Author: ulla-wischermann

Ute Gerhard – Mitbegründerin der feministischen studien. Ein Glückwunsch zum 80. Geburtstag.

Als die erste Nummer der Zeitschrift feministische studien 1982, also vor fast 37 Jahren erschien, gehörte die Journalistin, Juristin und Soziologin Ute Gerhard zum Kreis der fünfzehn Herausgeberinnen. „In den Brüchen der Zeit“ hieß das Heft, es wollte „das Gewebe weiblicher Zeiterfahrungen in ihren Knotenpunkten, Ebenen und Schwachstellen sichtbar machen.“ (fs 1, 1982, 6) Mehrere Artikel gingen auf die komplizierten Verflechtungen von Erwerbs- und Hausarbeit ein und thematisierten die Widersprüche der kapitalistischen Verwertung von Frauenarbeit, die einer Verbindung beider Lebensbereiche entgegenstanden. Ute Gerhard trug dazu inhaltlich bei, indem sie sich mit dem Thema Frauenerwerbslosigkeit auseinandersetzte; ihr Artikel zeigte Daten und Trends auf, schildete aber auch vielfältige Erfahrungen der Betroffenen, besonders ihre unterschiedlichen Verarbeitungsformen (fs 1, 1982, 127-136).

„Arbeit“ war zu dieser Zeit bereits eines der Hauptthemen von Ute Gerhard, die 1977 an der Universität Bremen mit ihrer Dissertation „Verhältnisse und Verhinderungen. Frauenarbeit, Familie und Rechte der Frauen im 19. Jahrhundert“(1978) promoviert wurde. Den Frauen und ihren Rechten widmete sie sich in ihrer Forschung dann kontinuierlich. Auf diesen Arbeitsschwerpunkt bezog sich auch ihre Habilitation: „Gleichheit ohne Angleichung – Frauen im Recht“(1990). Wie ein roter Faden zieht sich zudem die Theorie und Geschichte der Frauenbewegungen, historisch und aktuell, durch das Werk Ute Gerhards. Ihr Buch „Unerhört – Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung“(1990) wurde ein ‚Klassiker‘ und sehr breit rezipiert.

1987 nahm sie den Ruf auf den sogenannten ersten universitären „Frauenlehrstuhl“ in Deutschland am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt an, und 1997 gründete sie an der gleichen Universität das „Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse“,  ein interdisziplinäres Institut, das bis heute in Lehre und Forschung außerordentlich produktiv und international vernetzt ist.

Fast zehn Jahre lang war Ute Gerhard Mitherausgeberin der feministischen studien und in der Redaktion aktiv. Mit ihren Heftideen gab sie wichtige Anstöße, etwa als sie 1984, gemeinsam mit der Filmwissenschaftlerin Heide Schlüpmann, das Heft über „Die Radikalen in der alten Frauenbewegung“ (fs 1,1984) herausgab und damit den Blick der Frauen- und Geschlechterforschung  auf ein bis dato weitgehend unbekanntes Feld der Bewegungsgeschichte lenkte, also ‚Pionierarbeit‘ leistete. Biographien wichtiger Akteurinnen des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung wurden hierfür recherchiert, etwa zu der Sexualreformerin und Pazifistin Helene Stöcker, der ungarischen Friedenskämpferin Rosika Schwimmer, zu Hedwig Dohm, die mit spitzer Feder gegen Misogynie und männliche Überheblichkeit im Kaiserreich anschrieb und last but not least zu Minna Cauer, einer Netzwerkerin des ‚linken Flügels‘, wie die Radikalen auch genannt wurden. Ute Gerhard beschrieb die Rechtskämpfe der Radikalen, ich selbst habe einen Artikel über die Presse der radikalen Frauenbewegung zu dem Heft beigetragen. Die Schwesterlichkeit mit dem Thema Feminismus und Antisemitismus in der Frauenbewegung auf den Prüfstand zu stellen, war ein weiteres Anliegen des Heftes. Schon zwei Jahre später folgte ein von Ute Gerhard, Heide Schlüpmann und mir verantwortetes Heft zur „Politik der Autonomie“(fs 2,1986). Damit wendeten sich die Zeitschrift und ihre Herausgeberinnen der neuen Frauenbewegung zu und befassten sich mit aktuellen Frauenpolitiken im Spannungsfeld von Autonomie und Institutionalisierung.

