Autor: Maureen Maisha Eggers

Geschlechtsspezifische Schul-Aufgaben „neu und nur für Jungs“

Ich habe einen Neffen. Er ist inzwischen elf Jahre alt. Es läuft gut bei ihm in der Schule. Ich sorge mich jedoch um ihn. Die sozialen Anforderungen der Schule machen ihm ganz schön zu schaffen. Mein Neffe ist eine scheue, filigrangeistige Person. Er hat die Liebe meiner Schwester zur Sprache mitbekommen. Er las Gedichte sobald er lesen konnte. Seine Liebe für Phantasiewelten und das Spinnen eigener Vorstellungswelten hat er von mir, denke ich. Er zieht sich ganz gerne zurück und ruht sich aus in seinen eigenen Vorstellungen der Wirklichkeit. Es scheint ein bedeutendes Refugium zu sein.

Dieser Beitrag beginnt mit einem konkreten Jungen (Angehöriger der Genus-Gruppe maskulin). Er wird aus der Perspektive der Sorgearbeit für konkrete Jungen formuliert. Ich habe mit mir verbundene Elternpersonen beobachtet. Ich habe sie dabei begleitet, wie sie sich um den Verlauf der Schulbiographie ihrer Jungen sorgen. Ich habe mit ihnen über zunehmende Schuldistanz diskutiert. Wir haben gemeinsam Lösungsvorschläge entworfen, ausprobiert, nachjustiert, verworfen, neu-entworfen, evaluiert, ganz alltagspraktisch. Diskussionen über Schulverweigerung, Lernwiderstände und Schulversagen sind eine anhaltende Realität in der Erziehungsarbeit. Da erscheint mir fast jede Lösung nachvollziehbar, fast …

Sind aber geschlechtergetrennte, geschlechtsspezifische Aufgabenstellungen nun ein Teil des Problems, oder ein Teil der Lösung?

Chimamanda Ngozi Adichie verdeutlicht, wie wir als Gesellschaft durch unsere Männlichkeitserwartungen konkrete Jungen (emotional) deformieren:

„We do a great disservice to boys in how we raise them. We stifle the humanity of boys. We define masculinity in a very narrow way. Masculinity is a hard, small cage, and we put boys inside this cage. We teach boys to be afraid of fear, of weakness, of vulnerability.“

Neue Textaufgaben, die sich an Jungen als Adressaten zu richten versuchen, unterstellen spezifische lebensweltliche Interessen. Diese sind im Wesentlichen ein Hang zum Abenteuer und Wettbewerb. In einem Vergleich von Mathe-Heften (nur) für Jungen und (nur) für Mädchen stellt Ella Carina Werner fest, dass für Jungen Themen auf der Handlungsebene als Leistungs- und Konkurrenzkampf aufbereitet werden. Es gehe folglich darum, gedanklich Piraten-Wettrennen und Papierflieger-Wettbewerbe zu absolvieren. Die spezifischen Mathe-Aufgaben für Mädchen fokussieren in ihren Vorstellungswelten hingegen Geselligkeit und Versorgung. Die einzige Referenz zum Thema Wettbewerb ist hier Konkurrenz auf der Ebene des Aussehens. Die Wettbewerbsaufgabe lautet folglich „Wer hat die längsten Haare“? Ist das so relevant für die Vorstellungswelten von Mädchen? Ist wirklich nichts mehr als Aussehen vorstellbar, wenn wir an kleine Mädchen und ihre Handlungskraft, ihre Lebensinteressen denken?

Die Dramatisierung von Geschlechterdifferenz mit Bezug auf Kompetenzen und daraus ableitbaren Lernanforderungen hat vielleicht nicht gerade Konjunktur, sie erweist sich jedoch als äußerst hartnäckig. Problematisch ist, dass diese Sichtweise sich durch sämtliche gesellschaftliche Sphären zieht. Worst Offenders wie Ferrero sind offenbar beratungsresistent. Auf die unsägliche Kampagne für rosa Überraschungseier, die „neu und nur für Mädchen“ sein sollten, folgte ein neuer Tiefpunkt: Die Polarisierung eines Produkts (wieder das Überraschungsei), das sich an Kinder(!) richtet, durch die Kennzeichnung „Spielerfrau“ vs. „Weltmeister“.

Solche schädigenden Fiktionen (Vorstellungswelten) tragen maßgeblich zu vereinseitigenden Selbst- und Handlungsbildern bei. Die Selbstwirksamkeit von Kindern wird durch die vermittelten Vorstellungen ihrer Aktionsräume und die Wertschätzung ihrer gesellschaftlichen Beiträge strukturiert. Es gibt Erstlesebücher „nur für Jungen“. Diese sind orientiert daran, was Jungen sich vermeintlich wünschen, nämlich „coole Helden, fiese Schurken, atemberaubende Spannung und jede Menge Action“. Die Nur für Jungs-Buchreihe wirbt mit „farbigen Illustrationen, spannendem Leserätsel und Extra-Seiten zum Mitmachen“. Indem die Spielinteressen von Kindern auf diese Weise weiterhin polarisiert werden, wirken geschlechterspezifische Toys als Nötigungen und Zumutungen.

Mit einem offiziellen Werbespot zur gezielten Anwerbung von Wissenschaftlerinnen für die MINT-Fächer hat auch die Europäische Kommission auf unsägliche Weise zur unnötigen Dramatisierung unterstellter Interessen beigetragen. Der Spot „Science: It’s a Girl Thing“ zeigt drei weibliche Handlungssubjekte: junge Frauen, die dem betrachtenden Blick präsentiert werden. Sie erscheinen, ähnlich wie auf einem Laufsteg, Kosmetik wirbelnd, während ein männlicher Naturwissenschaftler im Labormantel, mit Mikroskop bewaffnet, konzentriert zu arbeiten versucht (er wirkt durch die Aktion der drei jungen Frauen etwas abgelenkt).

Solche Darstellungen bergen die Gefahr, den von Adichie fokussierten engen Käfig noch enger zu fassen. Die Gefahr einer unproduktiven Verstärkung übersteigerter Männlichkeitsinszenierungen thematisieren Caryl Rivers und Rose Barnett (2008) in dem Aufsatz „The Difference Myth. We shouldn’t believe the increasingly popular claims that boys and girls think differently, learn differently and need to be treated differently.“ Sie kritisieren die breite Verallgemeinerung der These, Geschlechterdifferenz äußere sich als Kompetenzdifferenz. Diese Betrachtung ist zu oberflächlich, um die sozialen Realitäten konkreter Kinder zu erfassen. Kinder sind in ihren Lebensinteressen und Lernbedürfnissen innerhalb der zugewiesenen Genus-Gruppe heterogener und komplexer als diese Betrachtungsweise suggeriert.

