Autor: Die Herausgeber_innen der feministischen studien

Das Attentat von Halle und die Normalisierung neoreaktionärer Politiken

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In den Tagen nach dem mörderischen, antisemitisch, rassistisch und anti-feministisch motivierten Attentat in Halle am 9. Oktober 2019 gab es nicht wenige Stimmen, die nicht nur überrascht taten, sondern die Tat selbst als Tat eines Einzelnen verstanden wissen wollten. Doch faschistische Gewalt geschieht nicht überraschend und auch wenn sie von Einzelnen ausgeübt wird, so ist sie dennoch nicht die Tat eines Einzelnen. Faschistische Tat und faschistische Gewaltstruktur gehören zusammen. Sie ist auch Ergebnis der Normalisierung neoreaktionärer Politiken. Mit dieser Normalisierung neoreaktionärer Politiken haben sich die feministischen studien in Heft 2_2018 auseinandergesetzt. Aus gegebenem Anlass posten wir daher hier Auszüge aus der Einleitung zum Heft.

Im Spätsommer 2018 ziehen Neonazis und rechte Hooligans durch die Straßen von Chemnitz und machen gleichermaßen Jagd auf als Nicht-Deutsche wahrgenommene Personen wie auf Journalist*innen und Gegendemonstrant*innen. Es gelingt ihnen zeitweise, mitten in Deutschland einen rassistischen Ausnahmezustand zuetablieren. Der stetig stärker werdende, neoreaktionär agierende, faschistische Flügel der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) um Björn Hocke verbündet sich aktiv mit den marodierenden Nazibanden und den mehrheitlich, aber nicht ausschließlich männlichen Aktivist*innen von „Pegida“, den „Identitären“ und der verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ). Höcke führt gemeinsam mit Lutz Bachmann und Siegfried Däbritz, den Initiatoren von „Pegida“, dem Publizisten, Aktivisten und Geschäftsführer des neurechten Verlags Antaios, Götz Kubitschek, und dem Kopf der österreichischen „Identitären“, Martin Sellner, dessen Buch Identitär in Kubitscheks Antaios-Verlag erschienen ist, den so genannten „Trauermarsch“ an, der vorgeblich dem Gedenken an den, wenige Tage zuvor in einer Messerstecherei zu Tode gekommenen Daniel H. gilt. Es ist der 1. September 2018, der 79. Jahrestag des Überfalls aufdie Zweite Polnische Republik, der Beginn des von Nazi-Deutschland ausgegangenen und die Welt verheerenden völkerrechtswidrigen Angriffskrieges; auch der Beginn des nationalsozialistischen Völkermords an den europäischen Jüd*innen.

Die Parole der ’89er Revolution, die zum Sturz des SED-Regimes und dem Ende der DDR beitrug, „Wir sind das Volk“, haben sich Höcke, Bachmann, Kubitschek und ihre Anhänger längst zu eigen gemacht. Ihre xenophoben Gewaltmärsche deklarieren sie als Selbstverteidigung gegen die so genannte „Messermigration“ und wähnen sich berechtigt, dies zu tun, weil „der“ Staat „die“ Bürger nicht schütze und Merkel „die Vandalen“ ins Land geholt habe. Indem es Höcke und Co.gelingt, die destruktiven Energien rassistisch motivierter Normalbürger*innen, neurechte „intellektuelle“ Vordenker*innen, Thinktanks und Publikationsprojekte, zunehmend besser organisierte und bislang in der NPD organisierte, militante Neonazis sowie den rechtsextremen Flügel der AfD zusammen zu führen, nimmt das Projekt einer völkisch-nationalen Sammlungsbewegung in Chemnitz erstmals deutlich Gestalt an.

Derweil relativiert der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmar die gewaltvollen Aufmärsche, der deutsche Innenminister Horst Seehofer macht einmal mehr Migration als „Mutter aller Probleme“ aus, der Chef des deutschen Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, bezweifelt öffentlich via BILD-Zeitung, dass in Chemnitz überhaupt rechte, rassistisch motivierte Hetzjagden stattgefunden hätten und die Chefredakteure von ZDF und ARD nehmen die Einladung zu einem von der AfD Dresden organisierten Podium zu „Medien und Meinung“ an. Immer noch stehen Feuilleton-Redaktionen bei Götz Kubitschek in Schnellroda Schlange und beginnen Reportagen über ihn und seine Familie mit Beschreibungen eines idyllischen Familienabendessens mit Salat, Ziegenkäse und selbst gebackenem Brot. Thilo Sarrazins neue Kampfschrift, Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht (2018), steht schon nach wenigen Tagen beim größten Buchversandhändler in den Sparten Politik, Multikultur und Wirtschaft auf Platz 1 der Verkaufslisten. In Berlin organisiert der Bundesverband Lebensrecht zusammen mit christlichen Fundamentalist*innen zum fünfzehnten Mal den „Marsch für das Leben“, der u.a. die Illegalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen zum Ziel hat.

Schlaglichter einer Verschiebung der gesellschaftlichen Diskurse weit nach rechts, ermöglicht durch die andauernde Infragestellung der Grenzen des Sagbaren und die fortgesetzte Rede des „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Ermöglicht auch durch die Umkehrung von Tabus und die gezielte Verbreitung von rassistischen, islamfeindlichen, antisemitischen und anti-feministischen fake news sowie kruder Verschwörungstheorien in den sozialen Medien und Netzwerken. Ermöglicht schließlich durch nationalistische und völkische Kampagnen und Parteipropaganda, den durchschlagenden elektoralen Erfolg der erst 2013 gegründeten AfD, die Zunahme des Organisationsgrads, der Militanz und Gewaltbereitschaft außerparlamentarischer Gruppen und Bewegungen und nicht zuletzt durch die in Teilen idyllisierenden und verharmlosenden Reportagen über Kubitschek und andere neurechte Ideolog*innen sowie das Beharren nicht Weniger, die Rechten hätten ein Recht darauf, ihre demokratiefeindliche, schmähende und Menschen verachtende Hassrede zu führen.

