Kategorie: Allgemein

Welt lesen

„Können Sie denn nicht sehen, was vor Ihnen ist?“ Diese Frage, schreibt der Philosoph Nelson Goodman in Weisen der Welterzeugung (1984), sei ihm gelegentlich in gereiztem Ton gestellt worden. Beantwortet habe er sie stets gleich: „Das kommt darauf an.“ (Goodman 1984, 114) So sei etwa die Aussage, „die Erde bewegt sich“, ebenso wahr wie die Aussage, „die Erde steht still“, schließlich sind beide Aussagen abhängig vom jeweiligen Bezugsrahmen. Was nach einer radikal relativistischen Position klingt, ist in Tat und Wahrheit nicht nur der Versuch, wie Goodman anmerkt, „jene Fundamentalisten zu irritieren, die genau wissen, daß Fakten gefunden und nicht gemacht werden, daß Fakten die eine und einzige reale Welt konstituieren und daß Wissen darin besteht, an die Tatsachen zu glauben“ (ebd., 114). Es ist vor allem ein Plädoyer dafür, sowohl die Bedingungen zu untersuchen, die die eine oder die andere Aussage ermöglichen, also tatsächlich zunächst einmal zu klären, was ist denn nun vor mir und worauf kommt es an, als auch anzuerkennen, dass Fakten gemacht sind, wir Welten erzeugen, indem wir „mittels Wörtern, Zahlen, Bildern, Klängen oder irgendwelchen anderen Symbolen in irgendeinem Medium solche Versionen erzeugen“ (ebd., 117). Wahrheit, so Goodman entschieden, müsse demzufolge anders gedacht werden denn „als Korrespondenz mit einer fertigen Welt“ (ebd., 118).

An Tatsachen glauben, die Dinge nehmen, wie sie sind, Wahrheit als Korrespondenz mit einer fertigen Welt denken – das hat Christina Thürmer-Rohr immer entschlossen zurück­gewiesen. Zu untersuchen, worauf es ankommt, Welt neu zu sehen geben, indem sie Welt neu und anders liest, indem sie wieder und wieder fragt, was genau vor ihr ist, war und ist dagegen ihr Metier. „In der Wirklichkeit ankommen“ nannte sie das im Vorwort zu ihrem vielleicht meist gelesenen und kontrovers diskutierten Buch Vagabundinnen, erschienen 1987 „zwischen sogenannter Nachrüstungsdebatte, Tschernobyl und Bundestagswahl ‘87“ (Thürmer-Rohr 1987, 7). Es ist die Bewegung aus „der Täuschung in die Ent-Täuschung“, wie sie ihren berühmten Essay zur Mittäterschaft von Frauen, erstmals publiziert 1983 in der Zeitschrift beiträge zur feministischen theorie und praxis, titelte. Ja, Christina Thürmer-Rohr ist eine Vagabundin, eine vagabundierende Welt-Leser*in, getrieben, von einer „Frage­wütigkeit“ (ebd.), die dort entsteht, wo die „ordentliche Optik“ aufgegeben wird. „Es ist trügerisch zu meinen, Frauen führten mehr oder weniger und vielleicht sogar zunehmend ein unab­hängiges Eigenleben parallel zu den patriarchalen Taten; sozusagen an einem anderen Ort“ (Thürmer-Rohr 1987, 41), schreibt sie in jenem Essay zur Mittäterschaft. Eine „differenzierte geschlecht­liche Interessenverquickung in den zivilisierten Patriarchaten“, weil Frauen* sich dem „Norm­gefüge der polaren Ergänzung und der Egalität von Frauen und Männern“ gefügt hätten, habe vielmehr deren Mittäterschaft hergestellt – eine Mittäterschaft, die im Ergebnis dazu führte, dass Frauen „Männer nicht verraten, bekämpfen oder in ihren Taten behindern“ (ebd.).

In der Wirklichkeit ankommen. Die ordentliche Optik aufgeben. Sich aus der Täuschung in die Ent-Täuschung bewegen. Der differenzierten geschlechtlichen Interessenverquickung in den zivilisierten Patriarchaten auf den Grund gehen. Das bedeutete für Christina Thürmer-Rohr nicht zuletzt, auch sich selbst nicht zu schonen, besonders die eigene, die familiäre, gerade die affektive und emotionale Verstrickung mit der patriarchalen, der rassistischen, der mörderischen Gewaltgeschichte des Nationalsozialismus nicht auszusparen. „Politische Gram­matik der Gefühle“ nennen wir heute (Bargetz 2014), was sie vor nunmehr dreißig Jahren an der eigenen Biographie herausarbeitete. Im Essay „Liebe und Lüge: ‚Meine geliebten Kinder­chen‘“ (Thürmer-Rohr 1987) unterzieht sie die Feldpostbriefe des Vaters – „überzeugter Nationalsozialist, deutscher Offizier und evangelischer Pfarrer“ (ebd., 57) – mehr als vierzig Jahre, nachdem sie geschrieben, abgeschickt, empfangen, gelesen und vorgelesen wurden, einer kritischen Re-Lek­türe. Sie verschweigt nicht, wie sie die Briefe nach dem Krieg, als der Vater längst den „Heldentod“ gestorben war, „oft und immer heimlich gelesen“ habe und dabei „die Schrift hinter Tränen verschwommen“ sei (ebd.). Akribisch und bar jeglicher Sentimentalität legt sie die „Einübung in eine soldatische Moral für Mädchen“ frei, (ebd., 59), die sie als „Kernaussage aller Briefe“ des Vaters identifiziert – und die sie auch in ihrem ersten Lesebuch, Hirts Deutsches Lesebuch für Mädchen, Oberschule Kl. 1, aus dem Jahr 1939, wiederfindet. „Es geht“ dabei „zuerst um die Produktion einer Beziehung: Frauen/Mädchen sollen ihre Gefühle, Gedanken und Interessen auf diese Männer ausrichten. Wenn sie das tun, erübrigt es sich, im einzelnen auszumalen, mit Hilfe welcher Eigenschaften sie sich auf diese Männer ‚beziehen‘, sie verehren, erträumen, begehrenswert finden sollen. Wenn der erste Schritt gelingt, folgt der zweite wie selbstverständlich nach: die emotionale Energie und Phantasie auf die Kombination Mann/Krieg, Mann/Held zu richten und dann natürlich das ganze Glück darin zu sehen, einen solchen Mann zu gewinnen, zu behalten, zu versorgen, zu ihm zu gehören, ihm zu dienen und sich ihm zu unterwerfen, denn sonst kann er nicht das bleiben, weswegen er so angebetet zu werden verdient, ein deutscher Held, im großen und im kleinen“ (ebd., 62).

Nein: Frauen und Mädchen waren nicht ausgeschlossen aus dem nationalsozialistischen Erobern, Vernichten und Morden; in einem „gnadenlos-normalen Zusammenspiel von Sorge und emotio­naler Rückmeldung der Versorgten“ (ebd., 69) wurden sie Teil der Kriegsmaschine, dazu erzo­gen, Empathie nur für die Einen, die Eigenen, zu empfinden, während das Recht der Anderen, in der Welt zuhause zu sein, radikal negiert wird. Noch in den scheinbar privatesten Formulie­rungen der Briefe des Vaters findet Thürmer-Rohr diese untrennbare Verflechtung von Liebe und Lüge: „Wir erfuhren: Deutsche Soldaten erobern ein Land, um wieder bei ihren Kindern zu sein. Statt: Deutsche Soldaten erobern ein Land aus Eroberungs- und Unterwerfungswillen, ein Verbrechen, nicht, um Kindern etwas Gutes zu tun“ (ebd., 74).

Vielleicht verdanken wir es dieser Einsicht in die „Untrennbarkeit von Liebe und Lü­ge“ (ebd., 75), die Christina Thürmer-Rohr zur Wirklichkeitssucher*in, zur Weltleser*in wer­den ließ. Zu einer Denker*in, mit anderen Worten, deren Schreiben bis heute motiviert ist vom Wunsch zu verstehen, geprägt von jener – in den Worten ihrer vielleicht wichtigsten Stich­wort- und Ideengeber*in Hannah Arendt – „nicht endenden Tätigkeit, durch die wir Wirklich­keit, in ständigem Abwandeln und Verändern, begreifen und uns mit ihr versöhnen, das heißt durch die wir versuchen, in der Welt zu Hause zu sein“ (Arendt 1994, 110). Arendt nennt dies „Amor Mundi“, Liebe zur Welt. Es ist diese Welt, jenes „zerbrechliche und riskante Gebilde von Menschenhand und Menschengeist“, die „allen gehört und alle beheimaten soll“, wie Christina Thürmer-Rohr in einem ihrer jüngsten Essays, „Kontroversen zur Kohabitation. ‚Denken von Anderswo‘“ (2015, 320), in Anlehnung an Arendts Ausführungen in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1993) schreibt, der auch Christina Thürmer-Rohrs Liebe und denkende Zuwen­dung gilt. Und gerade weil diese Welt ein so zerbrechliches und riskantes Gebilde von Menschenhand ist, für deren Fortbestand ein „Sprechen unersetzbar“ ist, ein Sprechen, „das die menschliche Fähigkeit zu einer ‚denkenden Zuwendung‘ zu dem, was außer mir ist, bean­sprucht – ein Anspruch, der nachvollziehen will, was es bedeutet, wenn Menschen aus dieser Welt herausgestoßen werden, wenn die gemeinsam bewohnte Welt auseinanderbricht und Menschen allein auf sich selbst zurückgeworfen sind“ (2015, 320) –, deshalb braucht die Welt Freund*innen wie Christina Thürmer-Rohr. Freund*innen, die der Welt eine neue Wirk­lichkeit geben, indem sie sie anders lesen – und die, wie sie im Essay zur Kohabitation schreibt, im „Versuch, aus sich selbst herauszutreten“ (ebd.), konkrete Andere im eigenen Bewusstsein versammeln und in die eigene Gegenwart holen. Uns daran erneut erinnert zu haben, dass diese Anderen fortan zwar den eigenen inneren Raum bevölkern, sie im Gedächtnis bleiben, sie uns beobachten und bedrängen, uns etwas zumuten, dass sie gleichwohl unentbehrlich sind, weil es die Welt selbst ist, die, da sie ihr „Dasein den Menschen verdankt“ (Thürmer-Rohr 2001, 157), ansonsten auf dem Spiel steht, ist einer der vielen Freundschaftsdienste, die Christina Thürmer-Rohr der Welt erwiesen hat. Dass wir uns noch lange an solcher Freundschaft erfreuen dürfen, darauf hoffen wir.

Literatur

Arendt, Hannah (1993): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München/Zürich: Piper.

Arendt, Hannah (1994): Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I. München/Zürich: Piper.

Bargetz, Brigitte (2014): Jenseits emotionaler Eindeutigkeiten. Überlegungen zu einer politischen Grammatik der Gefühle. In: Affekt und Geschlecht. Eine einführende Anthologie. Hrsg. von Angelika Baier u.a. Wien: Zaglossus, 117-136.

Goodman, Nelson (1984): Weisen der Welterzeugung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Thürmer-Rohr, Christina (1983/1987): Aus der Täuschung in die Ent-Täuschung. Zur Mittäterschaft von Frauen. In: Vagabundinnen. Feministische Essays. Berlin: Orlanda Frauenverlag, 38-56.

