Autor: Katja Sabisch

Fußball mit Foucault

Die Bundesligasaison hat längst begonnen, die Stecktabelle hängt in der Küche, mein Verein hat einen grandiosen Start hingelegt – was kann es Schöneres geben? Ich bin fest davon überzeugt: Diesmal klappt es, wir holen den Titel.

Dass dieses „Wir“ problematisch ist, liegt auf der Hand. Denn als Feministin und bekennender Fußball-Fan bin ich mit einer Vielzahl von Widersprüchen konfrontiert. Fußball ist – entgegen aller offiziellen Verlautbarungen des DFB – immer noch fest in Männerhand. Aus einer soziologischen Perspektive meint dies, dass Fußball männerbündisch organisiert ist. Zuletzt zeigten Nina Degele und Caroline Janz in ihrer Studie Hetero, weiß und männlich? Fußball ist viel mehr, dass Frauen und schwule Männer noch immer als „das Andere“ des Fußballs fungieren und auch Rassismus und Nationalismus fester Bestandteil der Fußballkultur sind.

Ich möchte mich im Folgenden auf die die männerbündischen Strukturen konzentrieren, die auf je spezifische Weise die verschiedenen Ebenen des Fußballs wie z. B. Mannschaft, Fankultur oder Organisationen kennzeichnen. Männerbünde gründen auf dem programmatischen Ausschluss von Frauen. Die Politikwissenschaftlerin Eva Kreisky (2006) definiert Männerbünde vor diesem Hintergrund als homosoziale, hierarchisch organisierte Wertegemeinschaften, die neben einer rationalen auch eine emotionale und affektive Basis haben. Insbesondere hebt sie hervor, dass Männerbünde neben eigenen Verkehrsformen, Wertmaßstäben und Denkfiguren wie Treue, Ehre, Gefolgschaft und Gehorsam oftmals auch eine „Aura des Geheimnisvollen“ pflegen. Dabei lässt sich das Magische und Zeremonielle besonders anschaulich anhand der Fußball-Kultur illustrieren, führt man sich die spezielle Fankleidung, unrasierte Spielergesichter oder manche rituellen Torjubel vor Augen. Zentral ist zudem, dass hier dem aggressiven Moment in Form von künstlich erzeugten Feindbildern wie dem gegnerischen Verein oder dem Schiedsrichter Rechnung getragen wird. So gelingt es, jenseits von internen Differenzen wie Alter, Herkunft, Einkommen oder Bildungshintergrund Gemeinsamkeit zu betonen und zu (er)leben. Der Soziologe Michael Meuser (2008) beschreibt Fußball daher als ein „ernstes Spiel männlicher Vergemeinschaftung“ und verweist hiermit nicht nur auf die dem Fußball innewohnende Strukturlogik von Wettbewerb und Solidarität, sondern auch auf seine zentrale Funktion als Sozialisationsinstanz. Denn wenn sich nach Bourdieu (1997) der männliche Habitus „nur in Verbindung mit dem den von Männern vorbehaltenen Raum“ herausbildet, „in dem sich, unter Männern, die ernsten Spiele des Wettbewerbs abspielen“, ist Fußball als homosozialer, authentischer Raum der ideale Ort, um männliche Identität einzuüben und abzusichern.

Für die Frage nach der Wirkungsweise von Männerbünden ist jedoch von besonderem Interesse, dass sich diese durch spezifische Dominanz- und Distinktionsstrukturen von Frauen und homosexuellen Männern abgrenzen. Diese Abgrenzung geschieht zuallererst durch eine rigide Desexuierung. Die damit einhergehende Dethematisierung von sexuellem Begehren verschiebt sexuelle Identität oder sexuelle Orientierung in den Bereich dessen, was nicht gesagt werden darf. Entscheidend ist zudem eine strenge Reglementierung dessen, was innerhalb des Männerbundes getan werden darf – oder besser: wo, in welchen architekturalen Einrichtungen, was getan werden darf. Es ist offenkundig: Inniges Umarmen und anerkennendes Tätscheln ist auf dem Platz erwünscht, unter der berühmten Dusche ist dies untubar. Der Soziologin Marion Müller (2009) zufolge gebietet und verbietet das „fußballerische Berührungssystem“ Intimität gleichermaßen; entscheidend ist dabei der Raum, in dem sich die Spieler befinden. Zudem bestehen Regeln, wie berührt werden darf: Findet Körperkontakt statt, so wird dieser nur in seltenen Fällen durch Blickkontakt begleitet. Hierdurch wird betont, dass die Berührung ausnahmslos aufgrund des Spiels stattfindet und keinesfalls in anderer Absicht geschieht.

