Kategorie: Corona

Die ›Entdeckung‹ der Reinigungskraft: Von Schutzmaßnahmen und der unterschiedlichen Wertschätzung systemrelevanter Berufe

Nichts hören wir alle seit Bekanntwerden der Ausmaße der Covid-19-Pandemie so häufig wie Anleitungen zum Händewaschen und die Lieder, die wir dabei singen sollen. Es geht um Desinfektion und Hygiene beim Niesen und Husten – wichtige Hinweise für das alltägliche Leben, die auch nach Abklingen der Pandemie angewandt werden sollten, um sich selbst und verletzbare Gruppen zu schützen. Zu solchen Hinweisen gehört auch der Rat, nicht krank zur Arbeit zu gehen. Wer krank ist, sollte zu Hause bleiben und sich auskurieren – eigentlich ein Allgemeinplatz, der sowohl dem Schutz der Arbeitnehmer_innen selbst als auch den Kolleg_innen oder Mitfahrer_innen im ÖPNV zugutekommt. Nur: Dass es ein Privileg ist, dies tun zu können, wird mit Blick auf Menschen deutlich, die in prekarisierten Arbeitsbereichen tätig sind und für die sich diese einfache Grundregel schwieriger gestaltet.

Auf diese Problematik deutet der jüngst bekannt gewordene Fall im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg hin. Hier wurde eine Ausbreitung des Corona-Virus entdeckt, die wohl insgesamt 20 Patient_innen sowie 20 Mitarbeiter_innen der Onkologie betrifft. In einem Artikel von Spiegel-Online heißt es: „Laut SPIEGEL-Informationen gehen die Infektionen auf eine infizierte Reinigungskraft zurück, die Anfang vergangener Woche Bediensteten der Klinik wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes aufgefallen war.“ Die Pressestelle habe allerdings angegeben, die Infektion könne nicht auf eine einzelne Person zurückgeführt werden. Der NDR griff am Folgetag diese Aussage aus dem Spiegel-Artikel in einem Nachrichtenbeitrag auf und zitierte die Klinik: Die Reinigungskraft könne aus Sicht des UKE schon aufgrund ihres mangelnden Direktkontakts mit Patient_innen und medizinischem Personal nicht die Infektionsquelle sein. In einem späteren Beitrag des NDR wiederum heißt es, zunächst habe sich ein Pfleger krankgemeldet, dann ein Arzt und danach erst sei „eine Reinigungskraft mit Symptomen bei der Arbeit entdeckt“ worden. 

An dieser Stelle kann und soll es nicht darum gehen, über die genauen Umstände zu spekulieren. Vor dem Hintergrund meiner ethnografischen Forschung zu Reinigungsarbeiten im Krankenhaus stellen sich jedoch Fragen, die über diesen einzelnen Fall hinausgehen. Ist es Zufall, dass ein Pfleger und ein Arzt sich selbst krankmeldeten, eine Reinigungskraft mit Krankheitssymptomen dagegen von anderen beim Arbeiten „entdeckt“ wurde (NDR), bzw. „aufgefallen“ war (Spiegel Online)? Diese Formulierungen in der Berichterstattung erzeugen fast den Eindruck, als gehe es hier um ein ,Ertappen‘ – jedenfalls tritt die Reinigungskraft im Gegensatz zu Pfleger und Arzt nicht aktiv auf. Dies deutet auf eine Struktur hin, die während meiner Forschung immer wieder deutlich wurde: Reinigungskräfte müssen täglich darum kämpfen, im hierarchischen Gefüge des Krankenhauses überhaupt als Akteur_innen wahrgenommen zu werden.

Reinigung im Krankenhaus ist körperlich anstrengend, auf vielfache Weise prekarisiert und wird weitgehend von Frauen* verrichtet, überwiegend von Migrant_innen. Die ökonomische und gesellschaftliche Geringschätzung dieses Arbeitsbereichs hängt mit der historisch kontinuierlichen Feminisierung all derjenigen Tätigkeiten zusammen, die mit Hausarbeit assoziiert werden. Darüber hinaus werden in diesem Bereich auch Prekarisierungsprozesse in der Migrationsgesellschaft deutlich, beispielsweise wenn Bildungsabschlüsse von Migrant_innen nicht anerkannt und Zugänge zu anderen Tätigkeitsbereichen strukturell erschwert werden. In der Geschlechterforschung werden die Wechselwirkungen zwischen Zuschreibungen an diejenigen, die eine Arbeit ausführen, und der Bewertung dieser Tätigkeit vielfach untersucht. Reinigungskräfte, so zeigt auch meine Forschung, sind alltäglich mit rassistischen Zuschreibungen sowie mit der Abwertung ihrer Tätigkeit und ihrer Fähigkeiten konfrontiert.

