbstbezüglichen identities. Ich lese solche konventionalisierten Reihen als Reflexionsformen des „Gruppismus“. Diese verbinden sich in der Gegenwart auf merkwürdige Weise mit den individualisierenden Anrufungen neoliberaler Ideologien und identity-talk. Das Individuelle nimmt selbst gruppistische Züge an. Wenn sich Kategorienlisten ohne das Scheitern zumindest andeutende „etcetera“ (Judith Butler) noch mit Vermutungen über Wissensprivilegien auf der einen und unausweichlichen Bornierungen auf der anderen Seite verbinden, liegen epistemische Kurzschlüsse nahe. So offenkundig es Zusammenhänge zwischen Erfahrungen der Selbstbetroffenheit und Motiven des intervenierenden Wissenwollens gibt, so problematisch sind Annahmen, die beides nur verklammern, ohne mit gleichem Engagement die Kluft und die Möglichkeitsräume auszuloten, die zwischen sozialem Sein und Bewußtsein bestehen. Epistemische Kurzschlüsse vernichten Komplexität durch stereotype Konstruktionen von Differenz, durch simplifizierende Vorstellungen von „Positionierung“ und Erfahrung sowie durch die unvermittelt-moralisierende Konfrontation von Einzelnen mit dem Überhang an Objektivität, wie ihn historische Konstellationen von Macht, Herrschaft und Ungleichheit darstellen.

In meine Leseerfahrungen mit Zelezas Essay mischten sich widersprüchliche Eindrücke aus dem feministischen Kontext. Zum einen von der Eröffnungstagung des „Göttinger Centrum für Geschlechterforschung“ am 17. Oktober diesen Jahres, wo es auf einem der Panels um die Frage „Macht, Differenzen und situiertes Wissen“ ging. Dabei wurden auch Phänomene des discourse-policing problematisiert. Zum anderen von einer im Netz zugänglichen Podiumsdiskussion anläßlich der Premiere von „Anfangen“, dem Film über Christina Thürmer-Rohr, am 13. Oktober. In der Premierendiskussion zum Film steuerte Nivedita Prasad einprägsame Beispiele für Perspektivendifferenzen im Feminismus bei. Etwa die unterschiedliche Bedeutung von „Heimatlosigkeit“ im Diskurs weißer deutscher Feministinnen der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsgeneration, die sich an den Gräueln des Nationalsozialismus abarbeiteten, und afrodeutscher Feministinnen, für die der Begriff mit ganz anderen Erfahrungen und Konnotationen verbunden war. Es sind solche Formen der Komplexitätsherstellung und Bereicherung der Öffentlichkeit, die die gesellschaftliche Relevanz eines polyperspektivischen Feminismus erfahrbar machen. Aber es gab auch eine Intervention aus dem Publikum, die die Ehrung Christina Thürmer-Rohrs nicht gestört sehen wollte durch die kritischen Stimmen von „Anderen“.

Ich finde es unmöglich, wenn – 2014 – noch jemand davon ausgeht, eine Repräsentantin des (frühen) Feminismus könnte reflexionslos gefeiert werden. Eine solche Affirmation wird Christina Thürmer-Rohr nicht gerecht. Sie hat ja selbst einiges zur Perspektivenerweiterung des Feminismus beigetragen und auf dem Podium erneut plädiert für die Offenheit auch gegenüber konträren Positionen. Gleichzeitig finde ich es schwer, kurzschlüssige und selbstgerechte Formen, die das Situieren, Positionieren und Intervenieren von Fall zu Fall annehmen kann, zu kritisieren, ohne zugleich die richtige Intention zu diskreditieren, die dahinter steht.

Dieser Blogeintrag ist schon viel zu lang, die 6000-Zeichen-Empfehlung der Redaktion deutlich überschritten. Und doch bin ich mit den hier notierten Gedanken und Assoziationen immer noch weit davon entfernt, den angesprochenen Sachverhalten gerecht werden zu können. Vielleicht können die Notizen dazu beitragen, eine Diskussion darüber zu forcieren, was ich vorhin, angeregt durch den Essay von Paul Tiyambe Zeleza, als Dialektik von Aufklärungsintention und Komplexitätsvernichtung bezeichnet habe. Sie ist die der Selbstreflexion zugewandte Kehrseite von Aufklärungsabwehr, Privilegiensicherung und Beraubung der feministischen Öffentlichkeit.