All dies – also das, was (nicht) gesagt und getan werden darf – gründet auf dem Definitivum der Zwangsheterosexualität. Fußball unterliegt damit einem Tabu: Während Heterosexualität als unhinterfragt vorausgesetzt und deshalb auch wieder de-thematisiert werden kann, ist Homosexualität von vorneherein nicht thematisierbar. Sie unterliegt damit einem Meidungsgebot und wirkt als Tabu verhaltensregulierend und zugleich -ermöglichend. Demzufolge markiert das Tabu die Grenze der Gemeinschaft, indem es Homosexualität ent-thematisiert. Ent-Thematisierung meint den Ausschluss von Homosexualität aus dem Bereich des Sag- und Denkbaren und erlaubt damit den Jubel im fußballerischen Berührungssystem, erlaubt die homosoziale Vergemeinschaftung, den Wettbewerb, die Solidarität und die Kameradschaft; pointiert formuliert: Wäre Homosexualität dispositional, wäre der Männerbund einer seiner Grundlagen beraubt.

Es ist daher nicht weiter verwunderlich, wenn sich die mediale Berichterstattung über Homosexualität und Fußball immer wieder als ein Tabubruch in Szene setzt. Die von mir vorgenommene Diskursanalyse untermauert diese These. Denn mit dem Verweis auf das große Tabu spekuliert die deutsche Medienlandschaft seit Mitte der 1990er Jahre in schöner Regelmäßigkeit darüber, warum sich aktive homosexuelle Fußballprofis nicht öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen. „In Deutschland gibt es 36 Bundesligavereine mit jeweils einem Kader von rund 30 Leuten. Das sind ungefähr tausend Profis, jeder elfte wären rund 90 schwule Spieler. Eine stattliche Anzahl“, findet der Stern (23.11.2006) und schlägt prompt ein kollektives Outing vor. Mit dieser Idee steht er keinesfalls allein da. Denn seien es taz oder Welt, Spiegel oder Focus – sie alle verbinden ihr Rätselraten über das andauernde ‚Stay In‘ zumeist mit Ratschlägen für ein erfolgversprechendes ‚Coming Out‘. Es wundert deshalb kaum, dass in den Reaktionen auf das Zeit-Interview mit dem ehemaligen Nationalspieler Thomas Hitzlsperger im Januar 2014 auch leise Kritik mitschwingt. Zwar gibt es angesichts seines Coming Outs einen regelrechten „lovestorm“ (taz, 9.1.2014); dieser wird allerdings auch von Stimmen begleitet, welche das Bekenntnis lieber von einem aktiven Spieler gehört hätten. So findet es ein Stern-Kommentator „bedauerlich“, dass Hitzlsperger erst „nach Abpfiff“ Mut bewiesen habe und auch Michael Vesper als Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes findet ein Outing nach Karriereende wenig sensationell (taz, 10.1.2014).

Eine Besonderheit des Diskurses über Homosexualität und Fußball ist damit genannt: Es ist der „Wille zum Wissen“, welcher die öffentliche Berichterstattung seit fast 20 Jahren begleitet. Ob dieser Wille zum Wissen in emanzipatorischer Absicht geschieht, ist allerdings zweifelhaft. Denn mit Foucault (1983) gedacht dient dieser Aufruf zum Bekenntnis zuallererst dazu, die Ordnung der Sexualität zu regulieren. Das Erkenntnisinteresse – wer ist schwul? – wird demnach von einem kontrollierenden Gestus begleitet. Anders formuliert: Der Wille zum Wissen wird flankiert von dem Willen zur Ordnung oder besser: dem Willen zum Outing. Denn der Umstand, dass Homosexualität im Männerbund sagbar ist, bedeutet nicht, dass sich männerbündische Regeln lockern. Das Gegenteil ist der Fall: Die zu beobachtende „geschwätzige Aufmerksamkeit“, die nach Foucault „den Lärm um den Sex macht“, zeugt von einer „strengeren Ordnung und dem Bemühen um eine genauere Kontrolle“. Sie ist damit als eine „gerissenere Version der alten Härte“ zu verstehen, denn sie verbietet und bestraft nicht durch Gesetze, sondern reguliert den Sex durch den Zwang zum Geständnis. Homosexuelle Spieler „sollen gestehen, wer sie sind“ – und damit den Männerbund stabilisieren und zementieren. Denn erst, wenn das Geheimnis gelüftet ist, wenn die homosexuelle Wahrheit ans Licht kommt, kann die heterosexuelle Ordnung wieder hergestellt werden.