Das Land hat sich verändert. Was in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, in Mölln und Solingen Anfang der 1990er Jahre begann und im Terror des NSU auf infamste Weise fortgesetzt wurde, zeigt sich heute auf den Straßen von Chemnitz und Freital, in den täglichen Angriffen auf geflüchtete Menschen und ihre Unterkünfte, in den Gewaltandrohungen gegenüber jenen, die sich für Geflüchtete engagieren. Längst haben wir auch nolens volens zu leben gelernt mit dem aggressiven und auf Ressentiment gestimmten Ton, den Publizist*innen und Politiker*innen wie Birgit Kelle und Harald Martenstein, Akif Pirinci und Beatrix von Storch, Thilo Sarazin, Matthias Matussek und viele andere anschlagen, wenn es um die Rechte geschlechtlicher, sexueller und anderer Minderheiten, um die geschlechtergerechte Gestaltung unserer Gesellschaft ganz allgemein oder die Gender Studies im Besonderen geht – und uns damit auseinander gesetzt. Sie alle haben wesentlich dazu beigetragen, dass eine Grammatik der Härte und die Register der Bezichtigung und des Verdachts, der Verfemung und Verleumdung zunehmend den öffentlichen Comment prägen. Respektlosigkeit, Hassrede und Gewalt sind so zu einem festen Bestandteil des Alltags geworden. Vernachlässigung und Verunsicherung, Ausgrenzung und Entwürdigung prägen vielleicht mehr denn je das gesellschaftliche Miteinander. Ein auftrumpfender und niederträchtiger Rassismus vergiftet das soziale Klima; sexistische sowie homo- und trans*feindliche Anfeindungen und Übergriffe nehmen zu. Das politische Parteiensystem findet keine Antwort auf die neoreaktionäre Landnahme der Demokratie oder bewegt sich – allen voran die CSU – selbst weiter nach rechts. Unterdessen etablieren sich in 14 deutschen Landtagen und im Bundestag AfD-Thinktanks, mit denen Akteur*innen aus dem völkisch-nationalistischen Spektrum in den Plenarsälen und der Öffentlichkeit für eine Normalisierung kruden völkischen Gedankenguts sorgen. Und während sich in Dresden und auch in vielen anderen Orten in Deutschland noch immer viele Hunderte von Islamfeindlichkeit mobilisieren lassen, anderenorts die Mobilisierung gegen „Genderwahn“, „Genderterror“ und die vorgebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern zeitweise Abertausende „besorgte Bürger“ auf die Straßen brachte und so genannte Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa) marodierend durch Köln und Hannover zogen, breiten sich die teils selbst ernannten, teils von den Medien dazu hochgejazzten „intellektuellen“ Vordenker*innen und Schriftsteller*innen des völkisch-nationalistischen Projekts auf den virtuellen und analogen Marktplätzen der Republik aus, um ihre Ideologie in den Kapillaren der Gesellschaft zu versenken. Mit ihrer Präsenz auf den Straßen und Plätzen, in den TV-Talkbuden und Sommerinterviews, in den täglichen Nachrichten, auf Twitter, Facebook und Youtube, in der Bildungsarbeit, in Sportvereinen und Nachbarschaftshilfen, in den Parlamenten und staatlichen Verwaltungen verfügt die Neue Rechte über das vielleicht wichtigste politische Instrument, um ihre Vorstellungen in den Herzen und Hirnen der Menschen zu verankern: Deutungshoheit. Der Prozess der Normalisierung neoreaktionärer Politiken der Feindschaft ist längst in vollem Gange.

Diese Normalisierung reaktionärer, teilweise proto-faschistischer Politiken ist freilich nicht auf Deutschland beschränkt. Das weltweite Erstarken autoritärer Regime ebenso wie der Vormarsch terroristischer und fundamentalistischer Bewegungen, die zunehmende Spaltung der Gesellschaften in einen wie auch immer sich liberal-demokratisch verstehenden und einen rechtspopulistischen Teil, der stete Ruf nach einfachen Lösungen, das Absterben der Institutionen und Garantien der parlamentarischen Verfassungsdemokratie, der Mangel an inneren wie äußeren Frieden schaffenden Diskursen und Erzählungen, die Atomisierung der Subjekte im endlosen Strom der Waren und Medien, die Wiederbelebung manichäischer Freund / Feind-Dichotomien, die Dämonisierung der Fremden und der Rückgriff auf das vermeintlich Eigene, das es gegen diese Fremden zu verteidigen gilt, die Wiederkehr von Begriffen wie „Volk“, „Nation“ oder gar „Rasse“, ebenso wie der Rekurs auf „Heimat“, „Kultur“ und „Identität“, auf „natürliche Geschlechterunterschiede“ und „angestammte Territorien“; die Rede davon, dass „die“ Fremden uns überrollen oder überschwemmen, sie unsere „Sozialsysteme destabilisieren“, „unsere Werte“ missachten und ungerechtfertigt etwas bekommen, was doch eigentlich nur „uns“ zusteht, sind in der Tat Anzeichen dafür, wie sehr die Grenzen zum Autoritären, Neoreaktionären, jedenfalls nicht mehr an der Demokratie, an Solidarität und Emanzipation orientierten verschoben wurden. Dazu gehört, wie gesagt, in der Regel auch ein mehr oder minder explizit formulierter Anti-Feminismus und Anti-Genderismus, die nicht als isolierbare Positionen zu verstehen sind, sondernals Teil einer (extrem) rechten Ideologie, für die der Fokus auf Nation undVolk als identitäre und homogene Gemeinschaften konstitutiv ist.

Anlässe zuhauf für die feministischen studien, nach den Möglichkeitsbedingungen der Verschiebung nach rechts sowie der Etablierung und Normalisierung neoreaktionärer Politiken zu fragen. Wir wollten (erste) Antworten aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern und unterschiedlichen disziplinären Hintergründen finden, um die Frage, wie das möglich ist,beantworten zu können. Wie vollzieht sich die Verschiebung nach rechts, die auch eine Diskursverschiebung ist, darin aber nicht aufgeht? Welche Dynamiken der Normalisierung rechter Rhetorik lassen sich ausmachen? Wie werden antidemokratische Einstellungen verbreitet und zunehmend zu ›normalen‹ Ansichten? Kurzum: Wie werden reaktionäre Politiken normalisiert? 

