Autor: Hanna Hacker

Sick Sad Mad Crip Queer: Für ein feministisches Begehren der Senilität

„When, if, she grows up”

Die Fotostrecke sprang mich an und hielt mich beim Text. Bilder einer Frau* in langem, leuchtend rotem Gewand, weiße Strähnen im langen dichten Haar, dramatisch geschminkt mit graublauschwarzen Lippen, die Posen theatralisch. Die Kamera fängt sie ein, als würde sie fliegen oder fallen. Sie liegt im Bett, sie thront im Rollstuhl mit Haarkrone und Szepter-Gehstock. Neben, auf, unter ihr eine stattliche Ansammlung von Medikamentenpackungen und ein hoher Stapel Bücher, deren Cover der feministischen Leser*in vertraut erscheinen. „Sick Woman Theory“ betitelt Johanna Hedva, US-amerikanische Schriftsteller*in und Künstler*in mit nordkoreanischer Familiengeschichte, ihre kürzlich online publizierte offensive Selbstpositionierung als chronisch krank, rebellisch und prekarisiert.

Bettlägrig während der Blacklivesmatter-Proteste („Attached to the bed, I rose up my sick woman fist, in solidarity“) streitet sie für einen Begriff von Aktivismus, der eigene Präsenz im öffentlichen Raum nicht zur Voraussetzung hat; ihr Text prangert koloniale und rassistische Geschichte als eingeschrieben in die Krankheitsbiografien nicht-weißer Menschen an und die Logik des Umgangs von Polizei und Psychiatrie mit Frauen* und Schwarzen. Sie beschreibt ihre eigenen physischen und psychischen Erkrankungen und argumentiert schließlich Verletzlichkeit als ein wesentliches Merkmal von Körpern. Manchmal höre die Notwendigkeit von Care nicht einfach wieder auf, auch wenn neoliberale Politik Fürsorgebedarf höchstens als vorübergehende Normabweichung toleriert.

    „The Sick Woman is anyone who does not have this guarantee of care.“
    „The Sick Woman is a black man killed in police custody, and officially said to have severed his own spine.”
    „And, crucially: The Sick Woman is who capitalism needs to perpetuate itself.”

Hedva schließt an die Künstler*in Audrey Wollen an, die in ihrem Projekt „Sad Girl Theory“ die Figur der melancholischen jungen Frau* als kulturelles Zeichen weiblicher Unterdrückungsgeschichte re-inszeniert. In inhaltlicher Nähe zu affekttheoretischen Konzepten der „racial“ und der „postcolonial melancholia“,1)Z. B. Cheng, Anne (2001): The Melancholy of Race. New York; Cvetkovich, Ann (2012): Depression. A Public Feeling. Durham; Gilroy, Paul (2004): Postcolonial Melancholia. New York; Muñoz, José Esteban (2006): Feeling Brown, Feeling Down: Latina Affect, the Performativity of Race, and the Depressive Position. In: Signs, 31, 3, 675–688. fragt Hedva, „what happens to the sad girl when, if, she grows up”.

Endlich mal ans Alter denken?

Politisch rebellische, Paradigmen aufbrechende Analyse ist aus vielen minorisierten Positionen ausgearbeitet: Queer Politics, Crip Theory, Mad Studies, Whiteness-Kritik … Sie alle haben Gesellschaft, Kultur, Subjektivität und nicht zuletzt verschiedene Formen der Ungleichheit radikal neu begreifbar gemacht. Alle diese Ansätze entstanden in großer Nähe zu postmodernem Zweifel an Fortschritts- und Identitätspolitik, verdanken sich sozialen Bewegungen und einer anti-neoliberal orientierten Politik der Allianzen. In ihren besten Versionen verstehen sie sich als feministisch und intersektionell.