Dies geschieht vor allem durch die von Foucault beschriebene „Einkörperung der Perversion“: Der homosexuelle Spieler ist nach seinem Outing ganz seiner Sexualität verpflichtet; „nichts von alledem, was er ist, entrinnt seiner Sexualität“. Vergangene und gegenwärtige Torchancen, Schwalben und Flanken werden nun als das Andere gekennzeichnet. So ermöglicht das Bekenntnis die Identifizierung und Alterisierung des Anderen, was auch in der Berichterstattung über den „Fall Hitzlsperger“ deutlich wird: Der ehemalige Nationaltorwarts Jens Lehmann wird im Focus (14.02.2014) mit den Worten „Hätte mich beim Duschen komisch gefühlt“ zitiert und der ehemalige AfD-Vorsitzende Bernd Lucke lässt es sich nicht nehmen, auf die familienpolitische Brisanz des Coming Outs zu verweisen: „Ich hätte es gut gefunden, wenn Herr Hitzlsperger sein Bekenntnis zu seiner Homosexualität verbunden hätte mit einem Bekenntnis dazu, dass Ehe und Familie für unsere Gesellschaft konstitutiv sind“ (Tagesspiegel, 11.01.2014). Angesichts dieser Äußerungen erscheint der Stern-Artikel, in dem Hitzlspergers Coming Out „nach Abpfiff“ kritisiert wird, geradezu anmaßend: „Ist es nicht ziemlich feige, sich sechs Jahre lang, wie Hitzlsperger im Interview mit der ‚Zeit‘ berichtet, mit der Frage nach seinem Coming-Out zu beschäftigen, um dann doch den Schwanz einzuziehen und bis zum Ende der Karriere zu warten, um es endlich zu tun?“

Zu fragen bleibt an dieser Stelle, wer letztlich die Definitionsmacht über ein ernst zu nehmendes Coming Out hat – denn der Spieler hat sie augenscheinlich nicht. Der im öffentlichen Diskurs geäußerte Wille zum sexuellen Wissen erscheint vielmehr als ein Wille zur sexuellen Ordnung. Homosexuelle Spieler sind zu identifizieren, um den Männerbund zu stabilisieren; die (nachträgliche) Alterisierung gewährleistet den Zusammenhalt des Männerbundes. Ein Coming Out ist vor diesem Hintergrund nicht länger als ein emanzipatorischer Akt zu verstehen, der befreiend und bestärkend ist; Coming Out bedeutet hier vielmehr die Annahme des Stigmata „fremd“ mit all seinen Konsequenzen. Dem Soziologen Henning Bech (1998) zufolge kann dieser diskursiven Vorgabe der abwertenden Alterisierung durch drei Maxime entgegengewirkt werden: Sag nichts. Sag nicht das Gewöhnliche. Sag etwas anderes, wobei innerhalb des männerbündischen Dispositivs nur der erste Leitsatz „Sag nichts“ möglich wäre. Denn im Kontext der rigiden Desexuierung in Form einer Ent-Thematisierung von Homosexualität existiert nichts Ungewöhnliches oder Anderes der Kategorie „schwul“. Sie unterliegt einem Meidungsgebot.

All dies deutet darauf hin, dass das Queeren von Fußball keine leichte Aufgabe ist. Dies ist jedoch längst kein Grund, die Stecktabelle aus der Küche zu verbannen. Denn immerhin gibt es eine Vielzahl von Fan-Initiativen, die dem Männerbund ein Schnippchen schlagen. Feministische und queere Aktionen wie F_in („Frauen* in die Kurve – Alles andere ist Quark“) oder „Fußballfans gegen Homophobie“ zeigen, dass es neben den Widersprüchen auch Widerständiges gibt.

