Kategorie: Sexualisierte Gewalt

Nach Köln. Ein Blick auf Entwicklungen und Kontexte feministischer Gewaltdebatten

Das an irritierenden und verstörenden Ereignissen ja wahrlich nicht arme vergangene Jahr hatte auch so begonnen. Die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht 2015/16 haben verstärkte Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit für das sonst oft verharmloste Problem sexueller Belästigungen und Gewalt generiert, allerdings in einer von rassistischer Abgrenzung und Abwehr gegen Flüchtende geprägten Debatte. Gegen diese Vereinnahmung feministischer Kämpfe gegen sexualisierte Gewalt wurde und wird – angefangen mit der Kampagne #ausnahmlos – von vielen Seiten interveniert. Diese Interventionen und aktuellen Herausforderungen nehme ich hier zum Anlass für meine auch historisch zurückblickenden Überlegungen zu Entwicklungen, Erfolgen und Ambivalenzen der feministischen Gewaltdebatte.

Das Private wird politisch – Enttabuisierung und Delegitimierung geschlechtsbasierter Gewalt
In der Aufbruchsphase der Neuen Frauenbewegung erfolgte die Entdeckung und Skandalisierung der Gewalt an Frauen entlang eines weiten Gewaltbegriffs, im Kontext einer Politisierung des Privaten sowie einer grundlegenden Kritik der Geschlechterverhältnisse. Nach und nach wurden Diskriminierung und Frauenunterdrückung in allen Bereichen der Arbeitswelt, Familien- und Hausarbeit, Beziehungen und Sexualität bis zu Politik und Medien entdeckt und dabei fast zwangsläufig auch das Gewaltförmige weiblicher Lebenssituationen zum Thema. Sonst nicht einmal im Privaten geteilte Erfahrungen von Gewalt im Inneren der patriarchalen Familie, von sexuellen Belästigungen bis hin zur Vergewaltigung wurden von Feminist*innen artikuliert, in den kollektiven Rahmen patriarchaler Unterdrückung gestellt und in aktionistischem Protest nach außen getragen.

Die schrittweise Thematisierung von Gewalt an Frauen als gesellschaftliches Problem und Unrecht erfolgte zunehmend im Kontext einer sich ausdifferenzierenden und professionalisierenden Bewegung; so gehörten Hilfseinrichtungen für von Gewalt betroffene Frauen zu den ersten Frauenprojekten. In der so entstehenden Infrastruktur wurde das Wissen über Gewaltdynamiken und -hintergründe über die praktische Arbeit und die sie begleitende Forschung erweitert. In Kooperation mit Akteur*innen der institutionellen Frauen- und Gleichstellungspolitik konnten teilweise auch relevante Institutionen wie Polizei, Gericht und Medien sensibilisiert und wichtige Gesetzes- und Verfahrensänderungen wie nationale Gewaltschutzgesetze oder UN-Deklarationen zu Gewalt an Frauen als Menschenrechtsverletzung durchgesetzt werden.
Die feministische Antigewaltbewegung konnte so wichtige gewaltpräventive Impulse setzen und in herrschende Genderordnungen intervenieren.

Ambivalenzen und Kehrseiten des Erfolgs
Dennoch bleibt geschlechtsbasierte Gewalt ein umstrittenes Thema, und die öffentlich-mediale Debatte ist immer wieder von Verharmlosung und reduktionistischen Darstellungen bestimmt. (AÖF 2014) Problematische Thematisierungen hängen auch mit Spezifika des Gewaltthemas zusammen – denn „Gewalt nivelliert, macht platt“ (Hagemann-White 2002, 31), sie empört, eignet sich deshalb zur Mobilisierung und für die Legitimierung von Frauenpolitik, aber eben auch für sensationsheischende Medienberichte. Durch eine solche mediale Aufmerksamkeit werden Frauen zwar als Opfer sichtbar, strukturelle Hintergründe der Gewalt etwa durch überkommene Geschlechterordnungen bleiben aber außen vor. Gleichzeitig erfolgt eine gewisse Normalisierung der Gewalt an Frauen, sie ist nicht länger tabuisiert, wird aber hingenommen und bestmöglich verwaltet.

