Kategorie: Allgemein

Zukunftsbilanz: Transnationale Feminismen 25 Jahre nach Peking

Um Bilanzen geht es in diesem Heft der feministischen studien. Genauer: Um eine Bilanzierung transnationaler Feminismen 25 Jahre nach Peking. Auf die 5 Fragen der Blog-Redaktion antworten die Herausgeberinnen des Heftes, Uta Ruppert, Tanja Scheiterbauer und Katharina Liebsch

1) Worum geht es im Schwerpunktthema des neuen Heftes?

Vor 25 Jahren fand im September 1995 die Weltfrauenkonferenz in Peking statt – Anlass, im neuen Heft den Blick nach vorne zu richten und aus der Gegenwart heraus die Komplexität transnationaler Feminismen in ihren verschiedenen lokalen und regionalen Bezügen und im Zusammenhang mit den Krisen des globalen Kapitalismus, zu diskutieren. Im Zentrum stehen Fragen nach den Perspektiven und zukünftigen Möglichkeiten regional verankerter feministischer Kämpfe um ›gute‹ und nachhaltige Weltentwicklung(en), nach den Chancen und Grenzen transnationaler feministischer Kooperationen und Solidaritäten und nach den Potenzialen von Intersektionalitätsansätzen, die Raum und Zeit bzw. Geopolitik und Historizität als Dimensionen ernst nehmen. 
2) Worauf können sich die Leser*innen besonders freuen?

Auf eine anregende Mischung aus Diskussionen, Stellungnahmen und Positionierungen zu den gegenwärtigen Bedeutungen transnationaler Feminismen, Länder bezogenen Analysen und zwei in die deutsche Sprache übertragenen Schlüsseltexte des jüngeren ‚Panafrikanischen Feminismus‘. 
3) Eine Besonderheit der feministischen studien ist die Rubrik „Im Gespräch“. Mit wem wurde diesmal über welches Thema gesprochen?

Gesprächspartnerin in diesem Heft ist Awin Swed, Aktivistin der kurdischen Frauenbewegung in Nordsyrien. 
Das Gespräch mit ihr vergegenwärtigt, wie sehr die Perspektiven feministischer Kämpfe mit den Konfigurationen inter- und transnationaler Politik verbunden sind. Auch wenn es in der derzeitigen Corona-Pandemie in den Hintergrund getreten ist: der Syrienkonflikt ist aufgrund der Beteiligung einer Vielzahl von Staaten, die um die Neuordnung der Region kämpfen, ein Austragungsort der Auseinandersetzungen um die Neuformierung globaler Politik. Trotzdem, so zeigt das Interview, entwirft die kurdische (Frauen-)Bewegung durch ihre lokalen Praktiken und Politiken inmitten dieses Konflikts eine alternative Zukunft und entwickelt Mechanismen und Politikstrategien, um Gleichheit und Gerechtigkeit basisdemokratisch umzusetzen.  
4) Und welche Künstler*in/nen wird bzw. werden in der Rubrik „Bilder und Zeichen“ vorgestellt?

Hier stellen wir ägyptische Graffiti-Kunst aus den revolutionären Zeiten nach 2011 vor. Das Beitragsbild ist ein Ausschnitt aus einem der gezeigten Graffiti. Die Graffiti sind Ausdruck der starken Politisierung von Geschlechterverhältnissen in diesen Umbrüchen sowie des großen Engagements von Frauen und verweisen zugleich auf die damit verbundenen Gewalterfahrungen. Die Symbolkraft der Abbildungen zeigt, wie weiblich konnotierte Körper und Sexualität in den gesellschaftlichen Kämpfen in Ägypten zu zentralen Austragungsorten der Auseinandersetzung um die zukünftige gesellschaftliche und politische Ordnung wurden.  
5) Welchen Text würden Sie persönlich als ersten lesen?

