© Regine Othmer

Frau, Musik und Männerherrschaft

Eva Rieger zum 80. Geburtstag


Wer Eva Rieger im November 2019 während des Festakts zum 40-jährigen Bestehen des Archivs Frau und Musik im Kaisersaal des Frankfurter Römer erlebt und ihre Laudatio gehört hat, wäre nicht auf die Idee gekommen, sie sei im 80. Lebensjahr. Mit Charme, inspirierendem Elan, feministischem Kampfgeist und vollkommener Unbeirrbarkeit betonte sie die Wichtigkeit des Archivs und forderte dessen Verstetigung durch eine „auf Dauer angelegte Unterstützung von Stadt und Land“. Eva Rieger sprach aus der Perspektive der Zeitzeugin: Sie hat in diesen vier Jahrzehnten durch ihr Forschen, Publizieren, Vernetzen und Fördern die musikwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterstudien geprägt und vorangetrieben. Sie war eine der maßgeblichen Initiatorinnen für die Diskussion über Geschlecht als kulturelle Kategorie innerhalb der Musikforschung. Sie spielte und spielt eine zentrale Rolle für die gegenwärtige Position der Gender Studies in der Musikwissenschaft. „Die offizielle Musikwissenschaft“, so Eva Rieger in Frankfurt, habe sich der Frauen- und Geschlechterforschung gegenüber „eher im Hintergrund“ gehalten und abgewartet, „ob diese merkwürdige Erscheinung bald wieder verschwinden würde. Sie verschwand nicht.“ Dieses ‚wir verschwinden nicht‘ war ein herausgehobener Moment im Bewusstsein, welcher Weg in diesen vier Jahrzehnten zurückzulegen war – gegen Widerstände. 

Vergegenwärtigen wir uns den Ausgangspunkt, von dem aus Eva Rieger vor vier Jahrzehnten zu starten hatte, vergegenwärtigen wir uns, welcher (Doktor-)Vätergeneration Eva Rieger 1981 ihr zweites Buch Frau, Musik und Männerherrschaft. Zum Ausschluß der Frau aus der deutschen Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Musikausübungseinerzeit ‚auf den Tisch legte‘: Nach Klarinetten-Studium am Städtischen Konservatorium Berlin (1963-66) und Studium von Schulmusik, Musikwissenschaft und Anglistik in Berlin (1967-72) war sie von 1973 bis 1977 Wissenschaftliche Assistentin an der Hochschule der Künste Berlin und wurde 1976 von Carl Dahlhaus mit einer Dissertation über Schulmusikerziehung in der DDR promoviert. Es war ein sehr erfolgreicher Karrierebeginn im Kräftefeld der führenden Berliner Musikwissenschaft um Carl Dahlhaus. Das setzte sich nahtlos fort mit einer Berufstätigkeit als Studienassessorin und Lehrbeauftragte in Berlin und ab 1978 als Akademische Rätin im Bereich der Lehramtsausbildung an der Universität Göttingen. Und dann, nach nur fünf Jahren, neben dieser Berufstätigkeit, legte sie ihr zweites Buch vor: Als Habilitationsschrift hätte sie Frau, Musik und Männerherrschaft seinerzeit nicht einreichen können, obwohl dieses Buch im wahrsten Sinne (und viel mehr als manche Habilitationsschrift) ein Standardwerk war. Im Zuge der Frauenbewegung fragte Eva Rieger darin nach der Benachteiligung der Frau in der deutschen Musikkultur und untersuchte die Gründe für die mangelnde Repräsentanz der Frauen in der Musikkultur. In Rezensionen wurde ihr vorgeworfen, sie habe die weibliche Teilhabe nicht ausreichend in den Blick genommen. Darauf reagierte sie im Vorwort zur zweiten Auflage und benannte zwei noch heute gültige Aufgaben der musikbezogenen Gender Studies: „Für die Erforschung des Problemkreises ‚Frau und Musik‘ ist beides wichtig: das Aufspüren der Werke von Frauen, die trotz aller Schwierigkeiten aktiv waren, und zugleich das Benennen und Ergründen der Barrieren, die Frauen an der Musikproduktion hinderten.“(Rieger 1981, 6).