Axeli Knapp

 

Schockgefrostet

Schon wieder ereilt es mich beim Frühstück. Beinahe bleiben mir Apfel und Ei im Halse stecken als ich höre, was da an News aus dem Radio kommt: Apple und Facebook bieten ihren jüngeren Mitarbeiterinnen an, angeblich auf deren Nachfrage hin, sich Eizellen entnehmen und sie einfrieren zu lassen, damit sie sich ganz der Karriere widmen können. Kinder könnten sie dank der neuen Reproduktionstechnologien später bekommen, wenn es zeitlich und finanziell besser passt. Bis zu 20000 Dollar pro Frau wollen die IT-Firmen dafür hinblättern. Entgeistert kommentiert die Moderatorin Eva Schramm auf NDR Kultur diesen neuesten Beitrag zur Frauenförderung: „Social freezing für’n Apple und’n Ei“. Schramm gerät mit dieser ironisch gemeinten Formulierung allerdings ungewollt selbst auf Glatteis, legt die Redewendung von „Apfel und Ei“ doch nahe, dass die Bereitschaft zum Frosten, wäre sie denn besser entgolten, eine Option im Dienste von Gleichstellung und Emanzipation sein könnte.

Der Vorschlag aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten zur zeitlichen Entzerrung der „rush hour of life“ („Bis später, Baby“, HAZ 17.10.14) macht zunächst fassungslos. Bei näherem Nachdenken erscheint mir das Angebot des „Social Freezing“ von Firmen für Frauen aber durchaus rational, genauer gesagt sogar hyperrational. Es ist die Manifestation eines trotz aller Krisen und Kritik unerschütterten Machbarkeitsglaubens, eines instrumentellen Denkens, das keinerlei reflektierende Distanz mehr aufbringt zu den Kältewüsten, aus denen es stammt und die es ausdehnt. In dem Satz der Sprecherin einer kalifornischen Social-Freezing-Firma zeigt sich, dass die Rede vom sozialen Einfrieren wörtlich zu nehmen ist: „Das Angebot kann Frauen helfen, produktivere Menschen zu werden.“ (DER SPIEGEL 43/2014). Bei der Verwandlung von Frauen in produktivere Menschen helfen coole Arbeitgeber, „Caring Companies“, die mit dieser wärmenden Selbstbezeichnung der Care-Debatte eine bemerkenswerte Facette hinzufügen.

Die Frauen- und Familienförderer der fürsorglichen Firmen denken praktisch, positiv und grundsätzlich BIG. Leitfaden und Legitimationsformel ist das Prinzip des Win-Win-Win etcetera. Im vorliegenden Fall läßt sich dessen innere Folgerichtigkeit so umreissen: Die Frauen haben etwas davon, wenn sie sich zunächst auf Beruf und Karriere konzentrieren können, eventuell sind auch die Paare zufriedener, weil sie noch ein bisschen länger die Zweisamkeit genießen und sparen können, bevor sie Eltern werden; das sogenannte „Schwangerschaftsrisiko“, der zeitweise Ausfall gut ausgebildeter Mitarbeiterinnen, wird für die Unternehmen kalkulierbarer und über Vereinbarungen manageable gemacht, zudem scheint das Einfrieren von Eizellen auf Dauer kostengünstiger als andere Programme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und last but not least ist Nachwuchs aus in jüngeren Jahren eingefrorenen Eizellen biologisch potentiell besser und fitter als Kinder, die gegebenenfalls in Echtzeit aus Eiern älterer Frauen erzeugt und von ihnen ausgetragen werden. So profitieren alle: die Frauen, die Familien, die Firmen, der Staat und die Gesellschaft.

Das deutsche Medienecho auf Frauenförderung á la Apple und Facebook ist bislang, so weit ich sehe, überwiegend kritisch. Von „unsittlichen“ oder „unmoralischen“ Angeboten ist in Artikeln zum Thema die Rede. Vermehrt sind inzwischen aber auch hierzulande Stimmen zu hören, die in der Vitrifikation, die zunächst nur im engeren Zusammenhang medizinischer Begründungen vertreten wurde, eine grundsätzlich bedenkens- und sogar begrüßenswerte Chance für Frauen sehen, ihre Dispositionräume zu erweitern. Laut einer ZEIT-Umfrage gibt es dabei eine klare Differenz nach Alter: Unter den über 60jährigen, also meiner Generation, sind weniger als 20 Prozent dafür, unter den unter 30jährigen sieht die Mehrheit das Social Freezing positiv. Ob bewußt oder nicht: Diese Stimmen reihen sich ein in einen traditionsreichen Chor, in dem sich schon in den 60er und 70er Jahren liberale, radikale und sozialistische Feministinnen zusammenfanden. Für viele von ihnen galt die Nutzung aller reproduktionstechnologischer Innovationen als das Mittel, die Kontrolle über ihre Gebärfähigkeit in die eigenen Hände zu nehmen und/oder, wie es Shulamith Firestone damals formulierte, die „Tyrannei der biologischen Familie“ zu brechen.

