Autor: Nadia Shehadeh

Dad Bods: Warum das Zelebrieren eines Männlichkeitsrituals keine Anti-Bodyshaming-Kampagne ist

Das Internet ist ziemlich gut darin, aus einem alten Hut einfach mal ganz neuen heißen Shice zu machen – einfach, indem es altem Käse einfach mal einen neuen Namen gibt und daraus einen Hype generiert.

Der letzte alte Hut, der in den letzten Tagen ein Internet-Makeover bekam, war der Bauchansatz des Mannes, nämlich, als die Studentin Mackenzie Pearson auf ihrem Blog eine männliche Körperphysiologie feierte, die sie irgendwo zwischen gelegentlichem Sport und öfter mal Pizza verortete.

Die ‚Durchschnittsmännerwampe’ hieß nun also kurzerhand Dad Bod, bekam kurze Zeit später noch einen Hashtag (#dadbod) und schon war ein neuer Supra-Viral-Trend geboren. Das heißt, in den sozialen Netzwerken hielten (vornehmlich junge) Männer ihre Plauzen, Wampen, Bierbauchansätze in die Kamera und feierten ihre Körperlichkeit – sie machten also das, was viele von ihnen vorher auch schon im Internet gemacht hatten, nur hatten sie jetzt im Gegensatz zu früher einen vereinenden Hashtag in petto. Und zwischendurch wurden auch schon Fleischvergleiche bemüht: Der Dad Bod, so hieß es beispielsweise im typisch hetero-sexistischen Jargon, sei das „Filet mignon“ der Männerschnitzel.

Anti-Bodyshaming-Revolution? Mitnichten.

Und das alles hätte ein vermeintlich netter kleiner Internetwitz bleiben können – wären nicht auf einmal unzählige Fanfaren darüber gesungen worden, die das Zelebrieren des Dad Bods für Body-Empowerment-Aktion, Revolution oder – der Einfachheit halber – direkt als knallharten Kampf gegen den Kapitalismus und die Disziplinierungstechniken des Abendlandes feierten.

Was über all dem Tamtam jedoch vergessen wurde: Der Dad Bod ist weder neu, noch außerordentlich subversiv, noch revolutionär. Dazu bedarf es noch nicht mal empirischer Beweise – der Dad Bod ist seit Jahren und Jahrzehnten in Sitcoms, Hollywood-Komödien, in Freibädern, in der Nähe von Bollerwagen am deutschen Vatertag und auf Social Network-Profilbildern zuhause. Er bekleidet prominente Exemplare wie Seth Rogen und Jack Black, ist mittlerweile treuer Begleiter von Leonardo di Caprio und veredelte zu seinen besseren Zeiten auch den mittlerweile ziemlich abgespeckten Jonah Hill.

Dennoch fanden viele den „Anti-Sixpack-Trend“ anscheinend irgendwie sympathisch, ich fand ihn direkt verdächtig. Vielleicht lebte ich auch in einem Paralleluniversum, seit Jahren und Jahrzehnten umgeben von Männern, zu deren normalen Verhaltensrepertoire das Kultivieren einer Wampe gehörte, auf die auch schon mal liebevoll geklopft wurde, gerne auch in größerer Runde, gerne auch bei halbblankem Oberkörper? In denen der Dad Bod nichts weiter war als ein Durchschnittskörpermaß, das irgendwie jeder hatte, ein abled body, der im Blickfeld der normierenden Gesellschaft immer noch als absolut durchschnittskonform gilt? Hatte ich (wie so oft) die falschen Filme, die falschen Serien geguckt?

Der Jackass-Dad Bod als uraltes Denkmal der Popkultur-Wampe

Ich tauschte mich mit einer Freundin aus. Die fand den Dad Bod-Trend zunächst irgendwie vielversprechend und irgendwie auch ein bisschen positiv. Ich hielt einen Vortrag darüber, dass ich mich an Jahre alte Jackass-Folgen erinnerte, in denen Johnny Knoxville und seine Gang ihre Dad Bod-Oberkörper entblößten, um irgendeinen Quatsch zu machen (zum Beispiel: Sich Dartpfeile auf die Po-Backen werfen), und dass es da weder um die Rebellion gegen die Perfektionierung von (männlichen) Körpern noch um irgendwas anderes Subversives ging. Und dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass eine *Frau an derartigen Cismännlichkeitsspielen und -ritualen teilhaben könnte und als genauso cool gehandelt würde wie andere Pizza essende, Bier trinkende, rülpsende Dad Bod-Dudes.

Dass der vermeintliche Männermakel eigentlich immer schon zur hegemonialen Männlichkeit gehörte, zeigt nicht zuletzt die Pop-Kultur, die Dad Bods immer und immer wieder Denkmäler setzte: Homer Simpson, Doug Heffernan („King of Queens“), Roseannes Sitcom-Ehemann Dan – die Liste der Dad Bod-Ikonen ist lang. Nicht nur deswegen ist das Zelebrieren des Dad Bods weniger mit Revolte sondern vielmehr mit Privilegien verbunden. Dafür spricht nicht zuletzt auch die enorme Reichweite und Aufmerksamkeit, die der Hashtag generierte. Zumindest erinnere ich mich nicht, dass eine Aktion aus der emanzipatorischen Body-Empowerment-Bewegung ähnlich tosenden Applaus und vergleichbares (internationales) Medieninteresse generiert hätte.

Nice Guy meets Dad Bod

Nun aber zum wirklich bitteren Beigeschmack der (Hetero-)Party rund um den Dad Bod, und den formuliert Pearson in ihrem Text selbst: „We love people saying ‚they look cute together.’ But we still like being the center of attention. We want to look skinny and the bigger the guy, the smaller we feel and the better we look next to you in a picture.“

Oder, wie es ein von mir sehr geschätzter Mensch vor Jahren zusammenfasste: „Die Leute leiden am ‚King of Queens’-Syndrom. Hetero-Männer denken, dass sie allein deswegen eine Frau wie Carrie verdienen, weil sie ‚nett’ sind. Weil da die ganze Zeit so ein Durchschnittstyp wie Doug durch’s Bild hampelt.“ Es geht also mal wieder nicht darum, wie wir über Männer urteilen (haha), sondern, was das Ganze über unser Frauenbild aussagt. Und insofern ist der Hype um den Dad Bod nicht mehr als eine abgeschmackte Party auf stereotype Körperbilder in Hetero-Paarbeziehungen, in denen der gemütliche Pizza kauende Durchschnittsmann (oder auch: Mr. Nice Guy) seinen Körper nicht nur akzeptieren, sondern seit Jahren und Jahrzehnten richtig ordentlich zelebrieren darf. Und dazu braucht er keine Hilfe – auch nicht von einem Supra-Hashtag.