Hinzu kommen häufig Dilemmata der Opfer-Rede, die gerade bei geschlechtsbasierter Gewalt und in feministischer Theorie und Praxis eine wichtige Rolle spielen. (Moser 2003) Eine klare Benennung von Opfer und Täter war (und ist) für die Skandalisierung von Geschlechtergewalt und feministische Mobilisierung wesentlich; problematisch ist jedoch, Betroffene auf einen Opferstatus zu reduzieren oder Frauen universalisierend als Opfer zu betrachten. Schließlich reproduziert der Opferdiskurs mit Gewaltsituationen einhergehende Macht-Ohnmacht-Konstellationen und bestärkt so symbolische Genderordnungen. Debatten um Mittäter_innenschaft, Verantwortung und Handlungsmacht, Differenzen unter Frauen und Dekonstruktionen von Dualismen haben solche Universalisierungen im feministischen Diskurs nachhaltig erschüttert – doch bleiben sie in westlichen Paternalismen virulent.

Die Abkehr vom ,Opfer-Feminismus‘ (und Spezialisierungen feministischer Praxis) hat das Gewaltthema zudem auch ein Stück weit zu den Gewaltexpert*innen verschoben. Die in postfeministischer Rede angeblich verwirklichte Gleichberechtigung hat zusätzlich dazu beigetragen, die unter der Oberfläche des unbestreitbaren Wandels nach wie vor bestehenden strukturellen Asymmetrien nur mehr schwer thematisierbar zu machen. Schon in den 90er Jahre verwiesen Gewaltexpertinnen auf Gleichberechtigungsmythen und ein emanzipiertes Selbstbild als neue Hindernisse für ein Öffentlichmachen von Gewalterfahrungen. Mit neoliberaler Individualisierung und Anrufung des selbstverantwortlichen Subjekts findet „der Mythos des ,Einzelschicksals‘ von Gewalterfahrungen neue Unterstützung.“ (Ludwig 2010) Gegen eine solche neoliberale Dethematisierung suchen neuere feministische Protestformen mit Hashtags wie #Everydaysexism, #shoutingback oder #aufschrei der deutschen Alltagsexismuskampagne – mit wechselnder Resonanz – zu intervenieren.

Eine für feministische Diskurse besonders herausfordernde Kehrseite aktueller Geschlechterdiskurse und der erfolgreich etablierten öffentlichen Thematisierung von ‚Gewalt an Frauen als Unrecht’ ist, dass das Thema damit auch für diskursive und politische Instrumentalisierungen verfügbar wurde. Es diente u.a. als Legitimation für Kriege im Kosovo und in Afghanistan und wird prominent in Abgrenzungen zwischen dem Eigenen und dem Fremden im „Krieg gegen den Terror“ nach 9/11 und gegen globale Migrationsbewegungen in Stellung gebracht. Als visuelles Symbol für unterdrückte Opfer rückständiger patriarchaler Kulturen wurden insbesondere muslimische Frauen mit Kopftuch ins Zentrum polarisierender Geschlechter- und Migrationsdiskurse eingesetzt. Feministische und frauenpolitische Diskurse sind dabei vielfach an der Reproduktion solcher Repräsentationen auf ambivalente Weise beteiligt und mit mindestens zwei Fallen konfrontiert: spezifische Verletzbarkeiten zu negieren oder rassistische Verschiebungen zu bedienen (Marx 2008).

An diese Kulturalisierung und Ethnisierung von Sexismus knüpfen die Debatten zum „Ereignis Köln“ (Dietze 2016) an: Die Übergriffe dienten verallgemeinernden Konstruktionen des gefährlichen männlichen Flüchtlings, gefährdeter westlicher Geschlechterdemokratie, zu beschützender einheimischer Frauen und ihrer männlichen Retter. Gleichzeitig geriet die Gewalt, der Flüchtende aller Geschlechter ausgesetzt sind, in den Hintergrund, und die Chiffre Köln wurde als willkommene Argumentationshilfe für Grenzschließungen und weitere Verschärfungen der Asylpolitik missbraucht.

