Kategorie: Sexismus

#metoo – Das Zusammenspiel von Aufdeckung und Verdeckung

Ja, es ist gut, dass sich so viele Frauen zu Wort melden. Aus den verschiedensten Bereichen, wenngleich noch nicht aus allen. Wie steht es z. B. mit der Universität? Bevorzugt sind bislang die medien-affinen Sphären, in denen eine gewisse allgemeine Sichtbarkeit und Bekanntheit der betroffenen Frauen garantiert ist, was sicher nicht schlecht ist. Diese Frauen sind meist arriviert, sprechen retrospektiv, sie haben es „trotzdem“ geschafft. Oder anders geschafft. Die anderen, die noch auf dem Weg sind, mögen verhaltener reagieren. Man kann es ihnen nachsehen, und Heldinnen sind auch nicht erforderlich. Ja, und es ist gut, dass sich so viele Frauen aus verschiedenen Ländern verlauten lassen, es ist kein regionales, kein nationales, es ist ganz offensichtlich ein universelles Phänomen. Es ist ganz so, als tauche eine verschwiegene, beschwiegene Struktur, die in die Selbstverständlichkeiten des Alltags eingelagert war und fragmentiert, individualisiert und zerstreut erfahren wurde, als tauche sie jetzt an die Oberfläche und würde erkennbar als das, was sie eigentlich war und ist: ein allgemeines Skandalon.

Ja, selbstverständlich ist es richtig, zwischen dummem Spruch, manifester Anbaggerei, grenzverletzender Übergriffigkeit und dem Tatbestand der Vergewaltigung zu unterscheiden. Aber ebenso richtig ist es auch, darauf hinzuweisen, wie geschehen, dass sich ein Kontinuum zwischen diesen Phänomenen aufspannen lässt. Keine Zwangsläufigkeit führt von der Platzanweisung des achso-charmanten Kompliments über die schnoddrige missächtliche Rede hin zur unverblümten Handgreiflichkeit, aber eine grundsätzliche Haltung, Einstellung manifestiert sich hier zweifellos doch.

#metoo sollte eher #fuckyou heißen wurde geschrieben. Nicht Wunden lecken, sondern Flagge zeigen wäre jetzt angesagt. Auch wahr. Nicht den Opfer-Status quantitativ groß machen und möglichst viele darunter versammeln, sondern im Grenzen setzen Ermächtigung bekunden. Ist keine ganz unwichtige Akzentverschiebung, und vermutlich kennen die meisten von #metoo zumindest den einen Aspekt des „fuck you“, nämlich den hochschießenden Ärger, die Wut, aber dann auch die gehemmte Kraft. Fuck you: Das ist der Finger, den man zeigt, wenn die Situation vorbei ist.

Leider ist es zumeist die Sache der Gegner, sich auf die Ambivalenzen eines Phänomens zu stürzen und einen Strick daraus zu drehen. Frau mag den unterschwellig kursierenden Vorwurf nur ungern wiederholen, aber sei’s drum. Heuchelei! Es stecke ein gerüttelt Maß an weiblicher Heuchelei in #metoo. Wir reden jetzt nicht von sexueller Nötigung und Vergewaltigung, das sind kriminelle Handlungen. Aber reden wir doch vom Schlucken, vom Schweigen oder auch vom Mitmachen, von dieser unangenehmen Grauzone der Einvernehmlichkeiten im Geschlechterverhältnis als immer noch bestehendem Herrschaftsverhältnis. „Ihr habt das Spiel mitgespielt – und jetzt kommt ihr uns so?“ Und: Wer hat denn die Augen hoch geschlagen, die Beine gekreuzt, den Rock hochgeschoben und den Ausschnitt justiert? Und wieder mal gelacht auf eigene Kosten? Ja freilich, anders geht es nicht voran, und tatsächlich nicht voran und nicht nur nicht nach oben. Anders ist kaum ein Vorwärtskommen. Auch das ist wahr. In einer nach wie vor männlich dominierten Gesellschaft geht es eben oft einfach nicht anders voran. Weiblichkeit, kein Geheimnis, kann ein strategisches Muster sein. Aber wer will schon denjenigen, die nicht unmittelbar an den Hebeln der Macht sitzen, strategisches Agieren vorwerfen?