Die konkreten Arbeitsbedingungen der Reinigung in Krankenhäusern hängen mit Ökonomisierungsprozessen des Gesundheitssystems zusammen, im Zuge derer die ,nicht-medizinischen‘ Arbeitsbereiche meist an externe Dienstleistungsfirmen oder Tochterunternehmen ausgelagert werden. Reinigungskräfte sind dort unterbezahlt und erhalten häufig nur Teilzeitverträge und die sogar oft befristet. Im Zuge von Sparmaßnahmen werden die von einer Person in der gleichen Zeit zu reinigenden Flächen immer größer.

Meine Gesprächspartner_innen aus der Reinigung berichteten mir besorgt, sie müssten immer mehr Abstriche in der Qualität ihrer Arbeit machen, um das Pensum annähernd bewältigen zu können. Außerdem schilderten sie mir ihre Angst, krank zu werden, weil sich dadurch ihre Arbeitsbedingungen zusätzlich verschlechtern könnten – ein Grund, wenn irgend möglich (auch krank) zur Arbeit zu kommen. Es wurden von ihnen zudem immer wieder hygienische Schulungen und der Infektionsschutz für Reinigungskräfte selbst bemängelt: Anleitungen kämen zu kurz und Informationen würden eher informell untereinander weitergegeben. Diese Zustände verwundern nicht zuletzt vor dem Hintergrund des naheliegenden Zusammenhangs zwischen mangelnder Reinigung und Infektionsgefahren. Auf diese Verbindung und die dringend gebotene Personalaufstockung der Krankenhausreinigung – aktuell und auf Dauer – weist zurzeit auch die Gewerkschaft ver.di hin.

Seit Ausbruch der Pandemie haben schon viele Geschlechterforscher_innen die aktuelle Situation analysiert und kommentiert (einen Überblick über geschlechtersoziologische Texte zu Corona bieten Tanja Carstensen, Imke Schmincke und Isabel Klein). Unter anderem wird diskutiert, was es bedeutet, dass die meisten „systemrelevanten“ Berufe überwiegend so genannte Frauenberufe sind (z.B. Lena Hipp). Dass Berufe wie die Pflege aktuell viel mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren, ist sicherlich ein positiver Nebeneffekt der Pandemie. Dabei, so machen auch Pflegekräfte deutlich, darf es jedoch nicht bleiben, vielmehr müssen die Arbeitsbedingungen in diesen Berufen grundlegend verbessert werden – auch über die Krise hinaus (z.B. Barbara Thiessen). Dies sollte auch und nicht zuletzt für den Arbeitsbereich Reinigung gelten: In Zeiten, in denen es nicht mehr nur in klinischen, sondern allen öffentlichen Räumen um erhöhte Hygienestandards und Infektionsschutz gerade für die Verletzbarsten unserer Gesellschaft geht, gewinnt die Reinigung an Bedeutung. Die Anerkennung dafür fehlt jedoch noch weitgehend – auch in der Corona-Berichterstattung über systemrelevante Berufe und in öffentlichen Beifallsbekundungen. Letzteres bedauert auch die Klinik-Reinigungskraft Erika Radisavljevic in einem Spiegel-Online-Interview, das bisher eine Ausnahme darstellt. 

Die Corona-Pandemie zeigt drastisch, dass die bisher immer noch weitgehend unsichtbare Reinigungsarbeit sichtbarer werden muss. Die besonders in der Geschlechterforschung geführte Debatte um gesellschaftlich ungleich verteilte Verletzbarkeiten muss auch diesen Arbeitsbereich und seine Akteur_innen einbeziehen, damit sie nicht erst in der Krise ,entdeckt‘ werden. 

Corona und die Hochschulen. Anmerkungen zum Digitalisierungsvirus

Seit die Universitäten zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus geschlossen wurden, versenden die Hochschulleitungen Rundmails mit der Aufforderung, für das anstehende Sommersemester digitale Lösungen für Forschung und Lehre auszuarbeiten, um die Aufrechterhaltung des universitären Betriebs sicherzustellen. Wie zur Motivation publizieren die Onlineportale aller Tages- und Wochenzeitungen ständig neue Mode-, Ernährungs- und Fitnesstipps für ein effizientes Arbeiten im Home-Office. In der digitalen Geschäftigkeit wird der Schmerz um die an Covid-19 Verstorbenen, die Sorge um die Kranken und Gefährdeten verdrängt. Die neue Grußformel „Bleib gesund!“ ist in ihrer Befehlsform mehr Aufforderung als Wunsch.

Dagegen wäre ein radikalfeministisches Innehalten wünschenswert, das sich dem digitalen Übergang zum business als usual verweigert und die Trauer um den Verlust von Öffentlichkeit und feministischen (Lehr-) Praktiken zum Ausdruck bringt. 