Wenn wir von „neoreaktionären Politiken“ sprechen, wollen wir dies in deskriptiver Hinsicht verstanden wissen als Zusammenführung verschiedener Kräfte, die von national-konservativen über rechtspopulistische bis hin zu rechtsextremen, antidemokratischen Positionen, Programmen und Bewegungen reichen – und deren Verbindung in der Arbeit gegen die Demokratie und an der Aufhebung liberaler Werte besteht. Der Begriff ‚neoreaktionär‘ erscheint uns als derzeit passende Beschreibung dieser Koalition und ihrer Ziele: Neoreaktionäre Politiken reagieren auf gesellschaftspolitische Entwicklungen der Liberalisierung oder Reflexivierung und sind darauf gerichtet, emanzipatorische Errungenschaften im Bereich der Lebensformen, der Geschlechterverhältnisse und der Sexualität sowie der Familie zurückzunehmen und die mit Migrationsprozessen einhergehende soziale wie kulturelle Veränderung von Gesellschaft ebenso wie Prozesse politischer und wirtschaftlicher Globalisierung zu stoppen. Die neoreaktionäre Zukunft besteht in einer imaginierten Vergangenheit nationaler wie kultureller Homogenität, geschlechtlicher Eindeutigkeit und traditioneller Lebensformen. Die Verbindung zwischen historischen reaktionären und aktuellen neoreaktionären Kräften ist die Ablehnung der Demokratie. Bezeichnete der erste Begriff die Koalition aus Adel, Klerus und Besitzenden, die sich Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich gegen Aufklärung und bürgerliche Revolution formierte, so ist die Abwehr der ‚kulturellen Revolution‘, die häufig mit der Chiffre ’68 verbunden wird, die treibende Kraft der neoreaktionären Formation. 

Die Beiträge zu diesem Heft greifen diese Perspektive und die aufgeworfenen Fragen auf verschiedene Weise auf. Sie untersuchen, wie rechte Diskurse funktionieren und welche Bedeutung dem Rekurs auf traditionelle Geschlechterrollen und Familienverhältnisse dabei zukommt. Sie gehen der Verbreitung neoreaktionärer Ansichten nach und fragen nach den intellektuellen Fundamenten der rechten Weltanschauung, aber auch danach, wie rechtem Hass auf politische wie analytische Weise zu begegnen ist. In den Blick gerückt werden bislang in diesem Zusammenhang wenig beachtete soziale Kontexte wie die von Franziska Schutzbach beschriebene Szene der so genannten Pick Up Artists (PUA) – eine Szene, die sich selbst als Selbsthilfe-Community beschreibt, in der Männer lernen, wie sie Frauen „verführen“.

Sabine Hark und Aline Oloff

Call for Abstracts: Feminism, Secularism, and Religion

In many religions, the symbolization of gender and sexuality is strongly institutionalized, due in a large measure to religious notions of transcendence. The religious symbolization of gender reflects an androcentric understanding of the world which hampers social change in this realm. Time and again, women* and LGBT*persons have to struggle rigorously for acceptance and equality of opportunity in the hierarchy of the religious social order. Furthermore, on the level of social life, religion is consistently made relevant by legitimating assumed natural gender differences (as for example in the recent declaration of the congregation for Catholic education on the ‘question of gender theory in education’). As a consequence, feminist research has responded to religion with a certain amount of reserve. This also holds true for feminist analyses of religion(s); often, they are not regarded as a constituent part of feminist studies. Accordingly, feminism and religion seem not to be compatible. Instead, feminism – understood as a programmatic approach which is inherently connected to an enlightened, egalitarian modernity – seems to go hand in hand with secularism, although the promise of gender equality does not obtain insofar as it includes an androcentric bias. 

The special issue of feministische studien focuses on these complex, but scarcely discussed connections between feminism, secularism, and religion. In order to get to the bottom of the interdependencies and tensions between religious and non-religious worldviews, the special issue invites contributions that shed light on the problem from different contexts and theoretical perspectives.

Hence, feminist approaches in the religious sphere often disappear from view: how women* and LGBT*persons in varying religious contexts are reshaping and transforming religious gender arrangements, or how they are fighting to shift religious notions of sexuality and change religious gender codes—whether on the level of religious organizations, religious practices, or religious knowledge—how they question power relations, demand rights and recognition, or take over social space in the religious domain, does often meet a negative response in secular feminism. Moreover, it seems to be difficult to understand from a secular feminist perspective, how religion is experienced as a resource of practiced emancipation, lived equality and freedom, or how the turn to religion could also align with a feminist approach. Finally, a dialogue between secular and religious women* becomes impossible, when secular feminism envisions itself as neutral.

The aim is to contribute to a deeper understanding between secular and religious feminist approaches. This subject unfolds against the backdrop of an intensifying problematization of religious gender relations in the context of migration and asylum discourses, whether on the global or on the local level, recognizing in particular that ‘Islam’ and the ‘Islamic gender order’ have become the epitome of racialization and othering. Secular feminism must deal carefully with racism and antisemitism; this also means, to engage in introspection regarding its own reproduction of white, colonial, anti-Islamic, or anti-Semitic patterns of thinking and the resulting symbolic modes of boundary making between ‘us’ and ‘them’. Likewise, religious feminisms cannot evade the possibility of varying approaches to gender difference and (in)equality. This also includes a consideration of the relationship between feminism and Christianity. 

Accordingly, we invite theoretical and empirically based contributions that

●          critically reconstruct the rejection of religious feminist positions and racialising forms of boundary making between secular and religious feminisms; 

●          relate secular and religious feminisms to each other in a constructive way and focus on common characteristics and similarities;

●          discuss feminist theologies and feminist religious movements in a nuanced way concerning their positions that are critical of religion and

●          analyse the relation between feminism, secularism, and religion historically as well as with respect to contemporary times. 

Submission and timetable

We kindly invite to submit abstracts (300 – 500 words) until 15th October 2019to 

manuskripte@feministische-studien.deas well as to 

heidemarie.winkel@uni-bielefeld.de and angelika.poferl@tu-dortmund.de

Invitations to submit full papers will be send out until 15th November 2019.

Full papers of max. 40.000 characters need to be submitted by 15th August 2020.

Papers will be selected through peer review. 

For further information please contact Prof. Dr. Heidemarie Winkel (heidemarie.winkel@uni-bielefeld.de), Prof. Dr. Angelika Poferl (angelika.poferl@tu-dortmund.de) or Dr. Aline Oloff (aline.oloff@tu-berlin.de).