#fuckyou könnte vor diesem Hintergrund vor allem das heißen: Scheiß auf Euch, nämlich auf Euch einzelne, individuelle, zufällig privilegierte oder seit Neuestem auch deprivilegierte männliche Individuen – und lasst uns, nur uns, jetzt lieber nachdenken über Formen der Herrschaftsverstrickung. Das wäre ein Gewinn von #metoo. Ja genau, ich auch – und was war möglicherweise mein Anteil daran? Die reflexartige, automatisierte Abwehr an dieser Stelle ist nicht wirklich hilfreich. Es ist eine der wichtigsten Leistungen von Simone de Beauvoir, dass sie das Geschlechterverhältnis einer relationalen Herrschaftsanalyse unterzogen hat. Auch die Geschlechterherrschaft ist nur stabil, wenn sie sich auf der mehr oder weniger stillschweigenden Zustimmung der Beherrschten errichten kann. Angesichts der Beharrlichkeit der männlichen Dominanz, die sich gerade wieder zeigt, wäre das ein Punkt, der mit der Geste #fuckyou zu bearbeiten wäre. Damit ist mehr und Grundsätzlicheres gemeint als nur der Hinweis darauf, dass frau in einer Männergesellschaft hin und wieder ein Auge zudrücken muss. Ohne die Bearbeitung der eigenen Anteile wird es nicht voran gehen. #metoo macht Herrschaftsverhältnisse offenkundig. Frauen sollten es zum Anlass nehmen, ihre Verstrickung, ja, empfindlicher noch, ihre Beteiligung an diesen Herrschaftsverhältnissen – Beauvoir hat es als den spezifischen Profit der Beherrschten benannt – zu reflektieren. Aber nochmal: insinuiert ist nicht, dass Opfer sexualisierter körperlicher Gewalt eine mögliche Beteiligung oder ihr wortloses Einverständnis bedenken sollten, das wäre an dieser Stelle ein grobes Missverständnis.

#metoo hat in erster Linie ein fundamentales Faktum, gleichsam das Urgestein des Geschlechterverhältnisses unerschüttert von allen Gleichstellungserfolgen erkennbar gemacht: nämlich das der Verfügbarkeit von Frauen. Gleichstellung ermöglicht Frauen geschmeidig im Gesetz und holprig in den realen Verhältnissen Teilhabe auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Unangefochten insistiert jedoch auf eben diesen Ebenen – siehe die Anzeigen aus dem Britischen, dem EU-Parlament und andere – die Vorstellung ihrer Verfügbarkeit.

Über jemand zu verfügen bedeutet eine Person dem eigenen Willen zu unterstellen. Sie auf einen Platz zu verweisen, ihr einen symbolischen Platz anzuweisen, ihr die zweite Reihe oder Stillschweigen zu verordnen, oder eben auch über ihren Körper zu verfügen, wie z. B. durch die Berührung ihrer Kniee unter dem Tisch. Was es immer so schwierig macht: War es eine erotisch-sexuelle Avance? Es ist vermutlich weniger und mehr als das. Vermutlich ist es nicht die Einladung zur Liebesnacht im Brüsseler Domizil. Zwischen zwei Männern oder zwei Frauen im Parlament könnte es eine Geste der verschwiegenen Aufforderung sein, riskant, möglicherweise verheißend. Hier aber ist es der Gestus der Verfügungsmacht: Auch wenn Du es als Frau bis hierher geschafft hast, ich als Mann reproduziere die alte Geste des Regiments über Deinen Körper, die nur Andeutung ist, Zitat gewissermaßen, aber Dich erinnern soll an Deinen angestammten Platz. In der patriarchalen oder männlichen Gesellschaft werden Frauen von Männern getauscht, sie sind die zirkulierenden Objekte und die unterfütternde Struktur der männlichen Welt, sie sind das, was diese Welt funktionieren lässt, kurz: sie stehen zur Verfügung. Das aktuell beleuchtete Kontinuum von Worten, Gesten, Verhaltensweisen und kriminellen Handlungen bringt genau diese Funktion in Erinnerung und versucht, sie beharrlich zu zementieren. Das, was jetzt als ein Skandalon herauftaucht, ist nichts anderes als die Tiefenstruktur der immer noch herrschaftsförmig ausagierten Geschlechterordnung.

#metoo gilt sehr vermutlich für alle Frauen. #fuckyou könnte heißen – ganz im Sinne der Zweiten Frauenbewegung – die Männer außen vor zu lassen, um neuerlich und nicht zum letzten Mal auf die Position und die unablässige Positionierung von Frauen in der sogenannten symbolischen Ordnung zu reflektieren und dabei nicht zuletzt auf die eigenen, ganz persönlichen Anteile in der Herrschaftsverstrickung.