Boys and Girls are different, because their brains are different. This Idea has driven Bestsellers, parenting articles, and even – increasingly – American education.“ (Rivers/Barnett 2008, Ausstreichung durch die Autorin)

Was sind denn die konkreten Lebens- und Lerninteressen von Kindern? Wie gelingt es uns die Lernwelten von Kindern näher an lebensweltliche Anforderungen und Bedürfnisse konkreter Kinder zu koppeln? Wie verstärken wir die Teilnehmer_inorientierung, eine bedeutende Stärke subjektorientierter Lernformate?

Kindliche Subjekte leisten Widerstand gegen die beständige Dramatisierung von Geschlechterdifferenz. Ein siebenjähriges Mädchen interessiert sich für Insekten. Bei der Lektüre des „Biggest Baddest Book of Bugs“ stellt sie zuerst erstaunt und dann entgeistert fest, dass dieses Buch an Jungen adressiert ist (Die Reihe heißt „For Boys“). Sie visualisiert in ihrer Vorstellungswelt ein „Book of Bugs for Everybody“. Sie schreibt mit Unterstützung ihrer Vertrauenspersonen einen Brief an den Verlag. Sie fordert dazu auf: Stop labeling books.

Kinder und Jugendliche, die sich nicht an Gendernormen orientieren wollen oder können, bezeichnet Jake Payne als Gender Independent. Die pädagogische Unterstützung von Kindern die ihre Erfahrungs- und Vorstellungsräume gender independent regeln, wird zum Glück zunehmend Gegenstand öffentlicher Debatten. Die konkreten Handlungsbarrieren und Handlungsbegründungen von genderfluiden und gender nonconforming Kindern sind leider wenig beforscht, ähnlich wie die konkreten Lerninteressen von Kindern als soziale Gruppe.

Zurück also zum konkreten Kind? Aus der Perspektive der Sorgearbeit ist die Entwicklung von Schuldistanz des eigenen oder des mit sich verbundenen Kindes eine beängstigende Erfahrung. Die Dringlichkeit der Bemühung, dieses konkrete Kind zu erreichen, zu bewegen, zu begeistern, zu unterstützen ist völlig nachvollziehbar. Eine brauchbare Lösung erscheint mir hier, mehr ins Gespräch zu kommen darüber, ganz konkret, wofür eigentlich genau die jeweiligen Kinder erworbenes Wissen und Kompetenzen gut einsetzen können. Wie kann dieses Wissen von dem kindlichen Subjekt eingesetzt werden, um das eigene Leben zu verbessern, um Handlungsbarrieren abzutragen, um eigene Handlungsräume Stück für Stück zu erweitern? Knüpfen wir doch an die Vorstellungskraft konkreter Kinder an, die meines Neffen oder des siebenjährigen Mädchens, das sich für Insekten interessiert. Tragen wir dazu bei, die Lebensinteressen konkreter Kinder als Lerngegenstände zu strukturieren, als konkrete Unterstützung, als Stärkung für ihre Lebensgestaltung.

‚Audre Lorde’s Germany‘

Audre Lorde war Bibliothekswissenschaftlerin. Sie studierte Library Science in ihrem Bachelor Studium am Hunter College New York (1954-1959). Ihr zweites Studium an der Columbia University New York schloss sie 1961 mit einem Master in Library Science ab. Sie arbeitete neben ihren vielfältigen beruflichen, politischen, sozialen, akademischen, schriftstellerischen und verlegerischen Tätigkeiten viele Jahre als Bibliothekarin an der Mount Vernon Public Library und als Head Librarian an der Town School Library in New York City. Diese Seite von Audre Lordes Wirken habe ich nie so fokussiert wahrgenommen. Ich betone diese Information, denn durch sie erscheint mir Audre Lordes Weitsicht, ihr umfassender Blick auf die vielfältigen, politisch-persönlichen Bedeutungsstränge, die zusammenwirken, um den Verlauf eines Lebens zu strukturieren, nochmals klarer.

Audre Lordes Arbeiten sind durch eine unglaubliche Perspektivenvielfalt und Themenvielfalt gekennzeichnet. Ein bibliothekswissenschaftlich geprägter Blick hat sicherlich ihr vorhandenes Talent enorm verstärkt, die soziale Wirklichkeit als ein komplexes Zusammenspiel miteinander verwobener gesellschaftlich ungleich positionierter Akteur_innen zu visualisieren, zu erfassen, zu verstehen. Es scheint, als wären Imaginationen, Versprachlichungen und Erzählkonstruktionen (eigene und die anderer Personen) Lorde sehr leicht zugänglich, ja verständlich gewesen. Jedenfalls hat es wohl eine Quelle gegeben, aus der Lorde diese Verbindungslinien zugleich gewann und sie weiter verknüpfte. Das Berühren und zur Sprache bringen von Lebensthemen und Handlungserfordernissen großer sozialen Gruppen durchzieht das Werk Lordes. Eine Multiperspektivität, welche sich in den Gedichten und der Prosa Lordes niederschlägt und den von ihr thematisierten Annäherungen, Ambivalenzen, Krisen, Beziehungsnetzen, Aktionsformen und Kommunikationsverläufen einen starken gemeinsamen Fokus verleiht.

Am Ausgangspunkt dieses Beitrags frage ich mich vor allem, welche Teile eines aktiven Lebens, eines engagierten Lebens erinnert werden? Welche Lebensinhalte können wie in einer rückblickenden Betrachtung sichtbar und fruchtbar gemacht werden und mit welcher Intention?

The Stories of Our Lives: Historisierung als eine feministische Aufgabe

„What I leave behind has a life of its own. I have said this about poetry.
I have said it about children.
Well, in a sense I’m saying it about the very artifact of who I have been.“

–– A Litany For Survival: the Life and Work of Audre Lorde (Trailer)

Ein kurzes, intensives Leben ist gelebt worden. Audre Lorde starb im November 1992 im Alter von erst 58 Jahren. Sie hinterließ ein umfangreiches literarisches Werk und prägnante Spuren in vielen gesellschaftlichen Feldern. In ihren letzten 14 Lebensjahren, in denen sie sich zuerst mit einer Brustkrebs- und dann auch noch mit einer Leberkrebsdiagnose konfrontiert sah, rang sie mit der Realität dieser erschütternden Lebenserfahrung. Sie lebte ihre Erschütterung öffentlich. Sie machte vollen Gebrauch von ihrer Artikulationsmacht. Sie schrieb das Krebstagebuch.1)Die Website des Orlanda-Verlags war zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels nicht erreichbar. Um die Cover der genannten Bücher zu visualisieren, haben wir uns dazu entschieden, Links zum Amazon-Store zu setzen. Dabei handelt es sich um Affiliate-Links, durch die das Projekt FemBio – Das Gedächtnis der Frauen unterstützt wird. Darauf folgte Lichtflut. Das Leben mit Krebs, eine Sammlung von Texten und Gedichten. Sie rang mit dem Tod. Sie rang mit dem Leben. Sie rang mit der Krankheit. Sie rang mit der Verzweiflung und schrieb dies nieder. Sie behielt ihren Humor und ihre Weitsicht. Sie reiste, lehrte, schrieb Gedichte, liebte. Sie erlebte mit einer großen Bewusstheit ihre letzte Beziehung mit ihrer Lebensgefährtin Gloria I. Joseph, ebenfalls eine Schwarze Aktivistin, Professorin für feministische Sozialwissenschaften. Sie zog mit Gloria Joseph nach St. Croix in der Karibik.

Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland

Zeitgleich mit ihrer Krankheitskrise begann für Audre Lorde ein intensiver Lebensabschnitt in Berlin. Sie wurde 1984 Gastprofessorin an der FU Berlin. Genau 100 Jahre nach der Berliner Afrika-Konferenz übrigens. Sie wurde zu einer zentralen symbolischen Figur der feministischen Bewegung Deutschlands, vor allem für eine Gruppe junger Schwarzer (lesbischer) Frauen, die sich gerade zu politisieren begannen. Audre Lorde taucht an einem entscheidenden Punkt in die feministische Szene Berlins ein. Sie erkannte und ergriff die Chance, der Bewegung Schwarzer feministisch inspirierter Aktivistinnen zur Geburt zu verhelfen. Sie setzte ihre Artikulationsmacht ebenso wie ihre aktivistische und analytische Erfahrung ein, um die Forderungen der Schwarzen feministischen Bewegung nach Innen und nach Außen zu formulieren und zu strukturieren. Sie verlieh der Schwarzen Frauenbewegung Deutschlands ihre narrative Kraft, politische Kraft und die Kraft ihrer transnationalen Zukunftsvisionen.

Aus ihrem Tagebucheintrag – Berlin, 23. Mai 1984:

„Afro-deutsch. Die Frauen sagen, sie haben diesen Ausdruck noch nie gehört. Ich habe eine meiner Schwarzen Studentinnen gefragt, mit welcher Vorstellung von sich, sie aufgewachsen sei. «Die positivste Bezeichnung für uns war ‚Kriegsbaby’», sagte sie. Aber die Existenz der meisten Schwarzen Deutschen hat nichts mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, sie reicht bis viele Jahrzehnte davor zurück. Ich habe Schwarze deutsche Frauen in meinem Kurs, die ihre Afro-deutsche Herkunft bis in die 1890er Jahre zurückverfolgen.“2)Lorde, Audre (1994): Auf Leben und Tod. Krebstagebuch. Berlin: Orlanda, S. 91-92.

Die Namensfindung der Schwarzen Bewegung in Deutschland wurde beschleunigt durch die Artikulationskraft Audre Lordes. Die unmittelbar damit zusammenhängende Gründung der Initiative (später Vereins) Adefra – Schwarze Frauen in Deutschland gilt als eine Konkretisierung Lordes Bewegungsarbeit. Audre Lorde ermutigte und regte zu öffentlichen Positionierungen und Debatten an. Sie leistete konkrete Sorgearbeit, in dem sie einen Raum und einen Rahmen kreierte und bereitstellte, in dem Schwarze Aktivistinnen sich begegnen, Nähe miteinander erproben, sich mit der gemeinsamen Bedeutung ihrer gesellschaftlichen Situation persönlich-politisch befassen konnten. Sie zog wiederum Kraft für ihre eigene Lebensarbeit daraus:

„Afro-deutsch, das bedeutet für mich die leuchtenden Gesichter von Katharina und May in angeregtem Gespräch über die Heimat ihrer Väter, über Gemeinsamkeiten, Freuden und Enttäuschungen. Es bedeutet mein Glücksgefühl beim Anblick einer Schwarzen Frau, die in meine Vorlesung kommt, und das allmähliche Schwinden ihrer stummen Zurückhaltung, als sie ein neues Selbstbewusstsein entdeckt, eine neue Denkweise über sich und ihre Beziehung zu anderen Schwarzen Frauen annimmt.“3)Lorde, Audre (1994): Auf Leben und Tod. Krebstagebuch. Berlin: Orlanda, S. 92.

Audre Lorde ließ sich von 1987 bis 1992 naturheilkundlich in Berlin behandeln. Ihre gesundheitspolitischen Betrachtungen gewannen durch diesen Entschluss und den damit zusammenhängenden Erfahrungen stark an Konturen. Auch hier prägten ihre Denkbewegungen und ihre öffentlichen Artikulationen die feministischen Debatten und Sichtweisen auf ein Leben mit Brustkrebs in Deutschland, in den USA, und an unzähligen weiteren Orten, an denen Lordes Texte auch weiterhin gelesen und diskutiert werden.

Drei Dokumentarfilme haben sich bislang mit der Bedeutung des engagierten Lebens Audre Lordes an der Schnittstelle zwischen akademischem, künstlerischem und politischem Engagement feministisch inspirierter Gesellschaftssubjekte befasst. Der erste Film A Litany for Survival: The Life and Work of Audre Lorde (1995), ist ein Dokumentarfilm von Ada Gray Griffin und Michelle Parkerson. Der zweite Dokumentarfilm ist The Edge of Each Others Battles (2002) von Jennifer Abod. Und der dritte Dokumentarfilm ist Audre Lorde – The Berlin Years 1984-1992 (2012) von Dagmar Schultz. Der erste Film ist sicherlich der markanteste, der dritte ist von besonderer Bedeutung für den deutschen Kontext. Alle drei gelten als Texte, soziale Texte, kulturelle Texte, die eine systematisierte Annäherung an das Lebenswerk Audre Lordes als Symbolfigur, als konkrete Person, als Ideengeberin für zahlreiche gesellschaftskritischen Bewegungen ermöglichen sollen.

Die Fachtagung ‚Audre Lorde’s Germany‘:
African Diasporic Presences and Influences on Contemporary German Literary and Cultural Politics

Eine Fachtagung im Januar 2015 macht es sich zum Ziel, Audre Lordes Einfluss auf den deutschen Kontext zu fokussieren. Audre Lordes Ideen, ihre Entwürfe von Gesellschaft, ihre Paradigmen und ihre Anwesenheit in Deutschland geben den Rahmen für die Auseinandersetzung mit Gesellschaft aus der politisierten Position engagierter, feministisch inspirierter, Schwarzer weiblicher Handlungssubjekte. Thematisiert werden bedeutende aktivistische, akademische und schriftstellerische Strukturen in Audre Lordes Leben wie beispielsweise die politische Aussagekraft ihrer Zugehörigkeit zum Combahee River Collective, einem Zusammenschluss Schwarzer, lesbischer Feministinnen. Die Gründung des Verlags ‚Kitchen Table: Women of Color Press’ (1980) durch Barbara Smith und Cherrie Moraga geht auf Ideen und Ermutigungen Audre Lordes zurück. Solche monumentalen Veröffentlichungen des Verlags wie ‚This Bridge called my Back: Writings by Radical Women of Color’ begründeten, artikulierten, forcierten die Art von Bündnissen, die Lorde zwischen Feminist/Scholars of Color visualisiert hat. Diese Bündnisebenen werden ein bedeutender Fokus der Fachtagung sein.