Call for Abstracts: Feminismus, Säkularismus und Religion

Die religiöse Symbolisierung von Geschlecht und Sexualität ist in vielen Religionen durch den Verweis auf Transzendenz besonders fest institutionalisiert. Sie ist Ausdruck eines androzentrischen Wissensvorrats und Weltverständnisses, das sozialen Wandel im Bereich religiöser Geschlechterverhältnisse erschwert. Frauen* und LGBT*Personen müssen immer wieder hart um Partizipationsmöglichkeiten in der Hierarchie religiöser Ordnung und um Anerkennung kämpfen. Und auch auf gesellschaftlicher Ebene wird Religion immer wieder zur Legitimation von Geschlechterdifferenz und zur Abwertung von Weiblichkeit relevant gemacht (wie sich aktuell z.B. an der Erklärung der römisch-katholischen Bildungskongregation zur „Frage der Gender Theorie im Bildungswesen“ sehen lässt). Die feministische Forschung begegnet Religion daher – nicht von ungefähr – mit Distanz. Dies gilt auch für feministisch orientierte Analysen von Religion(en); sie werden meist nicht zum Kernbestand feministischer Sozialanalysen gezählt. Feminismus und Religion sind demnach nicht kompatibel. Vielmehr scheint Feminismus, verstanden als Projekt und Programm einer an Gleichheit orientierten, aufgeklärten Moderne, nahezu zwangsläufig mit Säkularismus einherzugehen – dies gilt auch und gerade dann, wenn das Versprechen einer Gleichheit der Geschlechter in eben dieser Moderne uneingelöst und androzentrisch gebrochen ist. 

In der Folge geraten feministische, an Geschlechtergerechtigkeit orientierte Ansätze im religiösen Feld selbst oftmals aus dem Blick: Wie Frauen* und LGBT*Personen in verschiedenen religiösen Kontexten religiöse Verhältnisse, Wissensordnungen und Wissensformen zu Geschlecht und Sexualität auflösen, umformen und neu definieren, oder wie sie um Repräsentation und den Wandel religiösen Geschlechterwissens kämpfen, wie sie Religion(en) daraufhin verändern – ob auf der Ebene des Wissens, der Ebene religiöser Praxen oder der Organisation von Religion, wie sie Machtverhältnisse infrage stellen, Rechte und Anerkennung einfordern und sich diese erobern, dies findet in säkularen, sich selbst meist als neutral wahrnehmenden Feminismen eher wenig Widerhall oder Akzeptanz. Ein Dialog auf Augenhöhe zwischen säkularen und religiösen Frauen*, die in ihrer religiösen Lebenswelt um Geschlechtergerechtigkeit kämpfen, wird so unmöglich. Dass Religion als Handlungs- und Sinnressource für gelebte Emanzipation, Freiheits- und Gleichheitsvorstellungen erlebt und verstanden wird, dass die Zuwendung zu Religion gar aus einer feministischen Haltung heraus erfolgen kann, scheint aus der Perspektive säkularer Feminismen nur schwer verstehbar. 

Das Themenheft will sich diesem komplexen und bislang kaum breiter diskutierten Zusammenhang von Feminismus, Säkularismus und Religion widmen und sowohl die Affinitäten, Wahlverwandtschaften, aber auch die Spannungsverhältnisse zwischen religiösen und nicht-religiösen feministischen Weltdeutungen ausloten. Es will spezifische Problemstellungen herausarbeiten und so einen Beitrag zur Verständigung zwischen säkularen und religiösen feministischen Bewegungen leisten. Dies geschieht auch vor dem Hintergrund einer sich in der jüngeren Vergangenheit wieder verstärkenden Problematisierung religiöser Geschlechterverhältnisse im Zusammenhang der Diskurse um Migration und Asyl, auf globaler wie auch auf lokaler Ebene. Insbesondere ‚der Islam‘ bzw. ‚die islamische Geschlechterordnung‘ werden hierbei zum Kulminationspunkt von Rassifizierung und othering. Säkularer Feminismus muss sich hierzu – ebenso wie zu Antisemitismus – verhalten, d.h. sich selbst hinsichtlich des eigenen Beitrags zur Reproduktion kolonialer, weißer, antiislamischer oder antisemitischer Denkschemata und damit einhergehender symbolischer Grenzziehungen zwischen ‚uns‘ und ‚den anderen‘ überprüfen. Und umgekehrt kann religiöser Feminismus sich der Frage unterschiedlicher Perspektivierungen von Geschlechterungleichheit und Geschlechterdifferenz nicht entziehen. Auch die Betrachtung des Verhältnisses von Feminismus und Christentum soll davon nicht ausgespart bleiben. 

In diesem Sinne laden wir zu theoretischen und empirisch basierten Beiträgen ein,   

● die die Ablehnung religiös-feministischer Positionen und rassifizierende Grenzziehungen zwischen säkularen und religiösen Feminismen kritisch rekonstruieren;

●  die säkulare Feminismen konstruktiv zu religiösen Feminismen ins Verhältnis setzen und Gemeinsamkeiten in den Blick nehmen;

● die feministische Theologien und feministisch-religiöse Bewegungen differenziert hinsichtlich ihrer religionskritischen Positionen ausleuchten und 

● die das Verhältnis von Feminismus, Säkularismus und Religion historisch und gegenwartsdiagnostisch analysieren

● die feministische Theologien und feministisch-religiöse Bewegungen differenziert hinsichtlich ihrer religionskritischen Positionen ausleuchten und 

● die das Verhältnis von Feminismus, Säkularismus und Religion historisch und gegenwartsdiagnostisch analysieren.

Zur Einreichung von Beitragsvorschlägen für die Rubriken „Bilder und Zeichen“ und „Im Gespräch“laden wir ebenfalls herzlich ein. 

Einreichung und Zeitplanung

Wir bitten um Einreichung von Abstracts im Umfang von 300 bis maximal 500 Wörtern bis zum 15. Oktober 2019 an manuskripte@feministische-studien.desowie an die beiden Gastherausgeber*innen angelika.poferl@tu-dortmund.deund 

heidemarie.winkel@uni-bielefeld.de

Im Fall einer positiven Einschätzung durch die Herausgeber*innen erfolgt bis zum 15. November 2019 eine Einladung zur Beitragseinreichung. Der Abgabetermin des fertigen Beitrags im Umfang von max. 40.000 Zeichen ist der 15. August 2020. Alle eingereichten Beiträge durchlaufen ein anonymes Begutachtungsverfahren, auf dessen Basis Redaktion und Gastherausgeber*innen die Auswahl der Beiträge treffen.  

