Aktuell

Recht und Geschlecht. Zugänge zur empirischen Rechtsforschung

(Heft 2_2021)

Der Schwerpunkt dieses Hefts widmet sich der empirischen feministischen Rechtsforschung, deren zentrales Anliegen es ist, die wechselseitige Durchdringung von Recht und Geschlecht durch genaue und systematische Beobachtung und Analyse zu erfassen. Um Funktions-weisen von Recht und Geschlecht aus intersektionaler Geschlechterperspektive zu durchdringen, wird Recht als konstitutiver Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit verstanden. In den letzten Jahren konnte diese Forschung einige rechtsdogmatische Selbstverständlichkeiten in Frage stellen und die Situiertheit von Recht und Rechtsprechung aufzeigen. Recht wird dabei über die bloßen Gesetzestexte hinaus als Praxis und Diskurs betrachtet und zugleich der doppelten Dynamik des Rechts als regulierender, repressiver und zugleich ermöglichender Kraft besondere Beachtung geschenkt. Die empirische feministische Rechtsforschung knüpft an den Legal Gender Studies sowie der Queer Legal Theory an, um gesellschaftliche Machtverhält- nisse in ihrer intersektionalen Verwobenheit und mit besonderem Fokus auf die Möglichkeiten für mehr Geschlechterdemokratie zu bearbeiten.

Die interdisziplinäre empirische Rechtsforschung – innerhalb derer die feministischen Ansätze einen zentralen Strang bilden – knüpfen vor allem an die in Deutschland starke Tradition der Rechtssoziologie an. Zum anderen fließen in sie Ansätze der internationalen Law-and-Society-Forschung ein, in der sozialwissenschaftliche, kulturanthropologische und historische Ansätze zusammentreffen.

Die Beiträge zum Schwerpunktthema setzen an unterschiedlichen Punkten des komplexen Verhältnisses von Recht und Geschlecht an. Empirisch meint in diesem interdisziplinären Zusammenhang sehr Unterschiedliches. Dies reicht von langfristigen ethnographischen Beschreibungen über konzise angelegte qualitative Erhebungen etwa mit Hilfe von Interviews bis hin zu genauen quellenkritischen Textanalysen, um nur einige Eckpunkte zu umreißen. Genauer geht darauf Beate Binder ein, wenn sie die Beiträge dieses Hefts in unterschiedliche Forschungsstränge und Auseinandersetzungen der feministischen Rechtskritik und -forschung einordnet. Susanne Baer und Petra Sußner stellen am Beispiel eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zum Refoulement-Schutz vor, wie mit Hilfe ihres Konzepts der Verhandlung höchstgerichtliche Urteilsbegründungen in einen längeren Prozess politischer Auseinandersetzungen um Rechtstatsachen eingeordnet werden und deren komplexe Analyse so möglich wird. Isabell Hensel und Judith Höllmann interessieren sich für die Rolle von Recht in Kollektivierungsprozessen: Am Beispiel einer Gewerkschafts-kampagne sowie der Diskussionen von Selbstständigen zeigen sie, wie Akteur:innen im Alltag Recht navigieren und dabei auf unterschiedliche Konzepte von Geschlecht zugreifen. In den Analysen zur Funktionsweise von Recht geht es immer wieder um Übersetzungsprozesse, die in komplexe Machtdynamiken eingebunden sind. Dies zeigt auch der Beitrag von Sally Engle Merry, der für dieses Heft von Regine Othmer übersetzt wurde und damit erstmalig auf Deutsch zugänglich gemacht wird. Gewürdigt werden sollen auf diesem Weg die Forschungen der ebenso innovativen wie einflussreichen – leider im Jahr 2020 verstorbenen – Kulturanthropologin, die bislang im deutschsprachigen Raum nur wenig bekannt ist. Merry hat das Feld der law and society-Forschung seit den 1980er Jahren nachhaltig geprägt, insbesondere durch Forschungen zu rechtsbasierten globalen Bewegungen im Feld sexualisierter Gewalt gegen Frauen.

Der Beitrag von Veronika Springmann diskutiert aus rechtshistorischer Perspektive einen zentralen Moment in der Diskussion um die sogenannte Homo-Ehe: Am Beispiel eines 1989 veröffentlichten Textes zeigt sie, wie sich in der Diskussion um die gesetzliche Verankerung der eingetragenen Lebenspartnerschaft ein bestimmtes Modell durchsetzt.