Die Einleitung. Sie ist in diesem Heft mehr als der übliche einführende Überblick. Vielmehr werden hier transnationale Feminismen historisch, theoretisch, politisch kontextualisiert und entlang der Frage nach den Möglichkeiten zukünftiger feministischer Kooperation nicht nur pointiert dargestellt, sondern auch in ihrer politischen Bedeutung gewichtet und gewürdigt. 

Die ›Entdeckung‹ der Reinigungskraft: Von Schutzmaßnahmen und der unterschiedlichen Wertschätzung systemrelevanter Berufe

Nichts hören wir alle seit Bekanntwerden der Ausmaße der Covid-19-Pandemie so häufig wie Anleitungen zum Händewaschen und die Lieder, die wir dabei singen sollen. Es geht um Desinfektion und Hygiene beim Niesen und Husten – wichtige Hinweise für das alltägliche Leben, die auch nach Abklingen der Pandemie angewandt werden sollten, um sich selbst und verletzbare Gruppen zu schützen. Zu solchen Hinweisen gehört auch der Rat, nicht krank zur Arbeit zu gehen. Wer krank ist, sollte zu Hause bleiben und sich auskurieren – eigentlich ein Allgemeinplatz, der sowohl dem Schutz der Arbeitnehmer_innen selbst als auch den Kolleg_innen oder Mitfahrer_innen im ÖPNV zugutekommt. Nur: Dass es ein Privileg ist, dies tun zu können, wird mit Blick auf Menschen deutlich, die in prekarisierten Arbeitsbereichen tätig sind und für die sich diese einfache Grundregel schwieriger gestaltet.

Auf diese Problematik deutet der jüngst bekannt gewordene Fall im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg hin. Hier wurde eine Ausbreitung des Corona-Virus entdeckt, die wohl insgesamt 20 Patient_innen sowie 20 Mitarbeiter_innen der Onkologie betrifft. In einem Artikel von Spiegel-Online heißt es: „Laut SPIEGEL-Informationen gehen die Infektionen auf eine infizierte Reinigungskraft zurück, die Anfang vergangener Woche Bediensteten der Klinik wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes aufgefallen war.“ Die Pressestelle habe allerdings angegeben, die Infektion könne nicht auf eine einzelne Person zurückgeführt werden. Der NDR griff am Folgetag diese Aussage aus dem Spiegel-Artikel in einem Nachrichtenbeitrag auf und zitierte die Klinik: Die Reinigungskraft könne aus Sicht des UKE schon aufgrund ihres mangelnden Direktkontakts mit Patient_innen und medizinischem Personal nicht die Infektionsquelle sein. In einem späteren Beitrag des NDR wiederum heißt es, zunächst habe sich ein Pfleger krankgemeldet, dann ein Arzt und danach erst sei „eine Reinigungskraft mit Symptomen bei der Arbeit entdeckt“ worden. 

An dieser Stelle kann und soll es nicht darum gehen, über die genauen Umstände zu spekulieren. Vor dem Hintergrund meiner ethnografischen Forschung zu Reinigungsarbeiten im Krankenhaus stellen sich jedoch Fragen, die über diesen einzelnen Fall hinausgehen. Ist es Zufall, dass ein Pfleger und ein Arzt sich selbst krankmeldeten, eine Reinigungskraft mit Krankheitssymptomen dagegen von anderen beim Arbeiten „entdeckt“ wurde (NDR), bzw. „aufgefallen“ war (Spiegel Online)? Diese Formulierungen in der Berichterstattung erzeugen fast den Eindruck, als gehe es hier um ein ,Ertappen‘ – jedenfalls tritt die Reinigungskraft im Gegensatz zu Pfleger und Arzt nicht aktiv auf. Dies deutet auf eine Struktur hin, die während meiner Forschung immer wieder deutlich wurde: Reinigungskräfte müssen täglich darum kämpfen, im hierarchischen Gefüge des Krankenhauses überhaupt als Akteur_innen wahrgenommen zu werden.