Für weitere Informationen oder Nachfragen wenden Sie sich bitte an die Heraus-geber*innen des Heftes: 

Prof. Dr. Angelika Poferl (angelika.poferl@tu-dortmund.de
Prof*in Dr*in Heidemarie Winkel (heidemarie.winkel@uni-bielefeld.de)
Dr*in Aline Oloff (aline.oloff@tu-berlin.de). 

Call for Abstracts: Feministische Kunst der Gegenwart

Feministische Kunst im 21. Jahrhundert ist geprägt durch eine große Vielfalt und Diversität und entzieht sich einer einheitlichen Definition. In der Bildenden Kunst, der Medien-, Installations- und Netzkunst, in den darstellenden Künsten (wie Theater, Performance, Tanz), in der Musik und Literatur behandeln queer-feministische Künstler*innen eine Bandbreite an Themen, wie z.B. Ungleichheit, Macht und Gewalt, Vorstellungen von Weiblichkeit und Identität allgemein, von Intersektionalität oder Queerness. Klassische und traditionelle ästhetische Formen und Strategien finden ebenso Einsatz wie neue oder weniger bekannte (Kunst-)Formen, Materialien und Verfahren. Feministische Kunst ist eng mit einem kritischen Anspruch verbunden, wobei Gegenstände sowie Strategien der Kritik äußerst heterogen sind: Sie reichen von so genannten Genderperformances, etwa in Form von Geschlechter-Parodie, Maskerade oder Cross-Dressing, Dekonstruktionen, Reenactments, Inszenierungen von nackten Körpern, Versammlungen/Assemblagen bis hin zu Figuren des Dritten, wie etwa Cyborgs, Mensch-Tier-Hybride oder Monster. Eingebettet sind die feministischen Arbeiten in gesellschaftliche Kontexte, in soziale und politische Auseinandersetzungen und Bewegungen, gegenwärtig z.B. in #metoo oder den Kampf um die Quote in Kunstinstitutionen wie Museen, Theatern, Film- und Medienanstalten.

Dabei setzten sich Künstlerinnen wie Hannah Höch, Lotte Laserstein oder Claude Cahun bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts kritisch mit stereotypen Bildern von Weiblichkeit und dem Bildstatus der Frau in der abendländischen Kultur auseinander und befragten binäre Geschlechternormen. Weltweit entwickelten Künstlerinnen im Zuge der zweiten Frauenbewegung der 1960er und -70er Jahre eine große Vielfalt an künstlerischen Ausdrucksformen, die sich kritisch etwa mit dem gesellschaftlichen Status von Frauen, der Vorstellung ‚der‘ Frau als Bild und Bildern von Weiblichkeit auseinandersetzen. Der eigene Körper spielte dabei eine wesentliche Rolle, sowohl als Subjekt als auch Objekt der Wahrnehmung. In den 1980er und -90er Jahren wurden einerseits essentialistische (Weiblichkeits-)Vorstellungen sowie enge Definitionen von Frausein und Identität (‚weiß, hetero, Mittelklasse‘) vehement kritisiert, andererseits wurden verstärkt intersektionale und queere Perspektiven in die feministische Kunst eingebracht. Auf der Grundlage eines (de-) konstruktivistischen Verständnisses von Identität und Sexualität wurden stereotype Geschlechtervorstellungen in Frage gestellt und tradierte Identitätskonzeptionen verhandelt und unterlaufen.

Auch in Verbindung mit der Frage, welche Rolle historische Bezugnahmen auf Traditionen in der feministischen Kunst spielen, fragt unser Schwerpunktheft 2/2020 nach den neuesten Entwicklungen und Vorstellungen feministischer Kunst in der Gegenwart. Was macht feministische Kunst heute aus? Welche Themen und Fragen werden mit welchen ästhetischen und medialen Mitteln und mit welchen politischen Absichten verhandelt? Welchen Status und welche Wirkungen bzw. Effekte hat feministische Kunst in und auf Gesellschaft?

Mit diesem Schwerpunktheft zur Feministischen Kunst der Gegenwart laden wir Autor*innen ein, in Beiträgen Fragen wie die folgenden aufzugreifen:

  1. Welche Frauen- und Geschlechterbilder werden in zeitgenössischer feministischer Kunst dargestellt oder inszeniert? Wie verhält sich (queer-)feministische Kunst zu gesellschaftlichen Normen der Geschlechtsidentität und Sexualität? Welche diesen Normen zuwiderlaufenden Geschlechterbilder und/oder Sexualitäten und Begehrensformen werden dar- bzw. hergestellt und mit welchen ästhetischen Mitteln werden sie erzeugt? Wie beziehen sich feministische Künstler*innen zum traditionellen Kanon, bspw. zum dramatischen Repertoire in Stadt- und Staatstheatern, die oftmals eingeschränkte und stereotype Geschlechterrollen beinhalten? Wie werden diese umgearbeitet oder dekonstruiert? Welche Rolle spielt der Körper?
  2. Geschlecht ist kein monolithisches Gebilde, sondern konstituiert sich aus einer Vielzahl verschiedener Praktiken und Diskurse, in Wechselbeziehung mit anderen identitätsstiftenden Differenzierungen. In welcher Weise finden Verflechtungen von Geschlecht und anderen Differenzierungen und Markierungen wie z.B. ‚Rasse‘, Ethnie, Klasse, Alter oder Gesundheit Ausdruck in der künstlerischen Praxis? Welche Rolle spielen Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Formen sozialer Ungleichheit?
  3. Feministische Theorie und Gender Studies verstehen sich auch als kritische Wissenschaft und schließen an Formen der Kritik an, wie sie z.B. Adorno, Butler oder Foucault formuliert haben. Inwiefern kann zeitgenössische feministische Kunst als kritische Praxis gesehen werden? Welches sind die Möglichkeiten von Kritik und Subversion in der künstlerischen Praxis? Was genau wird kritisiert oder als unter- bzw. verworfen kritisiert und auf welche Weise? Indem eine bestimmte Norm oder bestehende Ordnung kritisiert wird, wird sie auch in gewisser Weise reaktualisiert und bewahrt. Wie genau verhält sich die Kritik zum Kritisierten? Wie gestaltet sich das Verhältnis von Subversion und Affirmation?
  4. Mit welchen ästhetischen und medientechnologischen Mitteln werden feministische Themen verhandelt? Wie werden diese im künstlerischen Prozess reflektiert? Inwiefern wird dabei auf künstlerische Traditionen oder Konventionen zurückgegriffen oder/und neue Formen der Verwendung entwickelt? Welche Rolle spielen digitale Medien und Technologien und inwiefern kann feministische Kunst kritische Öffentlichkeiten herstellen, etwa in Interaktionsprozessen oder in anderen Formen der Einbindung von Rezipierenden?
  5. Viele Arbeiten zeitgenössischer feministischer Kunst wie Installationen, Performances oder Audiowalks entstehen in einem lokalen Kontext; zugleich wird Kunst überregional produziert, global gezeigt und wahrgenommen. In welches Verhältnis treten Globalität und Lokalität, welche Rolle spielt Internationalisierung für die zeitgenössische feministische Kunst? Welche Funktionen und Wirkungen haben lokale Verortungen und globale Grenzüberschreitungen für inhaltliche und ästhetische Aspekte der feministischen Kunst?
  6. Welchen Stellenwert nehmen Bezüge zur historischen feministischen Kunst ein? Situiert sich feministische Kunst heute im Kontext von Geschichte und wenn ja, in welcher Weise? Welche Archive werden verwendet bzw. aufgebaut? Werden neue Formen der Archivierung und/oder Historisierung entworfen? Welche Bedeutung haben Reenactments bzw. Reperformances? Welches Verständnis von Zeit (und auch von Raum) wird damit entwickelt?
  7. Viele Künstler*innen arbeiten heute in temporären oder dauerhaften Kollektiven. Wie genau sehen diese kollektiven Arbeitsprozesse aus und welche Absichten werden mit ihnen verbunden, welche Resonanzen lassen sich zeigen