Lordes Beiträge im Kontext Schwarzer feministischer Theorieproduktion als einer engagierten Gesellschaftskritik gelten zudem als Ausgangspunkt einer reflexiven Auseinandersetzung mit der narrativen Kraft feministischer Theorie und Praxis in Deutschland. Die durch Audre Lorde sichtbar gemachte Stimmenvielfalt in dem transnationalen literarischen Schaffen Schwarzer Feministinnen enthält eine bedeutende Kritik an der anhaltenden Homogenität feministischer Narrationen in Deutschland. Dieser Kritik gilt es nachzugehen. Ganz im Sinne Audre Lordes generiert sich diese Kritik aus den öffentlich artikulierten Aktionsformen und Wissensformen Schwarzer und oder weiblicher und oder lesbischer Handlungssubjekte. Dieses gilt es einzubetten in eine multiperspektivische feministische Kulturkritik.

Die Fachtagung wird sich zentralen Themen der Arbeiten von Audre Lorde widmen, ihren Gedanken zur selbstbestimmten Gestaltung lesbischer Elternschaft, ihren sexualpolitischen Perspektiven auf Erotik als eine auf sich positiv gerichtete Selbstbefreiungspolitik. Die Beiträge werden Lordes Aufforderung fokussieren, die eigene sexuelle Macht zu erkennen und kennenzulernen und zum eigenen Wohlbefinden zu verwenden. Lordes Verpflichtung, gerade Themen und Lebensperspektiven zur Sprache zu verhelfen, die verleugnet, ignoriert oder vereinnahmt werden, gilt als Handlungsimpuls zu einer expliziten, feministisch strukturierten Thematisierung der Selbst- und Weltverhältnisse von Handlungssubjekten der Afrikanischen Diaspora in Deutschland. Lordes Konzepte der Selbstbefreiung und der damit zusammenhängenden gegenseitigen Befreiung Schwarzer Akteurinnen, ihre Bilder eines positiven Umgangs mit Macht als Selbstverfügung und als aktives Einbringen in die eigenen Lebens- und Handlungszusammenhänge sind in die Bewegungsgeschichte Schwarzer Aktivistinnen in Deutschland nachhaltig eingeschrieben. Audre Lordes Ermutigungen wirken weiterhin. Sie leben geradezu in der Form und Struktur des politisch engagierten feministischen Standpunkts in Deutschland weiter.

Maureen Maisha Eggers, Berlin 17.12.14

Termin: 30. und 31. Januar 2015
Ort: Humboldt-Universität-Berlin, Unter den Linden 6, Senatssaal
Organisatorinnen: Christine Vogt-William, Maisha M. Eggers und Eva Boesenberg
Speakers: U.a. Fatima El Tayeb, Kara Keeling, Gloria Wekker, Tracie Morris, Katharina Oguntoye, Peggy Piesche, Nicola Laurè Al-Samarai, Katja Kinder, Sheila Mysorekar
Tagungswebsite und Programm

Fußnoten   [ + ]

1. Die Website des Orlanda-Verlags war zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels nicht erreichbar. Um die Cover der genannten Bücher zu visualisieren, haben wir uns dazu entschieden, Links zum Amazon-Store zu setzen. Dabei handelt es sich um Affiliate-Links, durch die das Projekt FemBio – Das Gedächtnis der Frauen unterstützt wird.
2. Lorde, Audre (1994): Auf Leben und Tod. Krebstagebuch. Berlin: Orlanda, S. 91-92.
3. Lorde, Audre (1994): Auf Leben und Tod. Krebstagebuch. Berlin: Orlanda, S. 92.

Sexuelle Vielfalt und das Recht auf heterogene Kinderwelten

Nicht in Baden-Württemberg. Die Selbstbeschreibung „Wir können Alles, außer Hochdeutsch“ muss offenbar dringend ergänzt werden. Treffender scheint: „Wir können Alles, außer Hochdeutsch und Heterogenität“. Zumindest wenn es sich dabei um die bewusste Sichbarmachung von Heterogenität in Bezug auf Liebes-, Begehrens- und Beziehungsformen handelt, bzw. um die Vielfalt sexueller Orientierungen geht.

Ein Arbeitspapier der grün-roten Landesregierung, welches als Arbeitsgrundlage für die Bildungsplankommission gedacht war und zum Ziel hat, fünf Leitprinzipien zu verankern, wurde am 18.11.13 auf der Webpage Kultusportal Baden-Württemberg, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport veröffentlicht. Das Paper (PDF) formuliert eine systematisierte Reflexion von sexueller Vielfalt als Querschnittsaufgabe und sollte als Strukturierungshilfe für die Bildungsplanreform 2015/2016 im Bundesland Baden-Württemberg dienen. Das wurde von einem nicht unerheblichen Teil der lokalen Bevölkerung offenbar als Provokation empfunden.

Das Thema ‚Sexuelle Vielfalt als Querschnittsaufgabe‘ im Sinne einer Diversifizierung schulbezogener Inhalte und Praxen ist nicht neu. Es könnte sogar als Trend bezeichnet werden. Der Startpunkt liegt (wenig erstaunlich) in Berlin. Die Initiative Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt wurde vom Berliner Senat bereits 2010 beschlossen. Ihr liegt ein Aktionsplan zugrunde, der auf die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zurückgeht und bereits 2009 verabschiedet worden war. Ziel des Berliner Programms ist es, einen wertschätzenden Umgang mit sexueller Vielfalt zu erwirken. Das Programm hat eine stark schulbezogene Ausrichtung und führte zur Einführung von Diversity-Beauftragten an Berliner Schulen. Diskursive Eskalationen wie sie im ‚Ländle‘ zu verzeichnen sind, sind mir hier nicht bekannt.

Nach Berlin initiierte auch Hamburg 2010 Maßnahmen im Schulbereich unter dem Titel „Akzeptanz von sexueller Vielfalt“. Auch im schleswig-holsteinischen Landtag wurde das Berliner Modell diskutiert. In Nordrhein-Westfalen beschloss die Landesregierung Ende 2010 einen Aktionsplan gegen Homophobie. In Sachsen-Anhalt wird das Thema Aktionsplan noch auf NGO-Ebene diskutiert. In Hessen stellten Bündnis 90/Die Grünen 2010 einen entsprechenden Antrag im Landtag. Dieser wurde jedoch von der damaligen CDU/FDP-Regierung abgelehnt. Bremen, Rheinland-Pfalz und Niedersachen befinden sich alle in einem Prozess der Überarbeitung ihrer Bildungspläne, um die Akzeptanz sexueller Vielfalt zu verankern. Alles soweit ohne Eskalationen, trotz unerfreulichem Ergebnis in Hessen. Dann wird das Arbeitspapier in Baden-Württemberg veröffentlicht und die Wellen schlagen so richtig hoch.

