„I am asking you to live in the presence of reality, an invigorating life.“
– Virginia Woolf

„Let me be the feminist killjoy,“ so beginnt die Rede, die Andrea Braidt, die wir im folgenden abdrucken. Gehalten hat sie diese beim Abschlussevent der Forschungsplattform „GAIN Gender – Ambivalent In_Visibilities“, das am 5.3.2026 in Wien stattfand. Weitergefördert wird GAIN nicht – Zeit für ein Resümee und eine feministische Inspektion solcher Beschlüsse (nicht nur) an der Universität Wien. GAIN wurde im Mai 2020 als interdisziplinäres Netzwerk von Wissenschaftlerinnen aus fünf Fakultäten an der Universität Wien eingerichtet. Die Forschungsplattform hat sich damit beschäftigt, wie Un_Sichtbarkeiten mit intersektional vergeschlechtlichten Machtkonstellationen, aber auch mit Widerständen dagegen verknüpft sind. Wie vielfältig, innovativ und international, aber auch wie inspirierend und solidarisch sich die Zusammenarbeit des GAIN Teams entwickelt hat, zeigte das Abschlussevent auf, bei dem die Arbeit der vergangenen sechs Jahre anhand der verschiedenen Formate vorgestellt wurde: Mit den GAIN Gender Bites und der GAIN Gender Lounge wurden aktuelle Fragen der Gender Studies einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Die GAIN Gender & Agency Lecture holte international renommierte Gäste an die Universität Wien. Eine Ausstellung widmete sich Close[t] Demonstrations – an exhibition on the multitudes of queer in_visibility.  Eine weitere Aufgabe von GAIN war die Förderung des Nachwuchses. Passend wurden bei der Veranstaltung die jährlichen GAIN Gender & Agency Preise für herausragende Dissertationen und MA-Arbeiten vergeben. Stolz auf die Arbeit(en) und Freude am gemeinsamen Tun kennzeichneten alle Beiträge des Abends. Zugleich wurden die Preise ein letztes Mal verliehen und die Berichte über die Aktivitäten konnten ausschließlich in der Vergangenheitsform formuliert werden, denn der Antrag auf Neubewilligung der Forschungsplattform wurde von der Universität abgelehnt. Diese Widersprüchlichkeit von gleichzeitig unbestreitbaren Erfolgen der Gender und Queer Studies und der Kürzung ihrer Mittel brachte Andrea Braidt in ihrem Abschlussstatement zum Ausdruck. Das betrifft nicht nur die Universität Wien, sondern folgt einem Trend, der die Gender und Queer Studies an vielen Standorten, in vielen Ländern betrifft.

Lissi Klaus

Vernetzte Gender-Forschung an der Universität Wien wegen großen Erfolgs geschlossen

Rede von Andrea B. Braidt beim Abschlussevent der Forschungsplattform GAIN Gender – Ambivalent In_Visibilities am 5.3.2026 in Wien.

Let me be the feminist killjoy.

„Wegen großen Erfolgs geschlossen. Zu überzeugende Thesen, die zu stark in der Gesellschaft angekommen sind. Third Mission zu vorbildlich erfüllt. Zu produktiv, zu attraktiv. Zu viele begeisterte Studierende.“

Unter diesem Motto, freilich meist anders formuliert, kommen Gender Studies derzeit unter Beschuss, und zwar weltweit. Beginnt man die Zeitrechnung zum institutionellen Bestand der Gender Studies bei den Women’s Studies bzw. der Frauenforschung, und rechnet man die Lesbian and Gay Studies, später LGBTIQ* Studies dazu, sprechen wir von einer ungefähr 50 Jahre alten Disziplin, die derzeit existenziell bedroht ist. Den Angriff haben totalitäre Staaten begonnen, unser Nachbarland Ungarn etwa, dessen privat finanzierte Central European University eines der produktivsten und international sichtbarsten Departments for Gender Studies innehatte. Das Department und die Universität wurden durch Austrocknung infrastruktureller Rahmenbedingungen ins Exil nach Wien gezwungen. Den Angriff führt nun in großem Stil Trumps US-Regierung weiter, weiter, mit Listen von Forschungsdisziplinen, die an den Universitäten eingestellt werden müssen, wenn diese weiterhin existenzielle Steuererleichterungen haben wollen. 