In der Rubrik „Im Gespräch“ diskutieren Beate Binder und Maja Apelt mit Elisabeth Holzleithner, einer der führenden Vertreter:innen der Legal Gender Studies im deutschsprachigen Raum. Holzleithner hat vor 20 Jahren ein Grundlagenwerk der Legal Gender Studies vorgelegt, in dem sie die Grundzüge feministischer Rechtskritik und -praxis, die Entwicklung des Gleichstellungsrechts in Österreich und der EU sowie spezifische Rechtsbereiche aus Geschlechterperspektive diskutiert. Der Titel „Recht Macht Geschlecht“ steht für die Perspektive des Buchs, das die herrschaftskritischen Potentiale der Legal Gender Studies in den Mittelpunkt stellt.

Die in diesem Heft versammelten Beiträge bilden lediglich einen Ausschnitt gegenwärtiger feministischer empirischer Rechtsforschung ab. Bereits dieser verweist auf die im Feld vorhandene Vielfalt an Perspektiven und Problemstellungen, Forschungsstrategien und theoretischen Bezugnahmen. Bei aller Unterschiedlichkeit gehen die Analysen jedoch von der gemeinsamen Überzeugung aus, dass Recht mehr als bloßes Herrschaftsinstrument ist. Der Blick richtet sich auf das soziale Leben von Recht, um intendierte wie unvorhergesehene Wirkungsweisen und Effekte von Recht und Rechtsprechung und die Logiken rechtsbezogener Praktiken und Diskurse herauszuarbeiten. Die Aufsätze sind in zwei weiteren Aspekten miteinander verbunden: Erstens machen sie deutlich, dass empirische Rechtsforschung einen wichtigen Beitrag zur Kritik bestehender Ungleichheitsverhältnisse leistet und die Basis für die Diskussion feministischer Politiken bilden kann. Dabei öffnet empirische Forschung zweitens über die Beschreibung von Phänomenen und das Konstatieren von Missständen hinaus einen Reflexionsraum, in dem auch utopische und transgressive Momente aufscheinen, die in den gegenwärtigen Praktiken und Diskursen angelegt sind und die auf andere Vorstellungen von Recht und Geschlecht wie auch von Gerechtigkeit und solidarischem Miteinander verweisen.

Die Idee zu diesem Heft, das einen aktuellen Beitrag zu den bereits vorliegenden Publikationen im Feld feministischer empirischer Rechtsforschung leisten will, entstand im Kontext der DFG-Forschungsgruppe „Recht – Geschlecht – Kollektivität: Prozesse der Normierung, Kollektivierung und Solidarisierung“, in der zwei der Herausgeberinnen zusammen mit Kolleg:innen aus der Soziologie, Rechts- und Geschichtswissenschaft sowie der Europäischen Ethnologie seit einigen Jahren zusammen-arbeiten. Ausgehend vom Verhältnis von Recht und Geschlecht richtet sich der Fokus hier auf die Zusammenhänge zu Kollektivität im Sinn von sozialen Gruppen, Prozessen der Kollektivierung und Ideen des Kollektiven. Dass die Mehrzahl der nun vorliegenden Beiträge aus diesem Kontext stammt, war nicht intendiert, es spricht aber für die Produktivität dieses Arbeitszusammenhangs, in dem das Ausbalancieren sehr unterschiedlicher methodischer und theoretischer Zugänge in einem langen Prozess des aktiven Zuhörens möglich wurde und für ein vertieftes Verständnis der komplexen Relation von Recht und Geschlecht gesorgt hat.

Jenseits des inhaltlichen Schwerpunkts finden sich, wie immer, weitere Beiträge im Heft. Dabei möchten wir besonders auf den Diskussionsbeitrag von Tanja Paulitz aufmerksam machen, der eine der zentralen feministischen Erzählungen der letzten Jahrzehnte in Frage stellt. Basierend auf verschiedenen Grundlagen- und Einführungstexten stellt Paulitz fest, dass darin die Unterscheidung von sex und gender als zentral für die frühe Frauen- und Geschlechterforschung beschrieben wird, die dann von den Gender Studies als problematisch erkannt und durch das Verständnis von gender als einer wirkmächtigen biologisch-kulturell-sozialen Konstruktion abgelöst worden sei. Diese Erzählung, so Paulitz, sei von den Vertreter:innen der Gender Studies selbst verbreitet worden, ihre Stimmigkeit müsse aber überprüft werden. Wie jede Kanonisierung habe sie jedenfalls eine dramatische Verkürzung der Vielfalt der früheren Frauen- und Geschlechterforschung mit sich gebracht. Die Redaktion der feministischen studien möchte über die von Paulitz aufgeworfenen Fragen nach einer Kanonisierung dieser Ursprungserzählung in der feministischen Wissenschaft gern weiter diskutieren. Deshalb freuen wir uns über die Einsendung.