Wie Gesellschaftskritik sich immer wieder in Widersprüche verstrickt, zum Beispiel das Gleichheits-, Differenz- und Dekonstruktions-Dilemma, treibt auch politisches Handeln im Streben nach Freiheit und Gleichheit paradoxe, nicht-intendierte Folgen hervor. Diese Probleme sind im grundlagenkritischen Feminismus intensiv reflektiert worden: die Verkehrung von Praxen, die auf Befreiung zielen, in neue Zwänge und Normierungen; die Janusköpfigkeit von Recht und Rechten; die Verschwisterung von Herrschaftsintensivierung und eigener Entscheidung; schließlich das Umschlagen partikularer Rationalitäten in concreto in gesamtgesellschaftliche Irrationalität. Der Fall der Frauenförderung durch soziales Einfrieren deutet auf solche Dialektiken in einer aufschlußreichen biopolitischen Zuspitzung.

Mir erscheint die Neuigkeit aus den USA in ihrer erschreckenden Kombination von Hybris und Pragmatismus wie ein Spiegel, der die Kehrseiten auch mancher der früheren feministischen Ideen deutlicher erkennen lässt, gerade weil sie heute wirklich geworden sind. Im Zeichen der Eröffnung neuer Möglichkeiten für biographische Flexibilität, wird nun die Fähigkeit, Kinder zu gebären, Gegenstand der Kalküle nicht mehr nur der potentiellen Eltern, sondern auch weiterer wohlmeinender Beteiligter. Unter gesellschaftlich-ökonomischen Bedingungen, die „Wahlfreiheit“ immer schon unterlaufen bzw. pervertiert haben, wenn sie ausgeübt werden muss, wird das Bedürfnis nach individuellen Spielräumen passfähig gemacht für erweiterte ökonomische Verwertungsinteressen. Ist die Idee erst einmal in der Welt, müssen Frauen selbst entscheiden, ob sie mit Hilfe des sozialen Einfrierens „produktivere Menschen“ werden wollen oder nicht. Wenn nicht, bleibt das auf Dauer für sie nicht folgenlos, weil schleichend bereits die Kriterien dessen verändert sind, was im Geiste des Win-Winnens die richtige Wahl ist.

Das voluntaristisch und individualistisch verengte Reden von der Freiheit zu rational choices überlagert die Erinnerung an ein anderes feministisches Verständnis von Freiheit, das einmal mit den Begriffen von Emanzipation und Solidarität assoziiert war. In diesem Verständnis ging es darum, die gesellschaftlichen Reproduktionsverhältnisse, also den ganzen Zusammenhang von Arbeit, Sexualität und Generativität in der Gesellschaft, nach Maßstäben menschlicher Gleichwertigkeit einzurichten und zugleich für Bedingungen einzutreten, in denen Menschen ohne Angst verschieden sein (Adorno) könnten. Wie und ob das überhaupt zu verwirklichen wäre, wird immer noch – und zur Zeit wieder verstärkt – diskutiert. Aber ganz sicher ist es nicht zu erreichen auf Wegen wie dem, der hier zur Debatte steht: mit „Frösten der Freiheit“ (Gisela von Wysocki) war anderes gemeint als Social Freezing. Um die Differenz weiter unkenntlich zu machen, sind inzwischen bereits die Sprachregulierer am Werk mit Vorschlägen, das wenig anheimelnde Wort vom Frosten durch etwas zu ersetzen, das in Zeiten der Selbstoptimierung rhetorisch anschlußfähiger ist. Zum Beispiel „Eizellenvorsorge“, so der Vorschlag des Reproduktionsmediziner Nicolas Zech am 26.10.14 bei Günter Jauch.

Social Freezing ist ein Beispiel dafür, wie das jeweils technologisch Machbare, und sei es noch so surreal, von Interessengruppen in Hegemoniekämpfen propagiert wird, in gesellschaftliche Deutungsrepertoires einsickert, zunächst vielleicht Einzelne betört, die davon in besonderer Weise profitieren, sich dann allmählich ausbreitet, absetzt, veralltäglicht und irgendwann zu Möglichkeiten verdichten kann, denen Plausibilität und die zwanglose Zwangsläufigkeit von Choices zukommt. Dann wird es auch praktisch zu einer Option, die in verschiedenen Politikfeldern aufgegriffen werden kann, sogar in der Gleichstellungs- und Frauenförderpolitik. Ist es erst einmal so weit, dann kann man, frei nach Ernst Jandl, USA und Europa, lechts und rinks und fenimistisch velwechsern.