Thürmer-Rohr, Christina (1987): Liebe und Lüge: „Meine geliebten Kinderchen“. In: Vagabundinnen. Feministische Essays. Berlin: Orlanda Frauenverlag, 57-76.

Thürmer-Rohr, Christina (2001): Anfreundung mit der Welt – Jenseits des Brüderlichkeitsprinzips. In: Die Neubestimmung des Politischen. Denkbewegungen im Dialog mit Hannah Arendt. Hrsg. von Heike Kahlert und Claudia Lenz. Königstein i.T.: Ulrike Helmer Verlag, 136-166.

Thürmer-Rohr, Christina (2015): Kontroversen zur Kohabitation. „Denken von anderswo“. In: feministische studien 2­_2015 (33. Jg.), 308-322.

Das Leben, das wir haben

»Ich plädiere also für diese ganze verrottete Gegenwart. Sie ist unsere einzige Gelegenheit. Sie ist das Leben, das wir haben. Sie und keine andere birgt den Stoff, um unsere Kräfte zu entwickeln.« Christina Thürmer-Rohr schrieb diesen Satz Mitte der 1980er Jahre zwischen Nato-Nachrüstungsdebatte, der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl und den Bundestagswahlen 1987, die die christlich-liberale Regierungskoalition unter Führung von Helmut Kohl im Amt bestätigte. Elf lange Jahre unter Kohl sollten folgen. Heute, im Jahr 2016, klingen diese Sätze unverhofft aktuell. Denn auch heute gilt, dass diese verrottete Gegenwart unsere einzige Gelegenheit ist, unsere Kräfte zu entwickeln.

Christina Thürmer-Rohr feiert heute ihren 80. Geburtstag. Dies nimmt das Blog der feministischen studien zum Anlass, die Feministin, Sozialwissenschaftlerin und Musikerin zu würdigen. Zusammen mit dem Gunda-Werner-Institut der Heinrich Böll-Stiftung haben wir Wegbegleiter*innen, Kritiker*innen und Freund*innen eingeladen, sich mit ihrem Denken auseinander zu setzen. Einige dieser Beiträge werden in den nächsten zehn Tagen, zwischen heute und dem 26. November 2016, auf den Blogs des GWI und der feministischen studien gepostet. Den Abschluss bildet ein Gespräch zwischen Ines Kappert, Sabine Hark und Christina Thürmer-Rohr zum Begriff der Feindschaft im Politischen. Am 26. November 2016 ehren die Heinrich Böll Stiftung und die feministischen studien Christina Thürmer-Rohr mit einer feierlichen Gala in den Räumen der Stiftung und präsentieren die Buchpublikation aller Beiträge.

Wir gratulieren Christina Thürmer-Rohr und hoffen auf weitere streitbare Einmischung in die Welt und ihre Angelegenheiten.

Die Stimme der Autorin
Elfriede Jelinek zum 70. Geburtstag

Ich zähle zwar dazu, aber ich komme nicht vor. (Elfriede Jelinek)

Das künstlerische Werk der Autorin Elfriede Jelinek sorgt immer wieder für Kontroversen, Streit und Widerstand – wie im April anlässlich der Aufführung ihres Textes Die Schutzbefohlenen an der Universität Wien, im Jahr zuvor in Breslau zu beobachten war. In Wien stürmten Anhänger der „Identitären“ die Bühne, in Polen versuchte sogar die Regierung, die Aufführung von Der Tod und das Mädchen zu verbieten. Auch journalistische Beiträge über Jelinek rufen regelmäßig Berge aufgebrachter postings hervor. Jelineks feministische Spracharbeit, ihre kontinuierliche Auseinandersetzung mit Sexualität, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit, ihre Kritik am Theaterbetrieb, insbesondere aber auch ihr Engagement gegen den politischen Rechtspopulismus in Österreich seit Ende der 1990er Jahre fordern die Öffentlichkeit heraus. Ihre Texte leben vom Streit, von Widerspruch, von Rede und Gegenrede. Sie liefern seismographische Analysen der gesellschaftlichen Verhältnisse, indem sie Geschlechter- und Kapitalismuskritik verbinden und grundlegende Veränderungen wie die Globalisierung in Ökonomie und Medien reflektieren. Auf ihrer Homepage bezieht die Autorin darüber hinaus regelmäßig zu tagespolitischen Ereignissen Stellung.

Sprachlich tragen Jelineks Texte den Widersprüchen, die sie verhandeln, durch ihre experimentelle Form Rechnung. Es handelt sich um mehrstimmige Gebilde, die die Frage: ‚wer spricht?‘ umkreisen. Sie stellen die Souveränität der männlich gedachten Autorinstanz infrage und setzen sich mit der Autorität des eigenen Sprechens auseinander, das diese Autorität behauptet, verletzt und unterminiert zugleich. Zudem bezieht sie sich immer wieder explizit auf die Texte anderer Schriftstellerinnen und den Ausschluss von Frauen aus dem Kanon bzw. der Literaturgeschichte; ein Ausschluss, den noch das poststrukturalistische Theorem vom ‚Tod des Autors‘ fortschreibt. Bei Jelinek überlagern sich somit Stimmen, Redewendungen, Werbesprüche, Zitate oder bloße Sprachfetzen auf vielfache Weise. Seit Ende der 1960er Jahre hat sie ein komplexes und allein vom Umfang kaum noch überschaubares Œuvre vorgelegt, das verschiedenste Textsorten umfasst und Gattungsgrenzen überschreitet: Romane und Theatertexte gehören ebenso dazu wie Lyrik, Essays, Hörspiele, Drehbücher, Libretti und Übersetzungen. 2014 veröffentlichte Pia Janke das erste kommentierte Gesamtverzeichnis von Jelineks Werk und dessen Rezeption, das aus zwei Teilbänden und 1.155 Seiten besteht.

Für ihr literarisches Werk hat Jelinek zahlreiche, renommierte Auszeichnungen erhalten, darunter 1998 den Georg-Büchner-Preis (den bedeutendsten deutschen Literaturpreis) sowie 2004 den Nobelpreis für Literatur. Der Nobelpreis hat ihre spezifische Situation als Autorin – ausgeschlossen und beteiligt zugleich zu sein – in besonderer Weise verschärft: Die internationale Anerkennung hat nämlich hierzulande erst recht deutlich gemacht, wieviel Abwehr, ja offene Ablehnung und Feindschaft ihr umfangreiches Werk und ihre Person bis heute erfahren. Gegen diese Anfeindungen behauptet sich Jelinek inzwischen seit einem halben Jahrhundert. Dies ist für eine Autorin, bei der die Angriffe immer auch auf ihre Existenz als Frau zielen, eine bemerkenswerte Leistung des Überlebens.

Jelineks Werk war und ist nicht nur Gegenstand heftiger Kontroversen, sondern auch öffentlicher Skandalisierung. Seit der Uraufführung ihres Theatertextes Burgtheater im Jahr 1985 wird sie in Österreich als ‚Nestbeschmutzerin‘ verunglimpft. Das Stück kann als Schlüsseltext gelesen werden, der die Verstrickung und mangelnde Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Österreich kritisiert; ein Thema, das sich – neben der Kritik der Geschlechterverhältnisse und der kapitalistischen Ökonomie – wie ein roter Faden durch das Werk der Autorin zieht. Diese Themen bestimmen auch einen großen Teil der Jelinek-Forschung; weitere wichtige Gebiete der Forschung sind die Sprachkritik sowie ihre Dramen- und Theaterästhetik.

Dem inszenierten Spiel mit Realität und Fiktion in Jelineks Texten korrespondiert die vielschichtige mediale Selbstdarstellung der Autorin als Kunstfigur ‚Elfriede Jelinek‘, die ihrer dekonstruktiven Textarbeit entspricht. Neben Essays und Interviews kommentieren Jelineks wechselnde Outfits ihr Werk, das sich kritisch mit dem weiblichen Objektstatus auseinandersetzt. Die Autorin legt damit auch eine autobiographische Spur, die sie gleichzeitig immer wieder hinterfragt und unterläuft. Dies gilt nicht nur für die Darstellung ihres eigenen Werdegangs, sondern auch für die dezidierte Auseinandersetzung mit der Literatur von Frauen, die häufig auf die autobiographische Dimension reduziert wird. Mit ihrem berühmten Roman Die Klavierspielerin (1983) hat Jelinek diesen voyeuristisch gefärbten, biographischen Blick auf Autorinnen offengelegt und unterlaufen.

Aber nicht nur Realität und Fiktion, sondern auch Werk und Rezeption spiegeln, vermischen und kommentieren sich beständig. Durch die Preisgabe biographischer Details (insbesondere über ihre Beziehung zur Mutter, ihre Ausbildung, ihre Angstneurose und ihre literarische Entwicklung) in unzähligen Interviews scheint die Autorin dem Authentizitätsbegehren der Öffentlichkeit nachzugeben. Doch nicht nur die fast klischeehaft wiederkehrenden Selbstaussagen Jelineks über Biographisches und Persönliches, sondern auch die Auftritte von Autorinnenfiguren in Theatertexten wie Ein Sportstück (1998), Das Werk (2002) und Winterreise (2011), die sich an der vermeintlich authentischen Jelinek der Porträts und Interviews orientieren, werfen die Frage nach einer autobiographischen Lesart einerseits und der Position weiblicher Autorschaft andererseits auf. Schon Jelineks erste Theatertexte wie Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte (1979) und Clara S. musikalische Tragödie (1982) befassen sich dezidiert mit der Figur der Künstlerin.

Die Selbstinszenierungsstrategien der Autorin hat die Forschung bisher vor allem jenseits des literarischen Textes bzw. in traditionell als authentisch eingestuften Textsorten wie Autoreninterviews untersucht. Als gemeinsamer Konsens gilt: Jelineks mediale Auftritte suchen die Grenze zwischen biografischer Realität und Fiktion bzw. Leben und Werk bewusst zu destabilisieren. Sie dienen der Darstellung einer Kunstfigur und sind als solche zu untersuchen. Eine Auseinandersetzung mit der Inszenierung der Autorin im literarischen Text steht dagegen noch weitgehend aus.

Der erste Theatertext Jelineks, in dem eine Autorinnen-Figur auftritt, ist Ein Sportstück. Mit ihr setzt der Text ein, und das gleich in dreifacher Gestalt, nämlich als „Die Frau“, „Die Autorin“ und „Elfi Elektra“. Diese Konfiguration markiert eine deutliche Veränderung in Jelineks Konzeption von Autorschaft und ihrer Dramen- und Theaterästhetik. Während sie bis dahin mit der Autorinstanz vor allem in der Regieanweisung, dem sog. Nebentext, ihr Spiel getrieben hatte, lässt sie hier die Autorinstanz und die Autorinnen-Figuren in Haupt- und Nebentext agieren. Dadurch wird die intertextuelle Poetik mehrstimmigen Sprechens zum poetologischen Modell auktorialer Selbstreflexion im Drama. Zu dieser Selbstreflexion gehört auch der Wechsel zwischen Sprech- und Beobachterposition, der nicht nur der Bühnensituation Rechnung trägt, sondern auch die dialogische Figurenrede in die Dialogizität des Sprechens der Autorinstanz verschiebt. So ist bereits der Nebentext, mit dem Ein Sportstück einsetzt durch den Wechsel von dritter Person („die Autorin“, „sie“) und erster Person („ich“) geprägt.

