Autor: Die Herausgeber_innen der feministischen studien

Corona-Tier

Großputz! Care nach Corona neu gestalten

Ein Positionspapier zur Care-Krise aus Deutschland, Österreich, Schweiz

care-macht-mehr.com

August 2020

Initiativkreis

Prof. Dr. Margrit Brückner, Frankfurt. Prof. Dr. Eva Fleischer, Innsbruck. Prof. Dr. Claudia Gather, Berlin. Dr. Karin Jurczyk, München. Dr. des. Frank Luck, Basel. Prof. Dr. Maria S. Rerrich, München. Prof. Dr. Barbara Thiessen, Landshut. Dr. Bernhard Weicht, Innsbruck.

Ausgangspunkt

Die Auswirkungen der Corona-Krise im Care-Bereich sind nicht überraschend. Denn Krise war schon vorher im Erziehungs- und Gesundheitsbereich, in Sozialer Arbeit und im Familienalltag. Wir haben sie im länderübergreifenden Care-Manifest vom Sommer 2013 als Care-Krise bereits skizziert: 

“Care in allen Facetten ist in einer umfassenden Krise. Hierzu gehören unverzichtbare Tätigkeiten wie Fürsorge, Erziehung, Pflege und Unterstützung, bezahlt und unbezahlt, in Einrichtungen und in privaten Lebenszusammenhängen, bezogen auf Gesundheit, Erziehung, Betreuung u.v.m. – kurz: die Sorge für andere, für das Gemeinwohl und als Basis die Sorge für sich selbst, Tag für Tag und in den Wechselfällen des Lebens. Care ist Zuwendung und Mitgefühl ebenso wie Mühe und Last. Gleichwohl ist Care keine Privatangelegenheit, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Auch wenn derzeit einzelne Themen öffentlich verhandelt werden (Kita-Ausbau, Pflegenotstand, Burnout etc.), sind grundsätzliche Lösungen nicht in Sicht. Das Ausmaß der Krise zeigt sich erst, wenn alle Care-Bereiche zusammen gedacht werden.”

Die Krise in Care-Bereichen, die durch die Corona-Pandemie nun noch viel deutlicher zu sehen und zu spüren ist, zeigt sich am ohnehin schon bestehenden Mangel an Pflegefachpersonen ebenso wie an der Not von 24-Stunden-Betreuerinnen aus osteuropäischen Ländern. Sie betrifft auch Familien mit Kindern, vor allem durch die Gleichzeitigkeit von Home-Office und Home-Schooling  für Alleinerziehende eine unlösbare Aufgabe. Angehörige von Menschen mit Behinderungen sind betroffen, die nach der Schließung von Betreuungseinrichtungen als Unterstützungspersonal in Verantwortung genommen wurden. Nicht zuletzt leiden Kinder und Jugendliche, die nicht mehr in Kindertagesstätten (Kitas), Horte und Einrichtungen der offenen Jugendarbeit gehen können. Zutage treten auch die Probleme, die entstehen, wenn Sozialarbeits-, Gesundheits- und Pflegestrukturen vor allem nach ökonomischen Kriterien ausgerichtet werden. Dies zeigt der eklatante Mangel an Personal und Ausrüstung. Deutlich wurde auch, dass diejenigen, die Care leisten, einerseits endlich als “systemrelevant” sichtbar und als solche auch beklatscht wurden, aber andererseits in den Krisenstäben und Expertengremien nicht oder nicht angemessen vertreten waren. 

In der noch andauernden Pandemie wird einmal mehr deutlich, dass zum Menschsein nicht nur der Wunsch nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit gehört, sondern auch Verletzlichkeit und Angewiesenheit. Menschen können  in jedem Alter  ohne Care nicht (über-)leben. Frauen sind als Care-Gebende sowohl in Familien als auch in Care-Berufen überproportional aktiv. Dass Care-Tätigkeiten in beiden Bereichen sinnstiftend und erfüllend sein können, entdecken aber auch immer mehr Männer. Wir sollten Care jenseits von Geschlechterklischees denken und adressieren, ohne Geschlechterhierarchien zu verfestigen. Und: Care-Arbeit muss geschlechtergerecht finanziert werden.

Die Krise kann dann eine Chance sein, wenn nicht nur Prämien und Held*innentitel verteilt werden, sondern die Gelegenheit genutzt wird, unsere Gesundheits-, Sozial- und Wohlfahrtssysteme und somit die Gesamtheit von Care-Arbeit gesellschaftlich solidarischer zu organisieren und zu finanzieren. Wir haben dazu erste Arbeitspakete vor dem Hintergrund unserer Forschungen zusammengestellt, die an einigen Stellen exemplarisch auf die besondere Situation in den drei Ländern Deutschland, Österreich, Schweiz Bezug nehmen.

Care-Reform-Arbeitspakete

I. Care Mainstreaming einführen!

Abhängigkeiten von Anderen und die Sorge füreinander sind keine Randerscheinungen, die auf kleine Gruppen der Gesellschaft reduziert sind. Vielmehr besteht menschliches und gesellschaftliches Leben aus Interdependenzen, denen mit unterschiedlichen Arten von Care begegnet wird. Eine faire Gesellschaft muss deshalb an diesen – für die Existenz aller – notwendigen Tätigkeiten und Bedarfen ausgerichtet werden. Überall in ökonomischen und sozialpolitischen Planungsprozessen soll Care von Beginn an mitgedacht werden: Care Mainstreaming heißt, dass bei allen politischen Maßnahmen aller Ressorts die Auswirkungen auf Menschen, die Care-Verantwortung tragen, die Care-Tätigkeiten leisten oder die Care benötigen, als verpflichtende Dimension bei Entscheidungen berücksichtigt werden. Es braucht dafür eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, wie wir Care gemeinsam organisieren wollen, in der die Stimmen aller Beteiligten gehört werden. So startet z.B. derzeit in Österreich ein digitaler Beteiligungsprozess zur Zukunft der Pflege, der in der parlamentarischen Entscheidungsfindung seinen Niederschlag finden muss.

      II. Professionelle Care-Arbeit angemessen
finanzieren und entlohnen!

Die Finanzierung von Kliniken, Pflege-, Sozial- oder Erziehungseinrichtungen basierend auf öffentlichen Mitteln und Beitragszahlungen muss so geändert werden, dass die Erfüllung des sozialpolitischen Auftrags im Vordergrund steht, statt die Erwirtschaftung von Renditen. Dies betrifft vor allem gute Rahmenbedingungen für Nutzer*innen und Beschäftigte. Das Beispiel Österreich zeigt, dass es möglich ist, dies auch politisch umzusetzen: So sind dort in mehreren Bundesländern Altenpflegeheime verpflichtend gemeinnützig zu führen. 

Auch in Care-Berufen, die spezialisierte, oft hochqualifizierte Ausbildungen erfordern, ist eine angemessene Tarifierung von Care-Arbeit, die den spezifischen Anforderungen der Tätigkeiten entspricht, wesentlich. Seit den 1980er Jahren gibt es ausgearbeitete Modelle der Arbeitsbewertung, die sowohl Beziehungskompetenzen als auch die unmittelbare Verantwortung für Menschen einbeziehen.

Care-Arbeiter*innen in der Pflege, der Erziehung, der Sozialen Arbeit, aber auch Arbeitende in der Gebäudereinigung sind gewerkschaftlich wenig organisiert. Zudem ist in Deutschland der Anteil der tarifgebundenen Arbeitgeber*innen, die in Verbänden organisiert sind, in vielen dieser Branchen gering. Damit fehlen wesentliche Voraussetzungen für erfolgreiche Tarifverhandlungen und auch für Flächentarife. Um mehr Macht in Tarifauseinandersetzungen zu haben, bessere Löhne und Arbeitsbedingungen auszuhandeln, ist es erforderlich, dass sich deutlich mehr Beschäftigte aus dem Care-Bereich zusammenschließen und gewerkschaftlich organisieren. Solange dies nicht der Fall ist, ist die Politik gefordert, entsprechende Rahmenbedingungen und Mindeststandards zu setzen, wie dies aktuell in Deutschland im Bereich der Pflege geschieht: Neben dem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn wird für die Pflege durch eine “Pflegekommission” bestehend aus Vertreter*innen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern ein Branchenmindestlohn verhandelt. Dies kann aber nur ein Schritt zu einem System angemessener und gerechter Löhne sein. Das wäre auch für viele weitere Care-Berufe mit geringem Organisationsgrad notwendig.

     III. Arbeitsbedingungen in Care-Berufen verbessern! 

Der Mangel an Menschen, die in Care-Berufen wie Pflege, Sozialer Arbeit oder Kindererziehung und -betreuung arbeiten wollen, ist über bessere Bezahlung alleine nicht zu beheben. Ein wesentlicher Faktor sind die Bedingungen, unter denen professionelle Care-Arbeit heute geleistet wird. Das gesellschaftliche Image als zweite, schlechtere Wahl gegenüber der ‘eigentlichen’ Versorgung oder Betreuung in Familien ist dabei nur ein Aspekt. Imagekampagnen, die hervorheben, dass die Lebensbedingungen in Heimen besser sein können als ihr Ruf und dass Kitas besonders gute Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten bieten können, reichen nicht aus. Für die Umsetzung qualitativ hochwertiger professioneller Care-Arbeit braucht es neben gut ausgebildetem Personal vor allem angemessene Betreuungsschlüssel und Fallzahlen, hinreichend Zeit für Kommunikation, um Care-Aufgaben im Dialog gestalten zu können und auf das Wesentliche fokussierte Dokumentationspflichten. Hierzu gehört z.B. gesellschaftlich-politisches Engagement wie die „Pflegeinitiative“ des Berufsverbandes SBK (Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner: www.pflegeinitiative.ch). Dann können Fachpersonen das tun, wofür sie ausgebildet sind: Menschen unterstützen in einem selbstbestimmten Leben. Ebenso braucht es eine Arbeitswelt mit flachen Hierarchien, Mitsprache bei der Gestaltung der Arbeitsprozesse sowie Möglichkeiten für kontinuierliche Fort- und Weiterbildung. Ein weiteres positives Beispiel ist aus Deutschland mit aktivistischer Organisierung gelungen, rund um die Arbeitskämpfe an der Berliner Charité 2014. Hier wurde ein erweiterter Pflegeschlüssel und das Wieder-‚Insourcing‘ von Berufsgruppen in die Klinik (z.B. Reinigungskräfte, Hausmeister*innen) erkämpft.

Prekarisierte Angebote in Pflege und Betreuung, wie etwa die häusliche 24-Stunden-Betreuung, müssen neu geregelt werden: Ausreichende Sozialversicherung, angemessene Entlohnung, fairer Zugang zu Sozialleistungen, kontrollierte Arbeitsbedingungen mit genügend Freizeit und Erholung, menschenwürdige Lebensbedingungen in den Haushalten sowie ein sicherer Aufenthaltsstatus sind vorzusehen. Dies sollte ohne Pseudo-Selbständigkeit und Abhängigkeiten von Vermittlungsorganisationen umgesetzt werden. Darüber hinaus braucht es gesamteuropäische Zugänge, damit nicht die Lösung von Problemen in einem Land durch migrantische Arbeitskräfte zu einer Verschärfung der Care-Krise in deren Herkunftsländern führt. 