Reinigung im Krankenhaus ist körperlich anstrengend, auf vielfache Weise prekarisiert und wird weitgehend von Frauen* verrichtet, überwiegend von Migrant_innen. Die ökonomische und gesellschaftliche Geringschätzung dieses Arbeitsbereichs hängt mit der historisch kontinuierlichen Feminisierung all derjenigen Tätigkeiten zusammen, die mit Hausarbeit assoziiert werden. Darüber hinaus werden in diesem Bereich auch Prekarisierungsprozesse in der Migrationsgesellschaft deutlich, beispielsweise wenn Bildungsabschlüsse von Migrant_innen nicht anerkannt und Zugänge zu anderen Tätigkeitsbereichen strukturell erschwert werden. In der Geschlechterforschung werden die Wechselwirkungen zwischen Zuschreibungen an diejenigen, die eine Arbeit ausführen, und der Bewertung dieser Tätigkeit vielfach untersucht. Reinigungskräfte, so zeigt auch meine Forschung, sind alltäglich mit rassistischen Zuschreibungen sowie mit der Abwertung ihrer Tätigkeit und ihrer Fähigkeiten konfrontiert.

Die konkreten Arbeitsbedingungen der Reinigung in Krankenhäusern hängen mit Ökonomisierungsprozessen des Gesundheitssystems zusammen, im Zuge derer die ,nicht-medizinischen‘ Arbeitsbereiche meist an externe Dienstleistungsfirmen oder Tochterunternehmen ausgelagert werden. Reinigungskräfte sind dort unterbezahlt und erhalten häufig nur Teilzeitverträge und die sogar oft befristet. Im Zuge von Sparmaßnahmen werden die von einer Person in der gleichen Zeit zu reinigenden Flächen immer größer.

Meine Gesprächspartner_innen aus der Reinigung berichteten mir besorgt, sie müssten immer mehr Abstriche in der Qualität ihrer Arbeit machen, um das Pensum annähernd bewältigen zu können. Außerdem schilderten sie mir ihre Angst, krank zu werden, weil sich dadurch ihre Arbeitsbedingungen zusätzlich verschlechtern könnten – ein Grund, wenn irgend möglich (auch krank) zur Arbeit zu kommen. Es wurden von ihnen zudem immer wieder hygienische Schulungen und der Infektionsschutz für Reinigungskräfte selbst bemängelt: Anleitungen kämen zu kurz und Informationen würden eher informell untereinander weitergegeben. Diese Zustände verwundern nicht zuletzt vor dem Hintergrund des naheliegenden Zusammenhangs zwischen mangelnder Reinigung und Infektionsgefahren. Auf diese Verbindung und die dringend gebotene Personalaufstockung der Krankenhausreinigung – aktuell und auf Dauer – weist zurzeit auch die Gewerkschaft ver.di hin.

Seit Ausbruch der Pandemie haben schon viele Geschlechterforscher_innen die aktuelle Situation analysiert und kommentiert (einen Überblick über geschlechtersoziologische Texte zu Corona bieten Tanja Carstensen, Imke Schmincke und Isabel Klein). Unter anderem wird diskutiert, was es bedeutet, dass die meisten „systemrelevanten“ Berufe überwiegend so genannte Frauenberufe sind (z.B. Lena Hipp). Dass Berufe wie die Pflege aktuell viel mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren, ist sicherlich ein positiver Nebeneffekt der Pandemie. Dabei, so machen auch Pflegekräfte deutlich, darf es jedoch nicht bleiben, vielmehr müssen die Arbeitsbedingungen in diesen Berufen grundlegend verbessert werden – auch über die Krise hinaus (z.B. Barbara Thiessen). Dies sollte auch und nicht zuletzt für den Arbeitsbereich Reinigung gelten: In Zeiten, in denen es nicht mehr nur in klinischen, sondern allen öffentlichen Räumen um erhöhte Hygienestandards und Infektionsschutz gerade für die Verletzbarsten unserer Gesellschaft geht, gewinnt die Reinigung an Bedeutung. Die Anerkennung dafür fehlt jedoch noch weitgehend – auch in der Corona-Berichterstattung über systemrelevante Berufe und in öffentlichen Beifallsbekundungen. Letzteres bedauert auch die Klinik-Reinigungskraft Erika Radisavljevic in einem Spiegel-Online-Interview, das bisher eine Ausnahme darstellt. 