Wir kennen alle die Details dieses internationalen Anschlags auf die Gender Studies, ich erspare uns weitere Ausführungen dazu. Wie schön wäre es nun zu sagen, dass die Universität Wien ein Bollwerk gegen diese Tendenzen darstellt. Doch nun, gegen Ende dieser Veranstaltung, in der wir bereits so Vieles davon erfahren haben, was die Forschungsplattform GAIN alles geleistet hat, welch großartige, vielversprechende Doktorand_innen und MA-Graduierte ausgezeichnet werden konnten, wie viele inspirierende und nachhaltig einflussreiche internationale Vorträge wir im Rahmen des GAIN Programms über die letzten sechs Jahre hin gehört haben, wie intensiv und gesellschaftspolitisch relevant in den Gender Lounges diskutiert wurde, muss ein Ende einer weithin sichtbaren, über alle Fakultäten der Universität Wien hinweg Synergien schaffenden Forschungsaktivität festgestellt werden. Die Universität baut kein Bollwerk gegen den Angriff auf die Gender Studies weiter aus, sondern läutet das Ende bestehender und erfolgreicher Strukturen ein.

Die Fortführung einer Forschungsplattform, welche die vernetzten Gender Studies aller Universität Wien Fakultäten bündeln sollte, und die unter dem Umbrella Term „Gendered Infrastructures“ zum Forschungsplattform-Call 2025 eingereicht wurde, wurde nicht genehmigt. Gründe dafür wurden keine genannt und Gutachten dazu den Antragsteller_innen nicht übermittelt. Die Käthe Leichter-Gastprofessur, eine seit Jahrzehnten bestehende Initiative, die abwechselnd jedes Semester an die beiden kulturwissenschaftlichen Fakultäten international tätige Genderforscher_innen holte – darunter in der Vergangenheit Mieke Bal, Marie-Luise Angerer und viele andere – wurde zwar in der Remuneration leicht angehoben, doch in der Frequenz halbiert: Nur mehr alle zwei Semester kann diese Professur ausgeschrieben werden. Das interdisziplinäre Masterprogramm Gender Studies, das in den Jahren seit seiner Gründung die Abschlüsse vervielfacht hat, ringt um angemessene Ausstattung; die beantragte Einrichtung einer Sektion mit dem Schwerpunkt Gender und Queer Studies an der DokSchool der Phil-Kult Fakultät wurde auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben; der große, beim FWF beantragte Sonderforschungsbereich auf dem Gebiet der Gender Studies kam zwar bis zur letzten Runde, scheiterte dann jedoch – vielleicht auch aufgrund des allgemeinen Trends?

Und all diese Entwicklungen finden innerhalb des Eingangs gestellten Mottos: „Wegen großen Erfolgs geschlossen!“ statt. Zum Glück bleiben die Studierenden den Gender Studies treu. Während in nahezu allen Studien die Zahl der Studienbeginner_innen rückläufig ist, können sich Studienrichtungen, die Schwerpunkte in Genderforschung setzen, des Interesses kaum erwehren. So sind beispielsweise die Studienbeginner_innen in der Theater-, Film- und Medienwissenschaft gerade wegen des Genderschwerpunkts des Studiums ganz und gar nicht rückläufig, gerade die Lehrveranstaltungen zu intersektionaler Geschlechterforschung sind die nachgefragtesten. Und auch bei den heute verliehenen Preisen brauchen wir um die Early Stage Researchers nicht bangen, denn das Interesse, der Forschungsmut und die Innovationskraft in den interdisziplinären Gender Studies sind ungebrochen.

Nun liegt es an uns, die institutionellen Rahmenbedingungen dafür zu sichern, dass künftige Kohorten von Genderforscher_innen auch an der Universität Wien ausreichende Betätigungs- und Bestätigungsfelder vorfinden. Dazu gehört die Schaffung oder Neuausschreibung von Professuren mit Gender Studies Denomination, dazu gehört der Ausbau innovativer Formate, die es internationalen Forscher_innen ermöglichen, ihre Ergebnisse mit uns an der Universität Wien auszutauschen – vielleicht ein die Käthe Leichter-Gastprofessur ergänzendes Fellowship-Programm? –, dazu gehört die Einrichtung einer Forschungsplattform, die Synergien zwischen den zahlreichen Genderforscher_innen aller Fakultäten der Universität Wien ermöglicht.

Wir müssen das, was feministische Vorkämpfer_innen an der Universität Wien geschafft und geschaffen haben, nicht nur erhalten – das scheint derzeit schon eine überaus große Anstrengung zu sein – sondern auch ausbauen und in die Zukunft führen. Ich bin überzeugt, dass wir das können: Die notwendige Inspiration dafür können wir jedenfalls auch von dieser Veranstaltung heute nehmen.