Ein erster Schritt dazu wäre die Ratifizierung (Österreich) bzw. Umsetzung (Deutschland, Schweiz) der ILO Konvention 189 zum Schutz von Hausangestellten.  Die Kampagnen dazu sollten von Selbstvertretungsorganisationen der migrantischen Pflege- und Betreuungskräfte, Gewerkschaften und NGOs gemeinsam getragen werden. Zudem braucht es lokale Informationskampagnen, um die migrantischen Arbeitskräfte über die ihnen zustehenden Rechte aufzuklären und die Haushalte über ihre Pflichten zu unterrichten.

     IV. Mehr Zeit für Care im Alltag und im Lebenslauf!

Care braucht Zeit – im Beruflichen und im Privaten. Die jeweiligen Aufgaben folgen einer eigenen Logik, nicht einem standardisierten Takt, und davon hängt die Qualität von Care stark ab. Deshalb müssen Menschen über ein Recht auf Zeit für Care-Aufgaben verfügen, das sie beim Berufseinstieg erhalten. Das Verhältnis von Ausnahme und Regel bei der Inanspruchnahme von persönlichen Care-Zeiten wird damit umgekehrt. Denn bislang gilt jede Unterbrechung oder Verkürzung der Erwerbsarbeit als Abweichung von der ‘normalen’ Erwerbsbiografie. Da verstärkte Care-Bedarfe zu jedem Zeitpunkt auftreten können und oft unvorhersehbar sind, ist mit starren Einzelregelungen  etwa nach der Geburt eines Kindes  nicht viel geholfen. Das Care-Zeit-Budget sollte daher über den gesamten Lebensverlauf hinweg selbstbestimmt und flexibel für unterschiedliche Care-Aufgaben genutzt werden können. Und es muss, da es um gesellschaftlich relevante Tätigkeiten geht und die Erwerbsgesellschaft auf diese angewiesen ist, auch mit einem Lohnersatzanspruch und sozialer Sicherung einhergehen. Ein solches “Optionszeitenmodell” (www.fis-netzwerk.de) zielt darauf, berufliche Unterbrechungen oder Arbeitszeitreduzierungen für Care-Aufgaben für alle Menschen zu einer neuen Normalität zu machen. Wenn diese selbstverständlich werden, tragen nicht mehr vor allem Frauen die Risiken für Care-bedingte berufliche Auszeiten.

Dieses Zeitmodell kann nur dann geschlechtergerechte Wirkung erzielen, wenn es flankiert wird durch begleitende steuerliche und sozialversicherungsrechtliche Regelungen (z.B. bei Renten und Pensionen) sowie durch Abschaffung des Gender Pay Gap.

         V. Digitalisierung und die Auswirkungen auf
Care-Arbeit: Kritisch 
reflektieren und geschlechtergerecht organisieren!

Der hohe Ökonomisierungsdruck in Care-Institutionen treibt digitale Rationalisierungs- und Standardisierungsprozesse voran. Care-Arbeit ist aber nicht ohne weiteres durch digitale und virtuelle Angebote ersetzbar. Sie braucht unmittelbare menschliche Interaktion, Kommunikation sowie Beziehungen aufgrund persönlichen Vertrauens.

Eine mögliche Gefahr der Digitalisierung liegt darin, dass die impliziten technologischen Möglichkeiten als Lösung für problematische Arbeitsbedingungen gelten, ohne die nötigen strukturellen Reformen für Betroffene und Beschäftigte anzugehen. Wo in Care-Berufen viele Frauen beschäftigt werden, sind Weiterbildungen und betriebliche Schulungen nicht so verankert wie in der Industrie, auch weil Frauen oft in Teilzeit arbeiten und ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen. Für Alleinerziehende ist die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Weiterbildung noch herausfordernder. Care-Beschäftigte dürfen aber nicht abgehängt werden von den digitalen Entwicklungen in ihrem beruflichen Umfeld.

Neue Perspektiven sind nötig, um eine geschlechtergerechte und diskriminierungsfreie Technik zu entwickeln. Hierfür braucht es mehr Frauen als Entwickler*innen, die auch Care- Arbeiter*innen an der Technikentwicklung beteiligen, um ihr Erfahrungswissen einzubeziehen. Es braucht einen Wandel auf gesellschaftlicher Ebene, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geschlechtergerecht zu organisieren. Mobiles und flexibles Arbeiten bietet hierfür Chancen. Dabei sind aber unter den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung klare Regularien und Betriebsvereinbarungen notwendig, die sich nicht einseitig zum Vorteil der Arbeitgeber*innen ausrichten.

Durch neue Online-Anbieter*innen, die flexibel buchbare Care-Arbeitskräfte vermitteln, bereitet sich aktuell ein neuer prekärer Markt in Privathaushalten aus. Eine Reihe von Start-ups der digitalen Plattformökonomie erzielen Gewinne mit App-basierter Vermittlung von Dienstleistungen. Die angepriesene Flexibilität bezahlen jedoch die Arbeitskräfte, auf die die sozialen Risiken abgewälzt werden. Deshalb braucht es spezifische arbeitsrechtliche Regulierungen in diesem Feld und einen umfassenden Schutz der Care-Arbeitskräfte in der Plattform-Ökonomie.

     VI. Caring Communities:
Sorgende Nachbarschaften fördern!

Wenn wir in der Corona-Krise eines gelernt haben, dann, dass es eine hohe Bereitschaft gibt, zusammen zu halten, aufeinander zu achten und füreinander zu sorgen. Nachbarschaften sind eine wichtige Ressource für das Alltagsleben, können aber nicht auf Dauer Leerstellen des Sozial- und Wohlfahrtsstaates füllen. Deshalb braucht es heute und auf lange Sicht unterstützende Strukturen, z.B. Hauptamtliche aus der Sozialen Arbeit, die freiwilliges Engagement vernetzen und stärken. Sie sollen auch Menschen stützen, die in Familien, Wohngemeinschaften und Nachbarschaften Betreuungs- und Pflegearbeit übernehmen, und mit Informationen versorgen. Zudem sind Anlaufstellen vonnöten, wie etwa Stadtteilcafés oder Dorfläden. Beteiligungsprozesse in der Stadt- und Regionalplanung, um Begegnungsräume und ausreichende Infrastrukturen zu schaffen, sind dazu ebenso unumgänglich wie barrierefreies Bauen. 

  VII. Ausreichend Schutz vor Gewalt!

Care ist eine emotional aufgeladene Tätigkeit, da Sich-Sorgen auf Beziehung und Kontakt beruht, ob im familialen oder professionellen Feld. Sorgen braucht das sich Einlassen in einem asymmetrischen Kontext sowohl von Seiten der Sorge-Gebenden als auch von Seiten der Sorge-Nehmenden. Eigene und fremde Wünsche, Ängste, Wut, Scham und andere Gefühle müssen bewältigt und Vorgehensweisen ausgehandelt oder zumindest gegenseitig akzeptiert werden. Care schließt daher mögliches Scheitern durch Missverstehen, Vernachlässigung, Übergriffigkeit oder Gewalttätigkeiten ein und stellt eine Gratwanderung zwischen Hingabe und Abgrenzung, Verantwortung und Bevormundung, Desinteresse und Selbstausbeutung dar. Care-Beziehungen sind besonders dann gefährdet, wenn sie von Machtverhältnissen durchzogen sind wie z. B. Eltern-Kind-Beziehungen, Fürsorge für Kinder in Einrichtungen, Pflege zu Hause und in Einrichtungen und auch Partnerbeziehungen zwischen Frauen und Männern aufgrund von Hierarchien. Besonders in Zeiten von Abschottungen wie während der Corona-Pandemie bleibt Gewalt oft unsichtbar, obwohl viele Anzeichen dafürsprechen, dass aufgrund eingeschränkter Möglichkeiten einander auszuweichen einerseits und steigender Belastungen andererseits, Übergriffe zunehmen. Wie sich Gewalt in Familien und in Einrichtungen in und seit der Corona-Krise verändert hat, muss wissenschaftlich untersucht werden, ebenso die Frage, wie vorhandene Schutz- und Beratungseinrichtungen greifen, wen sie erreichen, wen nicht und wie diese Maßnahmen ausgebaut werden müssen. 

Bezogen auf Häusliche Gewalt fordert bereits die Istanbul-Konvention des Europarates (seit 1.8.14 in Österreich, 1.2.18 in Deutschland, 1.4.18 in der Schweiz in Kraft) regelmäßiges Monitoring von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, Sicherung des Schutzes aller von Gewalt Betroffenen, bedarfsgerechte Schutz- und Beratungseinrichtungen, wirksame Schutzrechte von Kindern und Abbau von Kooperationshindernissen zwischen beteiligten Institutionen, um das Recht aller Menschen auf Unversehrtheit zu wahren.       

VIII. Selbst- und Mitbestimmungsrechte
von Care-Empfänger*innen ernst nehmen!

Im Zuge der Corona-Maßnahmen wurden freiheitsbeschränkende Entscheidungen in Institutionen, etwa Besuchs- und Ausgangsverbote, ohne die Einbeziehung von kontrollierenden Instanzen getroffen. Es war nicht mehr überall möglich, dass die Zuständigen für Heimaufsicht und gesetzliche Betreuer*innen/Erwachsenenvertreter*innen Besuche machen konnten. In den Krisenstäben waren Care-Empfänger*innen, z.B. Menschen mit Behinderungen, nicht vertreten. Die gesetzliche Verpflichtung zur Bereitstellung der erforderlichen Mittel für Inklusion wurde in Frage gestellt. Prinzipien der Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) müssen jedoch auch in der Krise gelten. Gleiches gilt für die Prinzipien der Kinderrechtskonvention. Dies bedeutet, dass Partizipation im Sinne von Mitbestimmung (“Mit uns, nicht über uns”) an allen Entscheidungen, die Care-Empfänger*innen betreffen, umfassend verankert und umgesetzt werden muss. Das heißt auch, dass Nutzer*innen mit ihrer Expertise in die Entwicklung von Konzepten und Maßnahmen aktiv einbezogen werden sollen. Dazu braucht es Teilhabe fördernde Strukturen und Prozesse wie Selbstvertretungsorgane in Einrichtungen, partizipative Hilfe- und Sozialplanung. 