Nicht nur die Verweise auf den eigenen Namen, auch die Bezugnahme auf Anfeindungen und Vorurteile gegen ihre Person und ihr Aussehen referieren in Ein Sportstück auf die mögliche Identität von Figur und realer Autorin. Sie werden durch die vielstimmige Rede aufgenommen, in den binnenfiktionalen Beschimpfungen der „Frau Autor“ aber auch gebrochen. Wenn Elfi Elektra sich als „eine geübte alte Wadenbeißerin“ bezeichnet, deren „Zähne […] den Leuten nicht [gefallen]“ oder das Machen von Vorwürfen zu ihrem „Markenzeichen“ erklärt, so demonstriert sie damit nicht nur einen ironischen Umgang mit sich selbst, sondern reflektiert auch das öffentliche Bild der Autorin Elfriede Jelinek (alle Zitate aus Ein Sportstück, Reinbek 1998).

Dem intertextuellen Schreibverfahren liegt eine profunde Skepsis gegenüber der Vorstellung eines eigenen, authentischen Sprechens zugrunde. Die Figuren artikulieren nicht mehr intentionale Sprechakte, sondern produzieren eine Mehrstimmigkeit, in der sich, wie Juliane Vogel anmerkt, „die Stimme der Autorin ebenso verliert wie die Fiktion souveräner und präsentischer Autorschaft“ (Vogel 2013, 50). Die Vorstellung eines souveränen Autors, der über die Sprache zu verfügen vermag, wird durch das Prinzip der Selbstauflösung im Geflecht der Intertextualität unterlaufen.

Der Wettkampf, den Ein Sportstück austrägt, ist daher allererst der Kampf zwischen der überlieferten Form von Drama und Theater sowie verschiedenen Konzepten von Autorschaft. Die Auseinandersetzung mit dem Theater führt zur Infragestellung männlicher Autorschaft, die als „Hochleistungssport“ erscheint. Ein Sportstück setzt dafür programmatisch auf eine ambivalente, ironische Autorschaftsinstanz, deren Sprechen – wie Jelinek nicht zuletzt in ihrer Nobelpreisrede „Im Abseits“ vorgeführt hat – stets an- und abwesend zugleich ist. Die Stimme der Autorin bleibt dadurch – wie viele ihrer Texte verdeutlichen – in einem performativen Selbstwiderspruch gefangen und „sagt nichts“: sie versagt vielsagend.

feministische studien – Ein Schlaglicht und ein Glückwunsch

Die 1982 entstandene Zeitschrift feministische studien erscheint bald im 35. Jahr. Mehrmaligen Verlagswechseln und kontrovers geführten Debatten um den Namen zum Trotz blieb dieser. feministische studien heißt die Zeitschrift bis heute. Der thematische Bogen der Hefte war und ist weit gespannt: Geschlechterverhältnisse in einzelnen Ländern wurden analysiert, Care und Sorgeverhältnisse, Frauenbewegungen und Neuer Feminismus, Queerness, Recht und Politik, Sozialpolitik, Universitäten in gesellschaftlichen Transformationsprozessen untersucht und die Kategorie Geschlecht dekonstruiert sowie die Relevanz von doing gender-Ansätzen und Intersektionalität diskutiert. Mit der Frage an zahlreiche feministische Wissenschaftlerinnen „Was ist und wozu heute noch feministische Theorie?“ (1_2013) entstand ein Heft, das sich angesichts neoliberaler Instrumentalisierung des Feminismus an eine vielseitige Bilanzierung wagte und die gegenwärtigen alten und neuen Herausforderungen benannte.

Hier wurde deutlich: Frauen- und Geschlechterforschung wurde und wird als Wissenschaftskritik sowie als Gesellschaftskritik verstanden. Sie ist von politischer Relevanz, zielt auf Gesellschaftsveränderung und entwickelt feministische Forderungen und Visionen. Feministische Theorie nimmt gesellschaftliche Machtverhältnisse und Ungleichheiten als Ausgangspunkt, sie ist oppositionell und widerständig. Die stattfindende Wissensproduktion ist Teil eines politischen Prozesses, sich einzumischen, nach wie vor konstitutiv. Im Kontext dieses Prozesses ist das Dreieck Frauenbewegung(en), Feminismus und Frauen- und Geschlechterforschung sowohl von den Autorinnen dieses Heftes wie in den feministischen studien insgesamt intensiv reflektiert worden.

Inzwischen sind die feministischen studien die älteste Zeitschrift für Frauen- und Geschlechterforschung im deutschsprachigen Raum; die beiträge zur feministischen theorie und praxis, deren erstes Heft 1978 erschien, wurden 2008 eingestellt. In Europa ist nur die Feminist Review früher gegründet worden, und zwar 1979. Die wechselnden Redaktionsmitglieder der studien kamen zumeist aus Deutschland, sie arbeiteten zum Großteil an Universitäten und Fachhochschulen, und sie vertraten unterschiedliche Disziplinen. Vier Verlage boten den studien in 35 Jahren eine verlegerische Heimat: der Beltz-Verlag, der Deutsche Studien Verlag, Lucius & Lucius und seit Anfang 2016 der de Gruyter-Verlag. Die Arbeit des Redaktionskollektivs findet bis heute ehrenamtlich statt, nur eine redaktionelle Unterstützung wird seit einigen Jahren aus Spenden des Fördervereins Feministische Studien e.V. finanziert.

Die Jahrgänge mit jeweils zwei Heften dokumentieren die Themen- und Theoriekonjunkturen in der deutschsprachigen Geschlechterforschung und feministischen Theorie. Allen gemeinsam ist das Anliegen, dem im Untertitel benannten Anspruch, eine Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung zu sein, möglichst gerecht zu werden. Neben den thematisch fokussierten Schwerpunkten finden sich Forschungsüberblicke, Interviews, Kommentare und Debatten sowie Tagungsberichte und Buchbesprechungen; regelmäßig präsentieren wir in der Rubrik „Bilder und Zeichen“ die Werke von Künstlerinnen, Ausstellungen und künstlerische Auseinandersetzungen.

Die Zeitschrift feministische studien wird 35. Sie ist also im ‚besten Alter‘. Im ‚besten Alter‘ ist auch Regine Othmer, die am 19. Oktober ihren siebzigsten Geburtstag feiert. 1985 gab sie ein Heft über „Konstruktionen des Weiblichen in den Sozialwissenschaften“ (2, 1985) mit heraus, seitdem arbeitet sie bis heute in der Redaktion mit. In dieser Zeit hat die Literatur- und Sozialwissenschaftlerin neben zahlreichen Rezensionen und Berichten Aufsätze zum Beispiel über Weibliches Schreiben (1_1988), über Feminismus und Psychoanalyse (2_1989), zu Hannah Arendt und Mary McCarthy (1_2007) in den studien publiziert, aber vor allem regelmäßig Hefte mitherausgegeben. Wenn ich richtig gezählt habe, waren es im Laufe der Jahre fünfzehn (!). In meiner Erinnerung nimmt vor allem das von ihr gemeinsam mit Annemarie Tröger herausgegebene Heft „Zwischenzeiten – Frauenforschung aus der DDR“ (1_1990) einen herausragenden Platz in der langen Liste der Themenschwerpunkthefte der feministischen studien ein. Die Vorarbeiten und Kontaktaufnahmen fanden bereits 1987 statt, und die Arbeit am Heft fiel genau in die Wendezeit, die dann auch mit den Autorinnen in dem ausführlichen Gespräch „Atemschwelle – Versuche, Richtung zu gewinnen“ reflektiert wurde. Auch das Heft über „Geschlechterverhältnisse in Rußland“ (1_1999) dokumentiert das Interesse von Regine Othmer an gesellschaftlichen Transformationsprozessen in postsozialistischen Ländern.

Viele Jahrzehnte Redaktions- und Lektoratserfahrung haben dazu beigetragen, dass ihr die inhaltliche und redaktionelle Arbeit leicht und professionell von der Hand geht. Auch als sensible und kompetente Übersetzerin englischer, französischer und italienischer Beiträge ist sie seit Jahren für die studien unverzichtbar. Kritisch und anspruchsvoll, aber immer mit überzeugender Sachkenntnis hat Regine Othmer viele Autor_innen der feministischen studien betreut und zum Gelingen der Zeitschrift beigetragen. Dafür sei ihr gedankt – und zum 70sten Geburtstag herzlichst gratuliert!

Think we must; we must think

Die Arbeiten der Biologin und feministischen Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway sind bis heute prominent mit der Figur der Cyborg assoziiert, der Hauptprotagonistin ihres berühmten „Manifest für Cyborgs“ (1985). Haraway votierte hier dafür, die Naturwissenschaften sowie technologische Entwicklungen in ihren Ambivalenzen, das heißt Gefahren und Chancen, ernst zu nehmen und zum elementaren Bestandteil feministischer Theoriebildung und Forschung zu machen. Bis heute ist die Rezeption von Haraways Arbeiten vor allem im deutschsprachigen Raum durch diese Orientierung dominiert, auch aufgrund des wieder erstarkenden Interesses an Cyber- bzw. Xenofeminismus.

Mit ihrem Begriff des kybernetischen Organismus – kurz Cyborg – reagierte Haraway in ihrem „ersten Manifest“ auf die Beobachtung, dass die Grenzen zwischen Mensch und Maschine ebenso wie Mensch und Tier porös werden. In ihrer feministischen Aneignung steht die Cyborg dann für eine bestimmte Form von Hybridität, in der sich Entitäten in der Welt vorfinden: für eine grundlegende Relationalität. Haraway hat in ihrer Theoriebildung immer die historische Bedingtheit ihrer Figuren, die Kraft der Revision von Begriffen und die Notwendigkeit des Neuschreibens von Geschichte(n) betont. Bereits seit Beginn der 2000er Jahre fragt sie vor diesem Hintergrund, ob die Figur der Cyborg gegenwärtigen Entwicklungen überhaupt noch gerecht wird. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass es für die angemessene Beschreibung und Analyse der Gegenwart einer anderen, breiteren Kategorie bedarf: der Companion Species.

In diesen Tagen erscheinen nun gleich zwei Titel, die diese bedeutsame Akzentverschiebung in Haraways Denken dokumentieren: Ihre bei Duke University Press erscheinende neue Monographie Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene und ihr „zweites Manifest“, das „Companion Species Manifesto“, welches bereits 2003 bei Prickly Paradigm Press erschien und für diesen Herbst nun auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Das Manifest für Gefährten: Wenn Spezies sich begegnen“ angekündigt ist. Auch mit dem Begriff der Companion Species umschreibt Haraway eine konstitutive Relationalität, ein gemeinsames Werden, das für sie die Welt ausmacht. Der so verstandenen Welt gilt es zu begegnen: und zwar in konkreten Situationen.