Die Corona-Pandemie zeigt drastisch, dass die bisher immer noch weitgehend unsichtbare Reinigungsarbeit sichtbarer werden muss. Die besonders in der Geschlechterforschung geführte Debatte um gesellschaftlich ungleich verteilte Verletzbarkeiten muss auch diesen Arbeitsbereich und seine Akteur_innen einbeziehen, damit sie nicht erst in der Krise ,entdeckt‘ werden. 

Feministische Manifeste

Manifeste, Teil 2

Im Sommersemester 2019 hatte ich mein regelmäßig angebotenes Seminar zu feministischer Theorie, Relektüren, dem Thema politische Wut gewidmet. In intensiven Seminardiskussionen beschäftigten wir uns intensiv mit Wut und Ärger als politischen Affekten und Kräften der Veränderung. Dabei hatten Feminist*innen schon immer Gründe, wütend zu sein, und in allen Zeiten feministischen Aktivismus gab es Auseinandersetzungen über den „Nutzen des Ärgers“ (Audre Lorde). Der Anlass, sich aktuell damit zu befassen, war nicht zuletzt der Umstand, dass rage in US-amerikanischen Feminismen derzeit ein wichtiges und vielfach behandeltes Thema ist. Im Seminar haben wir Texte unterschiedlicher Genres und aus mehreren Jahrzehnten feministischen Denkens gelesen und uns gefragt, warum es an der Zeit ist, wütend zu sein, wie Wut und Ärger konkret zu transformativen Kräften werden können und vieles mehr. Zum Abschluss des Semesters diskutierten wir Sara Ahmeds Killjoy Manifesto (2017) sowie das Kapitel »A Rage of your Own« aus Soraya Chemalys Buch, Rage Becomes Her. The Power of Women’s Anger (2018). Inspiriert davon entschieden sich die Studierenden, ihr theoretisches Abschlussstatement ebenfalls in Form eines Manifestes zu schreiben. Einige der so entstandenen Manifeste werden wir in den kommenden Wochen in loser Folge hier publizieren. Sie sprechen von den gegenwärtig erlebten gesellschaftlichen Verwerfungen, von der Gewalt und den vielen Weisen der Entmächtigung, die BlPoC, Queers und Frauen* auch aktuell erleben. Sie sprechen aber auch von den vielen existierenden Weisen des Widerstands, des Überlebens und entwerfen neue Formen der Solidarität. Im zweiten Manifest spürt Margo Damm dem Ort der Wut nach.

Der Ort der Wut (Margo Damm)

„Das eigentliche Leben wird aus der Gegenwart heraus transportiert“ – kommentiert Christina Thürmer-Rohr ihre kritische Aktualisierung der Begriffe Gegenwart und Gegenwärtigkeit, mit der sie an einer Kritik an einem Leben zwischen Sehnsucht und Utopie arbeitet. Ein damit einhergehendes Ziel: Ein gegenwärtiges Leben, einen gegenwärtigen Blick versuchen, also: Vorhandene Verhältnisse zum Ausgangspunkt der eigenen Kritik werden lassen und bestimmte Machtverhältnisse, auch wenn sie Teil eigener Profitierung werden, anzuerkennen. Aber wie lässt sich dieses eigentliche Leben lernen? Persönlich umgewendet: Wie schaffe ich die Bewegung, eigene Verstrickungen und Gewordenheiten parallel auf zwei Ebenen zu erarbeiten, zu analysieren und dabei zu leben / zu spüren? (Im Sinne von: Das Jetzt ist nicht aufzuteilen in Inhalt und Reflexion).