     IX. Europäische und internationale
Solidarität stärken!

Die Corona-Krise hat gezeigt: Bei Gefahr wurde der Nationalstaat gestärkt und vor allem in diesem Rahmen Solidarität gezeigt. Europa steht aber für internationalen Zusammenhalt, grundsätzlich und gerade in Krisenzeiten. Es braucht deshalb Katastrophenschutzpläne, die länderübergreifend gelten, sowie unbürokratische Kooperationen, die gegenseitige Hilfe bei Care-Bedarfen ermöglichen. Zudem müssen Grundrechte wie Asyl und Recht auf reproduktive Selbstbestimmung garantiert bleiben. Die 2017 vom Europäischen Parlament, dem Rat und der Kommission verabschiedete Proklamation “Europäische Säule sozialer Rechte” mit den drei Bestandteilen “Chancengleichheit und Arbeitsmarktzugang”, “Faire Arbeitsbedingungen” sowie “Sozialschutz und soziale Inklusion” muss zügig umgesetzt werden – auch mit einer Einladung an die Schweiz, daran mitzuwirken (https://ec.europa.eu/commission/sites/beta-political/files/social-summit-european-pillar-social-rights-booklet_en.pdf).    

Diese Liste an Arbeitspaketen ist nicht abschließend. Aber wer sich beim Aufräumen und Umbauen allzu viel vornimmt, schafft meist nichts. Lassen Sie uns also damit anfangen. Zur alten ‘Normalität’ wollen wir nicht zurück!

Neue Bündnisse schmieden!

Der kommende Großputz wird nur zu bewerkstelligen sein, wenn alle – gerade auch die unterschiedlichen Interessensgruppen – zusammenwirken. Wir als Initiativkreis von Forscher*innen können sozial- und gesundheitswissenschaftliche Expertise liefern. Aber es braucht zusätzlich Fachwissen aus der Praxis, von Nutzer*innen und Beteiligten aus allen Care-Bereichen: Pflege, Betreuung, Versorgung, Erziehung, Beratung, Sozialer Arbeit. Unverzichtbar sind dabei die Wohlfahrtsverbände, Verwaltungen, Gewerkschaften und Initiativen, die sich mit einzelnen oder übergreifenden Care-Themen befassen. 

Kontakt

www.care-macht-mehr.com

V.i.S.d.P. Prof. Dr. Barbara Thiessen, Am Lurzenhof 1, D-84036 Landshut

Zitationsvorschlag: Thiessen, B., Weicht, B., Rerrich, M.S., Luck, F., Jurczyk, K., Gather, C., Fleischer, E. & Brückner, M. (2020). Großputz! Care nach Corona neu gestalten. Ein Positionspapier zur Care-Krise aus Deutschland, Österreich, Schweiz, http://care-macht-mehr.com/Wir danken Deborah Oliveira (Zentrum Gender Studies, Universität Basel, Schweiz), Katharina Pühl (Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin, Deutschland) und Dr. Sarah Schilliger (IZFG Universität Bern, Schweiz) für Beratung und Anregungen. 

Zukunftsbilanz: Transnationale Feminismen 25 Jahre nach Peking

Um Bilanzen geht es in diesem Heft der feministischen studien. Genauer: Um eine Bilanzierung transnationaler Feminismen 25 Jahre nach Peking. Auf die 5 Fragen der Blog-Redaktion antworten die Herausgeberinnen des Heftes, Uta Ruppert, Tanja Scheiterbauer und Katharina Liebsch

1) Worum geht es im Schwerpunktthema des neuen Heftes?

Vor 25 Jahren fand im September 1995 die Weltfrauenkonferenz in Peking statt – Anlass, im neuen Heft den Blick nach vorne zu richten und aus der Gegenwart heraus die Komplexität transnationaler Feminismen in ihren verschiedenen lokalen und regionalen Bezügen und im Zusammenhang mit den Krisen des globalen Kapitalismus, zu diskutieren. Im Zentrum stehen Fragen nach den Perspektiven und zukünftigen Möglichkeiten regional verankerter feministischer Kämpfe um ›gute‹ und nachhaltige Weltentwicklung(en), nach den Chancen und Grenzen transnationaler feministischer Kooperationen und Solidaritäten und nach den Potenzialen von Intersektionalitätsansätzen, die Raum und Zeit bzw. Geopolitik und Historizität als Dimensionen ernst nehmen. 
2) Worauf können sich die Leser*innen besonders freuen?

Auf eine anregende Mischung aus Diskussionen, Stellungnahmen und Positionierungen zu den gegenwärtigen Bedeutungen transnationaler Feminismen, Länder bezogenen Analysen und zwei in die deutsche Sprache übertragenen Schlüsseltexte des jüngeren ‚Panafrikanischen Feminismus‘. 
3) Eine Besonderheit der feministischen studien ist die Rubrik „Im Gespräch“. Mit wem wurde diesmal über welches Thema gesprochen?

Gesprächspartnerin in diesem Heft ist Awin Swed, Aktivistin der kurdischen Frauenbewegung in Nordsyrien. 
Das Gespräch mit ihr vergegenwärtigt, wie sehr die Perspektiven feministischer Kämpfe mit den Konfigurationen inter- und transnationaler Politik verbunden sind. Auch wenn es in der derzeitigen Corona-Pandemie in den Hintergrund getreten ist: der Syrienkonflikt ist aufgrund der Beteiligung einer Vielzahl von Staaten, die um die Neuordnung der Region kämpfen, ein Austragungsort der Auseinandersetzungen um die Neuformierung globaler Politik. Trotzdem, so zeigt das Interview, entwirft die kurdische (Frauen-)Bewegung durch ihre lokalen Praktiken und Politiken inmitten dieses Konflikts eine alternative Zukunft und entwickelt Mechanismen und Politikstrategien, um Gleichheit und Gerechtigkeit basisdemokratisch umzusetzen.  
4) Und welche Künstler*in/nen wird bzw. werden in der Rubrik „Bilder und Zeichen“ vorgestellt?

Hier stellen wir ägyptische Graffiti-Kunst aus den revolutionären Zeiten nach 2011 vor. Das Beitragsbild ist ein Ausschnitt aus einem der gezeigten Graffiti. Die Graffiti sind Ausdruck der starken Politisierung von Geschlechterverhältnissen in diesen Umbrüchen sowie des großen Engagements von Frauen und verweisen zugleich auf die damit verbundenen Gewalterfahrungen. Die Symbolkraft der Abbildungen zeigt, wie weiblich konnotierte Körper und Sexualität in den gesellschaftlichen Kämpfen in Ägypten zu zentralen Austragungsorten der Auseinandersetzung um die zukünftige gesellschaftliche und politische Ordnung wurden.  
5) Welchen Text würden Sie persönlich als ersten lesen?

Die Einleitung. Sie ist in diesem Heft mehr als der übliche einführende Überblick. Vielmehr werden hier transnationale Feminismen historisch, theoretisch, politisch kontextualisiert und entlang der Frage nach den Möglichkeiten zukünftiger feministischer Kooperation nicht nur pointiert dargestellt, sondern auch in ihrer politischen Bedeutung gewichtet und gewürdigt. 

CfA: Empirische Feministische Rechtsforschung

In den letzten Jahren hat die interdisziplinäre Rechtsforschung dadurch Aufmerksamkeit erlangt, dass sie rechtsdogmatische Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt und die – insbesondere in Deutschland dominante – Tradition der Rechtssoziologie mit internationalen Ansätzen der Law and Society-Forschung verknüpft hat, in der sozialwissenschaftliche, kulturanthropologische und historische Ansätze miteinander verbunden werden. In diesem Feld bildet die feministische Rechtsforschung, die sich auch auf die Legal Gender Studies sowie die Queer Legal Theory bezieht, einen zentralen Strang: Sie arbeitet mit genuin interdisziplinären Elementen und liefert grundsätzliche Aufschlüsse über die ambivalente Konstitution moderner Rechtssysteme und deren Praxen. Das geplante Heft zielt darauf, diese Schnittstelle – das Zusammentreffen von feministischer und empirischer Rechtsforschung – stark zu machen. Gemeinsam mit ihren Anschlüssen an feministische Diskussionen und Politiken soll eine empirisch gesättigte und intersektional perspektivierte Rechtsforschung sichtbar gemacht und zur Diskussion gestellt werden. Recht wird dabei, über den engeren Bereich von Gesetzestexten hinaus, als Praxis und Diskurs sowie in seiner doppelten Dynamik als regulierende und ermöglichende Kraft verstanden, und gesellschaftliche Machtverhältnisse sollen als Gegenstand der interdisziplinären Rechtsforschung in den Blick gerückt werden. 

Zentrale Fragen, zu denen wir uns Beiträge wünschen, sind: 

*   Welche Rolle spielen geltendes Recht, Rechtspraktiken und -diskurse in historischen wie gegenwärtigen gesellschaftlichen Konfliktkonstellationen und (vergeschlechtlichten) Aushandlungsprozessen? Welche Austauschprozesse und Wechselwirkungen, vollziehen sich in diesen Auseinandersetzungen, welche Widersprüche und Ambiguitäten werden sichtbar? Wo und wie treffen alltagsweltliche, institutionelle und rechtliche Praktiken und Diskurse aufeinander? 

*   Wir wird Recht durch Praxen mobilisiert, von wem und wie wird es angewendet, wie werden dabei rechtsbezogene Anrufungen in unterschiedlichen Prozessen, Modi und Funktionen wirkmächtig? Welche individuellen und kollektiven Akteure werden dabei aktiv? Welche Effekte hat dies in Hinblick auf Kollektivierungen und Solidarisierungen?

*   Welche Effekte hat es, wenn Menschen sich – affirmativ, ablehnend oder instrumentell – auf Recht beziehen? Durch welche Praxen und Modi verfestigt Recht hierarchische, binäre Geschlechterordnungen, wo ergeben sich Brüche? Wie ist in diesem Zusammenhang der Begriff der Normativität zu verstehen? Wie funktioniert Rechts(durch)setzung als Normdiffusion oder wo scheitert dies? 

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen soll gleichermaßen Aufschlüsse über die Funktionsweise von Recht wie über die Mechanismen und Effekte von Gender als Modus intersektional organisierter Vergeschlechtlichung für bzw. in Recht liefern. Aus dieser doppelten Perspektive auf das Verhältnis von Recht und Geschlecht sollen die Beiträge zur Diskussion darüber beitragen, wie Recht Politiken von Geschlecht und Sexualität prägt und was es bedeutet, wenn Recht zur Lösung gesellschaftlicher Konflikte eingesetzt wird.

Zur Einreichung von Beitragsvorschlägen für die Rubriken „Bilder und Zeichen“ und „Im Gespräch“ laden wir ebenfalls herzlich ein. 

Einreichung und Zeitplanung

Wir bitten um Einreichung von Abstracts im Umfang von 300 bis maximal 500 Wörtern bis zum 17. Juli 2020  anmanuskripte@feministische-studien.de sowie an die Gastherausgeber*innen Beate Binder (beate.binder@hu-berlin.de) und Maja Apelt (maja.apelt@uni-potsdam.de).

Im Fall einer positiven Einschätzung durch die Herausgeber*innen erfolgt bis zum 14.August 2020 eine Einladung zur Beitragseinreichung. Der Abgabetermin des fertigen Beitrags im Umfang von max. 40.000 Zeichen ist der 1. Februar 2021. Alle eingereichten Beiträge durchlaufen ein anonymes Begutachtungsverfahren, auf dessen Basis Redaktion und Gastherausgeber*innen die Auswahl der Beiträge treffen.