Mich, die ich mich als Theoretiker*in und als Aktivist*in crip, queer, antirassistisch und feministisch verorte, sick, sad, mad oder auch frail/debile zu Teilen ebenfalls, immer darauf insistierend, „site“, den geopolitischen Ort, mitzudenken – mich verlangt es nach einem radikalen Zugang zu jener Differenz, für die „age“ (in deutschsprachigen Texten oft: „Alter[n]“) als eine arg ungenügende Bezeichnung erscheint. Ich suche nach einem Analyseansatz, der Lebensalter-Kategorisierungen nicht nur als kulturelle Konstrukte, situierte Narrative und so weiter begreift,2)Z. B. Buchen, Sylvia/Maier, Maja S. (Hg.) (2008): Älterwerden neu denken. Wiesbaden; Dyk, Silke van/Lessenich, Stephan (Hg.) (2009): Die jungen Alten. Frankfurt – New York; Hartung, Heike et al. (Hg.) (2007): Graue Theorie. Die Kategorie Alter und Geschlecht im kulturellen Diskurs. Köln; Woodward, Kathleen (1991): Ageing and ist discontents. Bloomington. sondern sie in ihrer Gewaltförmigkeit erkennbar macht. Der sie zugleich verflüssigt und diesen einen Schritt weiterdenkt, der aus Dis/ability Studies Crip Theory werden ließ oder aus lesbischschwuler Analyse Queer Theories. Ein Ansatz, der die unmarkierte Position in ähnlicher Weise herausfordert, wie dies in Whiteness-Kritik geschieht oder im Konzept der „compulsory able-bodiedness“. Der eine Strategie gegen all die ständig aufpoppenden Situationen eröffnet, in denen es für wahrgenommenen Ageismus und seine Verletzungsmacht keinerlei verbindliches Vokabular zu geben scheint.

Queere und postkoloniale Theorien eröffnen Möglichkeiten, haben sie doch Zeitlichkeit re-theoretisiert und Affekten wie „shame“ konzeptionellen Raum gegeben.3)Z. B. Ahmed, Sara (2004): The Cultural Politics of Emotion. Edinburgh; Edelman, Lee (2004): No Future. Durham; Halberstam, J. Jack (2010): The Queer Art of Failure. Durham. Ihr Interesse an Temporalität bezieht sich auf Schlingern, Zögern, Stolpern. Die queere und entwicklungskritische Bejahung von „failure“ bietet sich zudem als Assoziation an, sobald eine* an den erschreckend gängigen Ausdruck des „erfolgreichen Alter(n)s“ gerät. Ein Text von Elizabeth Kelsey Henry führt „queer time” – „that could grasp the complexities of straight time well enough to not repeat its mistakes, namely a prioritization of the young, the healthy, and the disembodied” (S. 148) – über ins Bild der „wrinkled queer time“.

Durcheinanderbringen, Beugen, Verrunzeln anstatt einer glatten Entwicklungslinie Sad Girl – Sick Woman – Senile Lady* also. Critical Disability/Crip Studies fokussieren ihrerseits auf Körper und Subjektpositionen, die sich dem neoliberalen Imperativ der „Flexibilität“ entziehen, und differente Temporalität ist auch in Crip Theory ganz zentrale Analyseperspektive. Die Derrida‘sche Idee der „de-composition“ hat Potenzial als Form crippen Widerstands; Konzepte wie „debility“ versus „capacity“ schließen hier an.4)Davis, Lennard J. (2002): Bending Over Backwards. New York – London; McRuer, Robert (2006): Crip Theory. New York – London; Puar, Jasbir K. (2009): Prognosis Time: Towards a Geopolitics of Affect, Debility and Capacity. In: Women & Performance, 19, 2, 161 – 172.

Ent-Falten: Elemente einer queer-feministischen „gray theory“

Mich reizt nun allerdings, was queere und crippe Theoretisierungen mit ihrem positiven Besetzen der Zeit-Falten faktisch verdecken. Alter/n als „Chiffre oder Metapher für Strategien der Inszenierung von Temporalität und Wandelbarkeit“:5)Mehlmann, Sabine/Ruby, Sigrid (2010): Einleitung. In: dies. (Hg.): „Für Dein Alter siehst Du gut aus!“ Bielefeld, 15–32 (19). ja, aber mir genügt das nicht; nicht in jener Perspektive, die ich „gray theory“ nenne, da ich mich schlichtweg nicht traue, meine ursprüngliche Begriffswahl „senile theory“ beizubehalten (wer vermöge „senil“ anders denn als Beleidigung zu verstehen?).
Ich schlage vor, dem Potenzial einer „Senilisierung“ neoliberal geprägter Körper, Handlungsweisen und Symbole nachzugehen. Dies müsste, durchaus spekulativ, bedeuten:

Auszugehen ist von der Frage nach der Formierung von Herrschafts- und Machtbeziehungen entlang von Altersmarkierungen, von Kritik an „compulsory anti-ageing“ und an ageistischer Gewalt; zugleich aber vom Begehren des Ausgeschlossenen, von (möglichen) Momenten einer Sehnsucht nach „Senilität“.