Die sexuelle Vielfalt der Wutbürger_innen

Was ist nur aus den Wutbürger_innen geworden? Während der Protestaktionen gegen Stuttgart 21 schien sich eine Critical Mass engagierter, politisierter Bürger_innen zusammen gefunden zu haben. Ist diese Formierung bereits angesichts einer fälschlicherweise als „staatlich verordnete Gender-Theorie“ verstandenen Intervention brüchig geworden? Haben die hier politisierten Handlungssubjekte sich in ihre heile, homogene, heteronormative bürgerliche Welt zurückgezogen? Oder schätzt diese Konstellation von Akteur_innen die Lage als nicht so brisant ein und überlässt das Feld kollektiver Protestformen anderen Strömungen. Was ist da passiert?

Ein Realschullehrer sah sich genötigt, eine Petition gegen die ’staatlich verordnete‘ Heterogenisierung zu initiieren (am 11.12.13). Diese Petition trägt den Titel „Zukunft-Verantwortung-Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“. Die Petition wird innerhalb weniger Wochen von 192.448 Personen unterschrieben, davon 81.999 aus Baden-Württemberg. Gegner_innen des Bildungsplans organisieren außerdem mehrere Demonstrationen zwischen Februar und November 2014.

Die Mobilisierung für eine Gegenpetition misslingt. Die erste Gegenpetition wird am 07.01.14 initiiert. Diese Petition erreicht zum letztmöglichen Unterzeichnungstermin am 06.03.14 gerade mal 92.225 Unterschriften (37.681 aus Baden-Württemberg). Die zweite Gegenpetition ist eine Support-Kampagne mit dem Titel „Vielfalt gewinnt“. Sie wird am 12.01.14 initiiert und auf einer anderen Online-Plattform veröffentlicht als die ursprüngliche Petition und die erste Gegenpetition. Sie soll zur positiven Meinungsbildung durch inhaltliche Informierung beitragen.

Der Stein des Anstoßes

Gegner_innen des Bildungsplans kritisieren am Arbeitspapier eine übermäßige Fokussierung auf Fragen der sexuellen Orientierung1)Theile, Merlind (2014): Eine Überbewertung des Themas sexuelle Vielfalt in den Bildungsplänen lehnen wir ab, in: DIE ZEIT 16.01.2014. Propagiert würde die Thematisierung verschiedener Sexualpraktiken in der Schule als ‚neue Normalität‘. Die Schule als Ort gesellschaftlicher Einflussnahme scheint hier ein umkämpfter Ort zu sein. Sie erscheint beinahe als sakraler Ort, an dem es gilt, die Gefahren einer neuen Sexualethik abzuwehren.

Also bitte: Keine neuen, heterogenitätsgeprägten Standards, keine neue Sexualmoral/Sexualethik, keine Sensibilisierung für nicht-heteronormative Sexualpraktiken, keine Konkurrenz für die heterosexuelle Ehe und Familie (diese wird als eine wichtige demokratische Errungenschaft eingeschätzt – in der Sprache der ersten Petition), keine Zuwiderhandlung gegen Prinzipien der etablierten Gesundheitserziehung. Nach Ansicht der Bildungsplangegener_innen ist es offenbar gesünder, heterosexuell und heteronormativ zu leben. Diese übersteigerte Reaktion und Panikmache, diese Dramatisierung und Mobilisierung wird im Namen der bald entrechteten Eltern vorgebracht.2)Schmoll, Heike (2014): Das gute Recht der Eltern, in: FAZ 11.11.2014.

Elternrechte vs. Kinderrechte

Die Bildungsplangegner_innen befürchten eine Zersetzung einer als konstruktiv idealisierten Beziehung zwischen Elternhaus und Schule. Mir ist nicht ganz klar, was hier unterstellt wird: Dass Elternpersonen eine homogene Gruppe sind, oder dass Elternpersonen sich eine (Zwangs-)Heterosexualisierung ihrer Kinder wünschen? Das zugrunde gelegte Kindheitsbild ist veraltet. Hungerland und Luber kritisieren Perspektiven, die Kinder als passive Empfänger_innen von Ressourcen und Wissen konstruieren.3)Luber, Eva und Hungerland, Beatrice (Hrsg.) (2008): Angewandte Kindheitswissenschaften – Eine Einführung für Studium und Praxis, Weinheim und München. Kinder haben agency. Kinder haben Rechte. Diese sind unabhängig von den Rechten ihrer Elternpersonen, weil Kinder zugleich Subjekt ihres eigenen Lebens und in soziale Verwandtschaftsbeziehungen eingebunden sind. Das baden-württembergische Arbeitspapier stärkt tatsächlich einen recht subjektorientierten Zugang zu den Lebenswelten und den Handlungszusammenhängen von Kindern als autonome Lernsubjekte. Das Papier weist eine recht hohe Teilnehmer_innenorientierung auf. Geht es hier vielleicht auch um Ängste bezüglich einer Veränderung der Machtdynamiken zwischen den Erwachseneninteressen und den Lebens- und Lerninteressen von Kindern.

Wie es scheint, ist es aus Sicht der Bildungsplan-Gegner_innen ok, unter gesellschaftlich nicht-anerkannten und diskriminierungsreichen Lebenszusammenhängen zu leiden. Es ist aber scheinbar nicht ok, diese Lebenszusammenhänge als positiv zu empfinden und selbstverständlich anzubieten als Elemente einer multioptionalen Gesellschaft, als möglichen Lebensentwurf. Vor allem scheint es Widerstände gegen eine institutionelle Anerkennung zu geben. Laut Petition sollen LSBTTIQ-Lebensstile und -Begehrensformen nicht als „gesellschaftlich gewollte Sexualität vermittelt werden“.