Für weitere Informationen oder Nachfragen wenden Sie sich bitte an die Herausgeber*innen des Heftes Maja Apelt (maja.apelt@uni-potsdam.de) und Beate Binder (beate.binder@hu-berlin.de).

Cyborgs Revisited: Zur Verbindung von Geschlecht, Technologien und Maschinen – 5 Fragen

Worum geht es im Schwerpunktthema des neuen Heftes?

Dona Haraway legte in den 1980er Jahren mit „A Manifesto for Cyborgs: Science, Technology, and Socialist Feminism“ einen wichtigen Grundstein für die Science and Technology Studies und stellt zugleich aus Sicht der Geschlechterforschung an die Wissenschaftstheorie ganz grundlegende Fragen, die angesichts technischer Entwicklungen, wie den Wearable Technologies oder Body Enhancement gegenwärtig eine erneute Aktualität erhalten. 30 Jahre nach dem Erscheinen von Haraways berühmten Cyborg Manifest gehen wir in der aktuellen Ausgabe der Feministischen Studien unter dem Titel „Cyborg Revisited“ und mit Blick auf die Neu- und Rekonfiguration der Kategorie Geschlecht durch die Entwicklung und den Einsatz sogenannter Neuer Technologien folgenden Fragen nach: Wie hat sich die Diskussion über die Arbeiten von Dona Haraway entwickelt?  Welche Bedeutung kommt der Cyborg-Metapher heute in der feministischen Theorie und politischen Praxis zu?

Worauf können sich die Leser*innen besonders freuen? 

Die rasante Weiterentwicklung gesellschaftlicher und technologischer Verhältnisse seit den 1980er Jahren, die Digitalisierungsprozesse und jüngste gesellschaftliche Entwicklungen wie die Klimaschutzbewegung haben sowohl Verschiebungen im Werk von Haraway bewirkt als auch zu Verschiebungen in der Kategorie Geschlecht geführt. Im Heft werden grundlegende Fragen aufgegriffen: In welcher Weise kann die Cyborg- Metapher weiterhin für feministische Anliegen fruchtbar gemacht werden? An welchen Stellen muss die Perspektive Haraways weiterentwickelt werden? Die Beiträge des Heftes arbeiten die Aktualität und Anschlussfähigkeit der Metapher in ganz unterschiedlichen Kontexten wie BioArt, Mobilität und Medizin heraus und zeigen damit auf sehr inspirierende Weise verschiedene Anknüpfungspunkte für feministische Theorie und Praxis auf.  

Eine Besonderheit der feministischen studien ist die Rubrik „Im Gespräch“. Mit wem wurde diesmal über welches Thema gesprochen?

In der Rubrik Im Gespräch findet sich ein Austausch zwischen Donna Haraway und ihrer ehemaligen Studentin Thyrza Nichols Goodeve, heute Senior Art Editor bei Brooklyn Rail. Sie diskutieren Ideen und ausgewählte Konzepte aus Haraways Buch „Staying with the trouble“ (2016). Dass Donna Haraway und  Thyrza Nichols Goodeve uns die Zusage für eine gekürzte und fokussierte Fassung des ursprünglichen Gespräches ermöglichten, ist keinesfalls selbstverständlich und wir bedanken uns ganz herzlichen dafür (die Vollversion wurde von Brooklyn Rail veröffentlicht).

Und welche Künstler*in/nen wird bzw. werden in der Rubrik „Bilder und Zeichen“ vorgestellt?

Die norwegische Künstlerin Tone Kristin Bjordam beschäftigt sich schon seit langem mit der Verbindung von Natur, Gesellschaft und Wissenschaft. In ihren Arbeiten visualisiert sie deren Verwobenheit. Ihre Kunst umfasst Videos, Fotografien, Bilder, Objekte und Installationen. Ein umfangreiches Archiv ihrer Werke sowie Interviews zu ihren Ausstellungen sind auch auf Tone Bjordams Website zu finden. 

Welchen Text würden Sie persönlich als ersten lesen?

Die Einleitung gibt einen guten Einblick in die Grundideen des Bandes. Katharina Hoppe führt uns in ihrem Text mit Haraways Gefährt*innen durch die Ethik und Politik der Verwobenheit von Technologien, Geschlecht und Ökologie. Ein hochaktueller Streifzug, der auch sehr gut als Einstieg in den Schwerpunkt gelesen werden kann.  

„Wir kommen gar nicht umhin, diese Fragen breit öffentlich zu diskutieren“ Interview mit Kübra Gümüşay

Kübra Gümüşay setzt sich als Journalistin und Aktivistin für eine gerechte und diskriminierungskritische Form des Zusammenlebens in der Gesellschaft ein. Zuletzt sprach Kübra sich für einen Kurswechsel in aktueller feministischer Politik aus. Wir brauchen mehr eigene Ideen und politischen Gestaltungswillen, ohne den Widerstand gegen Diskriminierung außen vor zu lassen. In einer engen Verzahnung von feministischer Wissenschaft und Politik sieht sie eine wichtige Grundlage, um das gestaltende Potenzial feministischer Politik entfalten zu können. Wir besetzen unterschiedliche Positionen in der feministischen Bewegung wie etwa in der Wirtschaft, im Journalismus, in der Wissenschaft. Doch um eine gemeinsame Richtung einschlagen zu können, sind wir auf einen Austausch untereinander angewiesen. Aus diesem Anlass sind wir ins Gespräch gegangen. Es wurde am Internationalen Frauentag, 8. März 2019, geführt.

Kübra Gümüşay hat 2013 #schauhin und 2016 #ausnahmslos mitinitiiert, schreibt unter anderem für die Tageszeitung, die ZEIT und der Freitag und ist als Referentin z. B. auf der re:publica zu sehen und hören. Im Januar 2020 erscheint ihr Buch Sprache & Sein bei Hanser Berlin.

Das Gespräch führte Sophia Ermert. Sie promoviert zu Öffentlichkeit und feministischen Politiken.

SE: In dem Role Models Podcast „Kübra Gümüşay über Aktivismus und selbstbestimmtes Prioritäten setzen“  vom Januar 2019 sowie in deinem TedxBerlin Talk „Organised Love“  vom November 2018 sprichst du von zwei unterschiedlichen feministischen politischen Strategien: Feminismus sollte nicht ausschließlich in einer Position der Kritik, vor allem an Sexismus und Rassismus, verharren, sondern aktiv Politik gestalten.  Du beschreibst, dass du lange Zeit für deine eigene politische Praxis die erste Strategie gewählt hast. Du hast z. B. in Talk Shows die Rolle übernommen, gegenwärtige Formen von Sexismus und Rassismus zu benennen. Doch von dieser Rolle distanzierst du dich inzwischen. Was hat dich dazu bewogen? Und was ist für dich der Kern der Unterscheidung zwischen den zwei Strategien?

KG: Die Grundfrage dahinter, die auch viele Konflikte auslöst, ist: Wie kann man in die Zukunft gehen, wenn man sich an der Gegenwart abarbeiten muss? Indem wir ständig über Rassismus und Sexismus sprechen, halten wir beides präsent und befeuern sozusagen eine bestimmte Denkart. Wir befeuern das Hinterfragen von Selbstverständlichkeiten, die nicht hinterfragt werden sollten, wie zum Beispiel die Gleichwertigkeit aller Menschen in ihrer Pluralität und Vielfalt. Wir reiben uns auf und legitimieren zudem diese Positionen, die uns eigentlich schaden. Meine Argumentation ist allerdings nicht, zu sagen, nein, wir reagieren nicht mehr auf Provokationen, wir reagieren nicht mehr auf Sexismus und Rassismus, sondern die Frage ist, wie viel Zeit und Energie und wie viele Ressourcen stecken wir in diese Diskussion. Diese Strategie funktioniert nur in der Gleichzeitigkeit mit anderen Strategien wie z. B. dem Vorleben der Selbstverständlichkeit der gesellschaftlichen Pluralität durch Filme, Musik, Kunst & Kultur. Wir müssen uns auch die Frage stellen, wie eine Organisation antirassistisch und feministisch aufgestellt sein und dies vorleben kann. Wie könnte eine Schule entsprechend organisiert sein? Der ausschließliche Fokus auf Missstände ist – radikal formuliert – Ablenkung.

SE: Du verstehst als Kern der zweiten Strategie eine andere Frage: Wie könnte z. B. ein Unternehmen antirassistisch oder feministisch gestaltet werden. Inwiefern wäre das wirklich eine andere Frage? 

KG: Es wäre kein Abarbeiten an bestehenden Strukturen, wenn wir die Strukturen selbst schaffen würden. Was wir gerade machen, ist, Lösungen zu entwickeln, die Löcher stopfen, die in einem System entstanden sind, das vielleicht an und für sich destruktiv ist und wo es wahrscheinlich grundlegenderen Wandel braucht. Vielleicht ist es das Bedingungslose Grundeinkommen oder vielleicht brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag. Welche anderen Arten des Wirtschaftens wären denkbar? Wie wollen wir konsumieren? Auf Basis welcher Werte wollen wir miteinander leben? Wir kommen aber gar nicht dahin, diese Fragen breit öffentlich zu diskutieren, weil wir sagen: Ah ja, dieses Unternehmen hat sexistische Werbung gemacht und dieses Unternehmen hat x gemacht. Wir investieren Lebenszeit in diese Unternehmen – die diese Aufmerksamkeit häufig geschickt zu monetarisieren wissen. Wie gesagt, ich bin nicht dagegen, dass man das tut, sondern dagegen, dass man es ausschließlich tut. Wenn wir nur diese Fragen, die ich gerade gestellt habe, diskutieren würden und überhaupt nicht mehr auf Rassismus und Sexismus etc. reagieren würden, wäre das auch nicht gewinnbringend. Es geht nur durch Gleichzeitigkeit.

SE: Und ganz konkret? Ginge es darum, eine Politik- und Unternehmensberatung zu führen? Oder sollten sich Menschen zusammen zu tun, die genau diese Visionen haben, die neue Projekte kreieren auf antirassistischer, feministischer Basis? Wäre das deine Vorstellung? 

KG: Also erstens, ich habe mehr Fragen als Antworten. Und zweitens: Ich habe keinen Masterplan in der Tasche und ganz genaue Vorstellungen, wie sich die feministische Bewegung entwickeln muss, damit sie nachhaltig wird. Dafür bin ich noch zu sehr Lernende, Fragende und Suchende. Aber, um deine Frage zu beantworten: Es geht nur über Vorbilder. Die nachhaltigste Methode, um etwas zu verändern, ist Vorleben. Du kannst einem Kind noch so oft erzählen, dass es sich nicht in der Öffentlichkeit in der Nase popeln soll. Wenn du es selber tust, dann kannst du von einem Kind auch nicht erwarten, dass es das nicht tut. Wir prägen oder normieren einander halt die ganze Zeit und versuchen ständig, Normen auszuhandeln. 