Aus aktuellem Anlass haben wir Mechtild Exo um eine Einschätzung der Situation von Frauen und Frauenrechtsaktivist:innen in Afghanistan nach Abzug der Natotruppen und der Machergreifung durch die Taliban gebeten. Exo hat jahrelang mit feministischen Organisationen in Afghanistan zusammengearbeitet. Als Ergebnis dieser Kooperation ist 2017 ihr Buch »Das übergangene Wissen. Eine dekoloniale Kritik des liberalen Peace- building durch basispolitische Organisationen in Afghanistan« erschie- nen. In dem hier abgedruckten Text geht sie abermals darauf ein, welche gewaltvollen Konsequenzen es hat, dass der Widerspruch feministischer Akteur:innen gegen das externe Peacebuilding und ihre Analysen und Vorstellungen in Politik und Wissenschaft nicht aufgenommen wurden. Durch die Entwicklung der Kämpfe um Staatsaufbau und Demokratie in Afghanistan, die sie noch einmal Revue passieren lässt, wurden Frauen mit ihrem Wunsch nach selbstbewusster Organisierung und Bildung im- mer wieder in den Untergrund gedrängt. »So war es seit den 1970er Jah- ren, unter sowjetischer Besatzung, in der Zeit der JihadiHerrschaft von 1992 bis 1996, unter der Taliban-Herrschaft 1996 bis 2001 und in den 20 Jahren westlicher Militärintervention. Und so ist es auch heute wieder unter erneuter Taliban-Herrschaft seit Mitte August 2021.«

In der Rubrik »Bilder und Zeichen« werden Bilder von Marleen Rothaus vorgestellt: Ihrem Selbstverständnis als Künstlerin, Aktivistin und Sozial- arbeiterin entsprechend verortet sie ihre künstlerischen Arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und Politik. Diese setzen sich mit unbezahlter und unsichtbarer Care-Arbeit sowie mit sexueller und reproduktiver Selbstbe- stimmung auseinander. Marleen Rothaus nutzt dafür wiederholt die Figur der Hexe, auf die seit dem Ende der 1960er Jahre in der Frauenbewegung immer wieder als Widerstandsgestalt rekurriert wurde. Rothaus setzt ihre »verhexten« Bilder auch als Demo-Banner bei feministischen Protestaktionen ein.

Berichtet wird in diesem Heft von der Konferenz „Covid, Crisis, Care and Change“, die am 18. und 19. März 2021 von der TU Dresden ausgerichtet online stattfand. Bei der internationalen Tagung diskutierten die Beitragenden, wie sich Care-Arbeit und Care-Beziehungen unter den Bedingungen der globalen Pandemie verändert haben.

Hingewiesen sei außerdem auf den Rezensionsteil und insbesondere auf die dort vorgestellte Monographie von Katharina Pistor. Die Untersuchung »Der Code des Kapitals« lässt sich insofern dem Schwerpunktthema zuordnen, als die Autorin die Bedeutung von Recht für die Sicherung des Kapitals und für die Reproduktion von Ungleichheit untersucht. Weiter werden Publikationen zu Themen, wie Care-Arbeit, Medienkulturana- lyse, die Zusammenhänge von visueller Darstellung und Gewalt oder For- men postromantischer Elternschaft, die im Co-Parenting gelebt werden, besprochen.

Zum Schluss bleibt nur noch, allen Autor:innen und der Redaktion der feministischen studien zu danken: für den Raum, der für die empiri- sche feministische Rechtsforschung geöffnet wurde, für die konstruktive Zusammenarbeit und kontroversen Diskussionen, die unser Nachdenken über das Verhältnis von Recht und Geschlecht weiter vorangebracht haben.

Maja Apelt, Beate Binder und Friederike Kuster im September 2021

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