Mit diesen Fragen versuche ich, mich meiner Wut zu nähern, wobei ein erster Fokus darauf liegen soll, sie aufzuspüren.

Manifest wird also im Folgenden: Sich auf den Weg begeben, angelehnt an Sara Ahmed: ‘Eine Neuordnung von Ideen’ anvisieren, indem ich zunächst offenlege und damit beginne, mich zu stören – mit der Ausgangsfrage: Wie bin ich hier her (zu meiner Erfahrung) gekommen? Womit ich auch feststelle: „Es kann so mühsam sein, (mich) selbst herauszuarbeiten.“ (Ahmed 2017)

Die Frage an mich selbst: ‚Wann bin ich wütend?‘ verbindet sich mit der Frage nach meiner eigenen Positionierung und damit mit der Analyse einer eigenen aktiven Beteiligung.

Ich bin wütend, dass ich in wiederholter Tätigkeit immer wieder auf das Missverhältnis zwischen großen und kleinen Taten stoße und mich daran aufreibe. Ich bin wütend, wenn ich in Situationen merke, ich werde nicht sprechen können, weil ich zu dem Großen (sei dies spezifisches anerkanntes Wissen, Selbst-Präsentation oder einfach nur Eloquenz) nichts Großes beitragen kann. Ich bin wütend, wenn ich weiß, ich könnte sprechen und kann es zugleich nicht, weil ich nicht die unsichtbaren Regeln befolge, die Teil derer sind, die die ‚große‘ Bühne bespielen. Ich bin wütend, wenn ich weiß, dass meine Inhalte, meine Aussagen für mich wichtig und dadurch auch für andere beitragend sein könnten, und diese trotzdem im Teppich der Eloquenz, durch die Wie-was-gesagt-werden-muss-Regelung nicht auftauchen können. Ich bin also wütend um die permanente gegenseitige Ausstreichung von dem Großen und dem Kleinen (Wirken), weil ich glaube, dass sich eigentlich beides gegenseitig bedingt! 

Und ich werde wütender, wenn ich in dieser Analyse dann von mir ab-rücke und zu bemerken scheine, das Persönliche ist strukturell – ich bin noch wütender, wenn ich dann meinen Blick auf das hierarchisch strukturierte System lenke, das es trotz ausformulierter Kritiken oft nicht schafft, von Bewertungsschema alles ‚Große sei besser, das Kleine ist nichtig‘ abzurücken. 

„Den Finger in die Wunde legen“ (Ahmed 2017) bedeutet, an den Wund-/Eiterstellen des Körpers zu arbeiten, bedeutet zunächst einfach erst einmal, offenzulegen, was vor sich hin eitert, also nicht dabei zusehen zu wollen. Ich definiere hier das Große, von dem ich gesprochen habe, als den gesamt einheitlichen Blick, der sich auf den ganzen Körper richtet, während das Kleine den Blick auf einen, z.B. den wunden Körperteil legt. 

Meine Wut lokalisiere ich nun an der Schnittstelle von persönlicher und struktureller Gegebenheit und befrage damit (zunächst nur ganz persönlich ausgehend) anwesende Abwesenheiten und (Un-)Sichtbarkeiten. 

Das Große bildete schon immer einen großen Tisch, (eine Plattform) der dafür sorgt, Bindungen zu erzeugen, die mich / dich / uns auffangen werden und der für eine Stabilität sorgt. Dieser Tisch ist ein Abbild der Mechanismen sozialer Versammlungen, er ist ein allgemein anerkannter Spielraum, der einen Weg der Geschichte der Anerkennung erzählt und dabei die Abwesenheit anderer Geschichten zur eigenen Festigung braucht. Dieser Tisch erzählt die großen Geschichten, arbeitet an den großen Schaltstellen, verändert die Welt (im Großen).