Die Perspektive der (Befürwortung von) Senilisierung würde sich mit den Brüchen beschäftigen, die Lebensalter und Alter/n für die Ordnung der Sprache bedeuten, für die Matrix des Erinnerns, für personelle Kontinuität, für Verhaltensregime im Privaten und im Öffentlichen, für gesellschaftliche Abwehr von Unberechenbarkeit.

Anzuknüpfen wäre nicht nur an verwundete weibliche Figuren wie Sad Girls und Sick Women, sondern auch an „starke“ Subjektentwürfe in der feministischen Theorie: Haraways „Cyborg“, Anzaldúas „Mestíza“, Wittigs „Lesbe“; Figuren, die Teresa de Lauretis „exzentrische Subjekte“ nannte.6)De Lauretis, Teresa (1990): Eccentric Subjects: Feminist Theory and Historical Consciousness. In: Feminist Studies, 16, 1, 115–150; vgl. auch Hacker, Hanna (2014): Körper der Utopie: Feministin, Nicht-Frau, Cyborg, Mestíza. In: Juridikum, 2, 230–239. Diese scheinen keine eindeutige Altersmarkierung aufzuweisen. Vielleicht lassen sie sich als Formen von Wissen deuten, mittels derer kulturelle Zeichen von „Alter“ gelesen werden können.

„How do you throw a brick through the window of a bank if you can’t get out of bed?“

Keine Theorie ohne Bezug auf Bewegung, auf Protest und Engagement. In der „Alternsforschung“ wird gern der Begriff des „dis-engagement“ verwendet: der (als adäquat begriffene) Rückzug aus sozialen und „produktiven“ Zusammenhängen. „Zu den Symptomen des Alterns gehört neben der Verlangsamung und dem Rückzug auf gesicherte Gebiete auch ein ökonomisches Verhältnis zur Zeit“, schreibt Silvia Bovenschen und erwidert sogleich, sie habe diesen „Zeitgeiz“ nie leiden mögen.7)Bovenschen, Silvia (2007): Älter Werden. Notizen. Frankfurt/M., 22. Johanna Hedvas Text erscheint über weite Strecken als ein flammendes Plädoyer für inklusiven aktivistischen Protest, verblüfft (mich) am Ende dann aber mit dem nicht unbedingt schlüssigen Statement: „The most anti-capitalist protest is to care for another and to care for yourself.“ Das ist mir zu wenig. Was wäre „senilisiertes“ Engagement? Zwar lässt sich das so allein am Schreibtisch nicht aus-denken. Miteinander können’s Hacker*innen aber vielleicht sogar vom Bett aus.

Fußnoten   [ + ]

1. Z. B. Cheng, Anne (2001): The Melancholy of Race. New York; Cvetkovich, Ann (2012): Depression. A Public Feeling. Durham; Gilroy, Paul (2004): Postcolonial Melancholia. New York; Muñoz, José Esteban (2006): Feeling Brown, Feeling Down: Latina Affect, the Performativity of Race, and the Depressive Position. In: Signs, 31, 3, 675–688.
2. Z. B. Buchen, Sylvia/Maier, Maja S. (Hg.) (2008): Älterwerden neu denken. Wiesbaden; Dyk, Silke van/Lessenich, Stephan (Hg.) (2009): Die jungen Alten. Frankfurt – New York; Hartung, Heike et al. (Hg.) (2007): Graue Theorie. Die Kategorie Alter und Geschlecht im kulturellen Diskurs. Köln; Woodward, Kathleen (1991): Ageing and ist discontents. Bloomington.
3. Z. B. Ahmed, Sara (2004): The Cultural Politics of Emotion. Edinburgh; Edelman, Lee (2004): No Future. Durham; Halberstam, J. Jack (2010): The Queer Art of Failure. Durham.
4. Davis, Lennard J. (2002): Bending Over Backwards. New York – London; McRuer, Robert (2006): Crip Theory. New York – London; Puar, Jasbir K. (2009): Prognosis Time: Towards a Geopolitics of Affect, Debility and Capacity. In: Women & Performance, 19, 2, 161 – 172.
5. Mehlmann, Sabine/Ruby, Sigrid (2010): Einleitung. In: dies. (Hg.): „Für Dein Alter siehst Du gut aus!“ Bielefeld, 15–32 (19).
6. De Lauretis, Teresa (1990): Eccentric Subjects: Feminist Theory and Historical Consciousness. In: Feminist Studies, 16, 1, 115–150; vgl. auch Hacker, Hanna (2014): Körper der Utopie: Feministin, Nicht-Frau, Cyborg, Mestíza. In: Juridikum, 2, 230–239.
7. Bovenschen, Silvia (2007): Älter Werden. Notizen. Frankfurt/M., 22.