Gegen solche polarisierenden Spaltungen des Geschlechter- und Gewaltdiskurses, die bestimmte Gewalt-, Täter- und Opferkonstellationen privilegieren und andere negieren, ist eine differenzierte Thematisierung von Geschlechterungleichheiten und Gewalt gefordert. Diese kann auf einem weiten, dekonstruktiv und queer informierten feministischen Gewaltbegriff aufbauen, der vielfältige Gewaltkonstellationen und intersektionale Verschränkungen von Macht- und Gewaltstrukturen und diskursive Gewalt gleichermaßen berücksichtigt. (Sauer 2011)

Dafür brauchen wir nach wie vor feministische Öffentlichkeiten mit ihrer doppelten Aufgabe der internen Verständigung und Reflexion und der Intervention nach außen. Eine den komplexen Zusammenhängen gerecht werdende Thematisierung erfordert Strategien, um öffentliche Aufmerksamkeit für differenzierte Darstellungen zu generieren, sowie Räume und Medien, in denen Gewalterfahrungen in ihren spezifischen Positionierungen artikuliert sowie kollektiv und (selbst)kritisch reflektiert werden können, um so Gewalt als komplexe, je spezifisch „lokal verortete Praxis von Dominanz und Unterordnung zu verstehen und zu verändern.“ (Hagemann-White 2002, 31)

Literatur
Hagemann-White, Carol (2002): Gewalt im Geschlechterverhältnis als Gegenstand sozialwissenschafttlicher Forschung und Theoriebildung: Rückblick, gegenwärtiger Stand, Ausblick, in: Dackweiler, Regina-Maria (Hrsg.): Gewalt-Verhältnisse. Frankfurt/Main u. a., 29–52.

Moser, Maria Katharina (2007): Von Opfern reden. Ein feministisch-ethischer Zugang. Königstein/T.

Enteignung. Ek-statische Subjekte und die Frage des ›Eigenen‹

»Machen wir uns nicht vor. Wir werden vom Anderen dekomponiert. […] Wenn wir von meiner Sexualität oder meiner Geschlechtsidentität sprechen, wie wir es tun (und tun müssen), meinen wir also etwas Kompliziertes. Genau genommen ist weder das eine noch das andere ein Besitz, vielmehr sind beide als Modi der Enteignung zu verstehen, als Formen des Daseins für einen Anderen oder sogar kraft eines Anderen«, schreibt Judith Butler (2009a, 38, Herv. i. O.) in dem 2009 in deutscher Übersetzung erschienen Text Außer sich: Über die Grenzen sexueller Autonomie. Ihr Subjektkonzept entfaltet sie hier als Verwiesenheit des körperlich-materiellen, unvermeidlich exponierten und zu Anderen geöffneten, nicht über sich selbst verfügenden Selbst, das sich nicht gehört, sondern hervortritt im Modus der Enteignung. Es findet statt im Verhältnis – zu unterwerfenden und regulierenden (Geschlechter- und Sexualitäts-)Normen, aber auch zu Anderen/m, zu ›Unorten‹ (Butler), die sich der Norm, der Anerkennung und der Sprache entziehen. Das ek-statische Selbst verkörpert somit eine fundamentale Verflochtenheit mit der Welt, eine Verletzbarkeit durch Andere und eine Verletzungsmacht gegenüber Anderen. Es ist nicht-autonom, wird bewegt und verändert durch Andere_s. Es ist in einem nicht-individualistischen Sinne handlungsfähig und verantwortlich für Andere: »Wenn ich für Autonomie kämpfe, muss ich dann nicht ebenso für etwas anderes kämpfen, nämlich für eine Konzeption meiner selbst als eines ausnahmslos vergemeinschafteten Selbst, das von anderen beeinflusst wird, ebenso wie es die anderen beeinflusst, auf eine Art und Weise, die nicht immer klar abgrenzbar ist, in Formen, die nicht vollständig vorhersagbar sind?« (Butler 2009a, 41, Herv. i. O.)