Literatur

  • Bech, Henning, 1998: Homosexuelle Politik am fin de siècle. Das Verschwinden der Homosexuellen und das „Queere“, S. 25-34 in: Ferdinand, U./Pretzel, A./Seek, A. (Hrsg.), Verqueere Wissenschaft? Zum Verhältnis von Sexualwissenschaft und Sexualreformbewegung in Geschichte und Wissenschaft, Münster: Lit.
  • Bourdieu, Pierre, 1997: Die männliche Herrschaft. S. 153-217 in: Dölling, I./Krais, B. (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktionen in der sozialen Praxis. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Foucault, Michel, 1983: Die Einpflanzung von Perversionen. S. 50-66 in: Foucault, M., Der Wille zum Wissen (Sexualität und Wahrheit I). Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Kreisky, Eva/Spitaler, Georg (Hrsg.), 2006: Arena der Männlichkeit. Über das Verhältnis von Fußball und Geschlecht. Frankfurt/M.: Campus.
  • Meuser, Michael, 2008: It’s a Men’s World. Ernste Spiele männlicher Vergemeinschaftung. S. 113-134 in: Klein, G./Meuser, M. (Hrsg.), Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs, Bielefeld: transcript.
  • Müller, Marion, 2009: Fußball als Paradoxon der Moderne. Wiesbaden: VS – Verlag für Sozialwissenschaften.

Die Zensur der Ampelmännchen

Allein der Titel der umstrittenen „Hart aber fair“-Sendung vom 2. März 2015 sprach Bände: „Nieder mit dem Ampelmännchen“ hieß es da und angesichts der Diskutant_innen-Runde war schnell klar, dass Frank Plasberg und seine Redaktion nicht die Absicht hatten, hart und fair zu diskutieren. Ich vermute, dass es eher launig-sexistisch zugehen sollte, aber dazu habe ich mich bereits an anderer Stelle geäußert.

Interessant ist nun, dass der Rundfunkrat des WDR am 18. August aufgrund von Protesten mehrerer Frauenverbände und Gleichstellungsbeauftragten beschlossen hat, die Sendung aus der Mediathek zu nehmen. Was folgte, lässt sich – ohne besonders viele Zitate aus besonders vielen Zeitungen zu strapazieren – folgendermaßen auf den Punkt bringen: Der WDR betreibt auf Wunsch von Feministinnen eine Selbstzensur. Selbst Sophia Thomalla, der der WDR mit seinem Beschluss eigentlich einen Gefallen getan hat, ist empört: „Verbote von Meinungen kenne ich eigentlich nur aus dem Geschichtsbuch“, wird sie am 23. August in der BILD zitiert. Na immerhin. Und Wolfgang Kubicki legt noch einen drauf: „Die Sendung muss wieder raus aus dem Giftschrank, rein in die Mediatheken. In welchem Land leben wir, wenn feministische Extremisten in der Lage sind, mit einem organisierten Shitstorm die Meinungsfreiheit einzuschränken?“

Als Bloggerin liebe ich solche Aussagen, da sie aufgrund ihrer Verrücktheit so herrlich anschlussfähig sind. Ich könnte also im Folgenden über Antifeminismus, Giftschränke, die FDP, Deutschland, organisierte Shitstorms oder einfach über feministischen Extremismus schreiben, obwohl ich darüber doch noch etwas länger nachdenken müsste. Aufgreifen möchte ich allerdings den Begriff der Zensur, den der WDR in einer Stellungnahme auf das Schärfste zurückwies und die Sendung aufgrund der Vorwürfe vor kurzem wieder in die Mediathek aufgenommen hat. Denn Zensur ist ein Reizwort, das in regelmäßigen Abständen für mediale Aufmerksamkeit sorgt (oder sorgen soll), um ungeliebte Debatten oder Diskussionen zu diskreditieren.