Empörung ist ein wichtiges politisches Mittel und ich will es nicht abschaffen. Aber ich denke, dass nur empört zu sein und nur zu sagen, das ist schlecht und das ist schlecht, aber dann nicht zu probieren, wie es anders sein könnte, ist nicht nachhaltig. Welche Haltung zum Leben nehmen wir damit ein? Damit drängen wir uns raus aus der Arena der Schaffenden und Kreierenden, hin zu der Arena derer, die nur den anderen zuschauen und kommentieren. Sie schaffen damit Realitäten und wir sitzen im Publikum und kommentieren. 

Ja, es braucht Menschen, die auch diese Kritik-Rolle übernehmen. Unbedingt. Denn sie wirken als Korrektiv, halten wach und zeigen auf blinde Flecken, die sonst übersehen werden würden. Doch es braucht noch mehr Menschen, die sagen: Ich bin Teil dieser Gesellschaft, ich mache jetzt anders und schaffe damit Tatsachen.

SE: Im Ted-Talk „Organised Love“ benennst du Anfangspunkte, um in diese Richtung zu gehen. Als erstes nennst du Unterstützung oder gegenseitige Wertschätzung. Sie sollen Grundlage sein, wenn wir ins Gespräch darüber gehen, wie denn unsere Welt eigentlich aussehen soll. Wen hast du dir da vorgestellt? Wer redet da miteinander? Sind das Leute, die selbst schon eine Vorstellung davon haben, was Feminismus und was Formen von Sexismus sind? Oder hattest du ein viel unbestimmteres Bild?

KG: Also gemeint waren schon diejenigen, die mit am gleichen Strang ziehen. Letztlich aber ist das ja unglaublich fluide. Wo fängt man an, feministisch zu sein, und wo hört man auf? Ich habe grobe Eckpunkte, an denen ich das irgendwie festmachen kann. Aber meinetwegen jemand, die sich gegen den Gender Paygap engagiert, aber vielleicht keine geschlechtergerechte Sprache verwendet. Ist die Person jetzt feministisch oder nicht? Nur anhand dieser Punkte kann man diese Frage nicht beantworten. Selbst diejenigen, die sich den ganzen Tag, 24 Stunden, 7 Tage die Woche damit beschäftigen, und zu allen Positionen, die es gerade in der Öffentlichkeit gibt, ziemlich progressive, durchdachte Positionen haben, müssen hart daran arbeiten. Das ist ja intellektuell wahnsinnig herausfordernd. Und bedeutet Zeit, das ist ja ein Full-time-Job. Was natürlich auch zur Folge hat, dass diese Arbeit bestimmte Privilegien voraussetzt leider und wenig inklusiv wird.

Es gibt einen sehr schönen Satz von einem amerikanischen Philosophen Anand Giridharadas. Ich muss jetzt paraphrasieren, aber es geht in die Richtung: „Is there a place in wokeness for the awakening?“ Wokeness ist politische awareness und dass man sich politischer Sachverhalte bewusst ist. Gibt es in diesem Wachzustand, oder in diesem Wach-Sein auch einen Raum für diejenigen, die aufwachen? Das ist ein Problem, wenn viele so tun, als seien sie schon immer so antirassistisch und feministisch gewesen. Das stimmt nicht. Wir mussten aktiv das, was wir bisher medial und kulturell gelernt hatten, wieder verlernen und wenn wir das Glück hatten in einem antirassistischen, feministischen Haushalt aufzuwachsen, selbst dort wissen wir, dass Positionen, die in einigen Kreisen vor zehn Jahren verbreitet waren, heute sehr kritisch gesehen werden. Daher ist es ein Prozess. So zu tun, als gäbe es einen ultimativen Status, den irgendjemand erlangt hat und von dort herabschauen kann auf alle anderen ist eine absolute Illusion. Wir alle wissen, wie wir vor einer Stunde, vor einem Tag, vor einem Jahr, vor zehn Jahren gedacht haben und wissen dementsprechend, dass das, was wir heute als die progressivste, reflektierteste Position verstehen, es in wenigen Stunden vielleicht nicht mehr ist. Mir geht es darum, dass wir einander Raum geben, in diesen Diskursen zu wachsen, Raum geben, um Fehler machen zu dürfen, um Dinge zu hinterfragen und eine andere Position einzunehmen. 

SE: Wie fallen die Rückmeldungen auf deine Entscheidung aus?

KG: Mir geht es nicht darum, alles zu verdammen oder irgendwie stigmatisierend da heranzugehen. Dadurch habe ich viel Zustimmung erfahren. Was ich sagen will, ist kein kritischer Rundumschlag, sondern eine konstruktive Frage: Wie können wir das, was wir machen, besser machen? Deshalb waren die Reaktionen bisher sehr gut. Was ich vorbeugend ausschließen möchte, ist der Impuls alles, was irgendwie kritisch oder was Calling-out ist, zu verdammen. Dass gesagt wird: Ihr seid nicht „nett“ und eigentlich muss der Feminismus nett sein, um Menschen mitzunehmen. Nein, das muss er nicht. Sich eine alternative, bessere, gerechtere Welt vorzustellen, muss für bestimmte Menschen unbequem sein. Es geht vielmehr um die innerfeministische Debattenkultur. Letztlich funktioniert es nur durch unser Facettenreichtum. Es braucht diejenigen, die akademisch, intellektuell und präzise bestimmte Prozesse ausleuchten. Es braucht jene, die praktisch, in den Beratungsstellen an diesen Themen arbeiten. Es braucht jene, die in Bezug auf Pflege und Gesundheit das Thema bearbeiten. Es braucht jene, die in Bezug auf Kunst und Kultur das Thema bearbeiten. Es braucht jene, die gucken wie man die Gesamtgesellschaft medial und populär dahingehend ansprechen kann.

SE: Bei der letzten Frage habe ich mich nicht so präzise ausgedrückt. Ich hatte die Frage viel offener gemeint: Gibt es Leute, die dich ansprechen und sagen: Hey, im Grunde ist das, was du da als politische Strategie benennst, das, was ich auch schon mache oder wo ich mit Leuten schon das und das versucht habe, um in diese Richtung zu gehen.

KG: Ach so meinst du das? Was ich am allermeisten bekomme ist tatsächlich Dankbarkeit. Ich glaube, dass diese Konflikte oder diese Ideale bei vielen Betroffenen und Engagierten Verunsicherung bewirken. Und dann zu deiner Nachfrage: Mit Sicherheit gibt es zahlreiche Ansätze, die in diese Richtung gehen und Pionierarbeit leisten. So zum Beispiel das Center for Intersectional Justice. Aber mir ist nicht bekannt, dass all diese Ideale irgendwo bereits Realität wären.

Das Attentat von Halle und die Normalisierung neoreaktionärer Politiken

© privat

In den Tagen nach dem mörderischen, antisemitisch, rassistisch und anti-feministisch motivierten Attentat in Halle am 9. Oktober 2019 gab es nicht wenige Stimmen, die nicht nur überrascht taten, sondern die Tat selbst als Tat eines Einzelnen verstanden wissen wollten. Doch faschistische Gewalt geschieht nicht überraschend und auch wenn sie von Einzelnen ausgeübt wird, so ist sie dennoch nicht die Tat eines Einzelnen. Faschistische Tat und faschistische Gewaltstruktur gehören zusammen. Sie ist auch Ergebnis der Normalisierung neoreaktionärer Politiken. Mit dieser Normalisierung neoreaktionärer Politiken haben sich die feministischen studien in Heft 2_2018 auseinandergesetzt. Aus gegebenem Anlass posten wir daher hier Auszüge aus der Einleitung zum Heft.

Im Spätsommer 2018 ziehen Neonazis und rechte Hooligans durch die Straßen von Chemnitz und machen gleichermaßen Jagd auf als Nicht-Deutsche wahrgenommene Personen wie auf Journalist*innen und Gegendemonstrant*innen. Es gelingt ihnen zeitweise, mitten in Deutschland einen rassistischen Ausnahmezustand zuetablieren. Der stetig stärker werdende, neoreaktionär agierende, faschistische Flügel der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) um Björn Hocke verbündet sich aktiv mit den marodierenden Nazibanden und den mehrheitlich, aber nicht ausschließlich männlichen Aktivist*innen von „Pegida“, den „Identitären“ und der verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ). Höcke führt gemeinsam mit Lutz Bachmann und Siegfried Däbritz, den Initiatoren von „Pegida“, dem Publizisten, Aktivisten und Geschäftsführer des neurechten Verlags Antaios, Götz Kubitschek, und dem Kopf der österreichischen „Identitären“, Martin Sellner, dessen Buch Identitär in Kubitscheks Antaios-Verlag erschienen ist, den so genannten „Trauermarsch“ an, der vorgeblich dem Gedenken an den, wenige Tage zuvor in einer Messerstecherei zu Tode gekommenen Daniel H. gilt. Es ist der 1. September 2018, der 79. Jahrestag des Überfalls aufdie Zweite Polnische Republik, der Beginn des von Nazi-Deutschland ausgegangenen und die Welt verheerenden völkerrechtswidrigen Angriffskrieges; auch der Beginn des nationalsozialistischen Völkermords an den europäischen Jüd*innen.

Die Parole der ’89er Revolution, die zum Sturz des SED-Regimes und dem Ende der DDR beitrug, „Wir sind das Volk“, haben sich Höcke, Bachmann, Kubitschek und ihre Anhänger längst zu eigen gemacht. Ihre xenophoben Gewaltmärsche deklarieren sie als Selbstverteidigung gegen die so genannte „Messermigration“ und wähnen sich berechtigt, dies zu tun, weil „der“ Staat „die“ Bürger nicht schütze und Merkel „die Vandalen“ ins Land geholt habe. Indem es Höcke und Co.gelingt, die destruktiven Energien rassistisch motivierter Normalbürger*innen, neurechte „intellektuelle“ Vordenker*innen, Thinktanks und Publikationsprojekte, zunehmend besser organisierte und bislang in der NPD organisierte, militante Neonazis sowie den rechtsextremen Flügel der AfD zusammen zu führen, nimmt das Projekt einer völkisch-nationalen Sammlungsbewegung in Chemnitz erstmals deutlich Gestalt an.

Derweil relativiert der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmar die gewaltvollen Aufmärsche, der deutsche Innenminister Horst Seehofer macht einmal mehr Migration als „Mutter aller Probleme“ aus, der Chef des deutschen Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, bezweifelt öffentlich via BILD-Zeitung, dass in Chemnitz überhaupt rechte, rassistisch motivierte Hetzjagden stattgefunden hätten und die Chefredakteure von ZDF und ARD nehmen die Einladung zu einem von der AfD Dresden organisierten Podium zu „Medien und Meinung“ an. Immer noch stehen Feuilleton-Redaktionen bei Götz Kubitschek in Schnellroda Schlange und beginnen Reportagen über ihn und seine Familie mit Beschreibungen eines idyllischen Familienabendessens mit Salat, Ziegenkäse und selbst gebackenem Brot. Thilo Sarrazins neue Kampfschrift, Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht (2018), steht schon nach wenigen Tagen beim größten Buchversandhändler in den Sparten Politik, Multikultur und Wirtschaft auf Platz 1 der Verkaufslisten. In Berlin organisiert der Bundesverband Lebensrecht zusammen mit christlichen Fundamentalist*innen zum fünfzehnten Mal den „Marsch für das Leben“, der u.a. die Illegalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen zum Ziel hat.