Haraway hat die breitere, queere Kategorie der Companion Species, unter die auch Cyborgs als „kleine Geschwister“ fallen, besonders in einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Menschen und Hunden entwickelt. Wichtig ist es zu betonen, dass es bei der grundlegenden Relationalität, die der Begriff beschreibt, nicht um Beziehungen der Wahl oder besonders harmonische Relationen geht, sondern um eine faktische, ja ontologische Verwobenheit. ‚Wir‘ sind immer schon in dichten Geweben an das Andere, an die menschliche und nicht-menschliche Welt, ihren historischen Ballast und die in ihr wirksamen Herrschaftsverhältnisse gebunden: wir beteiligen uns an diesen, es gibt keinen Garten Eden.

Wenngleich Haraways Gesamtwerk wie ein Fadenspiel – eine Metapher, die sie selbst gerne verwendet – funktioniert, da es immer wieder und diachron die unterschiedlichsten Phänomene und Begriffe miteinander in Verbindung bringt, lässt sich das „Companion Species Manifesto“ als Beginn einer dritten Werkphase lesen: Nach einer eher wissenschaftshistorischen Periode, in der die Beiträge rund um ihre eindrucksvolle Arbeit zur Primatologie im 20. Jahrhundert Primate Visions (1989) zu verorten sind, und einer eher herrschaftskritisch orientierten Phase, die Haraways Texte zur feministischen Technowissenschaft umfasst und sich um die Monographie Modest_Witness@Second_Millenium. FemaleMan©_ Meets_Onco MouseTM (1997) gruppieren lässt, wendet sie sich in dieser dritten Phase der Formulierung eines Begriffs der Verantwortung zu, den sie im Anschluss an Emmanuel Lévinas und Jacques Derrida als Fähigkeit des Antwortens auf das Andere (response-ability) entwickelt: Es rücken nun vermehrt Fragen der Ethik in den Fokus.

Bislang wurden diese späten Arbeiten besonders im deutschen Sprachraum noch wenig beachtet. Karin Harrasser kommentierte einmal: „die Cyborg als Politik- und Erkenntnismodell“ sei ihr „näher, als der Hund, auf den Haraway inzwischen gekommen ist“ (2006: 457). Haraways Reisen nach „Dog-Land“ befremden vielleicht zunächst; ich bin jedoch versucht, diesen Befremdungseffekt als Teil der Haraway’schen Erzählstrategie zu lesen, mit der sie nach wie vor anregende, irritierende, politisierende theoretische Angebote ins Spiel bringt. „Dog-Writing“ als feministische Theorie? Ja, sagt Haraway. Es geht ihr darum, in ganz konkreten Situationen dem Anderen zu begegnen: Zurückzuschauen, zu antworten. Durch das konkrete Einlassen auf Anderes kann sich dann eine „signifikante Andersheit“ ergeben, können „Kontaktzonen“ aufgebaut werden – ein Konstruktionsprozess, der viel damit zu tun hat, Andersheit auszuhalten und ihr ernsthaft zu begegnen.

Gelingen solche Begegnungen, ereignen sich Momente, die Haraway mit dem Begriff des Offenen umschreibt. Im Offenen zu sein, ist für sie etwas Spekulatives und Experimentelles, ein „play“, in dem Neues entstehen kann, im Gegensatz zu einem „game“, das seine Regeln immer schon kennt: „People have to learn how to pay attention and to communicate meaningfully, or they are shut out of the new worlds that play proposes. […] Their contact zones degenerate into impoverishing border wars“ (Haraway 2008: 232). Solche Grenzkriege und degenerierte Kontaktzonen finden sich in Europa derzeit wohl zu Genüge. Haraways ethische Überlegungen fordern, sich ihnen zuzuwenden und die eigene Verwobenheit mit diesen anzuerkennen. Die konstitutiven Relationen zwischen konkreten Entitäten, die mit Kolonialismus, Herrschafts- und Machtverhältnissen durchtränkt sind, gilt es sichtbar zu machen und es gilt, sich mit den mithin befremdenden Effekten dieser Sichtbarmachung einer radikal geteilten Welt auseinanderzusetzen: „Think we must; we must think!“

„Think we must; we must think!“ ist einer der Wahlsprüche in Haraways neuer Monographie Staying with the Trouble, mit dem sie auch auf die für ihr Spätwerk wichtigen Arbeiten der Wissenschaftsphilosophinnen Vinciane Despret und Isabelle Stengers verweist. 13 Jahre nach dem „zweiten Manifest“ und acht Jahre nach Publikation der umfangreicheren Monographie mit Companion Species in der Hauptrolle – When Species Meet (2008) – legt Haraway hiermit einen weiteren Beitrag zu dem vor, was ich als dritte, ethische Werkphase eingeführt habe. Der Band dokumentiert Haraways unermüdliches Engagement für ein Neu- und Umschreiben von Geschichten, das für sie an Praktiken des Sichtbarmachens von Verwobenheiten in der Welt gebunden ist. Denken spielt in diesem Zusammenhang eine so wichtige Rolle, weil das Nicht-Denken-Können für Haraway im Anschluss an Hannah Arendts Analyse der von Adolf Eichmann verkörperten Banalität des Bösen ein ethisches Versagen ist, das insbesondere darin liegt, alles, was Nicht-Selbst ist, zu vergessen. Aber gerade die Welt und das Nicht-Präsente, das, was ‚uns‘ übersteigt, sind entscheidend für ethische Erwägungen.

Hier schließt auch Haraways Kritik an dem in den letzten Jahren in Mode gekommenen Begriff des Anthropozäns an. Das Anthropozän umschreibt jenes Erdzeitalter, in dem der Mensch als wichtigste geologische Kraft wirksam geworden sei: Eine solche Begriffsbildung steht Haraway zufolge für eine anthropozentrische Gedankenlosigkeit, die immer nur einen Modus kennt, nämlich den Menschen ins Zentrum allen Werdens und Denkens zu stellen. Das neue Buch enthält eine Umschrift des Anthropozäns in das „Chthuluzän“, in dem vom Werden unterschiedlichster Entitäten ausgegangen wird. Abgeleitet vom Griechischen khthonios (χθόνιος), was so viel bedeutet, wie ‚darunter liegend‘, ‚unterirdisch‘, ‚dem Erdboden angehörig‘, ‚einheimisch‘ verweist der Begriff wiederum auf eine tiefgreifende Relationalität, die wir teilen und gemeinsam Bewohnen, zugleich weist der Begriff darauf hin, dass es sich dabei auch um eine matschige Angelegenheit handelt, die jede Phantasie von Reinheit, Abgeschlossenheit und Selbstidentität konterkariert.

Wie schon in ihrem Frühwerk, ist es für Haraway zentral, die Welt in ihrer gewitzten Materialität ernst zu nehmen. So schließt sie auch in ihrem neuen Buch an die Hunde-Ethnographien an und analysiert im Sinne einer Perspektive des Multispecies-Becoming unter anderem Tauben. Immer wieder geht es um das Aufspannen von Netzen, um „tentacular thinking“, um Fadenspiele, um Sympoiesis statt Autopoiesis. Im „Chthuluzän“ gilt es ein gemeinsames Werden abzubilden und innerhalb der komplexen Relationen antworten zu lernen. Und es geht auch um die aktive (Anders-)Gestaltung von Verwobenheiten: In „Make Kin, not Babies!“ findet Haraway einen zweiten Wahlspruch. Ein Ziel besteht darin, enge, heterogene Bindungen herzustellen, die quer liegen zu Vorstellungen biologischer Verwandtschaft.

Für das Einüben einer antwortenden Haltung in der so verstandenen Welt geben die beiden nun erscheinenden Publikationen, die den Anfang und den vorläufigen Endpunkt von Haraways Formulierung einer ethischen Position innerhalb ihres Gesamtwerkes markieren, eine Reihe von Anregungen. Es bleibt abzuwarten, ob nun auch im deutschsprachigen Raum eine stärkere Rezeption einsetzt. Mir scheint, in einer Welt wie dieser, in der das Andere so ostentativ ausgeschlossen und abgetrennt wird, Nähe auf Distanz gebracht wird, ist ein Analyseinstrument, das die konstitutive Verwobenheit von ‚uns‘ und ‚den Anderen’ hervorhebt und dabei dieses Andere nicht einverleibt und gleich macht, unabdingbar. Die konstitutiven Beziehungen der Welt als Werden heterogener Companion Species zu denken, die ‚uns‘ ausmachen, sie anzuerkennen, auf sie zu antworten und schrittweise zu verändern suchen, ist das Projekt: Think we must; we must think!


Literatur:

Haraway, Donna (1985): „Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften“, in: dies., Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt am Main und New York: Campus Verlag 1995, S. 33-72.

Haraway, Donna (1989): Primate Visions. Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science, London und New York: Routledge.

Haraway, Donna (1997): Modest_Witness@Second_Millenium. FemaleMan©_ Meets_Onco MouseTM. Feminism and Technoscience, London und New York: Routledge.

Haraway, Donna (2003): The Companion Species Manifesto. Dogs, People, and Significant Otherness, Chicago: Prickly Paradigm Press

Haraway, Donna (2008): When Species Meet, Minneapolis und London: University of Minnesota Press.

Harrasser, Karin (2006): „Donna Haraway: Natur-Kulturen und die Faktizität der Figuration“, in: Stephan Moebius und Dirk Quadflieg (Hg.), Kultur. Theorien der Gegenwart, Wiesbaden: VS Verlag, S. 445-459.

Die Neuerscheinungen:

Donna Haraway, Das Manifest für Gefährten. Wenn Spezies sich begegnen, Berlin: Merve, Herbst 2016.

Donna Haraway, Staying with the Trouble. Make Kin in the Chthulucene, Durham und London: Duke University Press, 2016.

Hillary Clinton and Feminine Weakness

Hillary Clinton stumbled on Sunday, having difficulty getting into a van after a commemorative event for the 9/11 attacks. The timing was horrible for the campaign. Republican pundits and politicians have been commenting on Clinton’s health since she had a coughing fit about a week ago during another event. Such attacks on a candidate’s health as proof of their fitness for office are not rare, as Gail Collins pointed out in an op-ed in The New York Times last Friday. President Obama, for instance, questioned John McCain’s health when they ran against each other in 2008, causing McCain to release detailed medical records. Clinton’s campaign has already released fairly detailed medical records, in contrast to Donald Trump. But – as a recent article in the Washington Post argues – those fringe conspiracy theorists who used to speculate that Clinton’s health concerns make her unqualified to hold office have now moved to the center.

Clinton was diagnosed with bacterial pneumonia, a condition easily treated with antibiotics. She was prescribed rest and will return to the campaign trail by the middle of this week. But Clinton’s health has become a new distraction in what was already a highly distracted election cycle. Commentators have had a field day promoting anxiety-riddled coverage about Clinton’s health and electability, which includes the Twitter hashtag #ClintonCollapse. It is alarming, although not surprising, to watch the first female candidate’s fitness for office be essentially reduced to her body; to whether or not she faints or coughs.

Debates about what constitutes sexism have been a constant companion on the 2016 presidential campaign trail. Some of these conversations, especially about Clinton being “unqualified” to be President or about her “shrill” speaking voice, are not new. The website Media Matters for America has compiled a list of these gendered insults against Clinton during the 2008 campaign, when Clinton ran against Obama during the Democratic primary. Many of these conversations revolve around qualifications – the topic reserved for “respectable” sexism. This type of sexism sees incompetence where there is none, using impossible standards as a form of gatekeeping to exclude women and minorities.