Bitte nicht weniger diskriminieren als andere Diskriminierungserfahrene

Ein opportunistisches Argument, das ich wirklich nicht mehr hören kann, lautet, dass eine benachteiligte Gruppe durch eine konkrete, diskriminierungsmindernde Maßnahme gegenüber anderen unfair bevorzugt werde. Es heißt, es gäbe eine „Überbetonung einzelner Gruppen und ihrer Interessen“. Oder, wie im Abschluss der Petition der Bildungsplangegner_innen betont wird:

„Die Werbung, sexuelle Orientierungen zu akzeptieren und sich gegen die Diskriminierung homosexueller Jugendlicher zu engagieren, steht im krassen Gegensatz zu dem weitgehenden Verschweigen von anderen Formen von Ausgrenzung an den Schulen unseres Landes: In der aktuellen Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2013) sind die Diskriminierungshinweise im Bereich Bildung und ’sexuelle Identität‘ am niedrigsten. Man sucht dagegen in „Verankerung der Leitprinzipien“ vergeblich nach ähnlichem Engagement in den Bereichen ethnischer Herkunft, Behinderung, Alter, Geschlecht, oder Weltanschauung/Religion.“

Und was ist hier nun das Fazit? Wird diese Konstellation von Akteur_innen sich ab jetzt verstärkt dafür einsetzen, dass diese benachteiligten sozialen Gruppen, um die sie sich offenbar doch so sorgen, mehr Diskriminierungsschutz erfahren? Mit einer weiteren Petition womöglich? Ich kann also jeden Tag jetzt damit rechnen, dass aus diesem Kreise eine Petition für die Verankerung rassismuskritischer Leitprinzipen initiiert wird? Ich möchte das gerne so verstehen!

Besonders skurill wird die Argumentation der Bildungsplangegner_innen, wenn sie sich selbst als diskriminiert darstellen. Dass anderen gesellschaftlichen Gruppen endlich die selben Rechte zugesprochen werden, die eine dominante Gruppe seit langer Zeit selbstverständlich genießt, bedeutet gerade nicht, dass die dominante Gruppe jetzt diskriminiert wird. Es scheint leicht zu fallen, eine diffuse Antidiskriminierungsrhetorik zu formulieren, anstatt aktiven Diskriminierungsschutz mit aufzubauen. Stattdessen wird eine zunehmende Dominanz gesellschaftlicher Randgruppen beschworen. Fühlt sich dann wohl nicht so gut an … Mal ganz abgesehen davon, dass es keine Dominanz wäre, sondern im Gegenteil eine Ausgleichung des Feldes, langfristig, vielleicht. Die Richtungskämpfe um die Zukunft von Gesellschaft und Schule halten an.

Vermutet wird offenbar eine feministische Verschwörung von außerirdischen Proportionen.4)Schmoll, Heike (2014): Das gute Recht der Eltern, in: FAZ 11.11.2014. Was sonst kann einen solchen Richtungswechsel ermöglicht haben? Erst die Einführung von Gender-Mainstreaming auf EU-Ebene und nun die Etablierung von sexueller Vielfalt in einer der Kerninstitutionen der Gesellschaft? Die Verstaatlichung von Gender Theorien und die damit verbundene endgültige Auflösung und der allmähliche Untergang der heterosexuellen Geschlechter von Mann und Frau? Worauf gründete sich eine solche Übermacht diskriminierungserfahrener gesellschaftlicher Gruppen? Sind es außerirdische Kräfte, die imstande sind, einer diskriminierungserfahrenen gesellschaftlichen Gruppe solche Macht zu verleihen? Sollten es tatsächlich Außerirdische sein, die dahinter stecken und die vorhaben, unsere schöne Geschlechterordnung kaputt zu machen, dann kann ich nur sagen … „Welcome Aliens. Let’s Make This Happen!“

Maureen Maisha Eggers

Fußnoten   [ + ]

1. Theile, Merlind (2014): Eine Überbewertung des Themas sexuelle Vielfalt in den Bildungsplänen lehnen wir ab, in: DIE ZEIT 16.01.2014.
2, 4. Schmoll, Heike (2014): Das gute Recht der Eltern, in: FAZ 11.11.2014.
3. Luber, Eva und Hungerland, Beatrice (Hrsg.) (2008): Angewandte Kindheitswissenschaften – Eine Einführung für Studium und Praxis, Weinheim und München.

Schwarze Frauen im ‚Shondaland‘.
Die feministische Kulturpolitik einer digitalen Diaspora

Shonda Lynn Rhimes, Jahrgang 1970, ist Drehbuchautorin und Produzentin der Politthriller-Fernsehserie Scandal (Trailer). Rhimes Produktionsfirma Shondaland zeichnet sich auch verantwortlich für den seit September 2014 ausgestrahlten Legal-Thriller How to Get Away With Murder (Trailer), ebenfalls eine Fernsehserie des US-amerikanischen Senders ABC. Rhimes wurde in den Jahren 2007 und 2013 auf die TIME 100 Liste der hundert einflussreichsten Personen (der Welt) gewählt. Auch wenn solche Ehrungen immer ein wenig suspekt sind, so ist doch offensichtlich, dass Rhimes Arbeiten einen festen Platz einnehmen auf digitalen Plattformen und in öffentlich geführten Debatten über die Lebens- und Handlungsräume und die Selbstentwürfe ambitionierter, zielbewusster Schwarzer Frauen.

Beide Serien sind strukturiert um eine Schwarze Unternehmerin. Scandal-Hauptfigur Olivia Pope (Kerry Washington) ist einer Krisenmanagerin nachempfunden, die tatsächlich existiert/e. Es gab sie wirklich: Judy Smith, eine Schwarze Krisenmanagerin, die zunächst im Team des Weißen Hauses der Ära G. W. Bush arbeitete. Smith gründete nach ihrem Dienst im Weißen Haus ihre Firma ‚Smith and Company‘. Sie gilt als die Inspiration für die Figur Olivia Pope (OP). Diese ist wie Smith zunächst Mitarbeiterin im Weißen Haus. Auch OP gibt ihren Job im White House auf, um ihre Krisenmanagement-Firma ‚Olivia Pope & Associates‘ (OPA) zu gründen. OPA gilt als zentrale Vermittlungsinstanz in der Politszene Washingtons. OP kümmert sich parteiunabhängig um Skandale aller politischen Lager. Sie fühlt sich allerdings über persönliche Beziehungen der republikanischen Regierung des Präsidenten F. Grant besonders verpflichtet.

Zentrale Figur der Serie How to Get Away With Murder (HTGAWM) ist die Strafverteidigerin und Juraprofessorin Annalise Keating (Viola Davis). Prof. Keating führt eine renommierte Kanzlei, die ihren Namen trägt. Jedes Semester wählt sie aus dem Kreis ihrer besten Absolvent_innen fünf für die Kanzlei aus, die sogenannten ‚Keating Five‘. Diese macht sie zu First Year Associates ihrer Firma. Gemäß dem Titel der Serie geht es in jeder Folge darum, im Rahmen ihrer Tätigkeit als Strafverteidigerin ihre Klient_innen aus einer Mordanklage zu retten. Es geht zugleich darum, ihren Studierenden das dazu nötige Handlungswissen zu vermitteln.