Angesichts der gestrigen Hart aber Fair Sendung, in der der bayerische Innenminister Joachim Herrmann Roberto Blanco als einen wunderbaren N* bezeichnete, mag sich manch eine feministische Extremistin an die „N“-Wort-Debatte erinnern, die mit einem Brief von Mekonnen Mesghena begann. Mesghena, Leiter des Referats „Migration und Diversity“ der Heinrich-Böll-Stiftung und Vater einer Tochter im Vorlesealter, wies den Thienemann-Verlag darauf hin, dass einige Begriffe aus Otfried Preußlers Kinderbuch „Die kleine Hexe“ diskriminierend seien und bat um die Streichung dieser rassistischen und verletzenden Worte. Da seiner Bitte entsprochen wurde, befand sich das deutsche Abendland Ende 2012 im Ausnahmezustand und bangte um seine nationale Identität. Das deutsche Feuilleton war entrüstet, dass deutsches Kulturgut nun zu einer „Trottelsprache“ (Jan Fleischauer, Spiegel) verkomme und predigte von einer „Hexenjagd“ auf alles Geschriebene (Ulrich Greiner, Zeit).

Bemerkenswert an dem medialen Aufruhr war zum einen, dass die Debatte über Rassismus in Kinderbüchern eine genuin weiße Debatte war. Die Journalistin Simone Dede Ayivi wies zurecht darauf hin, dass in der Diskussion das Wissen Schwarzer Menschen in Deutschland ausgeblendet wurde und dass wieder einmal der weiße Diskurs erkläre, wann sich wer verletzt fühlen dürfe. Bemerkenswert war zum anderen, dass jeder Einspruch mittels eines Kampfbegriffs vom Tisch gefegt wurde: Denn diejenigen, die ihren Kindern keine rassistischen Begriffe vorlesen möchten, seien die Politisch Korrekten. Und damit war das Thema erledigt.

Worum es also bei dem Ruf nach Zensur („Ampelmännchen“) oder dem Wunsch nach einer unzensierten Sprache („Kleine Hexe“) geht, ist der Kampf gegen eine herbeihalluzinierte Politische Korrektheit. Getreu dem Motto „das wird man ja wohl noch einmal sagen dürfen“ formiert sich hier der Widerstand einer traditionellen Elite gegen den Verlust von Autorität und Macht. In mehreren soziologischen und politikwissenschaftlichen Studien (z.B. Auer 2002; Erdl 2004) konnte gezeigt werden, wie die „Political Correctness“ zu einem neokonservativen Programm avancierte: Während der Begriff in den 1960er innerhalb der Linken noch als ironische Selbstkritik verwendet wurde, begann in den 1980er Jahren seine massenmediale Verbreitung, welche mit einer negativen Konnotation einherging. Ab den 1990er war es dann soweit: „PC“ wird vollkommen vom Neokonservatismus dominiert, fungiert als ideologischer Code und wird in stigmatisierender Art und Weise gegen emanzipatorische und liberale Ansichten gewendet.

Der Mythos von der Politischen Korrektheit funktioniert dabei zumeist über die Inszenierung eines Tabubruchs: Man(n) dürfe ja wohl noch sagen, dass Männer und Frauen verschieden sind, dass Astrid Lindgrens N*könig kulturell wichtig ist und dass man(n) stolz darauf ist, ein Deutscher zu sein. Vergessen wird allerdings, dass es keine realexistierende Gruppe gibt, die Sprechverbote erteilt – was heißt, dass die neokonservativen Kritiker_innen der Political Correctness erst eine solche erfinden mussten. Entsprechend der Tradition wurden also traditionelle Feindbilder strapaziert: Es sind Feministinnen, Linke und Schwule, die als „Gutmenschen“ Kontrolle und Zwang über alle anderen ausüben. Sie wollen das verbieten, was Spaß und Identität macht: Sexismus, Nationalismus, Rassismus, Antiziganismus, Antisemitismus und sie leben alle vegan. Sie sind gender-gaga, das ist offenkundig.

Was verbirgt sich nun hinter der Zensur-Angst? Die Journalistin Özlem Topçu bringt es auf den Punkt: Die Elite ist irritiert, dass nun andere mit am Tisch sitzen, wenn es um wichtige gesellschaftliche Entscheidungen geht. Sie sagen „Zensur“, wenn die Anderen, also die vom diskursiven Rand, gehört werden. Und sie sagen „Zensur“, wenn die Anderen Erfolge verbuchen. Nun ist natürlich zu fragen, ob das Verbannen einer unsäglichen Sendung aus einer Mediathek in Zeiten von youtube ein Erfolg ist. Die Streichung rassistischer und verletzender Worte aus Kinderbüchern ist es aber allemal.