Den Begriff der Enteignung, der zum einen etwa in Hinblick auf sexuelle und geschlechtliche Selbstverhältnisse die Zurichtung durch heteronormative Regime meint, zum anderen und zugleich aber auch Enteignung als Selbstbezug, als Öffnung und Empfänglichkeit für andere_s akzentuiert, ist als theoretisches und politisches Konzept von Judith Butler und Athena Athanasiou (2014) in ihren Gesprächen der Jahre 2009 bis 2012 entwickelt worden. Angesichts der Dominanz der kapitalistischen Sozial- und Wirtschaftsregime des globalen Nordens, der expandierenden neoliberalen (Selbst)Regierungstechnologien und postkolonialen Ausbeutungskonstellationen gegenüber dem ›Rest der Welt‹, erweist sich die Frage der Enteignung bei weitem nicht ausschließlich als eine Frage der Ökonomie, sondern als eine zugleich soziale und kulturelle, als eine Frage der Verflochtenheit vielfältiger Leben, die sowohl ökonomisch ist als auch das Ökonomische überbordet. »An der Ökonomie ist nichts rein ökonomisch«, heißt es im Klappentext des Buches und die Frage des Eigentums, des Besitzindividualismus ist eben keine allein ökonomische, sondern bezieht sich auf die Art und Weise der Selbst- und Weltverhältnisse. Dies ist die konzeptionelle und politische Stärke des Enteignungsbegriffs: gegen ›Verantwortung‹ als Projekt der Herrschaft weißer Männlichkeit, die auf Trennung, Gegenüberstellung von Eigenem/ Eigentum und Anderem zielt, setzen Butler/Athanasiou auf wechselseitige Verwiesenheit als Ausgangspunkt für postsouveräne Praktiken und Handlungsfähigkeit. Es geht darum, die Fiktion des souveränen, ausschließlich sich selbst verpflichteten Subjekts nicht länger zu stützen. Diese ›Responsibilisierung‹ des Subjekts bezeichnet Athena Athanasiou als »neoliberale […] Umwidmung von Verantwortung [in] unverwundbare und niemandem verpflichtete Unabhängigkeit« (Butler/Athanasiou 2014, 149). Dagegen machen sie, indem sie sich auf die höchst mehrdeutige, prekäre, instabile Position der Enteignung bzw. der Enteigneten beziehen, eine wechselseitige Verantwortung relevant. Sie forcieren eine »Disposition zur Offenheit«, die »am Anfang einer Politik gesellschaftlicher Veränderung steht« (ebd.) und die Frage des Eigenen und Eigentums der Kritik unterzieht.

Butler/Athanasiou betonen damit die doppelte Wertigkeit, aber auch das doppelte Vermögen, das mit dem Vorgang der Enteignung verbunden ist: Enteignung verweist einmal auf den »inaugurierender Akt der Unterwerfung des (werdenden) Subjekts unter Normen der Intelligibilität« (ebd., 13). In diesem Sinne bedeutet Enteignung einen konstitutiven, gewissermaßen internalisierten Verlust, dessen was nicht vorstellbar ist, und ermöglicht zugleich ein handlungsfähiges Subjekt. Enteignung ist in diesem Sinne »heteronome Bedingung für Autonomie« (ebd., 14), das heißt auch Bedingung für die Autonomie des liberalen Subjekts, das seine grundlegende Abhängigkeit verdrängt. Diese Autonomie, das ›Eigene‹ des Subjekts, ist Fiktion und verschleiert seine prekäre Hervorbringung durch Andere_s. Die dem Subjekt immanente, grundlegende ontosoziale Prekarität (precariousness) wird in der liberalen Version des autonomen Subjekts insofern umgearbeitet, als der Modus der Enteignung nun zur wichtigen, geradezu ›existenziellen‹ Frage des ›Eigenen‹, der ›Identität‹, des identifizierenden ›Wir‹ und des Eigentums wird. Das Dasein kraft eines Anderen wird verkehrt zum Bestehen auf dem Eigenen und zum (legitimen) Beherrschen jener Anderen, die nicht als frei und gleich anerkannt werden. Athena Athanasiou führt dies aus: »Zweifellos gehört das Eigentum an Grund und Boden zum Kernbestand der Onto-Epistemologie der Subjektbildung in der Geschichte des westlichen, weißen, männlichen, kolonialisierenden, kapitalistischen , besitzenden souveränen Subjekts. Ebenso grundlegend für den Liberalismus war es, die Verfügung über den eigenen Körper als Eigentum zu definieren. Und gerade der Ausschluss bestimmter Körper – paradigmatisch die der Versklavten – aus dieser klassischen Definition des Biopolitischen formte die konstitutive Verbindung zwischen Leben, Eigentum und Freiheit. Das politische Imaginäre der westlichen (post-)kolonialen kapitalistischen Moderne mit ihrem die ganze Menschheit umgreifenden Geltungsanspruch zeigt Sein und Haben ontologisch fest verklammert: Sein wird durch Haben definiert, und Haben gilt als eine Grundvoraussetzung des menschlichen Seins an sich.« (ebd, 28)

Sein als Haben und Verfügen impliziert eine gegen Andere abgegrenzte Autonomie, bei der das Eigentum der Garant für den Subjektstatus ist, konzipiert als Besitzindividualismus. Dies zeigt sich in der Verstrickung zwischen ›Leben, Eigentum, Freiheit‹ – Eigentum als Leben, Freiheit als Eigentum, Leben als Freiheit (zum Eigentum).

