Autor: Anna-Lena Berscheid

More Love – Less Hate

In den USA gab es wieder ein Attentat. 50 Menschen sind gestorben, mindestens ebenso viele verletzt. Als Westeuropäer_innen sind wir diese Nachrichten gewohnt, die Amis halt, alles Waffenverrückte da drüben. Dieser Zynismus greift schon wie ein Automatismus, genauso wie die Erklärungen der NRA zur Wichtigkeit des zweiten Verfassungszusatzes und die mantra-ähnlichen Wiederholungen des scheidenden Präsidenten Obama, die Waffengesetze (endlich) zu verschärfen.

Aber diesmal ist es anders: Mit dem Club Pulse in Orlando, Florida, hat sich der Täter offenbar ganz bewusst eine Bar ausgesucht, die von LGBTQ-People, viele von ihnen queers of color, aufgesucht wird. Ein Rückzugsort für die queer community Floridas, ein Schutzraum vor Diskriminierungen durch die Mehrheitsgesellschaft, wo sich Menschen zum Trinken, Tanzen und Knutschen trafen.

49 dieser Menschen sind also tot, weil sie der queer community angehörten und dies an jenem Abend – mitten im Pride-Monat – zelebrierten. Die Medien kolportieren eine islamistische Gesinnung des Täters, aber auch, dass er selbst im Pulse regelmäßig zu Gast gewesen sei. Und sie sprechen regelmäßig von einem Massaker, laut Definition bezeichnet dies „das Ermorden vieler, meist wehrloser Menschen“ – eine Bezeichnung, die vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es sich hierbei um ein Hassverbrechen gegen Mitglieder der LGBTQ-community handelt, sehr kurz greift. Es scheint auch irrelevant, woher der Hass gegen queer people rührt, es handelt sich nicht um ein singuläres Phänomen und ist religions- und kulturübergreifend nach wie vor präsent.

Die fehlende Anerkennung der Tatsache, dass es sich um einen gezielten Anschlag gegen die queer-community handelt, äußert sich in öffentlichen Statements von Kirchen– oder Politikvertreter_innen, die bisweilen vehement verschweigen, wer hier einem Hassverbrechen zum Opfer gefallen ist. Viel schlimmer noch: Von verschiedenen Seiten her wird dem Täter sogar regelrecht applaudiert, denn er hat dafür gesorgt, dass die Welt nun von weniger Schwulen und Lesben bevölkert wird. Sowas ist 2016 öffentlich sag- bzw. schreibbar, zu oft gedeckt von der Meinungsfreiheit und wird umso unerträglicher, wenn Minderheiten dafür gegeneinander ausgespielt werden. Auf einschlägigen sozialen Netzwerken, die einen ganz guten Kompass für öffentliche Diskurse darstellen, werden hasserfüllte Aussagen selten bis gar nicht sanktioniert, vielmehr dienen sie als scheinbar legitime Wahlkampfrhetorik (wieder)aufstrebender rechts-konservativer Parteien, denen die LGBTQ-Community wohl nur dann am Herzen zu liegen scheint, wenn sie als Opfer einer Bedrohung ‚von außen‘ instrumentalisiert werden kann. Solche politischen Positionen, dies zeigt sich, werden (wieder) zunehmend als wählbar erachtet und damit wird auch überdeutlich, dass Homo- und Transphobie real sind. Sie sind Alltag für viele Menschen, die sich nicht der allgegenwärtigen heterosexuellen Matrix unterordnen können und wollen und sie werden nicht erst in Form von körperlicher Gewalt zur Gefahr für Leib und Leben.

Ich trauere heute um all jene Menschen, die im Pulse verletzt und ermordet wurden und bin mir in meinem Selbstverständnis als Feministin bewusst, dass es auch in meiner politischen wie akademischen Verantwortung liegt, dem Hass, der in diesem Anschlag seinen Ausdruck fand, zu begegnen. Dazu gehört dieser Tage vor allem, sichtbar zu machen, dass Menschen im Pulse sterben mussten, weil sie das vermeintlich „falsche“ Geschlecht liebten oder lebten. Dieser Fakt wird viel zu oft verschwiegen und homo- bzw. transphobe Hassverbrechen dadurch marginalisiert. Wir brauchen definitiv „More Love – Less Hate“, aber auch den ‚Mut‘, Dinge beim Namen zu nennen.