Schlaglichter einer Verschiebung der gesellschaftlichen Diskurse weit nach rechts, ermöglicht durch die andauernde Infragestellung der Grenzen des Sagbaren und die fortgesetzte Rede des „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Ermöglicht auch durch die Umkehrung von Tabus und die gezielte Verbreitung von rassistischen, islamfeindlichen, antisemitischen und anti-feministischen fake news sowie kruder Verschwörungstheorien in den sozialen Medien und Netzwerken. Ermöglicht schließlich durch nationalistische und völkische Kampagnen und Parteipropaganda, den durchschlagenden elektoralen Erfolg der erst 2013 gegründeten AfD, die Zunahme des Organisationsgrads, der Militanz und Gewaltbereitschaft außerparlamentarischer Gruppen und Bewegungen und nicht zuletzt durch die in Teilen idyllisierenden und verharmlosenden Reportagen über Kubitschek und andere neurechte Ideolog*innen sowie das Beharren nicht Weniger, die Rechten hätten ein Recht darauf, ihre demokratiefeindliche, schmähende und Menschen verachtende Hassrede zu führen.

Das Land hat sich verändert. Was in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, in Mölln und Solingen Anfang der 1990er Jahre begann und im Terror des NSU auf infamste Weise fortgesetzt wurde, zeigt sich heute auf den Straßen von Chemnitz und Freital, in den täglichen Angriffen auf geflüchtete Menschen und ihre Unterkünfte, in den Gewaltandrohungen gegenüber jenen, die sich für Geflüchtete engagieren. Längst haben wir auch nolens volens zu leben gelernt mit dem aggressiven und auf Ressentiment gestimmten Ton, den Publizist*innen und Politiker*innen wie Birgit Kelle und Harald Martenstein, Akif Pirinci und Beatrix von Storch, Thilo Sarazin, Matthias Matussek und viele andere anschlagen, wenn es um die Rechte geschlechtlicher, sexueller und anderer Minderheiten, um die geschlechtergerechte Gestaltung unserer Gesellschaft ganz allgemein oder die Gender Studies im Besonderen geht – und uns damit auseinander gesetzt. Sie alle haben wesentlich dazu beigetragen, dass eine Grammatik der Härte und die Register der Bezichtigung und des Verdachts, der Verfemung und Verleumdung zunehmend den öffentlichen Comment prägen. Respektlosigkeit, Hassrede und Gewalt sind so zu einem festen Bestandteil des Alltags geworden. Vernachlässigung und Verunsicherung, Ausgrenzung und Entwürdigung prägen vielleicht mehr denn je das gesellschaftliche Miteinander. Ein auftrumpfender und niederträchtiger Rassismus vergiftet das soziale Klima; sexistische sowie homo- und trans*feindliche Anfeindungen und Übergriffe nehmen zu. Das politische Parteiensystem findet keine Antwort auf die neoreaktionäre Landnahme der Demokratie oder bewegt sich – allen voran die CSU – selbst weiter nach rechts. Unterdessen etablieren sich in 14 deutschen Landtagen und im Bundestag AfD-Thinktanks, mit denen Akteur*innen aus dem völkisch-nationalistischen Spektrum in den Plenarsälen und der Öffentlichkeit für eine Normalisierung kruden völkischen Gedankenguts sorgen. Und während sich in Dresden und auch in vielen anderen Orten in Deutschland noch immer viele Hunderte von Islamfeindlichkeit mobilisieren lassen, anderenorts die Mobilisierung gegen „Genderwahn“, „Genderterror“ und die vorgebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern zeitweise Abertausende „besorgte Bürger“ auf die Straßen brachte und so genannte Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa) marodierend durch Köln und Hannover zogen, breiten sich die teils selbst ernannten, teils von den Medien dazu hochgejazzten „intellektuellen“ Vordenker*innen und Schriftsteller*innen des völkisch-nationalistischen Projekts auf den virtuellen und analogen Marktplätzen der Republik aus, um ihre Ideologie in den Kapillaren der Gesellschaft zu versenken. Mit ihrer Präsenz auf den Straßen und Plätzen, in den TV-Talkbuden und Sommerinterviews, in den täglichen Nachrichten, auf Twitter, Facebook und Youtube, in der Bildungsarbeit, in Sportvereinen und Nachbarschaftshilfen, in den Parlamenten und staatlichen Verwaltungen verfügt die Neue Rechte über das vielleicht wichtigste politische Instrument, um ihre Vorstellungen in den Herzen und Hirnen der Menschen zu verankern: Deutungshoheit. Der Prozess der Normalisierung neoreaktionärer Politiken der Feindschaft ist längst in vollem Gange.

Diese Normalisierung reaktionärer, teilweise proto-faschistischer Politiken ist freilich nicht auf Deutschland beschränkt. Das weltweite Erstarken autoritärer Regime ebenso wie der Vormarsch terroristischer und fundamentalistischer Bewegungen, die zunehmende Spaltung der Gesellschaften in einen wie auch immer sich liberal-demokratisch verstehenden und einen rechtspopulistischen Teil, der stete Ruf nach einfachen Lösungen, das Absterben der Institutionen und Garantien der parlamentarischen Verfassungsdemokratie, der Mangel an inneren wie äußeren Frieden schaffenden Diskursen und Erzählungen, die Atomisierung der Subjekte im endlosen Strom der Waren und Medien, die Wiederbelebung manichäischer Freund / Feind-Dichotomien, die Dämonisierung der Fremden und der Rückgriff auf das vermeintlich Eigene, das es gegen diese Fremden zu verteidigen gilt, die Wiederkehr von Begriffen wie „Volk“, „Nation“ oder gar „Rasse“, ebenso wie der Rekurs auf „Heimat“, „Kultur“ und „Identität“, auf „natürliche Geschlechterunterschiede“ und „angestammte Territorien“; die Rede davon, dass „die“ Fremden uns überrollen oder überschwemmen, sie unsere „Sozialsysteme destabilisieren“, „unsere Werte“ missachten und ungerechtfertigt etwas bekommen, was doch eigentlich nur „uns“ zusteht, sind in der Tat Anzeichen dafür, wie sehr die Grenzen zum Autoritären, Neoreaktionären, jedenfalls nicht mehr an der Demokratie, an Solidarität und Emanzipation orientierten verschoben wurden. Dazu gehört, wie gesagt, in der Regel auch ein mehr oder minder explizit formulierter Anti-Feminismus und Anti-Genderismus, die nicht als isolierbare Positionen zu verstehen sind, sondernals Teil einer (extrem) rechten Ideologie, für die der Fokus auf Nation undVolk als identitäre und homogene Gemeinschaften konstitutiv ist.

Anlässe zuhauf für die feministischen studien, nach den Möglichkeitsbedingungen der Verschiebung nach rechts sowie der Etablierung und Normalisierung neoreaktionärer Politiken zu fragen. Wir wollten (erste) Antworten aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern und unterschiedlichen disziplinären Hintergründen finden, um die Frage, wie das möglich ist,beantworten zu können. Wie vollzieht sich die Verschiebung nach rechts, die auch eine Diskursverschiebung ist, darin aber nicht aufgeht? Welche Dynamiken der Normalisierung rechter Rhetorik lassen sich ausmachen? Wie werden antidemokratische Einstellungen verbreitet und zunehmend zu ›normalen‹ Ansichten? Kurzum: Wie werden reaktionäre Politiken normalisiert? 

Wenn wir von „neoreaktionären Politiken“ sprechen, wollen wir dies in deskriptiver Hinsicht verstanden wissen als Zusammenführung verschiedener Kräfte, die von national-konservativen über rechtspopulistische bis hin zu rechtsextremen, antidemokratischen Positionen, Programmen und Bewegungen reichen – und deren Verbindung in der Arbeit gegen die Demokratie und an der Aufhebung liberaler Werte besteht. Der Begriff ‚neoreaktionär‘ erscheint uns als derzeit passende Beschreibung dieser Koalition und ihrer Ziele: Neoreaktionäre Politiken reagieren auf gesellschaftspolitische Entwicklungen der Liberalisierung oder Reflexivierung und sind darauf gerichtet, emanzipatorische Errungenschaften im Bereich der Lebensformen, der Geschlechterverhältnisse und der Sexualität sowie der Familie zurückzunehmen und die mit Migrationsprozessen einhergehende soziale wie kulturelle Veränderung von Gesellschaft ebenso wie Prozesse politischer und wirtschaftlicher Globalisierung zu stoppen. Die neoreaktionäre Zukunft besteht in einer imaginierten Vergangenheit nationaler wie kultureller Homogenität, geschlechtlicher Eindeutigkeit und traditioneller Lebensformen. Die Verbindung zwischen historischen reaktionären und aktuellen neoreaktionären Kräften ist die Ablehnung der Demokratie. Bezeichnete der erste Begriff die Koalition aus Adel, Klerus und Besitzenden, die sich Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich gegen Aufklärung und bürgerliche Revolution formierte, so ist die Abwehr der ‚kulturellen Revolution‘, die häufig mit der Chiffre ’68 verbunden wird, die treibende Kraft der neoreaktionären Formation. 

Die Beiträge zu diesem Heft greifen diese Perspektive und die aufgeworfenen Fragen auf verschiedene Weise auf. Sie untersuchen, wie rechte Diskurse funktionieren und welche Bedeutung dem Rekurs auf traditionelle Geschlechterrollen und Familienverhältnisse dabei zukommt. Sie gehen der Verbreitung neoreaktionärer Ansichten nach und fragen nach den intellektuellen Fundamenten der rechten Weltanschauung, aber auch danach, wie rechtem Hass auf politische wie analytische Weise zu begegnen ist. In den Blick gerückt werden bislang in diesem Zusammenhang wenig beachtete soziale Kontexte wie die von Franziska Schutzbach beschriebene Szene der so genannten Pick Up Artists (PUA) – eine Szene, die sich selbst als Selbsthilfe-Community beschreibt, in der Männer lernen, wie sie Frauen „verführen“.

Sabine Hark und Aline Oloff

Call for Abstracts: Feminism, Secularism, and Religion

In many religions, the symbolization of gender and sexuality is strongly institutionalized, due in a large measure to religious notions of transcendence. The religious symbolization of gender reflects an androcentric understanding of the world which hampers social change in this realm. Time and again, women* and LGBT*persons have to struggle rigorously for acceptance and equality of opportunity in the hierarchy of the religious social order. Furthermore, on the level of social life, religion is consistently made relevant by legitimating assumed natural gender differences (as for example in the recent declaration of the congregation for Catholic education on the ‘question of gender theory in education’). As a consequence, feminist research has responded to religion with a certain amount of reserve. This also holds true for feminist analyses of religion(s); often, they are not regarded as a constituent part of feminist studies. Accordingly, feminism and religion seem not to be compatible. Instead, feminism – understood as a programmatic approach which is inherently connected to an enlightened, egalitarian modernity – seems to go hand in hand with secularism, although the promise of gender equality does not obtain insofar as it includes an androcentric bias. 