Eine Würdigung von Eva Riegers enormen Verdiensten um die musikbezogenen Gender Studies bedarf keiner langen Ausführungen, welcher (Doktor-)Vätergeneration[1]  gegenüber sie sich durchzusetzen hatte – wiewohl dies systemisch für die Prägung ihres Denkens von nicht zu überschätzender Wirkung war. Dennoch, weil darin ein Charakteristikum von Eva Rieger greifbar wird, ein kurzer Blick auf ein Interview, das sie 1983 mit Carl Dahlhaus führte: Er sah im „Begriff des Werkes, nicht […] des Ereignisses […] die zentrale Kategorie der Musik­historie, deren Gegenstand sich […] durch Poiesis, das Herstellen von Gebilden, nicht durch Praxis, das gesellschaftliche Handeln, konstituiert.“ (Dahlhaus 1977, 14).Trotz aller erkennbaren Wertschätzung für Dahlhaus bringt Eva Rieger ihre konträre Position äußerst hartnäckig ins Gespräch, reklamiert, es müsse „nebeneinander liegende Methoden geben, mit Musik umzugehen“(Rieger 1983, 6) und macht kein Hehl daraus, wenn sie seine Antworten für unbefriedigend hält: „Ich bin zwar nicht ganz zufrieden, belasse es aber dabei.« (Ebd.).

Das Sich-nicht-zufriedengeben zeichnet Eva Rieger aus, die es immer nur für den Moment dabei belässt und beharrlich auf Erkenntnis- und Methodendifferenzen zurückkommt, insbe­sondere auf diese vor vierzig Jahren thematisierte und noch heute diskutierte Differenz zum Thema Musikwissenschaft und Biographik. Beginnend mit ihrer Biographie Nannerl Mozart. Leben einer Künstlerin im 18. Jahrhundert (1991) und fortgesetzt mit den nach ihrer Pensio­nierung[2] entstandenen (Doppel-) Biographien Minna und Richard Wagner. Stationen einer Liebe (2003), Leuchtende Liebe, lachender Tod. Richard Wagners Bild der Frau im Spiegel seiner Musik (2009), Friedelind Wagner. Die rebellische Enkelin Richard Wagners (2012) und Frida Leider. Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit (2016) hat sie ein eindrucksvolles Œuvre von Biographien vorgelegt und anhand dieser konkreten Beispiele die Blicke auf weibliche Professionalität und das musikhistorisch als relevant geltende Berufsspektrum von Frauen erheblich erweitert. 

„Vernetzen Sie sich“, hat Eva Rieger den Zuhörenden im Frankfurter Römer zugerufen. Sie ist darin ein leuchtendes Vorbild: Die Gründung des Arbeitskreises Frau und Musik (1978), der Sektion „Frauen- und Geschlechterforschung“ in der Gesellschaft für Musikforschung (1994), des Sophie Drinker Instituts Bremen (2001), des Forschungszentrums Musik und Gender an der Hochschule für Musik und Theater Hannover (2006) – sie alle wären ohne Eva Riegers maßgebliches Zutun nicht zustande gekommen. Zugleich setzte sie sich mit großem Engagement als Redaktions- oder Beiratsmitglied ein (1988-92 in den Feministischen Studien und ab 1997 in Women & Music. A Journal of Gender and Culture), wobei ihr die Gründung des Jahrbuchs Musik und Gender im Jahr 2008 ein besonderes Anliegen war. 

Auf diese Weise wurde Eva Rieger generationenübergreifend und aktiv die Brücke zur US-amerikanischen Genderforschung schlagend zu einer zentralen Akteurin für die musikwissen­schaftlichen Gender Studies und förderte, zunächst im Zusammenwirken mit Mariann Steegmann und nach deren Tod im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten durch die Mariann Steegmann Foundation, eine Vielzahl von DoktorandInnen und HabilitandInnen auf ihren Qualifizierungswegen. Dass sie sich dabei auf so viele KollegInnen verschiedener Generatio­nen einließ und ihnen etwas zutraute, ist ein Schlüssel zum Gelingen. 