Axeli Knapp

Verdorbenes Frühstück

Nach der ZEIT hat nun auch NDR Kultur die Kolumnen von Harald Martenstein für sich entdeckt und verbreitet sie mit Wiederholung zu besten Sendezeiten. Der Journalist beim Berliner Tagesspiegel kommentiert alles Mögliche, mit besonderer Leidenschaft aber den Feminismus und seine „brachialen Spielarten“. Zu den „Exzessen dieser Denkart“ zählt er neben dem Phänomen der political correctness auch die Gleichstellungspolitik und die tatsächlich oder vermeintlich zunehmende Zahl von Gleichstellungsbeauftragten. Seine jüngsten Bemerkungen über „Zornige alte Männer“ und die Zimperlichkeit von Feministinnen, die nicht einsehen wollen, dass Feminismus heute mainstream und als solcher von kritischen Journalisten selbstverständlich zu kritisieren sei, haben mir am vergangenen Sonnabendvormittag das Frühstück verdorben.

Ich kann Polemik, die als intelligente Plauderei (und obendrein in einem paternalistisch Nuhr´schen Tonfall) daherkommt, schlecht vertragen. Das Genre der meinungsstarken Glosse, die in Printmedien und im Hörfunk verbreitet wird, hat vermutlich in jüngerer Zeit mehr zur schleichenden Diskreditierung des Feminismus beigetragen als die aggressiven, offen homophoben und chauvinistischen Verunglimpfungen, wie sie im Web 2.0 kursieren. Diese stammen in der Regel von Leuten, die das rhetorische Florett nicht beherrschen und stoßen eher bei ihresgleichen auf ein Echo. Der Gestus ironisch-souveräner Besserwisserei ist dagegen in den Feuilletons zu Hause, bei Bildungsbürger_innen, die mit dem Selbstverständnis auf- und abgeklärter Beobachter des gesellschaftlichen Lebens demonstrativ unverkniffen Stellung beziehen. Ich schließe noch nicht einmal aus, dass man mit einigen von ihnen ins Gespräch kommen könnte; denn grundsätzlich wird auch Kritik „von außen“ gebraucht für eine produktive Auseinandersetzung mit der Frage der gesellschaftlichen Rolle des Feminismus und der Tragfähigkeit von Entwicklungen, die in seinem Zeichen stattgefunden haben. Gegen diese Option spricht jedoch, dass beide Strömungen, die des Floretts und die der Keule, sich in ihren je spezifisch zusammengesetzten Motiv- und Affektlagen, verzerrten Wahrnehmungen und bedenkenswerten Einwänden darin ähnlich sind, dass sie mit rhetorischen pars pro toto-Tricksereien das, was sie als Auswüchse sehen, für das Ganze setzen. Karikaturhafte Vereinseitigung und versämtlichende Verunglimpfung gehören zum Arsenal politischer Propaganda. Für beide Strategien und Äußerungsweisen gilt, dass differenzierende, abwägende Argumente oder die Konfrontation mit Fakten und Forschungsbefunden ihnen gegenüber wenig tragen.

Der Rahmentext des NDR zur Martenstein-Kolumne vom 2. und 4. 10. leitet so ein: „Darf man sich als alter weißer Mann zum Feminismus äußern? Kritikerinnen finden: Nein! Harald Martenstein findet: Ja! Und tut es auch“. Damit ist schon vorab die Bühne für den Showdown bereitet und zweierlei suggeriert: Erstens, dass der mutige Martenstein auch gegen Widerstand bereit ist, Verbote und Tabus zu brechen (das muss doch mal gesagt werden; man wird doch wohl noch sagen dürfen), zweitens, dass ominöse „Kritikerinnen“, es handelt sich um Christina Schildmann und Anna-Katharina Meßmer und ihren in der ZEIT veröffentlichten Beitrag über den „Zorn abgehängter Männer“, ihnen das nicht zugestehen wollen. Das ist tendenziös und Unsinn. Der ZEIT-Artikel versucht, unterschiedliche Formen des Antifeminismus zu typologisieren und bezieht sich als Deutungsangebot auf Überlegungen des US-amerikanischen Soziologen Kimmel. Ich selbst halte den eher instrumentellen als analytischen Einsatz des Kürzels vom „WHM (weißen heterosexuellen Mann)“ für fragwürdig und für meinen Geschmack bleiben die Autorinnen stellenweise selbst dem polemischen Kampfvokabular verhaftet und bedienen damit Mechanismen, die ich kritisch sehe, die aber zweifelsohne konstitutiver Bestandteil der massenmedialen Form der Erzeugung von Aufmerksamkeit sind. Was Meßmers und Schildmanns Text aber nicht macht, ist, es Männern, ob alt, weiß oder abgehängt, zu verbieten, sich zum Feminismus zu äußern. Das wäre ja auch absurd.