Enteignung meint zum zweiten den gewaltförmigen Entzug von grundlegenden Lebensmitteln (Wohnraum, Nahrung, medizinische Versorgung, Bildung, Fürsorge, Teilhabe an ›Arbeit‹ und anderes mehr). Diese Politiken der Privilegierung und Benachteiligung bis hin zum Entzug existenzieller Lebensgrundlagen erfordern Widerstand. Die Frage, die Judith Butler stellt, ist, wie der gewaltförmigen und erzwungenen Enteignung in politischen Konflikten und in den Relationen globalisierter Ungleichheiten zu begegnen ist, ohne sich auf die Anerkennung des liberalen Besitzindividualismus beziehen zu müssen (ebd., 20), der die wechselseitige Abhängigkeit und Angewiesenheit ›unserer‹ Existenzweisen leugnet. Dies ist angesichts weltweiter Fluchtmigrationen, auf die aktuell von Seiten privilegierter und geschonter Regionen überwiegend mit Abschottung, Grenzziehung dem ›Schutz des Eigenen‹ reagiert wird, aus meiner Sicht die zentrale Frage für jene Kräfte, die für ein gemeinsames Teilen der Welt einstehen wollen.

In ihrer Kritik an der restriktiven Konzeption des Menschlichen spricht Judith Butler von einem »Aufstand auf der Ebene der Ontologie, eine[r] kritische[n] Eröffnung der Fragen: Was ist real? Wessen Leben ist real? Wie ließe sich die Realität neu gestalten?« (Butler 2005, 50). Die körperlich-soziale Externalität des Selbst konstituiert ein sozio-ontologisches Verhältnis zur Ethik und zum Politischen, das nicht individuell sein kann, das nicht besitzt, sondern von Anderen enteignet, mit ihnen verknüpft, ihnen gegenüber verpflichtet ist: »Wenn ich von anderen beansprucht werde, sobald ich meinen Anspruch erhebe, wenn Gender für jemand anderen und von jemand anderem ist, bevor es mein Gender wird, wenn Sexualität eine gewisse Enteignung des ›Ichs‹ mit sich bringt, dann bedeutet das nicht das Ende für meine politischen Forderungen. Es bedeutet nur, dass man, wenn man solche Forderungen erhebt, diese für weit mehr als nur sich selbst erhebt.« (Butler 2009b, 33)

Mit dieser Konzeption von Enteignung, die nicht einfach ein ›positiver‹ Bezugspunkt ist, sondern den Blick auf die Dynamiken von Subjekt, Handlungsfähigkeit und Involviertheit lenkt, wird auch die Frage der ›Ökonomie‹ des politischen Handelns, verstanden als Relationierung, als Austauschbeziehungen, als Logiken des Beziehens, des Eigenen und des Anderen/Fremden relevant. Wenn Enteignung auch Abrücken von Besitz, von Eigentum als Grundlage von Leben bedeutet, gäbe es dann Chancen, dass andere Logiken, Ökonomien und auch Ökologien des Politischen hervortreten? Wo finden sich Konzepte des Politischen, die Politik weniger mit bürgerlich-liberalen, kapitalistischen Autonomievorstellungen verknüpfen, sondern das Stattgeben von nicht-identischer Verbundenheit und von Nichtverfügbarkeit zeigen können? Wie lassen sich Formen des kollektiven Handelns als Ausüben des gemeinsamen Bewohnbarmachens/Haltens von ›Welt‹ verstehen, die Differenzen ermöglichen, die Politik der Ähnlichkeit und des ›Wir‹ beenden und andere Relationen hervorbringen? Teil jener Bewegungen zu sein, die diesen Fragen nachgehen, ihnen antworten, ist das großartige Verdienst und die inspirierende und ermutigende Kraft der Texte Judith Butlers.


Butler, Judith (2005): Gefährdetes Leben. Politische Essays, Frankfurt a.M.
Butler, Judith (2009a): Außer sich: Über die Grenzen sexueller Autonomie, in: Dies.: Die Macht der Geschlechternormen, Frankfurt a.M., S. 35-69.
Butler, Judith (2009b): Einleitung: Gemeinsam handeln, in: Dies.: Die Macht der Geschlechternormen, Frankfurt a.M., S. 9-33.
Butler, Judith/Athanasiou, Athena (2014): Die Macht der Enteigneten, Zürich/Berlin.