Autor: Marie-Luise Angerer

How Matter Comes To Matter

1996 erscheint eine Rezension von zwei Büchern unter dem Titel Mattering1)Pheng Cheah, „Mattering“, diacritics 26.1, pp. 108-139. von Pheng Cheah: Judith Butlers Bodies that Matter (1993) und Volatile Bodies (1994) von Elizabeth Grosz. Damals, 1996, war es völlig unmöglich, Lacan und Deleuze gleichzeitig zu lesen, gleichzeitig zu zitieren, die Lager waren rigoros gespalten, und Signifikantenkette und Fluchtlinien bewegten sich auf jeweils anderen Planeten. Heute können Deleuze und Lacan durchaus in einem Aufsatz vertreten sein, um kritisch gegeneinander (oder sogar miteinander, was viel über unsere Zeit aussagt) gelesen zu werden. Doch damals zeigte die Doppelbesprechung auf etwas, wollte mit der Besprechung gerade dieser beiden Bände etwas andeuten.

Pheng Cheah vergleicht also Grosz und Butler und ihre jeweilige Rückkehr zum Körper. Beiden Autorinnen spricht er ein über weite Strecken feministisch vergleichbares Engagement zu, und er zollt Butlers Ansatz großen Respekt für den von ihr eingeschlagenen kritischen Weg: ihre Wiederaufnahme des Aristotelischen Schemas in seiner Reformulierung durch Foucault, den Begriff eines psychoanalytisch definierten Körperschemas, das in ihrer Arbeit als morphologisch Imaginäres (im Unterschied zu Lacans imaginärer Morphologie) bestimmt werden wird sowie ihre performative Übersetzung der Sprechakttheorie von Austin. Dies zusammen genommen würde eine profunde Kritik an der abendländischen Körperaussparung und idealistischen Setzung eines auf den Logos hin orientierten Subjekts bedeuten. Doch, und nun kommt die Pointe, weshalb ich schon lange meine, dass Bodies that Matter eine Zäsur markiert: auch wenn Butlers Buch eine fundamentale Kritik am abendländischen Humanismus darstelle, verbleibe sie letztlich – über die Psychoanalyse insbesondere in ihrer Lacanschen Version, die Sprechakttheorie und die Form-Materie-Unterscheidung – einem unausweichlichen Anthropozentrismus verhaftet. Nicht, dass Grosz diesen in Volatile Bodies schon längst überwunden hätte, doch kann Cheah im Durchqueren der verschiedenen Perspektiven auf Derrida, Foucault, usw. (wobei sich Grosz’ und Butlers Ansatz hier immer weiter unterscheiden werden) durchaus Momente entdecken, die das ›Posthumane‹ stärker hervortreten lassen als dies bei Butler je der Fall wäre. So würden auch bei Foucault in der Lesart von Grosz a-humane Spuren deutlich werden, weil eben nicht durch eine psychoanalytische Verbindung unkenntlich gemacht. Foucaults Kräfte der Macht wären nämlich an ein »it« (jedoch eben nicht das Es der Psychoanalyse) geknüpft, wodurch ein anthropologischer Horizont überschritten sei.

Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, in denen sich die Debatten um matter und materiality verdichtet, geradezu zugespitzt, haben. In diesen haben sich das Para-Humane und Non-Humane dem Humanen zur Seite gesellt bzw. wird diesem hoffnungslose Selbstüberschätzung signalisiert. Die Suche nach neuen, wilden Ontologien ist im vollen Gang. Doch was macht unsere Zeit eigentlich so sicher, dass jede Re-Formulierung, jeder Versuch, Identitäten, Differenzen, Dualismen anders zu denken, eine neue ontologische Inskription benötigt? Ist es nicht viel notwendiger, sich darüber zu verständigen, in welchem Rahmen wir uns welche Fragen stellen? D.h. in welchen Begriffen wir die Zeit und ihre Formationen denken (to think with…..), im Sinne einer écriture oder einer plasticité?

Judith Butler hat sich diesem Anspruch auf Re-Ontologisierung immer verweigert. Auch Haraway hat kein Interesse für diese Sehnsucht nach neuen ontologischen Setzungen bekundet, sondern stattdessen sich sehr pragmatisch der Frage nach der Materialität des Lebens gestellt. Hierbei konnte ihr die Psychoanalyse nicht weiterhelfen, weshalb sie sich von dieser solange verabschieden würde, wie sie ohne diese weiterkäme, wie sie mir einmal in Santa Cruz erklärte. Butler hat sich in den letzten Jahren vielen Themen zugewendet, um sich mit dem ›Gewicht‹ von Bedeutung und Körper/Materialitäten zu beschäftigen, um dennoch im wilden Feld der Spekulationen in einem Punkt von ihrer Sicht auf die Dinge nicht abzurücken (auch wenn es ihr wieder den Vorwurf des Anthropozentrischen einbringt) – dem Menschlichen, um dieses unmissverständlich als die Hauptaufgabe (und Zukunft der Humanities) zu deklarieren: »Falls die Geisteswissenschaften eine Zukunft als Kulturkritik haben, und die Kulturkritik zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Aufgabe hat, dann ist es zweifellos die Aufgabe, uns zum Menschlichen zurückzuführen, wo wir nicht erwarten, es zu finden: in seiner Fragilität und an den Grenzen seiner Fähigkeit, verständlich zu sein. Wir werden das Entstehen und Verschwinden des Menschlichen an den Grenzen dessen, was wir wissen können, hören können, sehen können, empfinden können, untersuchen müssen. Dies wird uns vielleicht auf affektivem Wege veranlassen, die intellektuellen Projekte der Kritik, des Infragestellens, des Verstehens der Schwierigkeiten und Erfordernisse kultureller Übersetzung und Nichtübereinstimmung mit neuer Kraft beleben und ein Gefühl für die Öffentlichkeit zu schaffen, in dem oppositionelle Stimmen nicht gefürchtet sind.«2)Judith Butler, „Gefährdetes Leben“, in: dies., Gefährdetes Leben, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, S. 154-178, hier: S. 178. Deutlich und aktuell treffen diese Zeilen den Kern der Sache, die Frage nämlich, wo das Gewicht der Bedeutung dasjenige ihrer materialen Dimension durchkreuzt, um an den Grenzen dessen, das, was wahrnehmungsfähig im Sinne eines Empfindens ist, zur sinn-lichen Gewissheit werden zu lassen.

Fußnoten   [ + ]

1. Pheng Cheah, „Mattering“, diacritics 26.1, pp. 108-139.
2. Judith Butler, „Gefährdetes Leben“, in: dies., Gefährdetes Leben, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, S. 154-178, hier: S. 178.