Donald Trump’s sexist comments, which are hardly “respectable,” seem like examples from an introductory gender studies textbook which illustrates sexism through hyperbole. His utterances take their power from bodily revulsion: Trump’s comments about menstrual blood seem lifted from the pages of Klaus Theweleit’s Male Fantasies. Lest we think this disgust is part of the fringe: I grew up in the 1980s in Kentucky listening to adolescent jokes about why a woman could never be president. The punchline was always that a woman would be mentally unstable because of her uncontrollable, leaking body: “She’d get menstrual cramps and start a nuclear war with North Korea.”

In the context of these debates about Clinton’s “weak” body, Alexandra Petri, a humor columnist at the Washington Post, wrote this lovingly ridiculous column called “How is Hillary Clinton Still Alive?” It begins by listing all of the diseases conspiracy theorists claim Clinton has, including lupus, Parkinson’s and HIV. Imagining Clinton beset by illness, Petri argues that she must be the eighth wonder of the word: “Every time she puts together a coherent sentence, it is a minor miracle. It requires a team of armor-clad specialists to prop her upright at all times.” Petri takes these debates to their logical, sexist conclusion: the only way Clinton can be seen as fit for office is through a literal witch hunt: “We must test her correctly. She must be placed upon a ducking stool, then weighed against a sack of Bibles, and then we must hear Giles Corey’s testimony against her. […] Does her body bear the Devil’s Teat? Does she mutter to herself? Did Abigail see her dance in the glen with the Lord Beelzebub, then fly off into the night with a loud cry?” (“Abigail” is a reference to the woman whose accusations instigated the Salem Witch Trials in Massachusetts in 1692.)

The purported weaknesses of the female body and the disgust with which men have historically reacted to women’s bodies are not dusty male fantasies relegated to histories of feminist theory – they are front and center on the US campaign trail. The concerns about Clinton’s health extend discourses of feminine weakness which posit that women will buckle under strain; that women’s bodies are weaker than men’s. Hillary Clinton is not a hysterical woman with a wandering uterus, although fainting in the heat offers the seduction of many a gendered Victorian trope. She is a former Senator, Secretary of State, and candidate for president who surely keeps a schedule most of us could not match, as The Huffington Post argued in this collection of tweets. (For those concerned about Clinton’s age, it’s worth noting that she is younger than Donald Trump.)

Eerily, Trump sounded remarkably generous and at ease while commenting on Clinton’s health in widely-disseminated audio clip from Fox News this week, wishing her a speedy recovery. I found this ease suspect: atypical for Trump, his statement reeked of pity.

And pity, as the saying goes, is reserved for the weak.

NOTE: The views expressed here are those of the author alone, and do not represent or reflect the views of any institution.

45 Jahre kleine Strafrechtsreform in Österreich: „Normalisierung“ von Homosexualität und aktuelle Debatten

 

Am 17. August 1971 fiel in Österreich das gesetzliche Totalverbot von gleichgeschlechtlichen Handlungen. Kriminalisiert waren sowohl Handlungen zwischen Frauen als auch zwischen Männern, wobei Sexualität zwischen Frauen weniger ernst genommen wurde, weshalb die Verfolgung vor allem Männer betroffen hatte. Das Verbot wurde im Zuge der so genannten „Kleinen Strafrechtsreform“ unter der damaligen sozialdemokratischen Minderheitsregierung – federführend war Justizminister Christian Broda – abgeschafft. Gleichzeitig wurden aber vier neue Strafbestände eingeführt, die unterschiedliche Aspekte gleichgeschlechtlicher Handlungen kriminalisierten. Es sollte über 30 Jahre dauern, bis der letzte davon im Jahr 2002 durch ein Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs aufgehoben wurde.

Anlässlich des halbrunden Jubiläums der Kleinen Strafrechtsreform fand diesen Juni an der Universität Wien eine Tagung statt, die sich mit den „Kontinuitäten und Brüchen im Umgang mit Homosexualität(en)“, so der Untertitel, auseinandersetzte. Organisiert wurde diese von einem interdisziplinären Team bestehend aus Jurist_innen und Historiker_innen. Auch die Tagungsbeiträge, die teilweise über den österreichischen Horizont hinausgingen und auch Entwicklungen und Diskurse etwa in Deutschland, dem ehemaligen Jugoslawien oder Ungarn in den Blick nahmen, bewegten sich an der Schnittstelle von Geschichts- und Rechtswissenschaft – ergänzt um soziologische oder anthropologische Perspektiven.

Trotz der rechtlichen Entwicklungen der letzten 45 Jahre, die durchaus als Fortschritt gesehen werden können, hatte sich die Aktualität des Themas gerade an der Uni Wien wenige Tage zuvor wieder einmal offenbart: Zwei Frauen, die sich auf den Stufen des Hauptgebäudes geküsst hatten, waren von einer Security-Mitarbeiterin aufgefordert worden, dies zu unterlassen – mit der Begründung, dass dies nicht sexy aussehe (!) und die Portiere so etwas nicht sehen wollten. Der Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät Paul Oberhammer bezeichnete die Tagung in seiner Eröffnungsrede als „Antithese“ zu diesem homophoben Vorfall.

Elisabeth Holzleithner, Professorin für Rechtsphilosophie und Legal Gender Studies, thematisierte in ihrer Keynote die Frage der Normalisierung von homosexuellen Beziehungen – also deren zunehmendes Rücken in den Bereich des gesellschaftlich als normal Anerkannten – in Österreich. Nach dem schrittweisen Abbau von rechtlichen Diskriminierungen gibt es für gleichgeschlechtliche Paare seit 2010 die Möglichkeit, sich zu „verpartnern“. Die Eingetragene Partnerschaft ist jedoch der Ehe nicht gleichgestellt, und das war auch nie die Intention. Holzleithner bezeichnete das zugehörige Gesetz (EPG) als „institutionalisierte Niedertracht“, da die Legist_innen, die das Gesetz verfassten, den Auftrag bekommen hatten, so viele Differenzierungen zur Ehe wie möglich hineinzuschreiben – so wird zum Beispiel aus dem Familiennamen im Zeitpunkt der Verpartnerung ein Nachname – symbolisch können gleichgeschlechtliche Paare (und deren Kinder) also keine Familie sein.

Trotz des Bestehens der konservativen ÖVP auf diese Unterschiede ist die schrittweise staatliche Anerkennung homosexueller Beziehungen ein Faktum, das als Teil eines gesellschaftlichen Normalisierungsprozesses angesehen werden kann. Diesen Prozess sieht Holzleithner ambivalent: Zum einen bedeute Normalisierung, „ein Leben halbwegs in Sicherheit führen zu können.“ Gleichzeitig warnt sie vor ihrer Schattenseite, der „bösen Form von Normalisierung“. Dabei handelt es sich um eine Affirmation von Normalität durch die ehemals Ausgeschlossenen, um ein „Es-sich-einrichten“ in der neu gewonnenen Normalität, das mit der Gefahr einhergeht, die Verworfenheit anderer Menschen(gruppen) zu vergessen. Diesen Aspekt von Normalisierung gelte es für Aktivist_innen immer im Auge zu behalten.

Die folgenden Vorträge spannten inhaltlich einen Bogen, der von der Aufarbeitung der Geschichte der Strafrechtsreform über die Beschäftigung mit zivilgesellschaftlichen Akteur_innen und Organisationen, den historischen und gegenwärtigen Umgang mit Trans-Personen bis zu Fragen zu Erinnerungspolitik und Einzelbiographien reichte. Den Organisator_innen ist es damit gelungen, eine gleichzeitig sehr fokussierte wie vielfältige Tagung auf die Beine zu stellen, die auch tiefgehende Diskussionen zwischen den vertretenen Disziplinen ermöglichte.

Ein Highlight der Tagung bildete eine Führung durch das Wiener Landesgericht für Strafsachen – jenen Ort, an dem ziemlich genau 45 Jahre zuvor (nicht einmal ein Monat vor der Abschaffung des Totalverbots homosexueller Handlungen) die letzte Verurteilung aufgrund „gleichgeschlechtlicher Unzucht“ erfolgt war.

In der abschließenden Podiumsdiskussion im großen Schwurgerichtssaal des Landesgerichts kamen Aktivist_innen und Wissenschaftler_innen zu Wort, die aus ihren persönlichen und beruflichen Perspektiven Aspekte beleuchteten, die in den Vorträgen angerissen worden waren. So erläuterte Marty Huber, die u.a. im Projekt Queer Base mit LGBTIQ Geflüchteten arbeitet, die Situation von geflüchteten LGBTIQ Personen im österreichischen Asylsystem und kritisierte die Schnellverfahren an den Grenzen oder die Einstufung von Ländern wie Marokko, Tunesien, Ägypten oder der Türkei als sichere Drittstaaten. Die Forscherin und Filmemacherin Katharina Miko berichtete von den Protagonist_innen ihres Films „Warme Gefühle“ (2012), die alle noch die Zeit des Totalverbots erlebt haben. Gefragt, wie diese die Entwicklungen der letzten Jahre sehen, erzählte die Regisseurin, dass sie vor allem Wehmut empfanden, nicht die Möglichkeit gehabt zu haben, ihre eigenen Beziehungen offener leben zu können.

Die Tagungsbeiträge machten deutlich: (Un-)Recht wirkt sich ganz direkt auf konkrete Menschen und deren Möglichkeit, ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu leben, aus. Der Blick auf diese Auswirkungen muss im Zentrum aktivistischer, rechtsgestalterischer und wissenschaftlicher, oder kurz: politischer Praxis stehen.

„Einfach nur privatistisch Intimitäten ausplaudern, kann nicht zielführend sein.“

Wir gratulieren Carolin Emcke zum Erhalt des diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels! Die Schriftstellerin und Journalistin ist eine engagierte Stimme im feministischen und queeren Sinne. Ihre Arbeiten thematisieren immer wieder die unhintergehbare Verwundbarkeit und Entmenschlichung, zu der wir ebenso fähig sind, wie die Gesprächs- und Anerkennungspotenziale, die wir als Menschen auch haben. 
Im Heft 1/2014 zum Thema „Intimitäten“ haben Anna-Katharina Meßmer und Paula-Irene Villa ein langes Interview mit Carolin Emcke geführt. Darin äußert sich Carolin Emcke dazu, wie das Erzählen auch als politische Strategie des ‚Sich-Verletzbar-Machens‘ verstanden werden kann und wie schwierig – und notwendig – es ist, Intimität als politische Situation zu verstehen. 
Wir danken der Autorin für die Genehmigung, das Interview online zu stellen und wünschen eine anregende Lektüre.

Anna-Katharina Meßmer und Paula-Irene Villa im Gespräch mit Carolin Emcke

Carolin Emcke ist Publizistin und Autorin. Sie studierte Philosophie an der London School of Economics, in Frankfurt am Main und Harvard und promovierte über den Begriff „kollektiver Identitäten“. Seit 1998 berichtet Emcke weltweit aus Kriegsgebieten – in ihrem aktuellen Buch „Weil es sagbar ist“ (2013) geht sie der Frage nach, wie sich von Krieg und Gewalt erzählen lässt. Insbesondere ihre Bücher „Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF“ (2008) und „Wie wir begehren“ (2012) sind sehr persönliche Bücher, die einen bisweilen intimen Einblick in Denken und Empfinden der Autorin gewähren. Bewusst – wie Emcke im Interview erklärt. Anna-Katharina Meßmer und Paula-Irene Villa haben sie im Oktober 2013 per Email-Interview zu Strategien der Intimität und zur Bedeutung von Zeugenschaft befragt.