Hier möchte ich den Begriff der Zerrissenheit einbringen. Der Tisch und die Partizipation daran kann bzw. gibt mir einen Begriff von Zuhause. Anerkennung ist Sichtbarkeit ist Stabilität ist Leben führen (können). Zeitgleich: Was passiert, wenn ich nicht vom Großen denken und sprechen möchte, wenn ich eigene Rahmungen mache, in das Kleine gehe? Automatisch entstehen damit die Risse in dieser vermeintlich häuslichen Umgebung des Tisches, der gegebene Spielraum wird zur vorgegebenen Begrenzung. Hier also eine Wut, die zur Öffnung gegenüber einer Heimsuchung beiträgt, die eine präsente Abwesenheit spürbar macht. Diese Wut richtet sich primär gegen die strukturellen Bedingungen, richtet sich aber dann auch gegen uns, gegen unbeteiligte Übereinstimmung, gegen mich, die zwischen Zustimmung und eigener Unterstützung beim Verschwinden schwankt.

Indem meine Wut ein erster Aktualisierungsmoment in der Befragung von Strukturen und damit zur Unannehmlichkeit für mich und mein Umfeld wird, befördert sie mich an die Schnittstelle zwischen responsibility und response (vgl. Haraway: Welche Spielräumen sollen hinzugefügt werden? Was sind meine Spielräume? Wie den Spagat zwischen persönlich affiziertem Kampf und einer feministischen Notwendigkeit, Vielzahl zu denken praktizieren? 

Die Wut wird hierbei Möglichkeit einer ersten Antwort, denn sie beginnt, meine eigene Position in einem Wechselverfahren zwischen mir und meinem Umfeld zu befragen. Sie beginnt, für mich zu sprechen, während ich noch unschlüssig zuschaue, sie beginnt vielleicht damit mit anderen mit zusprechen. Sie kann Potential werden, Ahmeds Aufruf mitzugehen: An einer Welt zu bauen, in der wir gegenseitig zu Bausteinen werden und damit den Tisch, der auf Bausteinen steht ins Wanken zu bringen und zur Re-Strukturierung zu zwingen.

Erneut: Wut als Heimsuchung und  damit auch als Befragung einer Heimat, wobei Heimat sich anlehnen soll an die Beschreibung von Carolin Emcke (2012):

„Heimat ist das, von wo wir ausziehen, wo wir beginnen … Es ist nicht das, wo wir bleiben, es ist nicht das, was uns unverändert begleitet. Die Wanderschaft, auf die wir uns begeben, auf der wir unserem Begehren nachgehen, diese Unruhe, die uns angetrieben hat, das Gefühl des Exils ist die Quelle für das Suchen nach einem anderen Zuhause, nach einer anderen Heimat.“ 

In Anlehnung an diese skizzenhaften Gedankenfetzen und mit Rückblick auf das Seminar wird Wut für mich zum Ausgangspunkt der Suche nach diesem eigentlichen Leben und einem gegenwärtigen Blick – wird eine Aktualisierungsmöglichkeit, die meine Produktivität neu zu ordnen beginnt.

Corona und die Hochschulen. Anmerkungen zum Digitalisierungsvirus

Seit die Universitäten zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus geschlossen wurden, versenden die Hochschulleitungen Rundmails mit der Aufforderung, für das anstehende Sommersemester digitale Lösungen für Forschung und Lehre auszuarbeiten, um die Aufrechterhaltung des universitären Betriebs sicherzustellen. Wie zur Motivation publizieren die Onlineportale aller Tages- und Wochenzeitungen ständig neue Mode-, Ernährungs- und Fitnesstipps für ein effizientes Arbeiten im Home-Office. In der digitalen Geschäftigkeit wird der Schmerz um die an Covid-19 Verstorbenen, die Sorge um die Kranken und Gefährdeten verdrängt. Die neue Grußformel „Bleib gesund!“ ist in ihrer Befehlsform mehr Aufforderung als Wunsch.