Die verordnete soziale Distanzierung, wirft alle (die eine haben) auf die Gemeinschaft mit ihren Vertrauten zurück und macht die Gesellschaft mit Fremden nahezu unmöglich: das zufällige wortlose Miteinander im Kino oder im Hörsaal, die flüchtige Begegnung im Café oder im Zug. In einem räumlich und zeitlich beschränkten Draußen bleiben alle auf ihre eigenen, schnellen Schritte, das jeweilige Ziel konzentriert. Vorsichtig, gar misstrauisch auf Abstand bedacht, fehlt die Aufmerksamkeit für Gesichter, Gesten und Gerüche, die uns neugierig machen, befremden, Erinnerungen wecken, auf andere Ideen bringen, zum Nachdenken anregen. Ins Freie zu gehen heißt, ins Unvorhergesehene gehen. Die Kontamination mit den Anderen ist das Glück und zugleich das Wagnis der Öffentlichkeit. Daran zu erinnern, stellt die aktuell gebotene Rücksichtnahme nicht in Frage. Die Klage über den Verlust des offenen Miteinanders sucht zu benennen, was auch diejenigen schmerzt, die infolge einer Infektion oder zur Vorsorge in Quarantäne leben müssen. Sie ist außerdem eine Form der Verweigerung, die digitale Simulation als Ersatz gelten zu lassen. 

Mit den Einschränkungen des öffentlichen Lebens geht die Universität als öffentlicher Bildungsraum verloren. Der Campus reduziert sich auf eine digitale Lernplattform, in der Inhalte zu einem an die gängigen digitalen Formate angepassten Content werden, um möglichst jederzeit für das wissenschaftliche Content-Sharing abrufbar oder an der Schnittstelle zum E-Commerce verfügbar zu sein. 

Längst wurden die zwiespältigen Effekte der Vermessung und Metrisierung von wissenschaftlichen Praktiken für den akademischen Feminismus kritisch analysiert und die Un/Möglichkeiten von feministischer Theorie und Praxis im Rahmen der unternehmerischen Universität reflektiert. [1] Nachdem sich feministisches Wissen in strategischer Absicht allzu oft als Gender- und Diversity-Expertise integrieren und kommodifizieren ließ, käme es nunmehr darauf an, den Überschuss gegenüber jedem digital content zu betonen und feministische Praktiken nicht in der willfährigen Anpassung an digitale Verkehrsformen preiszugeben. In dem als positiver Nebeneffekt der sogenannten Corona-Krise erwarteten bzw. durch das Krisenmanagement erzwungenen „Schub für die Digitalisierung“ klingt nicht von ungefähr die Metapher für einen Krankheitsverlauf mit nachhaltigen Folgen an: Vieles von dem, was autonome feministische Theoriebildung und Wissensvermittlung ausmacht und seit jeher in der Institution kaum zur Entfaltung zu bringen war, droht im virtuellen Hörsaal gänzlich verloren zu gehen. Für den feministischen Austausch braucht es mehr als ein unscharfes Bild und einen verzerrten Ton in der Konferenzschaltung. Ein virtuelles Meeting bringt nicht in Beziehung, es sorgt lediglich für einen Kontakt, dessen Verlauf und Dauer häufig genug nicht von der Qualität der Kommunikation und der Stimmung unter den Beteiligten abhängt, sondern von der Verfügbarkeit und Geschwindigkeit der Internetverbindung. 

Eine kritische Haltung gegenüber der Transformation des Homo academicus in einen nach ökonomischen Parametern programmierten Homo digitalis lässt sich im Hinblick auf die berufliche Karriere oder die bloße Existenzsicherung qua Lehrauftrag kaum durchalten. Andererseits mag der kritische Anspruch vielen der neuerdings euphemistisch als „Solo-Unternehmer*innen“ bezeichneten Scheinselbständigen des Hochschul- und Kulturbetriebs als anachronistisch erscheinen. Wer die Imperative der neoliberalen Gouvernementalität verinnerlicht hat, weiß die Krise als Chance zu deuten: der verordnete Rückzug ins Home-Office gilt dann als Möglichkeit zur Öffnung neuer „Denkräume“ [2]; das „Zuhause denken“ als neue Philosophie. In der sicheren Quarantäne mit Breitbandanschluss wird das Zuhause nicht als räumliche Enge und intellektuelle Borniertheit erfahren. Obwohl zuletzt ein sozialwissenschaftliches und feuilletonistisches Modethema, erscheint Care nicht als Tätigkeit, die (weiterhin vornehmlich für Frauen) zur Doppel- und Dreifachbelastung wird, wenn das Home-Office parallel zur Ganztagsbetreuung von Kindern und/oder der Versorgung von älteren Angehörige sowie deren (in der Regel zur Corona-Risikogruppe zählenden) Pflegekräften organisiert werden muss. Letztlich exponiert sich jeder Zweifel an einer Aufwertung des Domizilen dem Vorwurf der mangelnden Selbstoptimierung, der auch die fehlende Anpassung an die schöne neue digitale (Hochschul-)Welt zugeschrieben wird. 

[1] Vgl. Gudrun-Axeli Knapp: Warum nicht vermessen sein? Anmerkungen zur Dialektik feministischer Aufklärung. In: Sabine Hark/Johanna Hofbauer: Vermessen Räume, gespannte Beziehungen – Unternehmerische Universitäten und Geschlechterdynamiken. Berlin 2018, S. 39-70.

[2] Vgl. Svenja Flaßpöhler, Autorin von „Die potente Frau“ (Berlin 2018), in mehreren Radio- und TV-Interviews.