AKM / PIV: Bei Ihren Büchern fällt auf, dass Sie als Erzählerin stets einen radikal persönlichen Blick auf die Dinge werfen. Sie nähern sich dabei politischen Verhältnissen über die Darstellung eigener Erfahrungen, Erlebnisse und Gefühle. Inwiefern nutzen Sie die Schilderung von Intimität und, eng damit verbunden, auch das Herstellen von Intimität als Strategie?

CE: Ich würde zunächst einmal mit anderen Begrifflichkeiten arbeiten. Ich nähere mich politischen Verhältnissen mit einem philosophischen Blick, der durch ganz unterschiedliche Traditionen geschult und geformt ist. Der Zugriff auf politische Phänomene ist philosophisch, das, was mich umtreibt, sind normative Fragen. Als Publizistin besteht meine Aufgabe, so denke ich, in dreierlei: Kritik, Aufklärung und Zeugenschaft. Aber die Sprache der Kritik, die Form der Aufklärung, das Genre der Zeugenschaft können auch subjektiv sein. Das Einsetzen einer subjektiven Erzähl- oder Reflektionsform bedeutet dabei keineswegs eine Abkehr von der politischen oder philosophischen Ambition. Augustinus, Descartes, Rousseau, alles Autoren, denen niemand den radikal philosophischen Zugriff absprechen wollte, haben den Einsatz des „Ich“, die Meditation mit und durch das individuelle Subjekt, gewagt (übrigens keineswegs Autoren, die mir ansonsten nahelägen).

Das nur vorweg, um diesen vermeintlichen Gegensatz von subjektiv-intim vs. politisch-philosophisch aufzulösen.

Wenn Sie nun nach der Strategie fragen, dann ist das natürlich entscheidend. Einfach nur „ich“ sagen, einfach nur privatistisch Intimitäten ausplaudern, kann nicht zielführend sein. Die subjektive Form, das Reflektieren auf eigene Erfahrungen oder Wahrnehmungen braucht, meiner Ansicht nach, immer einen Grund, warum sie in einem bestimmten argumentativen, diskursiven Kontext eingesetzt wird.

Bei dem Buch Von den Kriegen war die subjektive Form natürlich, denn dieses Buch war nie als Buch geplant, sondern entstand tatsächlich aus Briefen an Freunde, denen ich eben als subjektive, vertraute Person gegenübertrat. Aber das Bedürfnis, Briefe zu schreiben, das Bedürfnis, die Erfahrung von Krieg und Gewalt noch einmal anders zu reflektieren, hatte auch mit dem Zwangskorsett des naiven Anspruchs an (Pseudo-) Objektivität zu tun, in dem sich der Nachrichten-Journalismus der klassischen Medien (mindestens damals noch) befand/befindet. Die Subjektivität des Textes war ein Gegen-Entwurf zu der behaupteten Neutralität und behaupteten Distanziertheit im Journalismus, der suggeriert, in Kriegsgebieten als distanzierter Beobachter – ohne jedwede kulturelle Vorprägungen, ohne religiöse oder ästhetische Reflexe, ohne eigene politische oder emotionale Intuitionen – andere Menschen oder Konflikte beobachten und beurteilen zu können.

Das halte ich im günstigsten Fall für eine naiv-unreflektierte Illusion, im schlimmsten Fall für eine selbstgefällig-eitle Lüge einer Zunft, die meint, damit ihre Autorität und Glaubwürdigkeit schützen zu können.

Sich selbst als subjektive Beobachterin zu beschreiben, entspringt insofern keineswegs einer de-politisierenden Haltung. Sich selbst als subjektive Beobachterin zu beschreiben, als jemand, die sich irren kann, der bestimmte Grausamkeiten unwahrscheinlich erscheinen, schlicht, weil die eigene Psyche sich nicht vorstellen will, dass sie geschehen, als jemand, die bedroht oder bedrängt wird, ist stattdessen eine Form des Sich-Verletzbar-Machens, des Sich-Angreifbar-Machens, um sichtbar zu machen, wer das ist, die so oder so urteilt und schreibt.

Bei meinem Buch Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF entsprang die Wahl der subjektiven Form einer ganz anderen Überlegung. Der öffentliche Diskurs über die RAF operierte und operiert bis heute mit einer Zuschreibung der Kollektivität: hier, die dämonischen Täter der RAF, dort die Opfer und Angehörigen der Opfer. Bzw. hier die dämonischen Mächtigen und Repräsentanten, dort die politisch rechtschaffenen Widerständler. Es werden nicht nur Eigenschaften zugeschrieben, sondern auch politische Überzeugungen, die so nicht stimmen oder nicht gestimmt haben.

Ich wehre mich gegen die machtvolle Konstruktion von Kollektiven, von Zuschreibungen kollektiver Identität, gegen die Negation von Individualität, weil ich darin den Ursprung von Ausgrenzung oder Gewalt antizipiere. Mit dem Unsichtbarmachen von Individualität und Vielfalt, mit der Repression von Differenzen, mit dem Erfinden von Normen und Codes, die manche ein- und andere ausschließen, beginnen jene Mechanismen von Exklusion, die aus manchen Menschen weniger wertvolle, weniger schutzwürdige Menschen machen.

In der Auseinandersetzung mit der RAF haben sich beide Seiten, die RAF wie der sie verfolgende Staat, dieses de-individualisierenden Blicks schuldig gemacht. Die RAF, indem sie sich als kollektives Subjekt verstand, aber auch, indem sie sich das Recht zuschrieb, individuelle Menschen hinrichten zu dürfen, weil sie sie nicht mehr als Individuen, sondern nur noch als Repräsentanten des militärisch-industriellen Komplexes verstand. Die Bundesanwaltschaft, indem sie darauf verzichtete, einzelne Schuldnachweise auch tatsächlich einzelnen Personen zuzuweisen.

Hier diente die subjektive Form einem Versuch, das paradoxe Bündnis der früheren Gegner, die jeweils an diesem Kollektiv-Zwang festhielten, zu unterwandern. In einem solchen diskursiven Kontext bedeutete die Subjektivität, das Persönliche auch eine Absage an diese mimetische Beziehung, in der sich RAF und staatliche Behörden eingerichtet haben. Aus dem Zirkel des Schweigens und der Gewalt konnte, so schien mir, nur ausbrechen, wer „ich“ sagt.

Ein wunderbares Beispiel für diese Strategie ist Ulrike Edschmids Roman Das Verschwinden des Philip S. – wirklich der erste Text zur RAF, der mich tief beeindruckt hat, weil sich in dieser Form, in dieser persönlich-politischen Form des Nachdenkens über die eigene Geschichte endlich einmal Erklärungen finden, wie jemand sich der Gewalt nähert, aber vor allem, wie jemand es schafft, sich davon wieder zu entfernen. Ein grandioses Buch, das das Preisgeben oder Erzählen des Privaten-Intimen als aufklärerische und politische Strategie verfolgt.

In Wie wir begehren diente die subjektive Form dem Sicht- und Hörbarmachen einer Lebensform, eines Begehrens, und, ja, einer sexuellen Subjektivität, die lange unterdrückt wurde und die auch heute noch beschwiegen wird. Weibliche Homosexualität, lesbisches Begehren wurde historisch ja nicht einfach nur unterdrückt, es wurde oftmals gar nicht als eigenes Begehren registriert.

Auch, und das ist ein weiterer Punkt, befremdet mich die Art und Weise, in der über Homosexualität, über Sexualität überhaupt in der Öffentlichkeit gesprochen und geschrieben wird. Und da kommt tatsächlich Intimität noch einmal anders ins Spiel. Ich wollte mir in einem öffentlichen Diskurs, in dem meine Sexualität, mein Begehren in einer bestimmten Weise verhandelt wird (gleichsam als ein allgemeines Gut, als ein Marker meiner Identität, als das entscheidende Merkmal meiner Person, als Definition meiner Zugehörigkeit zu einer kollektiven Identität, aber Symptom oder Ursprung meiner vorgeblichen Andersartigkeit) in diesem Diskurs, in diesen eingeübten Formen des Sprechens über Homosexualität wollte ich versuchen, eine eigene Sprache zu finden, eine, die tatsächlich so genau, so präzise, so zart, so leise ist, dass ich darin mein Begehren ausdrücken kann.

Damit wollte ich nicht Sexualität als Politikum bestreiten, damit sollte Sexualität und Begehren als Konfliktfeld sichtbar bleiben, anhand dessen und in dem sich Techniken und Mechanismen der Macht und Exklusion manifestieren – aber es sollte eben auch eine andere Art der Erzählung angeboten werden, eine andere Art des Nachdenkens über das Entdecken des eigenen Begehrens, eine andere Sprache für die Sprache des Begehrens.

AKM / PIV: Wie funktioniert aber Intimität als öffentliche Strategie? Kritischer gefragt: Läuft die Intimisierung (als konsequente Individualisierung) einer Perspektive nicht z.B. Gefahr, sich gegenüber der Diskussion, d.h. Kritik oder schlicht anderen Erfahrungen zu immunisieren?

CE: Das ist ein wichtiger Einwand. Denn darin besteht, in der Tat, eine Gefahr. Deswegen würde ich auch niemals in Intimisierung oder subjektiver Erzählform per se eine vernünftige politisch-philosophische Strategie sehen. Wenn sie misslingt, ist sie nur egozentrisch und peinlich. Wenn sie überdreht, ist sie nur privatistisch und verschleiert die strukturellen Bedingungen von Ungerechtigkeit und Exklusion. Sie muss deswegen entweder in systematische oder politische Argumentationen eingebettet oder so ästhetisch klug sein, dass sie ihre Wirkung entfaltet.

Um es an einem Thema zu illustrieren, das für mein eigenes Schreiben und Denken zentral ist: Wenn es um die Kritik von Gewalt und Entmachtung oder Unterdrückung des Individuums geht, kann ich ganz unterschiedliche Texte nennen, die mich gleichermaßen beeinflusst und die mir tiefe Erkenntnis in die Phänomenologie und Mechanik von Gewalt und Entrechtung vermittelt haben: Jean-Paul Sartres Betrachtungen zur Judenfrage, Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Tsvetan Todorovs Die Eroberung Amerikas. Oder die Entdeckung des Anderen, Michel Foucaults Überwachen und Strafen, Wendy Browns States of Injury aber eben auch Christa Wolfs Medea, Aleksandar Tismas Die Schule der Gottlosigkeit, Peter Nadas’ Parallelgeschichten und natürlich auch Paul Celans Sprachgitter und Ingeborg Bachmanns Die gestundete Zeit.

Das sind theoretische oder literarische Annäherungen an die Frage der Gewalt und der Negation des Individuums, es sind Texte, die subjektiv und poetisch daherkommen oder wissenschaftlich – und gleichwohl bieten sie alle, aus unterschiedlichen Perspektiven, Ansichten und Thesen an, gegen die sich nicht einfach immunisieren lässt und mit oder gegen die sich diskutieren lässt.