Nur über Flucht und Terror kann eine jetzt schreiben

Hilfe

Helfen, der_die Helfer_in, Aid, Foreign Aid, Entwicklungshilfe, humanitäre Hilfe, freiwillige Hilfe, hilflose Intellektuelle … Arbeit an einer feministischen und postkolonialen Kritik der Kategorie „Hilfe“ im Kontext internationaler Ungleichheitsverhältnisse war (nicht nur für mich) viele Jahre lang von zentraler Bedeutung. „Hilfe kann heutzutage fast nur noch angedroht werden“, heißt es schon 1991 bei Marianne Gronemeyer, „und wem sie angedroht wird, der muss auf der Hut sein“; schließlich machten „Modernisierungsschübe der Hilfsidee“ aus ihr doch ein „Instrument verfeinerten Machtgenusses“. Dann aber war alles „plötzlich“ ziemlich anders: Die ersten Septembertage 2015 konfrontierten mit einer Situation, die weder Zeit noch Raum ließ nachzudenken über eine Selbstpositionierung zum „Helfen“. Sicher, die Präsenz einer großen Zahl von Flüchtenden bei gleichzeitiger Absenz (sozial- und rechts-)staatlichen Unterstützungshandelns konnte, global gesehen, weder als neu noch als überraschend gelten. Gleichwohl war „die Situation“ vor allem für eine, die (österreichisch, weiß, mittelschichtig und so fort) recht nahe an der ungarischen Grenze lebt, von ganz eigener, heftiger Unmittelbarkeit. Jetzt also helfen? „Unterstützen“ klingt besser? Politisch agieren? Innerhalb der Linken versuchte vor allem die von Wien ausgehende, international vernetzte Initiative „Schienenersatzverkehr“, mit ihren Konvois gleichzeitig Fluchthilfe zu leisten und die politischen Kontexte von Flucht zu unterstreichen. Etliche meiner feministischen Wissenschafts-Kolleg*innen und -Freund*innen verbrachten lange Dienste in Refugees-Einrichtungen an Bahnhöfen und in improvisierten Unterstützungszentren für Reisende auf der Flucht. Über diese Stunden in der „banalen“ Hilfe wurde unter uns nicht viel gesprochen.

Unterstützen Intellektuelle schließlich nicht am besten, indem sie „Lagen“ analysieren, Position beziehen, auf zu Gebote stehendes Wissen aufmerksam machen, so dass begriffen werden kann, was abgeht? In den ersten Tagen der – in ihrer Qualität, nicht nur in ihrer Quantität „neuen“ – Präsenz Geflüchteter ließen solcherart Stellungnahmen auf sich warten. Es war zuerst die aktivistische Basis, die Fragmente ihrer politischen Diskussionen via Social Media und bei DIY-Veranstaltungen öffentlich machte. Es folgten die vielen Round-Table-Veranstaltungen und die Talk Shows und im Wissenschaftskontext, was Österreich betrifft, das halbherzige MORE-Programm der Universitäten, in dem „Menschen mit Fluchthintergrund“ zwar als potenzielle Studienanfänger*innen angesprochen werden, nicht aber als etwaige Wissenschaftler*innen. Prägnante queer-feministische Positionierungen vermisste ich lange.
„Nach Paris“, also nach den Anschlägen vom 13. November 2015, kamen die Analysen allerdings viel schneller. Zum Schrecken und seinen Folgen publizierten viele sehr bald. Meine Lektüre feministischer und queerpolitischer Statements zu global wirkmächtigen Gewalt- und Terror-Akten geht historisch zunächst ein Stück zurück.