In diesem Heft wurde das vorläufige Ende der Zeitschrift feministische studien bekannt gegeben. Der Beltz-Verlag hatte den studien gekündigt, weil sie nicht wirtschaftlich genug waren. Und die bis zu diesem Zeitpunkt tätige Redaktion gab nach ihren eigenen Worten „dem Außen- und Innendruck nach und supendier(t)en die Herausgabe der Zeitschrift“ (fs 2,1986, 7). Es gab aber einige Herausgeberinnen, nach meiner Erinnerung Ute Gerhard, Regine Othmer und Mechthild Rumpf, die weitermachen wollten. Sie sicherten, um eine Redewendung von Ute Gerhard zu benutzen „das Überleben in der Flaute“, suchten neue Mitstreiterinnen (Juliane Jacobi, Claudia Opitz, Anna Maria Stuby und Ulla Wischermann), und ab 1988 erschien die Zeitschrift im Deutschen Studien Verlag mit einem neuen Heft unter dem Titel „Radikalität und Differenz“ (fs 1,1988). Das Extraheft „Frauen für eine neue Verfassung“ (fs extra 1991), das eine politische Intervention in den durch die Wende ausgelösten Transformationsprozess darstellte und aus einem gleichnamigen Kongress in der Frankfurter Paulskirche hervorgegangen war, wurde von Ute Gerhard betreut und mitverantwortet. 1991 hörte sie zwar als Mitherausgeberin und Redakteurin auf, blieb aber als Autorin weiterhin tätig. Auch weitere Schwerpunkthefte gab sie mit heraus, beispielsweise das Heft „Neuer Feminismus“(fs 2, 2008), das nach dem gemeinsam von den feministischen studienund dem Cornelia Goethe Centrum (CGC) in Frankfurt konzipierten und durchgeführten Kongress „Brauchen wir einen neuen Feminismus?“ entstand. Bis heute ist Ute Gerhard im wissenschaftlichen Beirat der feministischen studien aktiv.

Dass Ute Gerhard sich bis heute als bedeutende Stimme in der Frauen- und Geschlechterforschung zu Wort meldet, zeigt sie mit ihrem jüngst erschienen Buch „Für eine andere Gerechtigkeit: Dimensionen feministischer Rechtskritik“(2018). Und dass ihr mit Interesse zugehört wird, zeigte sich anlässlich einer gut besuchten vom Frankfurter Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudieninitiierten Veranstaltung zu ihrem 80.sten Geburtstag: Unter dem Titel „Author meets critics“ gab sie hier als Autorin einen Überblick über Themen und Zielsetzungen ihres neuen Buches und stellte sich anschließend den Kommentaren von Fachkolleginnen. Die Juristin Ute Sacksofsky (Frankfurt a.M.), die Historikerin Anne-Laure Briatte (Paris) sowie die Sozialwissenschaftlerin Marianne Schmidbaur (Frankfurt a.M.) diskutierten verschiedene inhaltliche Schwerpunkte des Buches zu Gleichheit und Geschlechtergerechtigkeit, historische Dimensionen feministischer Rechtskämpfe und Care als einen der zentralen Knotenpunkte der Herausforderungen feministischer Theorie und Praxis an moderne Gesellschaften. Die Politologin Uta Ruppert (Frankfurt a.M.) leitete diese Diskussion als Moderatorin und betonte Ute Gerhards Anliegen, „feministische Kämpfe, in denen es sowohl um Horizonte wie auch um Praxen von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit geht, in historischer tiefenscharfer Perspektive an den konkreten Bedingungen und Erfordernissen der Gegenwart zu vermessen“. Darum ist es Ute Gerhard in der Tat immer gegangen – und auch mit 80 Jahren verfolgt sie dies Anliegen mit intellektueller Neugier und Engagement. Für ihre langjährigen feministischen Impulse sei ihr von der Zeitschrift feministische studien gedankt und zum Geburtstag am 9. Februar 2019 herzlich gratuliert!

 

feministische studien – Ein Schlaglicht und ein Glückwunsch

Die 1982 entstandene Zeitschrift feministische studien erscheint bald im 35. Jahr. Mehrmaligen Verlagswechseln und kontrovers geführten Debatten um den Namen zum Trotz blieb dieser. feministische studien heißt die Zeitschrift bis heute. Der thematische Bogen der Hefte war und ist weit gespannt: Geschlechterverhältnisse in einzelnen Ländern wurden analysiert, Care und Sorgeverhältnisse, Frauenbewegungen und Neuer Feminismus, Queerness, Recht und Politik, Sozialpolitik, Universitäten in gesellschaftlichen Transformationsprozessen untersucht und die Kategorie Geschlecht dekonstruiert sowie die Relevanz von doing gender-Ansätzen und Intersektionalität diskutiert. Mit der Frage an zahlreiche feministische Wissenschaftlerinnen „Was ist und wozu heute noch feministische Theorie?“ (1_2013) entstand ein Heft, das sich angesichts neoliberaler Instrumentalisierung des Feminismus an eine vielseitige Bilanzierung wagte und die gegenwärtigen alten und neuen Herausforderungen benannte.