Um anders auf Ihre Frage zu antworten: Texte, die Intimes oder Persönliches bloßlegen, werden dadurch nicht unangreifbar, sondern sie bieten eine Position gerade als verletzliche, be-zweifelbare an, um dadurch auf einen blinden Flecken im Diskurs hinzuweisen oder um eine bestimmte Dogmatik der Form oder Form der Dogmatik aufzubrechen.

AKM / PIV: Was würden Sie dann Sennetts These von der „Tyrannei der Intimität“ entgegnen? Sennett beklagt in diesem Zusammenhang den ‚Verfall’ der Öffentlichkeit zugunsten einer privatistischen und gefühligen Intimisierung, die wesentlich eine Entpolitisierung bedeutet.

CE: Ich schätze Sennett sehr – und auch hier sehe ich mich mit dem bisher Gesagten nicht im Widerspruch. Das, was Sennett kritisiert, meint ja eine Form des Zurschau-Stellens von Intimität, die dem Intimen nur entgegensteht.

Aber es sollte eben auch nicht vergessen werden, was Hannah Arendts Einsicht in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft war: dass totale Herrschaft sich auch darin manifestiert, dass sie den öffentlichen Raum zu okkupieren sucht, dass das Private ins Öffentliche gedrängt oder mindestens überwacht und durchdrungen wird. Die religiöse, sexuelle, soziale, ästhetische Freiheit, die es zu verteidigen gilt, aus der Perspektive der Ausgesonderten, der Abweichenden, der Minderheiten, ist die, selber entscheiden zu dürfen, wie und wann die individuellen Neigungen oder Weisen des Denkens und Fühlens politisch und öffentlich verhandelt werden müssen und sollen.

AKM / PIV: Kann Intimität möglicherweise als etwas verstanden werden, das sich der „Zurichtung“ durch Normen entzieht? Besitzt sie womöglich so etwas wie einen unverfügbaren Rest? Oder ist dies eine romantische, zutiefst bürgerliche Illusion, die es kritisch zu hinterfragen gilt? Diese Frage ist aus geschlechterwissenschaftlicher, auch aus feministischer Sicht besonders brisant. Denn so wie ‚Privatheit’ als zutiefst vergeschlechtlichtes Konstrukt der Moderne verstanden werden kann, so könnte Intimität sich auch erweisen als Ort und Form der geschlechtlichen und sexualpolitischen Ordnung, nicht zuletzt auch der Gewalt. Zugleich könnte Intimität aber ja ein Erfahrungsraum sein, der solche Ordnungen irritiert und Erfahrungen jenseits der Normierung ermöglicht.

CE: Was wir mit „Intimität“ meinen ist kein unverfügbarer Rest. Was wir als „intim“ verstehen ist immer schon kulturell, religiös, medial und schließlich familiär-biographisch konditioniert. Meinen Sie in Ihrer Frage mit „Intimität“ das, was in bestimmten Kontexten oder Zeiten als „unzeigbar“ oder „unaussprechbar“ verstanden wird? Unser Verhältnis zu unserer Nacktheit und wie sie gesehen wird von einer oder einem Anderen? Zu unseren Körpern und wie sie gesehen werden von einer oder einem Anderen? Unserem Geschlecht?

Oder meinen Sie mit „Intimität“ etwas anderes, nämlich Arten sich zu berühren, zu begehren? Dann würden Sie fragen: Reproduzieren wir, auch in unseren intimsten, zweisamen oder einsamen Momenten, im einander Begehren, in der Lust, im Verlangen all jene Normen und Codes, die wir doch gerade hier unterwandern wollen?

Natürlich reichen all die traditionellen Rollenbilder, all die medial verbreiteten Normen und Codes über Männlichkeit und Weiblichkeit in uns und durch uns hindurch, natürlich sind wir mit-geprägt in unseren Berührungen von den Vorstellungen, was als Sexualität zählt, was als gelungene Sexualität zählt, wie symmetrisch oder asymmetrisch, wie uferlos oder gierig, wie wandelbar unser Begehren und unsere Lust sein darf oder sein soll, … gleichwohl bleibt die Sprache der Lust eine, die sich immer wieder eben diesen Zurichtungen zu entziehen sucht, eben weil sie, wenn sich einander Liebende auf die Hinwendung zueinander einlassen, alles Zwanghafte, Entfremdete, bloß Routinierte abzuwerfen sucht.

AKM / PIV: Von Ihnen stammt der Satz: „Mein Begehren ist so privat und intim, wie für viele religiöse Menschen der Glaube“ – Eröffnet dieser Vergleich vielleicht die Möglichkeit, dem Intimen als Begriff nachzuspüren? Was eint die Intimität von Glauben und Begehren?

CE: Ich glaube, zunächst einmal eint Glauben und Begehren, dass beide in gewisser Hinsicht unverfügbar sind. Ich kann nicht beschließen zu begehren, ich kann über Erotik oder Lust nicht entscheiden, es liegt außerhalb meines Zugriffs, und ich vermute, ein Teil dessen, was wir daran so aufregend finden, ist genau dieses Gefühl des Ausgeliefertseins an das Begehren. Ich kann auch nicht beschließen zu lieben oder aufzuhören, jemanden zu lieben. So sehr wir uns das manchmal auch wünschen, wenn wir leiden an einer Liebe oder einer obsessiven Lust. Und so lässt sich der Glaube auch nicht beschließen. Ich kann nicht sagen „So, ab heute glaube ich an Gott oder Allah“, so wie ich nicht sagen kann „Ab heute glaube ich nicht mehr daran“. Wenn das möglich wäre, hätte Hiob sicherlich weniger gelitten. Aber der Glaube (wie die Liebe und die Lust) entsteht nicht im rational choice-Verfahren.

Das ist, warum mich die alten Theorien des Gottesbeweises stets ein wenig belustigten. Nicht, weil ich dächte, Gotte ließe sich nicht beweisen oder es ließe sich die Nicht-Existenz nicht beweisen. Sondern weil es beim Glauben eben gerade nicht um einen Beweis geht. So geht es auch beim Begehren oder Lieben nicht um etwas, das sich rational begründen ließe.

Mit dem Satz „Mein Begehren ist so privat und intim, wie für viele religiöse Menschen der Glaube“, wollte ich aber auch noch auf etwas anderes hinweisen: Es hat sich in der Öffentlichkeit eine Art und Weise des Sprechens über den Islam und über Sexualität eingebürgert, die mir zutiefst suspekt ist. Beides, Glauben wie Begehren, haben mit meinen Gefühlen zu tun, im einen Fall: dem der Frömmigkeit, dem metaphysischen Glauben, im anderen mit meiner Lust, meinem Wollen eines anderen Körpers, einer anderen Person, es sind jeweils sehr…ja,…intime Sprachen, mich und meine Sehnsucht nach Hingabe an etwas oder jemand anderen zu artikulieren – und mir ist suspekt, dass diese sehr individuellen, zarten, zerbrechlichen Weisen des Sprechens und Fühlens öffentlich vergemeinschaftet und verortet werden als: besser oder schlechter, perverser oder krimineller, moderner oder vormoderner, ansteckend oder bedrohlich, fremdartiger oder devianter.

Und dann muss man sich taktisch entscheiden: ob man sich auf die Art des Sprechens einlässt und auf derselben ästhetisch-politischen Ebene das kritisiert oder ob man versucht, sich die Begriffe und Worte, die Gesten und Sprachen wieder anzueignen und zu verwandeln.

AKM / PIV: Mit dieser Frage der „Wiederaneignung“ von Sprache beschäftigen Sie sich auch in ihrem aktuellen Buch Weil es sagbar ist. Inwiefern spielt hier Intimität für Sie eine Rolle? Würden Sie sagen, dass sie in der Auseinandersetzung mit Zeugenschaft auch nach Momenten der Intimität suchen?

CE: Ich spüre Momenten der Dissidenz in extremen Grenzsituationen, also Zuständen der extremen Entrechtung und Gewalt, nach. Mich interessiert, welche Abwehrmechanismen Opfer von Gewalt und Entrechtung ausbilden, welche Dinge oder Techniken Menschen helfen, die eingesperrt und gefoltert, misshandelt und vergewaltigt, die vertrieben und vergessen werden. Und dabei lassen sich mehrere Instrumente des Widerstands ausmachen: Manchmal helfen Gewohnheiten und Rituale, die Zeit der Ohnmacht zu überstehen. Manchmal helfen geliebte Objekte und Dinge, die an die Zeit vorher, an das Leben vorher, die an die Person erinnern, die man einmal war. Und manchmal helfen kleine Augenblicke der Intimität, manchmal wird eine erotische Geste, eine wie auch immer bescheidene Form der Sexualität zu einem Akt des Widerstands und der Dissidenz. In den Gefängnissen und Lagern, die sich nur auf die Negation des Individuums richten, die jede Individualität, jede Humanität vernichten wollen, bildet Intimität genau die Form des Dialogischen, die ansonsten zerstört werden soll.

AKM / PIV: Judith Butler sprach 2011 in einem Heft der feministischen studien über Verletzbarkeiten. „In this way, we might understand politicization as motivated by an intelligent vulnerability, a transformation of receptivity into action where action does not »take the place« of receptivity, but sustains it as its most vital condition.“ Sie ergänzen diesen Gedanken in Weil es sagbar ist um die Aufforderung, diese Verletzungen und Verletzbarkeiten zu übersetzen. Sie schreiben: „Wenn wir also Mechanismen der Exklusion unterwandern wollen, wenn wir Strategien der Inklusion entwickeln wollen, dann müssen wir an der Genauigkeit unserer Sprache arbeiten, dann müssen wir uns wieder und wieder bemühen, unsere Trauer, unseren Zorn, unsere Verzweiflung zu übersetzen in Geschichten und Bilder, die nachvollziehbar machen, was diese Normen und ihre Anwendungen bedeuten.“ Wohin führt uns diese Forderung?

CE: Nun, politische und soziale Kritik artikuliert sich in unterschiedlichen Kontexten und Sprachen. Das Bundesverfassungsgericht oder der akademische Diskurs adressieren vielleicht dieselben Strukturen von Diskriminierung, aber in unterschiedlichen Sprachen und mit unterschiedlichen Mitteln.

Man könnte sagen: Was müssen wir da noch lange erklären. Steht doch alles drin im Grundgesetz oder in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Was braucht’s da noch? Nun, kurioserweise müssen wir dennoch über Jahrhunderte erläutern, wer alles als Mensch zählt. Eben nicht nur weiße, heterosexuelle, christliche, bürgerliche Männer, sondern alle anderen auch.

Der Witz ist doch: Rassisten denken in den seltensten Fälle von sich selbst, dass sie rassistisch denken. Das Perfide an Ideologie ist doch, dass sie sich selbst nicht als Ideologie versteht. Wenn Sie mal einen Skinhead interviewt haben, werden Sie feststellen, dass der Ihnen sagt, warum Juden dreckig seien oder mächtig oder lügen, warum Schwarze minderwertig oder Muslime kriminell seien – aber er wird in den seltensten Fällen diese Ansichten als rassistisch verstehen.