Der Feminismus, die Geschlechterforschung und damit verbundene Politiken segeln zurzeit bei Gegenwind. Die augenscheinliche Zunahme, zumindest aber deutlichere Vernehmbarkeit von Kritiker_innen und Gegnern ist in Rechnung zu stellen, wenn es um die Frage nach den aktuellen Bedingungen und Optionen feministischer Kritik geht. Sie isoliert, gleichsam wie eine Anordnung im Boxring, zu betrachten führt jedoch in die Irre. Die Konstellation feministischer Kritik ist nicht nur durch viele verschiedene Faktoren, sondern auch durch verschiedene Sichtweisen bestimmt. Die Diagnose, der Feminismus und die Geschlechter- bzw. Genderforschung habe sich überlebt, muss nicht von den Ignoranten kommen, die sich ohnehin das herauspicken, was ihre Argumente stützt und sowohl weiterführende Ansätze als auch die innerfeministische Kritik systematisch ausblenden. Sie kann durchaus auch aus einem berechtigten Ungenügen herrühren. Aus dieser Perspektive wäre ein Feminismus, der zu vielen der drängenden Probleme der Gegenwart nichts oder wenig beizutragen hat, selbst daran Schuld, wenn er an Anziehungskraft verliert. Ich sage nicht, dass das so ist, wohl aber, dass die Diskrepanzen zwischen Notwendigem, Geleistetem und Leistbarem aus unterschiedlichen Gründen größer werden. Die gesellschaftlichen Abschottungen nehmen zu. Für den im weiten Sinne geschlechterpolitischen Kontext wäre das Verhältnis zwischen institutionellen Differenzierungsprozessen, den sich daraus ergebenden Selbstgenügsamkeiten und unzureichenden Brückenschlägen zwischen Theorieentwicklung und verschiedenen Praxisfeldern genauer zu untersuchen. Das Unverständnis gegenüber nicht-pragmatischen, an die Wurzeln der Probleme gehenden Kritikansätzen ist größer geworden. Umgekehrt gilt jedoch auch, dass einige der neueren Ansätze feministischer Kritik, ich denke etwa an Strömungen des Posthumanismus oder die Überlegungen der Physikerin Karen Barad, sich in Sprachformen äußern, die wahre Welten für sich darstellen. Ohne Übersetzung wird deren gesellschaftliche Resonanz gering bleiben. Aber selbst die managerialen Varianten von Gender und Diversity mit ihrem Nützlichkeitsausweis und ihrer hohen „Anschlußfähigkeit“ an das Alltagsbewußtsein werden eher hingenommen als anerkannt, ganz anders, als es die Schaufensterreden von ihrem innovativen Potential nahelegen. Gleichzeitig wachsen die Nachfrage und das Bedürfnis nach anderen Tönen, einer neuen Musik, die den ebenso verwilderten wie sedierten gesellschaftlichen Verhältnissen vorzuspielen wäre. Es ist die Gleichzeitigkeit von – auch aus feministischer Sicht analyse- und kommentierungsbedürftigen – gesellschaftlichen Mehrfachkrisen, den verschlechterten Rahmenbedingungen für kritische Wissensproduktion insgesamt, inklusive feministischer Kritik, der Zunahme antifeministischer Stimmungsmache und der Verbreitung von Haltungen der Indifferenz und Resignation, die mir Sorgen macht.

Sich die in die Defensive geratene Position der begründenden, argumentierenden Kritik und der machtempfindlichen Selbstreflexion mal wieder vor Augen führen zu müssen, ist für eine ehemalige Journalistin, die sich vor vierzig Jahren entschieden hat, es genauer und anders wissen zu wollen und die aus diesem Grund in die Wissenschaft wechselte, nicht erfreulich. Und dass ich dies nun in einem Blog anspreche, der seiner Form nach nicht gerade auf Vertiefung geeicht ist, ist auch nicht frei von Komik. Mit diesen und anderen Widersprüchen will ich mich in den kommenden Einträgen befassen.

Axeli Knapp