The special issue of feministische studien focuses on these complex, but scarcely discussed connections between feminism, secularism, and religion. In order to get to the bottom of the interdependencies and tensions between religious and non-religious worldviews, the special issue invites contributions that shed light on the problem from different contexts and theoretical perspectives.

Hence, feminist approaches in the religious sphere often disappear from view: how women* and LGBT*persons in varying religious contexts are reshaping and transforming religious gender arrangements, or how they are fighting to shift religious notions of sexuality and change religious gender codes—whether on the level of religious organizations, religious practices, or religious knowledge—how they question power relations, demand rights and recognition, or take over social space in the religious domain, does often meet a negative response in secular feminism. Moreover, it seems to be difficult to understand from a secular feminist perspective, how religion is experienced as a resource of practiced emancipation, lived equality and freedom, or how the turn to religion could also align with a feminist approach. Finally, a dialogue between secular and religious women* becomes impossible, when secular feminism envisions itself as neutral.

The aim is to contribute to a deeper understanding between secular and religious feminist approaches. This subject unfolds against the backdrop of an intensifying problematization of religious gender relations in the context of migration and asylum discourses, whether on the global or on the local level, recognizing in particular that ‘Islam’ and the ‘Islamic gender order’ have become the epitome of racialization and othering. Secular feminism must deal carefully with racism and antisemitism; this also means, to engage in introspection regarding its own reproduction of white, colonial, anti-Islamic, or anti-Semitic patterns of thinking and the resulting symbolic modes of boundary making between ‘us’ and ‘them’. Likewise, religious feminisms cannot evade the possibility of varying approaches to gender difference and (in)equality. This also includes a consideration of the relationship between feminism and Christianity. 

Accordingly, we invite theoretical and empirically based contributions that

●          critically reconstruct the rejection of religious feminist positions and racialising forms of boundary making between secular and religious feminisms; 

●          relate secular and religious feminisms to each other in a constructive way and focus on common characteristics and similarities;

●          discuss feminist theologies and feminist religious movements in a nuanced way concerning their positions that are critical of religion and

●          analyse the relation between feminism, secularism, and religion historically as well as with respect to contemporary times. 

Submission and timetable

We kindly invite to submit abstracts (300 – 500 words) until 15th October 2019to 

manuskripte@feministische-studien.deas well as to 

heidemarie.winkel@uni-bielefeld.de and angelika.poferl@tu-dortmund.de

Invitations to submit full papers will be send out until 15th November 2019.

Full papers of max. 40.000 characters need to be submitted by 15th August 2020.

Papers will be selected through peer review. 

For further information please contact Prof. Dr. Heidemarie Winkel (heidemarie.winkel@uni-bielefeld.de), Prof. Dr. Angelika Poferl (angelika.poferl@tu-dortmund.de) or Dr. Aline Oloff (aline.oloff@tu-berlin.de).

Call for Abstracts: Feminismus, Säkularismus und Religion

Die religiöse Symbolisierung von Geschlecht und Sexualität ist in vielen Religionen durch den Verweis auf Transzendenz besonders fest institutionalisiert. Sie ist Ausdruck eines androzentrischen Wissensvorrats und Weltverständnisses, das sozialen Wandel im Bereich religiöser Geschlechterverhältnisse erschwert. Frauen* und LGBT*Personen müssen immer wieder hart um Partizipationsmöglichkeiten in der Hierarchie religiöser Ordnung und um Anerkennung kämpfen. Und auch auf gesellschaftlicher Ebene wird Religion immer wieder zur Legitimation von Geschlechterdifferenz und zur Abwertung von Weiblichkeit relevant gemacht (wie sich aktuell z.B. an der Erklärung der römisch-katholischen Bildungskongregation zur „Frage der Gender Theorie im Bildungswesen“ sehen lässt). Die feministische Forschung begegnet Religion daher – nicht von ungefähr – mit Distanz. Dies gilt auch für feministisch orientierte Analysen von Religion(en); sie werden meist nicht zum Kernbestand feministischer Sozialanalysen gezählt. Feminismus und Religion sind demnach nicht kompatibel. Vielmehr scheint Feminismus, verstanden als Projekt und Programm einer an Gleichheit orientierten, aufgeklärten Moderne, nahezu zwangsläufig mit Säkularismus einherzugehen – dies gilt auch und gerade dann, wenn das Versprechen einer Gleichheit der Geschlechter in eben dieser Moderne uneingelöst und androzentrisch gebrochen ist. 

In der Folge geraten feministische, an Geschlechtergerechtigkeit orientierte Ansätze im religiösen Feld selbst oftmals aus dem Blick: Wie Frauen* und LGBT*Personen in verschiedenen religiösen Kontexten religiöse Verhältnisse, Wissensordnungen und Wissensformen zu Geschlecht und Sexualität auflösen, umformen und neu definieren, oder wie sie um Repräsentation und den Wandel religiösen Geschlechterwissens kämpfen, wie sie Religion(en) daraufhin verändern – ob auf der Ebene des Wissens, der Ebene religiöser Praxen oder der Organisation von Religion, wie sie Machtverhältnisse infrage stellen, Rechte und Anerkennung einfordern und sich diese erobern, dies findet in säkularen, sich selbst meist als neutral wahrnehmenden Feminismen eher wenig Widerhall oder Akzeptanz. Ein Dialog auf Augenhöhe zwischen säkularen und religiösen Frauen*, die in ihrer religiösen Lebenswelt um Geschlechtergerechtigkeit kämpfen, wird so unmöglich. Dass Religion als Handlungs- und Sinnressource für gelebte Emanzipation, Freiheits- und Gleichheitsvorstellungen erlebt und verstanden wird, dass die Zuwendung zu Religion gar aus einer feministischen Haltung heraus erfolgen kann, scheint aus der Perspektive säkularer Feminismen nur schwer verstehbar. 

Das Themenheft will sich diesem komplexen und bislang kaum breiter diskutierten Zusammenhang von Feminismus, Säkularismus und Religion widmen und sowohl die Affinitäten, Wahlverwandtschaften, aber auch die Spannungsverhältnisse zwischen religiösen und nicht-religiösen feministischen Weltdeutungen ausloten. Es will spezifische Problemstellungen herausarbeiten und so einen Beitrag zur Verständigung zwischen säkularen und religiösen feministischen Bewegungen leisten. Dies geschieht auch vor dem Hintergrund einer sich in der jüngeren Vergangenheit wieder verstärkenden Problematisierung religiöser Geschlechterverhältnisse im Zusammenhang der Diskurse um Migration und Asyl, auf globaler wie auch auf lokaler Ebene. Insbesondere ‚der Islam‘ bzw. ‚die islamische Geschlechterordnung‘ werden hierbei zum Kulminationspunkt von Rassifizierung und othering. Säkularer Feminismus muss sich hierzu – ebenso wie zu Antisemitismus – verhalten, d.h. sich selbst hinsichtlich des eigenen Beitrags zur Reproduktion kolonialer, weißer, antiislamischer oder antisemitischer Denkschemata und damit einhergehender symbolischer Grenzziehungen zwischen ‚uns‘ und ‚den anderen‘ überprüfen. Und umgekehrt kann religiöser Feminismus sich der Frage unterschiedlicher Perspektivierungen von Geschlechterungleichheit und Geschlechterdifferenz nicht entziehen. Auch die Betrachtung des Verhältnisses von Feminismus und Christentum soll davon nicht ausgespart bleiben. 

In diesem Sinne laden wir zu theoretischen und empirisch basierten Beiträgen ein,   

● die die Ablehnung religiös-feministischer Positionen und rassifizierende Grenzziehungen zwischen säkularen und religiösen Feminismen kritisch rekonstruieren;

●  die säkulare Feminismen konstruktiv zu religiösen Feminismen ins Verhältnis setzen und Gemeinsamkeiten in den Blick nehmen;

● die feministische Theologien und feministisch-religiöse Bewegungen differenziert hinsichtlich ihrer religionskritischen Positionen ausleuchten und 

● die das Verhältnis von Feminismus, Säkularismus und Religion historisch und gegenwartsdiagnostisch analysieren

● die feministische Theologien und feministisch-religiöse Bewegungen differenziert hinsichtlich ihrer religionskritischen Positionen ausleuchten und 

● die das Verhältnis von Feminismus, Säkularismus und Religion historisch und gegenwartsdiagnostisch analysieren.

Zur Einreichung von Beitragsvorschlägen für die Rubriken „Bilder und Zeichen“ und „Im Gespräch“laden wir ebenfalls herzlich ein. 

Einreichung und Zeitplanung

Wir bitten um Einreichung von Abstracts im Umfang von 300 bis maximal 500 Wörtern bis zum 15. Oktober 2019 an manuskripte@feministische-studien.desowie an die beiden Gastherausgeber*innen angelika.poferl@tu-dortmund.deund 

heidemarie.winkel@uni-bielefeld.de

Im Fall einer positiven Einschätzung durch die Herausgeber*innen erfolgt bis zum 15. November 2019 eine Einladung zur Beitragseinreichung. Der Abgabetermin des fertigen Beitrags im Umfang von max. 40.000 Zeichen ist der 15. August 2020. Alle eingereichten Beiträge durchlaufen ein anonymes Begutachtungsverfahren, auf dessen Basis Redaktion und Gastherausgeber*innen die Auswahl der Beiträge treffen.  

Für weitere Informationen oder Nachfragen wenden Sie sich bitte an die Heraus-geber*innen des Heftes: 

Prof. Dr. Angelika Poferl (angelika.poferl@tu-dortmund.de
Prof*in Dr*in Heidemarie Winkel (heidemarie.winkel@uni-bielefeld.de)
Dr*in Aline Oloff (aline.oloff@tu-berlin.de). 

Call for Abstracts: Feministische Kunst der Gegenwart

Feministische Kunst im 21. Jahrhundert ist geprägt durch eine große Vielfalt und Diversität und entzieht sich einer einheitlichen Definition. In der Bildenden Kunst, der Medien-, Installations- und Netzkunst, in den darstellenden Künsten (wie Theater, Performance, Tanz), in der Musik und Literatur behandeln queer-feministische Künstler*innen eine Bandbreite an Themen, wie z.B. Ungleichheit, Macht und Gewalt, Vorstellungen von Weiblichkeit und Identität allgemein, von Intersektionalität oder Queerness. Klassische und traditionelle ästhetische Formen und Strategien finden ebenso Einsatz wie neue oder weniger bekannte (Kunst-)Formen, Materialien und Verfahren. Feministische Kunst ist eng mit einem kritischen Anspruch verbunden, wobei Gegenstände sowie Strategien der Kritik äußerst heterogen sind: Sie reichen von so genannten Genderperformances, etwa in Form von Geschlechter-Parodie, Maskerade oder Cross-Dressing, Dekonstruktionen, Reenactments, Inszenierungen von nackten Körpern, Versammlungen/Assemblagen bis hin zu Figuren des Dritten, wie etwa Cyborgs, Mensch-Tier-Hybride oder Monster. Eingebettet sind die feministischen Arbeiten in gesellschaftliche Kontexte, in soziale und politische Auseinandersetzungen und Bewegungen, gegenwärtig z.B. in #metoo oder den Kampf um die Quote in Kunstinstitutionen wie Museen, Theatern, Film- und Medienanstalten.