Zum Weiterlesen

Die Politik des Ultraschalls

Die Gesundheitswissenschaftlerinnen Petra Kolip und Rainhild Schäfers legten vor kurzem eine Studie über die Nutzung der Schwangerschaftsvorsorge vor – mit alarmierenden, aber wenig überraschenden Ergebnissen. So ließen selbst Frauen, bei denen kein belastender Befund vorlag, im Schnitt sechs Ultraschalluntersuchungen durchführen. In erster Linie handelt es sich hier um eine Folge der geradezu klassischen Medikalisierung des Frauenkörpers – ist er außer Rand und Band oder einfach nur schwanger, wird er regelmäßig observiert. Verwunderlich ist dies freilich nicht. Bereits seit Erfindung der Gynäkologie im 18. Jahrhundert gilt der weibliche Körper als absonderlich und deshalb als behandlungsbedürftig. Das „tiefe Dunkel der Frauen“, vor dem sich die Gynäkologen des 18. und 19. Jahrhundert so fürchteten, wird nun ausgeleuchtet. Infolgedessen wird auch das „Frauwerden“ von jungen Mädchen längst nicht mehr von der ersten Regelblutung eingeleitet, sondern von dem ersten regelmäßigen Besuch bei der Gynäkolog_in. Denn die weiß, „ob alles normal ist“ und klärt diese wichtige Frage in der eigens dafür eingerichteten Mädchensprechstunde. Die frühe medizinische Kontrolle des Körpers scheint zu einer Art Initiationsritus avanciert zu sein, der Mädchen schon früh in gynäkologische Praktiken einbindet. Sie wachsen mit Abstrichen und Abtasten auf; Ultraschallgeräte und Mikroskope gehören zu ihrem gesundheitlichen Alltag wie Zähneputzen und Hautlotionen. Frauenkörper sind damit nicht nur erreichbarer für allerlei Techniken, Frauen sind scheinbar auch bereitwilliger, diese Techniken zu nutzen.

All dies ist längst bekannt und vielfach aus feministischer Perspektive kritisiert worden. Medikalisierung als ein Prozess, bei dem die Verantwortung für alltägliche Körperprozesse in die Hände der Medizin gegeben wird, ist damit der Begriff, der die Überversorgung von Schwangeren erklären kann. Aber nicht nur. Denn im Falle der Schwangerschaft ist der Frauenkörper nicht nur unter medizinischer Kontrolle, er wird gleichzeitig Bestandteil eines umfassenderen Dispositivs: dem der Mütter. Das Mütter-Dispositiv, mit Foucault definiert als ein Zusammenspiel von Diskursen (z.B. über Vorsorge und Gesundheit), Praktiken (Sport, Stillen, Wickeln) und Vergegenständlichungen (Kliniken, Geburtshäuser, Kindertagesstätten) operiert dabei ganz im Sinne der Optimierung. Und dies – das ist das Besondere an der Sache – gleich in zweifacher Hinsicht. Denn hier geht es nicht nur um die Frau, sondern auch um das (ungeborene) Kind: Frühförderung beginnt bereits im Leib der Mutter mit der korrekten Musikauswahl; Gesundheit wird durch CTG, Nackenfaltenmessungen und Bluttests garantiert; Schönheit für den Babybauch gibt es mit Öl und Entspannung für alle mit Tee. Nach der Geburt geht es dann erst richtig los: Weight Watchers für Wöchnerinnen, Babymassage gegen den Weltstress der ersten Wochen, Pekip-Kurse für die frühe Förderung, Breiberatung, bilinguale Erziehungskonzepte, Workshops zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Hilfestellung bei den Anträgen für eine Mutter-Kind-Kur.