Hier wurde deutlich: Frauen- und Geschlechterforschung wurde und wird als Wissenschaftskritik sowie als Gesellschaftskritik verstanden. Sie ist von politischer Relevanz, zielt auf Gesellschaftsveränderung und entwickelt feministische Forderungen und Visionen. Feministische Theorie nimmt gesellschaftliche Machtverhältnisse und Ungleichheiten als Ausgangspunkt, sie ist oppositionell und widerständig. Die stattfindende Wissensproduktion ist Teil eines politischen Prozesses, sich einzumischen, nach wie vor konstitutiv. Im Kontext dieses Prozesses ist das Dreieck Frauenbewegung(en), Feminismus und Frauen- und Geschlechterforschung sowohl von den Autorinnen dieses Heftes wie in den feministischen studien insgesamt intensiv reflektiert worden.

Inzwischen sind die feministischen studien die älteste Zeitschrift für Frauen- und Geschlechterforschung im deutschsprachigen Raum; die beiträge zur feministischen theorie und praxis, deren erstes Heft 1978 erschien, wurden 2008 eingestellt. In Europa ist nur die Feminist Review früher gegründet worden, und zwar 1979. Die wechselnden Redaktionsmitglieder der studien kamen zumeist aus Deutschland, sie arbeiteten zum Großteil an Universitäten und Fachhochschulen, und sie vertraten unterschiedliche Disziplinen. Vier Verlage boten den studien in 35 Jahren eine verlegerische Heimat: der Beltz-Verlag, der Deutsche Studien Verlag, Lucius & Lucius und seit Anfang 2016 der de Gruyter-Verlag. Die Arbeit des Redaktionskollektivs findet bis heute ehrenamtlich statt, nur eine redaktionelle Unterstützung wird seit einigen Jahren aus Spenden des Fördervereins Feministische Studien e.V. finanziert.

Die Jahrgänge mit jeweils zwei Heften dokumentieren die Themen- und Theoriekonjunkturen in der deutschsprachigen Geschlechterforschung und feministischen Theorie. Allen gemeinsam ist das Anliegen, dem im Untertitel benannten Anspruch, eine Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung zu sein, möglichst gerecht zu werden. Neben den thematisch fokussierten Schwerpunkten finden sich Forschungsüberblicke, Interviews, Kommentare und Debatten sowie Tagungsberichte und Buchbesprechungen; regelmäßig präsentieren wir in der Rubrik „Bilder und Zeichen“ die Werke von Künstlerinnen, Ausstellungen und künstlerische Auseinandersetzungen.

Die Zeitschrift feministische studien wird 35. Sie ist also im ‚besten Alter‘. Im ‚besten Alter‘ ist auch Regine Othmer, die am 19. Oktober ihren siebzigsten Geburtstag feiert. 1985 gab sie ein Heft über „Konstruktionen des Weiblichen in den Sozialwissenschaften“ (2, 1985) mit heraus, seitdem arbeitet sie bis heute in der Redaktion mit. In dieser Zeit hat die Literatur- und Sozialwissenschaftlerin neben zahlreichen Rezensionen und Berichten Aufsätze zum Beispiel über Weibliches Schreiben (1_1988), über Feminismus und Psychoanalyse (2_1989), zu Hannah Arendt und Mary McCarthy (1_2007) in den studien publiziert, aber vor allem regelmäßig Hefte mitherausgegeben. Wenn ich richtig gezählt habe, waren es im Laufe der Jahre fünfzehn (!). In meiner Erinnerung nimmt vor allem das von ihr gemeinsam mit Annemarie Tröger herausgegebene Heft „Zwischenzeiten – Frauenforschung aus der DDR“ (1_1990) einen herausragenden Platz in der langen Liste der Themenschwerpunkthefte der feministischen studien ein. Die Vorarbeiten und Kontaktaufnahmen fanden bereits 1987 statt, und die Arbeit am Heft fiel genau in die Wendezeit, die dann auch mit den Autorinnen in dem ausführlichen Gespräch „Atemschwelle – Versuche, Richtung zu gewinnen“ reflektiert wurde. Auch das Heft über „Geschlechterverhältnisse in Rußland“ (1_1999) dokumentiert das Interesse von Regine Othmer an gesellschaftlichen Transformationsprozessen in postsozialistischen Ländern.

Viele Jahrzehnte Redaktions- und Lektoratserfahrung haben dazu beigetragen, dass ihr die inhaltliche und redaktionelle Arbeit leicht und professionell von der Hand geht. Auch als sensible und kompetente Übersetzerin englischer, französischer und italienischer Beiträge ist sie seit Jahren für die studien unverzichtbar. Kritisch und anspruchsvoll, aber immer mit überzeugender Sachkenntnis hat Regine Othmer viele Autor_innen der feministischen studien betreut und zum Gelingen der Zeitschrift beigetragen. Dafür sei ihr gedankt – und zum 70sten Geburtstag herzlichst gratuliert!