„We offer the following response“

Wenige Wochen nach den Anschlägen von 09/11 (2001) zirkulierte im Netz ein Statement einer Gruppe von in den USA arbeitenden Wissenschaftlerinnen. Das Paper „Transnational Feminist Practices Against War“ von Paola Bacchetta, Tina Campt, Inderpal Grewal, Caren Kaplan, Minoo Moallem und Jennifer Terry, 2002 in Druckfassung veröffentlicht, beginnt so:

„As feminist theorists of transnational and postmodern cultural formations, we believe that it is crucial to seek non-violent solutions to conflicts at every level of society, from the global, regional, and national arenas to the ordinary locales of everyday life. We offer the following response to the events of September 11 (9-11) and its aftermath”.

Was folgt, ist ein dichtes, politisch und wissenschaftlich hoch ambitioniertes Forschungsprogramm in acht Punkten. Die Autorinnen betonen zunächst die Notwendigkeit einer kritischen Analyse der vergeschlechtlichenden und rassialisierenden Effekte von Nationalismus; sie fordern eine feministische Auseinandersetzung mit der Globalgeschichte von Exilierung, Vertreibung und Zwangsmigration; sie heben dann die Zusammenhänge zwischen Kriegsführung und gewaltförmiger Innenpolitik der USA hervor; und sie problematisieren sprachliche Figuren wie „Terrorismus“ oder „Muslim“, sofern auf ihrer Basis Ausschlüsse und Rassialisierungen gerechtfertigt und fortgeschrieben würden. Ein fünfter Punkt für dringende kritische Analyse betrifft die Sentimentalisierung, die die Geschehnisse des 11. September nur als individuelles Trauma, als Emotion thematisierbar mache; ein sechster die mediale Repräsentation der „unterdrückten“ muslimischen Frau; ein siebter das gesamte Terrain des Transnationalen mit seiner Hervorbringung neuer, auch widersprüchlicher Subjektpositionen und Bündnisformen, mit der sich differenziert auseinandergesetzt werden müsse. Zuletzt verwahren sich die Autorinnen vehement gegen eine Vereinnahmung von „Fraueninteressen“ für eine Fortsetzung nationalistischer Kriegsführung und für Fundamentalismen aller Art.

Bald danach schlossen Jasbir Puar und Amit Rai mit dem ausführlichen Text „Monster, Terrorist, Fag“ an. Sie argumentieren hier zu einem der ersten Male, es seien exotisierte „Horrorgestalten“ aus eigentlich prämodernen Diskursen, die regelmäßig durch gegenwärtige westliche Wissensproduktion zur Figur des_der Terrorist*in spukten.

Am 14. November 2015, am Tag nach den Attentaten des Daesh in Frankreich, schrieb Judith Butler einen offenen Brief aus Paris. Unter dem Titel „Mourning becomes the Law“ weist sie auf die aktuelle Verflechtung einer „Staatstrauer“, die als strikt national begrenzt inszeniert werde, mit den harschen militärischen Maßnahmen und polizeistaatähnlichen Reglementierungen hin. Der Brief beginnt mit einer Versicherung, die der Leser*innengemeinde gelten mag oder einfach der Autorin selbst: Sie war (fast) dabei. Ihr selbst ist nichts passiert. Ein Satz beschäftigt mich seither, weil ich nicht darauf komme, was er besagen will; nämlich: „Everyone I know is safe.”

„I am in Paris and passed near the scene of killing on Boulevard Beaumarchais on Friday evening. I had dinner ten minutes from another target. Everyone I know is safe, but many people I do not know are dead or traumatized or in mourning. It is shocking and terrible.”

Dass nicht alle Körper gleichermaßen betrauert werden; dass etwa geopolitischer Ort und Rassialisierung den Unterschied machen, ist im Anschluss an Butlers Arbeiten immer wieder zu betonen.

Solidarität und Stacheldraht

“(R)unning down the length of my body / staking fence rods in my flesh / splits me splits me / me raja me raja / This is my home / this thin edge of / barbwire“, schrieb – vielzitiert – Gloria Anzaldúa. Aber das stimmt so ja nicht für jede, die diesen Text mag. „Wir“ sind nicht alle (im) Stacheldraht, mich zerreißt er im Wörtlichen nicht. Ich muss „nur“ Wege finden, meine politische Solidarität gegen die Errichtung von Grenzzäunen ausreichend offensiv zu gestalten – und vielleicht Mittel der „Hilfe“ für diejenigen, die durch ihn noch durch müssen.