Keine Schwarzen Serien, aber rassismuskritische

Erstaunlich an beiden Serien ist, dass sie die Zuschreibung umgehen, eine ‚Schwarze Serie’ zu sein. Mediale Wirklichkeitskonstruktionen, in denen zwei Hauptfiguren Schwarz sind, werden relativ schnell als eine ‚Schwarze‘ Handlungsgeschichte wahrgenommen und abgetan. Rhimes Erzählkonstruktionen weisen sehr viele zentrale Schwarze Figuren und Figuren von Menschen of Color auf. Sie entkommen dennoch dieser einengenden Zuschreibung. Die Serien sind zugleich dezidiert rassismuskritisch. Sie thematisieren kontinuierlich die Realität rassistischer Ungleichheitsstrukturen.

Keine schwulen/queeren Serien, aber anti-heteronormative

Beide Serien weisen eine hohe Frequenz von sexuellen (Liebes-)Beziehungen und Handlungen zwischen queeren weißen Männern auf. In der ersten Staffel von HTGAWM ist es in der Tat diese soziale Gruppe, die am häufigsten sexuell handelnd dargestellt wird. Dieses Set-Up würde in der Regel dazu führen, dass die Serie als queer oder schwul wahrgenommen und abgetan wird. Rhimes entkommt auch hier dieser einengenden Zuschreibung. Die Serien repräsentieren recht beiläufig anti-heteronormative sexuelle Konstellationen.

Das System Shonda. Sichtbare Feministinnen als Führungsfiguren

Rhimes Schwarze Frauenbilder, dargestellt durch die Hauptfiguren Olivia Pope und Annalise Keating, sind entscheidungs-, handlungs- und ganz ausdrücklich gefühlsstarke Charaktere. Sie sind ambitionierte, zielbewusster Schwarze Frauen. Sie sind Unternehmerinnen. Sie leiten eine engmaschig organisierte Gruppe, ein Kollektiv von Mitarbeiter_innen, die sie zur Höchstleistung antreiben, für die sie Sorge tragen und die sie resolut zu beschützen bereit sind. Jede Gruppe ist stark mit den Prinzipien der jeweiligen Hauptfigur identifiziert (die ‚Gladiators‘ von Scandal ebenso die ‚Keating 5‘ von HTGAWM). Olivia Pope und Annalise Keating vermitteln ihrem Team regelmäßig auch auf eine sehr persönliche Weise, dass sie sie brauchen, auch emotional. Es ist eine ungewöhnliche Mischung. Dieser Zusammenhalt weist familienähnliche Strukturen auf. Das scheint mir eine bedeutende Ebene von Rhimes De/Konstruktionsarbeit zu sein.

Eine deutliche Zunahme feministischer Artikulationen

Die beiden Serien greifen Kernthemen der US-amerikanischen Gesellschaft auf und bearbeiten diese symbolisch. Beide Serien sind sehr dialogstark und didaktisch. Sie könnten als eine Einarbeitung einmal in den ‚Politsprech‘ des policy-lastigen Washington DC betrachtet werden, sowie als eine Einführung in die Sprache und die Funktionsstruktur von Legal Studies. Überhaupt erfahren Zuschauende viel und regelmäßig, wie Dinge des Alltags an Orten konzentrierter Macht funktionieren. Die Entscheidung, Scandal im Regierungsapparat eines republikanischen Weißen Hauses anzusiedeln, ist vermutlich eine genial subversive Entscheidung gewesen. Dadurch kann die Serie unablässig aufdecken, welche Handlungen, Strategien und vor allem Kompromisse notwendig sind, um die glatte Fassade tagtäglich herzustellen und zu präsentieren, mit der das regierte Volk von der anhaltenden Autorität der Administration überzeugt werden soll. Rhimes lässt also Kernthemen der US-amerikanischen Gesellschaft durch paradox positionierte aktionsmächtige Insider mit ‚multiple consciousness‘ verkörpern. Es scheint ein Erfolgskonzept zu sein. Es scheint ein Lebensgefühl und Lebensthemen zu kanalisieren, die nach Ausdruck verlangen, aus der Sicht Schwarzer Feministinnen.

Rhimes Hauptfiguren formulieren zunehmend ganz explizit feministische Kritik. In der Scandal Folge Season 4 Episode 7 (Erstausstrahlung am 06.11.14) sind mindestens drei feministisch inspirierte Handlungsstränge auszumachen. Einmal erleidet eine der Gladiators, Abby Whelan, die inzwischen Press Secretary ist, im Weißen Haus einen psychischen Zusammenbruch. Sie sieht sich mit ihrem Ex-Mann konfrontiert, der mit Unterstützung von Präsident Grant der neue Senator von Virginia werden will. Sie ringt damit, die körperliche Misshandlung, die er ihr zugefügt hat, offen thematisieren zu müssen. Sie ruft in Erinnerung, dass andere prominente Frauen an ähnlichen entscheidenden Stellen gescheitert sind. Sie ruft Anita Hill und Monica Lewinsky in Erinnerung, die sich einst für die Veröffentlichung sexualisierter Übergriffe entschieden. Danach aber seien sie aus der Arena der Politik verschwunden.

In der gleichen Folge kritisiert die republikanische First Lady die Geringschätzung ihrer Position. Sie spekuliert, sobald eine Frau zum ersten Mal Präsidentin wird, würde die Position des ‚First Partners‘ zu einer bezahlten Position werden.

„When a woman is President, they’ll suddenly make First Lady an official paid position … The minute a man has to do it, it’ll become a REAL job.“

Und schließlich deklariert Olivia Pope in einem Gespräch mit der anderen Kandidatin für den Senatssitz im Bundesstaat Virginia, der Republikanerin Susan Ross, Professor of Political Science, alleinerziehende Mutter einer Tochter:

„… as a feminist i absolutely understand if you wanna refuse to make adjustments to your image.“

OP hat sich entschlossen, die Kampagne der Gegenkandidatin ohne Bezahlung zu übernehmen. Damit will sie verhindern, dass der gewalttätige Ex-Ehemann ihrer Mitarbeiterin Abby Whelan Senator wird. Schließlich entscheidet sie sich dafür, den Wahl-Werbespot mit der 10-Jähringen Tochter von Professor Susan Ross zu drehen. Die 10-Jährige Casey Ross stellt darin die Stärken ihrer Mutter heraus. Sie hält, im Schlafanzug gekleidet, in ihrem Kinderzimmer stehend, die Promotionsurkunde ihrer Mutter in die Kamera hoch:

„This is my mom’s doctorate degree. That means she’s smart. I want smart people running my country.“

Der Werbespot endet mit der Stimme der Mutter (Prof. Ross) aus dem Off, die Casey daran erinnert, dass es Zeit ist, ins Bett zu gehen.