Mutter-Werden und Mutter-Sein ist damit keine einfache soziale Tatsache, sondern geht mit einer Vielzahl von Erwartungen und Erfordernissen einher, die medizinisch, aber vor allem ideologisch geprägt sind. Was das Richtige für die Mutter und das (ungeborene) Kind ist, ist genau definiert und politisch-medizinisch abgesteckt. Ultraschalldiagnostik, um Normalität abzuprüfen, ist hier nur die Spitze des Eisberges. Anders ausgedrückt: Medikalisierung ist nur ein kleiner Bestandteil dessen, was ich als Maternisierung beschreiben möchte. Mit Maternisierung meine ich eine „Vermütterlichung“, die mit sozialen Erwartungen und Zwängen einhergeht. Die umfassende medizinische (Vor-)Sorge gehört ebenso dazu wie die Sorge um Frühförderung des Kindes (es soll mal auf das humanistische Gymnasium gehen), die Sorge um den Mutterkörper (er soll schlank und fit sein, bloß keine Streifen!) oder die um die Mutterrolle, die sich an der Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familienarbeit messen lassen muss, ohne das Wohl des Kindes zu gefährden.

Maternisierung als die Optimierung des Mutter-Kind-Daseins erscheint auf der Ebene der Repräsentation zunächst wandelbar: Die Zeiten, als Mutter Beimer geradezu ikonisch den Kochlöffel schwang und Klausi dabei die Nase putzte, sind längst vorbei. Nun sind es auch Stars wie Kate Middleton, Angelina Jolie oder Beyoncé Knowles, die Mütterlichkeit mitunter neu definieren und zeigen, dass wirklich ALLES geht: Die Vereinbarkeit von Schönheit, Karriere, politischem Engagement, Kindern und das gleichzeitige Bekenntnis zum Popfeminismus auf der Bühne sind machbar. Das Magazin GALA geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn es Kleinkinder zum Accessoire der diesjährigen Fashionweek ausruft. Und dass auch in meinem Büro – dem Büro einer berufstätigen Mutter, die mehr schlecht als recht diesem Bild entspricht oder entsprechen möchte – ein Plakat mit der Aufschrift „YOU HAVE THE SAME AMOUNT OF HOURS IN A DAY AS BEYONCÉ“ aufgehangen wurde, möchte ich nicht verheimlichen.

Ausdruck der Maternisierung sind meines Erachtens jedoch vor allem neu aufgelegte Zeitschriften wie MUM, Mama’s Life oder Brigitte Mom. Hier wird die Vermütterlichung gegenständlich, indem Strategien vermittelt werden, wie eine Mutter zu einer ebensolchen wird: durch Yoga, durch das Brechen des Tabus des Langzeitstillens, durch Fitness oder auch durch Mode (selbstverständlich für sie und den Säugling, stil- und stillgemäß). Natürlich geht es auch – etwas augenzwinkernd – um den „ganz normalen Alltagswahnsinn“. Strukturelle und/oder politische Fragen, warum Muttersein überhaupt wahnsinnig macht, werden selbstredend ausgespart. Hierfür gibt es Mutter-Kind-Kuren.

So erscheint das Bild der Mütter auf den ersten Blick wandelbar, das Spannungsverhältnis und die Widersprüche, die mit dem Muttersein einhergehen, sind es nicht. Da hilft auch keine Studie über „Regretting Motherhood“, die selbstredend als ebenso tabubrechend dargestellt wird wie das Langzeitstillen. Denn ist eine Mutter einmal maternisiert, unterliegt sie dem Optimierungswillen und -wahn, da Politiker_innen, Mediziner_innen und vor allem andere Mütter immer wissen, wie alles noch besser gehen könnte.

Augenfällig ist dabei die spezifisch biologistische Annahme, dass nur Frauenmütter wissen, wie Sorge funktioniert. Aufgrund ihrer leiblichen Erfahrung scheinen nur sie die legitimen Dispositiv-Teilnehmerinnen zu sein. Die Re-Traditionalisierung der Geschlechterrollen, welche zumeist nach der Geburt des ersten Kindes eintritt und strukturell durch Betreuungsgeld und Ehegattensplitting gefördert wird, zementiert diese Einschränkung ebenso wie das Verschweigen von Vätern, Co-Müttern und anderen Freund_innen, deren Sorge um die Kinder wohl nicht geringer ausfallen dürfte. Wenn also aus einer feministischen Perspektive die Medikalisierung des Frauenkörpers während der Schwangerschaft kritisiert wird, so sollte dies mit einer grundsätzlichen Infragestellung der Maternisierungsprozesse und ihrer Vergeschechtlichung einhergehen. Denn die Politik des Ultraschalls ist weitreichender als das schiere Ausleuchten des Frauenkörpers; sie erhellt auch ein zutiefst disziplinierendes und normierendes Dispositiv.