Aufsätze (bis 40.000 Zeichen) und Diskussionsbeiträge (bis 25.000 Zeichen, incl. Leerzeichen) werden nach einem double blind peer-review-Verfahren begutachtet. Erwünscht sind auch Tagungsberichte sowie Rezensionen oder Sammelrezensionen zu Veröffentlichungen, die sich vorzugsweise, aber nicht ausschließlich, mit dem Schwerpunkt dieses Heftes beschäftigen.

Wir laden herzlich ein, bis zum 01. August 2019 ein Abstract von bis zu 2.000 Zeichen bei den Herausgeberinnen des Schwerpunktheftes, PD Dr. Miriam Dreysse (Universität Hildesheim, miriamdreysse@googlemail.com), Jun.-Prof. Dr. Jenny Schrödl (Freie Universität Berlin, j.schroedl@fu-berlin.de) und Prof. Dr. Tanja Thomas (Universität Tübingen, tanja.thomas@uni-tuebingen.de) sowie bei manuskripte@feministische-studien.de einzureichen.

Reproduktion, Generativität und Verwandtschaft – 5 Fragen

Um Reproduktionstechnologien, Generativität und Verwandtschaft geht es im aktuellen Heft der Zeitschrift feministische studienIn 5 Fragen beantworten die Heftherausgeber*innen Katharina Liebsch und Friederike Kuster auch diesmal wieder, womit sich die Autor*innen im Einzelnen beschäftigt haben, worauf Leser*innen sich besonders freuen können, wer in ein Gespräch verwickelt wurde, welche Künstler*in es uns diesmal besonders angetan hat und mit welchem Text die Herausgeber*innen selbst die Heftlektüre beginnen würden. Freuen Sie sich auf interessante feministische Einblicke in Themen der Zeit.

 

1)     Worum geht es im Schwerpunktthema des neuen Heftes?

Das Heft geht der Frage nach, wie 40 Jahre Reproduktionstechnologien die Verhältnisse, Beziehungen und Konzepte von Verwandtschaft dynamisiert haben. Dazu gehört logischerweise auch die Frage, wie sich Bedeutungen der Kategorie Geschlecht durch reproduktionsmedizinische Angebote verändern.

2)     Worauf können sich die Leser*innen besonders freuen?

Das Heft präsentiert sowohl aktuelle Forschungen zum hochbrisanten Phänomen der Leihmutterschaft als auch grundlegend-konzeptuelle Überlegungen zur Frage, was es sozial, kulturell und gesellschaftlich bedeutet, wenn die biologisch-soziale Selbstverständlichkeit der heterosexuellen Kleinfamilie nun auch technisch assistiert erzeugt werden kann.

Ein extra für unser Heft übersetzter Aufsatz der britischen Kulturanthropologin Marilyn Strathern aus dem Jahr 1991 bietet hier neue Perspektiven und interessante Anknüpfungspunkte zur Theoretisierung der reproduktionstechnologischen Optionen als Mittel zur Herstellung von Verwandtschaft im Konkreten und Sozialität im Allgemeinen.

3)     Eine Besonderheit der Zeitschrift feministische studien ist die Rubrik „Im Gespräch“. Mit wem wurde diesmal über welches Thema gesprochen?

Diese Rubrik ist in dem neuen Heft doppelt bestückt.
Zum einen diskutieren Élisabeth Roudinesco, französische Historikerin der Geschichte der Psychoanalyse, und Manuela Fraire, ehemalige Vorsitzende der römischen psychoanalytischen Vereinigung, die Praxis der Leihmutterschaft vor dem Hintergrund neuer famialer Vielfalt.
Zum zweiten sprechen die Frankfurter Politikwissenschaftlerinnen Uta Ruppert und Tanja Scheiterbauer mit der nigerianisch-britischen Feministin und Professorin für Gender Studies an der University of California Davis Amima Mama. Sie diskutieren den transnationalen Diskurs über „Feminisms in Africa“ und kommen zudem auch auf die sozialpolitischen Verhältnisse von Gewalt, Militarismus und Geschlecht zu sprechen.

4)     Und welche Künstler*in wird in der Rubrik „Bilder und Zeichen“ vorgestellt?

Alexandra Bircken hat – thematisch Bezug nehmend – für das Heft einige ihrer Arbeiten zusammen gestellt. Darunter sind auch solche, die mit denen sie aktuell den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig mitgestaltet.

5)     Welchen Text würden Sie persönlich als ersten lesen?

Mit der Einleitung anfangen – da wird der ganze Zusammenhang und das ganze Ausmaß der Veränderung noch mal klar – und dann immer weiter lesen….

5 Fragen – Normalisierung neoreaktionärer Politiken

Die Fragen beantwortet hat diesmal Aline Oloff.