Rhimes zeigt starke Frauen umgeben von starken Frauen. Sie zeigt Solidarisierungen und Unterstützungsnetzwerke von starken Frauen. Sie zeigt diese Thematisierungen, Kritiken und Aktionsformen, quer durch alle politischen Lager. Sie vereint die Themen unabhängig von Parteilinien und politischen Überzeugungen. Sie macht die Themen relevant für eine sehr große Gruppe von Frauen.

Beide Serien greifen feministische Gesellschaftsanalysen auf. Es geht um ‚Rape Culture’. Prof. Annalise Keating kritisiert den in Gerichtsverfahren üblichen Mechanismus des ‚Slut-Shaming’ als eine ihrer Klientinnen als promiske Frau verunglimpft wird, der ebenfalls beteiligte weiße, männliche Student hingegen nicht. Es wird ein Sex-Tape der 16-Jährigen Tochter des republikanischen Präsidenten gedreht. Ihre Mutter (die First Lady) hält daraufhin ein Gespräch mit ihr über diese unfaire Situation. Sie bedauert, dass es ihrer Tochter nicht um eine genussreiche Erschließung ihrer eigenen sexuellen Lust ging. Sie schärft ihrer Tochter ein, die Beine zusammen zu halten, als strategische Handlung, nicht weil sie ihr lustvolle Erfahrungen nicht gönnt. Sie bewertet eine Zuwiderhandlung als eine folgenreiche Entscheidung, die sie ihrer Tochter ersparen wolle. Überhaupt wird die sexual agency der Hauptfiguren regelmäßig in Szene gesetzt. Alternde Frauenkörper, die sexuelle Handlungen und Interaktionen aktionsmächtig initiieren, gehören zur Normalität beider TV-Formate. Die sexuelle Lust von starken Frauen und ihre Realisierung gehören zu den Grundelementen beider Serien.

Black Feminism Goes Viral!

Die Zeitschrift EBONY Magazine, die bekannteste US-amerikanische Schwarze Zeitschrift, thematisiert in der Märzausgabe (2014) unter der Überschrift „Black Feminism Goes Viral“ einen neuen Trend der öffentlichen Bekanntmachung feministischer Motive und Positionierungen durch prominente Schwarze Frauen. Diese Artikulationen bahnen den Weg und eröffnen ein Podium für wichtige Gespräche über die Art und Weise, wie Gender sich auf Verteilungsgerechtigkeit, Zugangschancen und freie Entfaltung auswirkt. Diese Gespräche finden vor allem sehr öffentlich auf Social-Media-Plattformen statt. Social Media gehöre demnach fest zum Bestandteil einer Black Feminist Toolbox, resümiert der Artikel.

Digitale Vergemeinschaftungsräume als neue Bindungsstruktur

Die beiden Shondaland-Serien sind nicht ganz unumstritten – auch im Kontext von Black Feminist Power. Beide Hauptfiguren leben in recht implizit gehaltenen, nicht-monogamen Liebeskonstellationen. Darin besteht wohl eine der Hauptkritiken, dass zu diesen Konstellationen jeweils mindestens ein weißer Mann gehört. Tatsächlich sind beide Erzählstrukturen voller Brüche, Umbrüche und überraschenden Wendungen. Die Hauptfiguren handeln gradlinig und ungradlinig zugleich. Konstant ist nur die Resolutheit ihres strategischen Vorgehens. Shondalands Heldinnen scheinen also eine nicht ganz unbeträchtliche Lust an ‚Bad Feminisms’ zu haben. Eine feministische Lebenshaltung, in der nicht strikt nach einer Doktrin gelebt wird. Eine Haltung, die ganz offen mit eigenen Ambivalenzen umgeht, die messy ist. Trotz dieser Kritik scheinen sich die Diasporan Black Feminists/Scholars/Activists/Performers, die sich in der digitalen Arena regelmäßig zu den beiden TV-Formaten äußern, einig zu sein, dass beide Hauptfiguren resiliente und handlungsstarke ambitionierte Frauen gut repräsentieren.

Beide Formate regen Debatten über feministische Thematisierungen erfolgreich an. Es gibt Live-Tweets während der Sendungen. Diese gelten gewissermaßen als Instant-Feedback. Shonda Rhimes (@shondarhimes) und verschiedene Darsteller_innen greifen Tweets auf und re-tweeten sie. Offenbar werden Theorien der Zuschauenden, Kosenamen für die zentralen Figuren, Bezeichnungen, Sprechweisen von den Drehbuchautor_innen übernommen und in die Erzählstruktur eingearbeitet. Es entsteht dadurch eine Art interaktive Plot-Weiterentwicklung. Das erinnert an Schwarzen kommunikativen Traditionen von ‚Call and Response‘. Es gleicht einer kontinuierlichen gegenseitigen Einflussnahme. Als bekannt wurde, dass Michelle Obama jetzt auch ein Fan von Scandal geworden ist (sie gibt das während eines Radio Interviews vom 30.01.14 mit Ryan Seacrest an) explodieren ‚Black Twitter’ und die digitale Diaspora mit Kommentierungen und Liebesbekundungen. Social Media ermöglicht eine zeitnahe verhältnismäßig großflächige Teilnahme an diskursive Verhandlungen über gelungene Symbolisierungen oder Fragen zu dem Gehalt der Serienhandlungen. Die aktuellste Ausgabe des Online Journals Feminist Africa 18 (e-spaces : e-politics) betont die zunehmende zentrale Bedeutung der digitalen Diaspora als Verhandlungsraum für Selbstbilder, Aktionsformen und Kollektivitätserfahrungen Schwarzer Frauen.

Chimamanda Adichie, Lupita Nyong’o, Warsan Shire und ‚Flawlessness’ als Soundtrack der New Black Feminist Power

In dem Lied „***Flawless“ sampelt Beyoncé Knowles 2013 in ihrem fünften Album, einem Excerpt aus dem TEDx talk „We Should All Be Feminists“, eine Rede der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie. Diese Geste der Anerkennung hat zu einer breiteren Bekanntmachung Adichies Arbeiten beigetragen. Beyoncés Geste wird als die Geste einer starken Schwarzen Frau verstanden, die ihre Bühne mit einer anderen starken Schwarze Frau teilt, und sich und ihr Gegenüber damit gleichzeitig stärkt. ‚Flawless’ gilt in der Umgangssprache als ‚einwandfrei’. ‚Flawlessness’ symbolisiert ein neues Selbstbewusstsein, das Selbstverständnis ambitionierter, zielbewusster (bold), entscheidungs-, handlungs- und gefühlsstarker Frauen. Frauen wie Lupita Nyong’o die neue ästhetische Maßstäbe anregen und dies öffentlich artikulieren. Frauen wie Warsan Shire (@warsan_shire) die feministisch inspirierte Lyrik per Twitter verbreiten und damit öffentlich artikulieren. ‚Flawlessness’ bezeichnet eine neue Form des Zusammenhalts, die Würdigung anderer starken Frauen.