Möglicherweise hat das mit Eva Riegers Begeisterung für die menschliche Stimme zu tun. „Während sich im Lauf der Jahre die Sprache als eher kognitiver Erwerb abspaltet, bleibt der Gesang aufs engste mit dem Körper und den Emotionen verbunden. Vielleicht liegt hierin der Grund dafür, daß die menschliche Stimme zugleich seelisch und körperlich erschüttern und berauschen kann“, so beschreibt sie das „Gefühl der Euphorie, das Gesang auslösen kann.“ (Rieger/Steegmann 2002, 310f.). Wer dafür empfänglich ist wie Eva Rieger, die bei einer Opernaufführung zu erleben eine Offenbarung ist, ist in der Lage, andere Stimmen zu hören und sich mit ihnen zu verbinden, wie es Eva Rieger mit ihren Editionen von Quellentexten (Frau und Musik 1980, Ethel Smyth – Ein stürmischer WinterErinnerungen einer streitbaren Komponistin 1988, „Mit tausend Küssen Deine Fillu“. Briefe der Sängerin Marie Fillunger an Eugenie Schumann 2002) immer wieder getan hat. 

Ein ins-Zentrum-Rücken ihrer Person ist Eva Rieger unangenehm: Auf keinen Fall wollte sie zu ihrem 80. Geburtstag eine weitere Festschrift. Umso wichtiger, sie hier als Wissenschaft­lerin würdigen, auf die Erträge ihres Forschens und Publizierens hinweisen sowie Dank dafür sagen zu können, in welcher Weise sie die musikbezogenen Gender Studies geprägt und ihnen Zukunftsperspektiven eröffnet hat.


Dahlhaus, Carl (1977): Grundlagen der Musikgeschichte, Köln.

Rieger, Eva (1981): Frau, Musik und Männerherrschaft. Zum Ausschluss der Frau aus der deutschen Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Musikausübung, Berlin. [2. Auflage mit neuer Einleitung: Kassel 1988. Japanische Übersetzung 1985, koreanische Übersetzung 1988.]

Rieger, Eva (1983): Interview mit Carl Dahlhaus. In: Zeitschrift für Musikpädagogik 8/22, 3–8. 

Rieger, Eva/ Steegmann, Monica (Hrsg.) (2002): Göttliche Stimmen. Lebensberichte berühmter Sängerinnen von Elisabeth Mara bis Maria Callas, Frankfurt a.M.

Kreutziger-Herr, Annette/ Noeske, Nina/ Rode-Breymann, Susanne/ Unseld, Melanie: Einleitung. In Diess. (Hrsg.) (2010): Gender Studies in der Musikwissenschaft. Quo Vadis? Festschrift für Eva Rieger zum 70. Geburtstag (Jahrbuch Musik und Gender 3), Hildesheim, 11-22.


[1] Eva Riegers Vater Julius Rieger (19011984) war evangelisch-lutherischer Pfarrer in London. Er unterstützte seinen Freund Dietrich Bonhoefferim Widerstand gegen die NS-Diktatur. 1940 wurden Rieger und seine Frau, die Bibliothekarin Johanna Rieger, geb. Krüger, in Port Erin auf der Insel Man interniert, wo am 21. November 1940 Eva Rieger geboren wurde. Rieger kehrte 1953 mit seiner Familie nach Berlin zurück und war Superintendent des Kirchenkreises Berlin-Schöneberg.

[2] Eva Rieger vertrat 1978 eine Professur an der Universität Osnabrück. Im Zuge eines Übernahmeverfahrens nach § 148 Abs. 5 NHG wechselte sie an der Universität Göttingen aus der Position einer Akademischen Rätin in die Gruppe der ProfessorInnen und setzte ihre Tätigkeit nach Schließung des dortigen Lehramtsstudiengangs an der Universität Hildesheim fort. 1991 folgte sie einem Ruf auf eine Professur für Historische Musikwissenschaft mit Schwerpunkt Sozialgeschichte der Musik an die Universität Bremen. Zunächst beurlaubt, zog sie im Jahr 2000 nach Vaduz und wurde 2003 pensioniert.

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