1)     Worum geht es im Schwerpunktthema des neuen Heftes?

Die Beiträge zum Schwerpunkt des neuen Heftes beschreiben und analysieren die sich gegenwärtig vollziehende Normalisierung neoreaktionärer Politiken – so auch der Titel des Heftes. Sie untersuchen, wie rechte Diskurse funktionieren und welche Bedeutung dem Rekurs auf traditionelle Geschlechterrollen und Familienverhältnisse darin zukommt.

2)     Worauf können sich die Leser*innen besonders freuen?

Angesichts der beklemmenden Darstellungen rechter Rhetorik und antidemokratischer Agenden wird das neue Heft der feministischen Studien kaum ›Freude‹ machen. Es vermittelt allerdings interessante Einblicke in bislang wenig beachtete soziale Kontexte wie beispielsweise die sogenannte Pick Up Artists-Szene, in der sich vor allem junge Männer radikalisieren, oder das intellektuelle Zentrum der neuen Rechten rund um die Zeitschrift Sezession und den Antaois Verlag. Wie sich die Indienstnahme des ›Volkes‹ in verschiedenen europäischen Kontexten darstellt, ist ebenso Thema wie mögliche Gegenreden zur rechtspopulistischen Deutung des ›Volkes‹ über Ausgrenzung und moralische Überhöhung.

Interessant sind aber auch die Beiträge, die auf einer eher konzeptionellen Ebene danach fragen, wie der gegenwärtigen Entwicklung analytisch und damit möglicherweise auch politisch zu begegnen ist. So wird das Prinzip der Meinungsfreiheit diskutiert, nach der Reichweite des Begriffes der ›neoreaktionären Politiken‹ gefragt und das bislang zur Verfügung stehende analytische Vokabular wie ›Homonationalismus‹ oder ›Anti-Genderismus‹ auf seine analytische Schärfe hin überprüft.

Freuen können sich die Leser*innen auf den Beitrag in der Rubrik Bilder und Zeichen und die Arbeiten der afrobritischen Künster*in Lubaina Himid – eine ihrer Arbeiten ist schon auf dem Cover des Heftes zu finden. Auch auf den Beitrag von Christina Thürmer-Rohr zu Emanzpation in Außer der Reihe und nicht zuletzt auf Im Gespräch. Alle Beiträge in diesen Rubrik funktionieren in der einen oder anderen Weise als Gegengewichte zur mehrheitlich düsteren Gegenwartsdiagnose des Schwerpunktes.

3)     Eine Besonderheit der feministischen studien ist die Rubrik »Im Gespräch«. Mit wem wurde diesmal über welches Thema gesprochen?

Das neue Heft dokumentiert ein mehrstündiges Gespräch zwischen der Gegenwartsautorin Gila Lustiger und der Philosophin Judith Butler, das Sabine Hark und Sahra Dornick geführt haben. In dem Gespräch geht es u.a. um die Kraft literarischer Imagination, die Frage, wie über Armut zu schreiben wäre, welche Bedeutung der Idee einer Ethik der Postsouveränität im literarischen Schreiben zukommt.

4)     Und welche Künstler*in/nen wird bzw. werden in der Rubrik »Bilder und Zeichen« vorgestellt?

Wir freuen uns sehr, ausgewählte Arbeiten der Künstler*in Lubaina Himid vorstellen und damit das umfangreiche und beeindruckende Werk einer der zentralen Figuren des Black Art Movements und Turner Prize Träger*in des Jahres 2017 würdigen zu können.

5)     Welchen Text würden Sie persönlich als ersten lesen?

Ich würde mit den, zum Teil auf sehr persönlichen Erfahrungen gründenden, Überlegungen zum Begriff der Befreiung von Christina Thürmer-Rohr beginnen.

feministische studien in Zeiten der Dämonisierung der Geschlechterforschung

Politische und ideologische Kritik an der Kategorie Gender und am Feminismus hat in der jüngsten Zeit deutlich zugenommen. Der Gegenwind kommt aus ganz unterschiedlichen Richtungen und weht auch innerhalb der feministisch-queeren Öffentlichkeit. Die mediale Berichterstattung ist gekennzeichnet von plakativen Polarisierungen – intersektional versus identitätspolitisch, theoretisch versus empirisch, links versus rechts, queer versus feministisch – und nicht selten werden die vermeintlichen Positionen personifiziert und das Feld der Geschlechterforschung insgesamt als „moralisierend“ und „überpolitisiert“ deklariert. Demgegenüber hält eine wissenschaftliche, interdisziplinäre Zeitschrift, die den Bezug auf feministische Analysen, Bewegungen und Positionierungen im Namen trägt, die Perspektive und Bedeutung dieser Forschungsrichtung bis heute, gegenwärtig und zukünftig für unverzichtbar. Warum?

„Standortgebundenheit“ von Forschung und Wissen reflektieren

Feministische Wissenschaft ist untrennbar verbunden mit der erkenntnistheoretischen Kritik des Postulats wissenschaftlicher Objektivität. Indem die impliziten Logiken und Leerstellen wissenschaftlichen Denkens und die faktischen Ausschlüsse von Frauen aus dem organisationalen Gefüge der Wissenschaft zum Gegenstand feministischer Untersuchungen gemacht wurden, zeigte sich die Historizität und Standortgebundenheit von Wissenschaft (z.B. Harding 1994; Hill Collins 1990). Zwangsläufige beziehungsweise logische Folge davon war dreierlei:

  1. die thematische Erweiterung von Wissenschaft und ihre Öffnung für die bislang ausgeblendete Untersuchung des gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisses in seinen kulturellen und sozialen Ausformungen;
  2. die politische Forderung nach der Öffnung der Wissenschaft für Frauen sowie dem Abbau der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit als natürlich-biologistisch-legitimiertes soziales Herrschaftsverhältnis insgesamt;
  3. die erkenntnistheoretische Einsicht, dass auch eine von Frauen betriebene und sich als feministisch verstehende Forschung auf einem selbstreflexiven und (selbst)kritischen Wissenschaftsverständnis basieren muss.