Als Publizistin fühle ich mich verpflichtet, mit sprachlichen Mitteln jene ideologisch aufgeladenen Bilder und Begriffe, jene Assoziationsketten und Vorstellungen aufzubrechen, die Ressentiments gegenüber Frauen oder Homosexuellen, Gehörlosen oder Jüdinnen, Linkshändern oder Schalke-Fans transportieren. Und dazu gehört dann, dass wir normative Begriffe in Erfahrungen übersetzen, dass wir das, was uns wütend oder verzweifelt zurück lässt, verstehbar machen für diejenigen, die diese Erfahrungen nicht teilen. Dass wir Empathie schüren bei denen, die gar nicht mit uns empathisch sein wollen oder bislang schlicht an mangelnder Vorstellungskraft litten. Mangelnde Vorstellungskraft ist ein ebenso mächtiger Widersacher von Gerechtigkeit und Emanzipation wie Ideologie und Ressentiment.

Wir müssen es den Rassisten und Sexisten schwer machen, an ihren Vorstellungen festzuhalten, wir müssen sie bedrängen, indem wir ihnen Begriffe wegnehmen, Bilder wegnehmen, oder sie mit anderen Bedeutungen und Geschichten aufladen, indem wir kreativ und ironisch und ernst und leise uns nicht abbringen lassen davon, unsere Weisen des Denkens und Fühlens und Liebens zu erzählen und zu leben.
Wohin das führt?

Ich weiß noch nicht.

AKM / PIV: Die Frage, die sich hier stellt, ist auch die, von wem erwarten wir zu sprechen? Von wem erwarten wir, Erfahrungen zu übersetzen?

CE: Nur von denen, die es können und wollen.

Das Interview erschien erstmals in feministische studien, Jg. 32, Heft 1, Mai 2014.

More Love – Less Hate

In den USA gab es wieder ein Attentat. 50 Menschen sind gestorben, mindestens ebenso viele verletzt. Als Westeuropäer_innen sind wir diese Nachrichten gewohnt, die Amis halt, alles Waffenverrückte da drüben. Dieser Zynismus greift schon wie ein Automatismus, genauso wie die Erklärungen der NRA zur Wichtigkeit des zweiten Verfassungszusatzes und die mantra-ähnlichen Wiederholungen des scheidenden Präsidenten Obama, die Waffengesetze (endlich) zu verschärfen.

Aber diesmal ist es anders: Mit dem Club Pulse in Orlando, Florida, hat sich der Täter offenbar ganz bewusst eine Bar ausgesucht, die von LGBTQ-People, viele von ihnen queers of color, aufgesucht wird. Ein Rückzugsort für die queer community Floridas, ein Schutzraum vor Diskriminierungen durch die Mehrheitsgesellschaft, wo sich Menschen zum Trinken, Tanzen und Knutschen trafen.

49 dieser Menschen sind also tot, weil sie der queer community angehörten und dies an jenem Abend – mitten im Pride-Monat – zelebrierten. Die Medien kolportieren eine islamistische Gesinnung des Täters, aber auch, dass er selbst im Pulse regelmäßig zu Gast gewesen sei. Und sie sprechen regelmäßig von einem Massaker, laut Definition bezeichnet dies „das Ermorden vieler, meist wehrloser Menschen“ – eine Bezeichnung, die vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es sich hierbei um ein Hassverbrechen gegen Mitglieder der LGBTQ-community handelt, sehr kurz greift. Es scheint auch irrelevant, woher der Hass gegen queer people rührt, es handelt sich nicht um ein singuläres Phänomen und ist religions- und kulturübergreifend nach wie vor präsent.

Die fehlende Anerkennung der Tatsache, dass es sich um einen gezielten Anschlag gegen die queer-community handelt, äußert sich in öffentlichen Statements von Kirchen– oder Politikvertreter_innen, die bisweilen vehement verschweigen, wer hier einem Hassverbrechen zum Opfer gefallen ist. Viel schlimmer noch: Von verschiedenen Seiten her wird dem Täter sogar regelrecht applaudiert, denn er hat dafür gesorgt, dass die Welt nun von weniger Schwulen und Lesben bevölkert wird. Sowas ist 2016 öffentlich sag- bzw. schreibbar, zu oft gedeckt von der Meinungsfreiheit und wird umso unerträglicher, wenn Minderheiten dafür gegeneinander ausgespielt werden. Auf einschlägigen sozialen Netzwerken, die einen ganz guten Kompass für öffentliche Diskurse darstellen, werden hasserfüllte Aussagen selten bis gar nicht sanktioniert, vielmehr dienen sie als scheinbar legitime Wahlkampfrhetorik (wieder)aufstrebender rechts-konservativer Parteien, denen die LGBTQ-Community wohl nur dann am Herzen zu liegen scheint, wenn sie als Opfer einer Bedrohung ‚von außen‘ instrumentalisiert werden kann. Solche politischen Positionen, dies zeigt sich, werden (wieder) zunehmend als wählbar erachtet und damit wird auch überdeutlich, dass Homo- und Transphobie real sind. Sie sind Alltag für viele Menschen, die sich nicht der allgegenwärtigen heterosexuellen Matrix unterordnen können und wollen und sie werden nicht erst in Form von körperlicher Gewalt zur Gefahr für Leib und Leben.

Ich trauere heute um all jene Menschen, die im Pulse verletzt und ermordet wurden und bin mir in meinem Selbstverständnis als Feministin bewusst, dass es auch in meiner politischen wie akademischen Verantwortung liegt, dem Hass, der in diesem Anschlag seinen Ausdruck fand, zu begegnen. Dazu gehört dieser Tage vor allem, sichtbar zu machen, dass Menschen im Pulse sterben mussten, weil sie das vermeintlich „falsche“ Geschlecht liebten oder lebten. Dieser Fakt wird viel zu oft verschwiegen und homo- bzw. transphobe Hassverbrechen dadurch marginalisiert. Wir brauchen definitiv „More Love – Less Hate“, aber auch den ‚Mut‘, Dinge beim Namen zu nennen.

Nur ein paar Schritte entfernt

„Nur ein paar Schritte entfernt.“ Das steht auf meinem Handy-Display, wenn ich eine schwule Dating-App öffne und jemand sich in meiner Nähe aufhält, der dort auch ein Profil hat und gerade auf der Suche ist. Omar Mateen, der in der Nacht von Samstag auf Sonntag gezielt Besucher_innen einer „Latin Night“ im Pulse Club, einer queeren Bar in Orlando, ermordet hat, besaß Profile auf mehreren Dating-Apps. Vielleicht war er um 2 Uhr morgens online. Vielleicht öffnete jemand im Pulse Club in diesem Moment sein Profil und las: „Nur ein paar Schritte entfernt“.

Seit dieser Nacht denken die Angehörigen queerer Szenen, auch angesichts solcher Distanzlosigkeit der Bedrohungen, noch verstärkter über safe spaces nach. Und über das „wir“, das diese Orte Menschen anbieten und das diese Menschen dort miteinander herstellen. Ob dieses „wir“ auch – zumindest zeitweise – Omar Mateen einbezogen hat. Und ob es sich in den offiziellen Diskursen um Orlando gerade in ein anderes „wir“ auflöst, ein „wir“ des „offenen und toleranten Lebens“ (Merkel) oder ein schwul-lesbisches „wir“, das sich als Ziel dieses Massakers gemeint fühlt und sich mit den spezifischen Latinx-Selbstdarstellungen der Besucher der Latin Night im Pulse Club nicht wirklich auseinandersetzt.

Der Autor Justin Torres hat in einem Text für die Washington Post diesen Besucher_innen gegenüber das persönliche, das freundschaftliche „du“ verwendet und damit eine Gruppe von Menschen angesprochen, deren sexuelle Orientierung und ethnische Identifizierung bei aller Diversität einen Ort wie diesen als Alternative zum „straight white outside“ produziert: „You have known violence. You have known violence. You are queer and you are brown and you have known violence. You have known a masculinity, a machismo, stupid with its own fragility. You learned basic queer safety, you have learned to scan, casually, quickly, before any public display of affection. Outside, the world can be murderous to you and your kind.”

Nach den ersten Informationen über das Massaker im Pulse Club haben neben Torres auch Richard Kim, Martin Reichert und Adriano Sack die Bedeutung von (hauptsächlich schwulen) Schutzräumen hervorgehoben, die ein spezifisches „wir“ herstellen, in denen Körper und Gedanken für kurze Zeit vom Druck der Heteronormativität befreit sind, in denen man sich der Illusion hingeben kann, nicht von Gewalt betroffen zu sein. Gegenüber dem Außen, das dieses „wir“ letztlich als altmodisches, schräges, pittoreskes Phänomen zu betrachten scheint, dass sich irgendwann im Gesamt-„wir“ der offenen Gesellschaft, der freien Welt, des zivilisatorischen Fortschritts auflösen wird, muss es nun als Besonderes verteidigt werden, das von einzigartigen, verbindenden Erfahrungen gebildet wird. Aber dieses „wir“ der Schutzräume stellt sich immer wieder als prekär heraus, weil sich darin niemals eine wirkliche Befreiung von Klassen-, Rassen- und Gendernormen herstellen lässt. Kein Körper fließt frei im queer space umher. Eintrittspreise, Veranstaltungsprogramme, Architekturen, Nachbarschaften strukturieren die „Szene“. Auch alternative LGBT-Clubs sind Teil normativer Räume. Aber gerade weil das „wir“ so prekär ist, ist es so wichtig, es zu formulieren, deutlich zu machen, wo es nicht am „offenen und toleranten Leben“ partizipieren kann, wo es nicht eine Kulturleistung des „Westens“ ist, in welchen Freiheits-Narrationen es eben nicht mitgemeint und -formuliert wird. Es sind spezifische Erfahrungen, die an Orten wie dem Pulse Club formuliert werden, die dort einen Raum schaffen, der ein einfaches Ziel für alle bietet, die sich aus den unzähligen Satzbaukästen der Hass-Ideologien Rechtfertigungen dafür zusammenbauen können, Menschen zu ermorden, mit denen sie kein „wir“ formulieren wollen.

Nach Orlando finden sich die Antworten auf die Frage nach dem „wir“ nicht mehr in den LGBT-Befreiungserzählungen. Das macht vieles daran buchstäblich so unfassbar. Kann ich mich als weißer schwuler Mann mit den Besucher_innen der Latin Night im Pulse Club gemein machen? Kann ich begründen, warum ich das „wir“ der offenen und toleranten Merkelgesellschaft zurückweise? Kann ich nach außen einen Raum verteidigen, in dem Omar Mateen ein Bier trinkt, nur ein paar Schritte entfernt? Angesichts der vielen Texte, die nach dem 12. Juni 2016, verletzt und verängstigt und in den schlimmsten Befürchtungen bestätigt, erstmal wieder vorsichtig beim „ich“ ansetzen, muss man für die schwierige Arbeit am „wir“ plädieren, das sich historisch, durch Ein- und Ausschlüsse, gebildet hat, und das – gerade deswegen – immer wieder neu gefasst und formuliert werden muss. Denn ohne diese Arbeit wird die eigene Sprachlosigkeit im selbstbezogenen Einschluss dem Erzähltwerden durch Andere nichts mehr entgegen setzen können.