Dabei setzten sich Künstlerinnen wie Hannah Höch, Lotte Laserstein oder Claude Cahun bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts kritisch mit stereotypen Bildern von Weiblichkeit und dem Bildstatus der Frau in der abendländischen Kultur auseinander und befragten binäre Geschlechternormen. Weltweit entwickelten Künstlerinnen im Zuge der zweiten Frauenbewegung der 1960er und -70er Jahre eine große Vielfalt an künstlerischen Ausdrucksformen, die sich kritisch etwa mit dem gesellschaftlichen Status von Frauen, der Vorstellung ‚der‘ Frau als Bild und Bildern von Weiblichkeit auseinandersetzen. Der eigene Körper spielte dabei eine wesentliche Rolle, sowohl als Subjekt als auch Objekt der Wahrnehmung. In den 1980er und -90er Jahren wurden einerseits essentialistische (Weiblichkeits-)Vorstellungen sowie enge Definitionen von Frausein und Identität (‚weiß, hetero, Mittelklasse‘) vehement kritisiert, andererseits wurden verstärkt intersektionale und queere Perspektiven in die feministische Kunst eingebracht. Auf der Grundlage eines (de-) konstruktivistischen Verständnisses von Identität und Sexualität wurden stereotype Geschlechtervorstellungen in Frage gestellt und tradierte Identitätskonzeptionen verhandelt und unterlaufen.

Auch in Verbindung mit der Frage, welche Rolle historische Bezugnahmen auf Traditionen in der feministischen Kunst spielen, fragt unser Schwerpunktheft 2/2020 nach den neuesten Entwicklungen und Vorstellungen feministischer Kunst in der Gegenwart. Was macht feministische Kunst heute aus? Welche Themen und Fragen werden mit welchen ästhetischen und medialen Mitteln und mit welchen politischen Absichten verhandelt? Welchen Status und welche Wirkungen bzw. Effekte hat feministische Kunst in und auf Gesellschaft?

Mit diesem Schwerpunktheft zur Feministischen Kunst der Gegenwart laden wir Autor*innen ein, in Beiträgen Fragen wie die folgenden aufzugreifen:

  1. Welche Frauen- und Geschlechterbilder werden in zeitgenössischer feministischer Kunst dargestellt oder inszeniert? Wie verhält sich (queer-)feministische Kunst zu gesellschaftlichen Normen der Geschlechtsidentität und Sexualität? Welche diesen Normen zuwiderlaufenden Geschlechterbilder und/oder Sexualitäten und Begehrensformen werden dar- bzw. hergestellt und mit welchen ästhetischen Mitteln werden sie erzeugt? Wie beziehen sich feministische Künstler*innen zum traditionellen Kanon, bspw. zum dramatischen Repertoire in Stadt- und Staatstheatern, die oftmals eingeschränkte und stereotype Geschlechterrollen beinhalten? Wie werden diese umgearbeitet oder dekonstruiert? Welche Rolle spielt der Körper?
  2. Geschlecht ist kein monolithisches Gebilde, sondern konstituiert sich aus einer Vielzahl verschiedener Praktiken und Diskurse, in Wechselbeziehung mit anderen identitätsstiftenden Differenzierungen. In welcher Weise finden Verflechtungen von Geschlecht und anderen Differenzierungen und Markierungen wie z.B. ‚Rasse‘, Ethnie, Klasse, Alter oder Gesundheit Ausdruck in der künstlerischen Praxis? Welche Rolle spielen Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Formen sozialer Ungleichheit?
  3. Feministische Theorie und Gender Studies verstehen sich auch als kritische Wissenschaft und schließen an Formen der Kritik an, wie sie z.B. Adorno, Butler oder Foucault formuliert haben. Inwiefern kann zeitgenössische feministische Kunst als kritische Praxis gesehen werden? Welches sind die Möglichkeiten von Kritik und Subversion in der künstlerischen Praxis? Was genau wird kritisiert oder als unter- bzw. verworfen kritisiert und auf welche Weise? Indem eine bestimmte Norm oder bestehende Ordnung kritisiert wird, wird sie auch in gewisser Weise reaktualisiert und bewahrt. Wie genau verhält sich die Kritik zum Kritisierten? Wie gestaltet sich das Verhältnis von Subversion und Affirmation?
  4. Mit welchen ästhetischen und medientechnologischen Mitteln werden feministische Themen verhandelt? Wie werden diese im künstlerischen Prozess reflektiert? Inwiefern wird dabei auf künstlerische Traditionen oder Konventionen zurückgegriffen oder/und neue Formen der Verwendung entwickelt? Welche Rolle spielen digitale Medien und Technologien und inwiefern kann feministische Kunst kritische Öffentlichkeiten herstellen, etwa in Interaktionsprozessen oder in anderen Formen der Einbindung von Rezipierenden?
  5. Viele Arbeiten zeitgenössischer feministischer Kunst wie Installationen, Performances oder Audiowalks entstehen in einem lokalen Kontext; zugleich wird Kunst überregional produziert, global gezeigt und wahrgenommen. In welches Verhältnis treten Globalität und Lokalität, welche Rolle spielt Internationalisierung für die zeitgenössische feministische Kunst? Welche Funktionen und Wirkungen haben lokale Verortungen und globale Grenzüberschreitungen für inhaltliche und ästhetische Aspekte der feministischen Kunst?
  6. Welchen Stellenwert nehmen Bezüge zur historischen feministischen Kunst ein? Situiert sich feministische Kunst heute im Kontext von Geschichte und wenn ja, in welcher Weise? Welche Archive werden verwendet bzw. aufgebaut? Werden neue Formen der Archivierung und/oder Historisierung entworfen? Welche Bedeutung haben Reenactments bzw. Reperformances? Welches Verständnis von Zeit (und auch von Raum) wird damit entwickelt?
  7. Viele Künstler*innen arbeiten heute in temporären oder dauerhaften Kollektiven. Wie genau sehen diese kollektiven Arbeitsprozesse aus und welche Absichten werden mit ihnen verbunden, welche Resonanzen lassen sich zeigen

Aufsätze (bis 40.000 Zeichen) und Diskussionsbeiträge (bis 25.000 Zeichen, incl. Leerzeichen) werden nach einem double blind peer-review-Verfahren begutachtet. Erwünscht sind auch Tagungsberichte sowie Rezensionen oder Sammelrezensionen zu Veröffentlichungen, die sich vorzugsweise, aber nicht ausschließlich, mit dem Schwerpunkt dieses Heftes beschäftigen.

Wir laden herzlich ein, bis zum 01. August 2019 ein Abstract von bis zu 2.000 Zeichen bei den Herausgeberinnen des Schwerpunktheftes, PD Dr. Miriam Dreysse (Universität Hildesheim, miriamdreysse@googlemail.com), Jun.-Prof. Dr. Jenny Schrödl (Freie Universität Berlin, j.schroedl@fu-berlin.de) und Prof. Dr. Tanja Thomas (Universität Tübingen, tanja.thomas@uni-tuebingen.de) sowie bei manuskripte@feministische-studien.de einzureichen.

Reproduktion, Generativität und Verwandtschaft – 5 Fragen

Um Reproduktionstechnologien, Generativität und Verwandtschaft geht es im aktuellen Heft der Zeitschrift feministische studienIn 5 Fragen beantworten die Heftherausgeber*innen Katharina Liebsch und Friederike Kuster auch diesmal wieder, womit sich die Autor*innen im Einzelnen beschäftigt haben, worauf Leser*innen sich besonders freuen können, wer in ein Gespräch verwickelt wurde, welche Künstler*in es uns diesmal besonders angetan hat und mit welchem Text die Herausgeber*innen selbst die Heftlektüre beginnen würden. Freuen Sie sich auf interessante feministische Einblicke in Themen der Zeit.

 

1)     Worum geht es im Schwerpunktthema des neuen Heftes?

Das Heft geht der Frage nach, wie 40 Jahre Reproduktionstechnologien die Verhältnisse, Beziehungen und Konzepte von Verwandtschaft dynamisiert haben. Dazu gehört logischerweise auch die Frage, wie sich Bedeutungen der Kategorie Geschlecht durch reproduktionsmedizinische Angebote verändern.

2)     Worauf können sich die Leser*innen besonders freuen?

Das Heft präsentiert sowohl aktuelle Forschungen zum hochbrisanten Phänomen der Leihmutterschaft als auch grundlegend-konzeptuelle Überlegungen zur Frage, was es sozial, kulturell und gesellschaftlich bedeutet, wenn die biologisch-soziale Selbstverständlichkeit der heterosexuellen Kleinfamilie nun auch technisch assistiert erzeugt werden kann.

Ein extra für unser Heft übersetzter Aufsatz der britischen Kulturanthropologin Marilyn Strathern aus dem Jahr 1991 bietet hier neue Perspektiven und interessante Anknüpfungspunkte zur Theoretisierung der reproduktionstechnologischen Optionen als Mittel zur Herstellung von Verwandtschaft im Konkreten und Sozialität im Allgemeinen.

3)     Eine Besonderheit der Zeitschrift feministische studien ist die Rubrik „Im Gespräch“. Mit wem wurde diesmal über welches Thema gesprochen?

Diese Rubrik ist in dem neuen Heft doppelt bestückt.
Zum einen diskutieren Élisabeth Roudinesco, französische Historikerin der Geschichte der Psychoanalyse, und Manuela Fraire, ehemalige Vorsitzende der römischen psychoanalytischen Vereinigung, die Praxis der Leihmutterschaft vor dem Hintergrund neuer famialer Vielfalt.
Zum zweiten sprechen die Frankfurter Politikwissenschaftlerinnen Uta Ruppert und Tanja Scheiterbauer mit der nigerianisch-britischen Feministin und Professorin für Gender Studies an der University of California Davis Amima Mama. Sie diskutieren den transnationalen Diskurs über „Feminisms in Africa“ und kommen zudem auch auf die sozialpolitischen Verhältnisse von Gewalt, Militarismus und Geschlecht zu sprechen.

4)     Und welche Künstler*in wird in der Rubrik „Bilder und Zeichen“ vorgestellt?

Alexandra Bircken hat – thematisch Bezug nehmend – für das Heft einige ihrer Arbeiten zusammen gestellt. Darunter sind auch solche, die mit denen sie aktuell den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig mitgestaltet.

5)     Welchen Text würden Sie persönlich als ersten lesen?

Mit der Einleitung anfangen – da wird der ganze Zusammenhang und das ganze Ausmaß der Veränderung noch mal klar – und dann immer weiter lesen….