Feministische Wissenschaft war also von Anfang an gleichermaßen erkenntnistheoretisch-kritisch wie politisch. Die Analyse des Gegenstands brachte sowohl Fragen nach der Standortgebundenheit von Wissenschaft als auch Fragen nach Geschlechtergerechtigkeit mit sich. Jede Wissenschaft, egal ob sie als „angewandte“, „empirische“ oder „analytische“ Forschung in Erscheinung tritt, ist standortgebunden und dementsprechend kann wissenschaftliche Forschung nicht auf abstrakte Eigenschaften von Theorien oder auf empirische Evidenz reduziert werden und muss berücksichtigen, dass, wo und wie sie sozial eingebettet, institutionell (fremd)bestimmt und Interessen geleitet ist.

Die Standortgebundenheit des wissenschaftlichen Vorgehens von vornherein als „feministisch“ zu explizieren und sichtbar zu machen, ist Bestandteil wissenschaftlicher Selbstreflexivität; sie markiert den Gegenstand und kennzeichnet die Perspektive einer gerechten Gesellschaft. Eine solche normative Ausrichtung bedeutet nicht, dass die Beantwortung der Untersuchungsfragen unwissenschaftlich oder ideologisch ist. Vielmehr zeigt sie eine Wertorientierung an, die nicht empirisch erhoben und auch nicht naturwissenschaftlich hergeleitet werden kann. Feministisch bedeutet, die normative und empirische Komplexität der Geschlechterverhältnisse anzuerkennen und die Reflexion über gegebene Verzerrungen durch Interessen und Stereotype in Gang zu setzen.

Vielstimmigkeit und Perspektivenvielfalt ermöglichen

Da das Untersuchungsfeld groß und die Suche nach Einblicken und Erkenntnissen vielgestaltig ist, macht es wenig Sinn von dem einen Feminismus und der Geschlechterforschung im großen Singular zu sprechen. Professuren mit einer (Teil-)Denomination „Gender“ gibt es in 30 verschiedenen Disziplinen, reichend von der Germanistik über Informatik, Psychologie und Politikwissenschaft bis hin zur Medizin und ihr Anteil an der Anzahl aller Professuren in Deutschland beträgt zwischen 0,4 und 0,5 Prozent (Datenbank FU Berlin). Entsprechend ihrer disziplinären Verortung untersuchen diese Arbeitsbereiche die Ausprägungen und Bedeutungen der Kategorie Geschlecht, entwickeln dazu Erklärungen zu Genese und Wandel und arbeiten diesbezügliche Theorien aus. Aufgrund der Interdisziplinarität des Forschungsfelds variieren die Forschungsfragen, die methodischen und theoretischen Zugänge sowie Ergebnisse und politische Einschätzungen und Schlussfolgerungen. Wie in jedem anderen Forschungsfeld auch gibt es sich widersprechende Befunde und konkurrierende Deutungen, die präsentiert, diskutiert, verworfen und weiterentwickelt werden. Die Vielfalt der Ansätze und der Vielstimmigkeit der Befunde lassen sich zu Paradigmata und Denkstilen bündeln, die selbst in Bewegung und in Weiterentwicklung begriffen sind. Allein die Dynamik des Forschungsfelds erschwert die Etablierung von Doktrinen und auch alle Analysen des Gegenstand selbst – die Unterscheidungen entlang der Kategorie Geschlecht – dokumentieren dessen Vielgestaltigkeit und Wandelbarkeit. Entsprechend muss die wissenschaftliche Analyse der aktuellen öffentlichen Diskussion um Gender-Fragen entlang der in ihr expliziten Werte sowie ihrer impliziten Interessen, Vorurteilen, kognitiven Verzerrungen und ideologischen Mechanismen erfolgen.

Geschlecht als dynamischen und widersprüchlichen Gegenstand analysieren

Gender Studies entstanden am Ende des 20. Jahrhunderts, als die hierarchisch organisierte Zweigeschlechtlichkeit fraglich geworden war und flexible Geschlechtsdefinitionen entwickelt wurden. Die Geschlechterforschung ist selbst Teil des tiefgreifenden Wandels des Geschlechterverhältnisses der modernen bürgerlichen Gesellschaft und sie ist zudem damit konfrontiert, dass Androzentrismus, männliche Herrschaft und Heteronormativität sich nicht gleichermaßen erledigt haben. Diese, durch Unübersichtlichkeiten und Ungleichzeitigkeiten gekennzeichnete Konstellation gilt es, empirisch wie auch theoretisch-begrifflich zu erfassen.

Gegenwärtig stehen die Gender Studies vor der Herausforderung, einen Blick auf das Verhältnis von Alt-Neu, Vorwärts-Rückwärts, Fortschritt-Rückschritt im gesellschaftlich umkämpften Prozess sich wandelnder Geschlechterordnungen zu gewinnen und das widersprüchliche Ineinandergreifen der Diffundierungen und Markierungen von Geschlechterdifferenzen und Geschlechterhierarchien zu erfassen. Feminismus hat im teilweise paradoxen Zusammenspiel mit anderen gesellschaftlichen Kräften, dazu beigetragen, dass das Geschlechterverhältnis der modernen Gesellschaft strukturelle Veränderungen aufweist. So greifen die Organisationsprinzipien nicht mehr, welche die Arbeitsteilung der Geschlechter im Fordismus reguliert haben, und die fraglose Existenz homosozialer Räume männlicher Vergemeinschaftung ist (ohne dass diese Räume vollständig verschwunden wären) grundsätzlich erschüttert. Zugleich hat die Ausbreitung neoliberaler Wirtschaftsdoktrin weltweit dafür gesorgt, dass Flexibilitätsanforderungen an die Einzelnen erhöht und Chancen auf sozialen Aufstiegt reduziert wurden. Daraus ergeben sich Fragen nach dem Zusammenhang von gesellschaftlichem Struktur- oder Formwandel mit der Konstituierung von Subjektivität, also mit der Herausbildung von Handlungs- und Beziehungsfähigkeiten und mit Subjektivierungsprozessen, sowie mit den symbolischen Bedeutungen und dem imaginären Gehalt von Geschlecht.

Diesen Transformationsprozess zu verstehen, einzuordnen und in seinen Konsequenzen einzuschätzen, ist die zentrale Aufgabe der Geschlechterforschung.


Literatur

Sandra Harding 1994. Das Geschlecht des Wissens. Frauen denken die Wissenschaft. Frankfurt a. M./New York

Patricia Hill Collins 1990. Black Feminist Thought. Knowledge, Consciousness, and the Politics of Empowerment. Boston/London

Datenbank Geschlechterforschung FU Berlin 2017; http://www.database.mvbz.org/database.php