Der Stacheldraht ist, dies weiß die historische Forschung, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, entwickelt von (weißen) US-amerikanischen Farmern, die ihr Vieh einzäunen wollten, und als Kriegstechnologie erstmals vom britischen Militär in Südafrika eingesetzt. Der israelische Autor Reviel Netz bindet den Stacheldraht und die Geschichte von Kolonialismen und Faschismen eng zusammen. „The history of violence and pain crosses species, and so, as a consequence, did the history of modernity.”

Stacheldraht an „innereuropäischen“ wie auch an EU-Außengrenzen, in Melilla und Ceuta, im Gaza-Streifen: split it split it! Als auf Anweisung der österreichischen Innenministerin an der slowenischen Grenze Stacheldraht zur „Sicherung“ gegen Flüchtlinge ausgerollt wurde, verbreiteten sich auf Twitter die schönen Sprüche: „Legt schon mal die Bolzenschneider bereit“, und „Bolzenschneider*innen aller Länder …“

„Alle“ und „wir alle“, „wir sind verschieden und zusammen“: ja, aber welche Form von Verbindung fassen wir in Sprache? Lautet der Begriff „Solidarität“; „internationale Solidarität“? Solidarität schien doch gebunden an soziale und politische Bewegungen, an Protesthandeln, an Bündnisse gegen Ausbeutung. Die Aktivismusgeschichte der Neuen Frauenbewegung kennt die strategische Identifikation mit Subjektpositionen Marginalisierter in der sprachlichen Wendung „Wir sind alle Prostituierte, Hysterikerinnen, Lesben!“ Die Wendung „Je suis Charlie“ (usw.) aber verlagert dies meiner Wahrnehmung nach hin zu einem Betroffenheitsgestus, der eher diffus gegen Gewalt (und gegen Angst vor Gewalt) und weniger für Inhalte Stellung bezieht. Im Fall einer geografischen Position macht er dann eigentlich gar keinen Sinn mehr. Wer oder was ist denn „Paris“ oder „Beirut“ oder „Bamako“ oder was wir aktuell jetzt alle sind? Solidarität geht nun offenbar fast nahtlos in Kondolenz über. In Trauer und Traurig-Sein, in Tröstung für Furcht und Befürchtung.

Mich beschäftigt „seit Paris“ die Einsicht, wie viele sich kaum je bewusst mach(t)en, welch Privileg es darstellt/e, nachts ungefährdet durch Straßen zu bummeln. Ein Privileg von Mehrheitsangehörigen westeuropäischer Gesellschaften in ihrem Alltag in Westeuropa.

Die „unbedingte Gastfreundschaft“, über die Derrida schrieb, wäre schon etwas Schönes gewesen.

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  • Anzaldúa, Gloria (1999 [1987]): Borderlands/La Frontera. The New Mestiza. San Francisco: Aunt Lute, 24f.
  • Bacchetta, Paola/Campt, Tina/Grewal, Inderpal/Kaplan, Caren/Moallem, Minoo/Terry, Jennifer (2002): Transnational Feminist Practices against War. In: Meridians: feminism, race, transnationalism, 2, 2, 302–308 (302).
  • Butler, Judith (2015): Mourning Becomes the Law. Letter from Paris (Der Blogeintrag befand sich nur wenige Tage auf versobooks.com, wo er erstmals publiziert wurde).
  • Derrida, Jacques (1997): Cosmopolites de tous les pays, encore un effort! Paris: Galilée.
  • Gronemeyer, Marianne (1991): Hilfe. Wo geholfen wird, da fallen Späne. In: Dirmoser, Dietmar et al. (Hg.): Mythos Entwicklungshilfe. Entwicklungsruinen: Analysen und Dossiers zu einem Irrweg. Gießen: Focus, 38–69.
  • Netz, Reviel (2004): Barbed Wire. An Ecology of Modernity. Middletown: Wesleyan Univ. Press, xiii.
  • Puar, Jasbir K./Rai, Amit S. (2002): Monster, Terrorist, Fag: The War on Terrorism and the Production of Docile Patriots. In: Social Text, 20, 3, 117–148.