Dagegen wäre ein radikalfeministisches Innehalten wünschenswert, das sich dem digitalen Übergang zum business als usual verweigert und die Trauer um den Verlust von Öffentlichkeit und feministischen (Lehr-) Praktiken zum Ausdruck bringt. 

Die verordnete soziale Distanzierung, wirft alle (die eine haben) auf die Gemeinschaft mit ihren Vertrauten zurück und macht die Gesellschaft mit Fremden nahezu unmöglich: das zufällige wortlose Miteinander im Kino oder im Hörsaal, die flüchtige Begegnung im Café oder im Zug. In einem räumlich und zeitlich beschränkten Draußen bleiben alle auf ihre eigenen, schnellen Schritte, das jeweilige Ziel konzentriert. Vorsichtig, gar misstrauisch auf Abstand bedacht, fehlt die Aufmerksamkeit für Gesichter, Gesten und Gerüche, die uns neugierig machen, befremden, Erinnerungen wecken, auf andere Ideen bringen, zum Nachdenken anregen. Ins Freie zu gehen heißt, ins Unvorhergesehene gehen. Die Kontamination mit den Anderen ist das Glück und zugleich das Wagnis der Öffentlichkeit. Daran zu erinnern, stellt die aktuell gebotene Rücksichtnahme nicht in Frage. Die Klage über den Verlust des offenen Miteinanders sucht zu benennen, was auch diejenigen schmerzt, die infolge einer Infektion oder zur Vorsorge in Quarantäne leben müssen. Sie ist außerdem eine Form der Verweigerung, die digitale Simulation als Ersatz gelten zu lassen. 

Mit den Einschränkungen des öffentlichen Lebens geht die Universität als öffentlicher Bildungsraum verloren. Der Campus reduziert sich auf eine digitale Lernplattform, in der Inhalte zu einem an die gängigen digitalen Formate angepassten Content werden, um möglichst jederzeit für das wissenschaftliche Content-Sharing abrufbar oder an der Schnittstelle zum E-Commerce verfügbar zu sein. 

Längst wurden die zwiespältigen Effekte der Vermessung und Metrisierung von wissenschaftlichen Praktiken für den akademischen Feminismus kritisch analysiert und die Un/Möglichkeiten von feministischer Theorie und Praxis im Rahmen der unternehmerischen Universität reflektiert. [1] Nachdem sich feministisches Wissen in strategischer Absicht allzu oft als Gender- und Diversity-Expertise integrieren und kommodifizieren ließ, käme es nunmehr darauf an, den Überschuss gegenüber jedem digital content zu betonen und feministische Praktiken nicht in der willfährigen Anpassung an digitale Verkehrsformen preiszugeben. In dem als positiver Nebeneffekt der sogenannten Corona-Krise erwarteten bzw. durch das Krisenmanagement erzwungenen „Schub für die Digitalisierung“ klingt nicht von ungefähr die Metapher für einen Krankheitsverlauf mit nachhaltigen Folgen an: Vieles von dem, was autonome feministische Theoriebildung und Wissensvermittlung ausmacht und seit jeher in der Institution kaum zur Entfaltung zu bringen war, droht im virtuellen Hörsaal gänzlich verloren zu gehen. Für den feministischen Austausch braucht es mehr als ein unscharfes Bild und einen verzerrten Ton in der Konferenzschaltung. Ein virtuelles Meeting bringt nicht in Beziehung, es sorgt lediglich für einen Kontakt, dessen Verlauf und Dauer häufig genug nicht von der Qualität der Kommunikation und der Stimmung unter den Beteiligten abhängt, sondern von der Verfügbarkeit und Geschwindigkeit der Internetverbindung. 

Eine kritische Haltung gegenüber der Transformation des Homo academicus in einen nach ökonomischen Parametern programmierten Homo digitalis lässt sich im Hinblick auf die berufliche Karriere oder die bloße Existenzsicherung qua Lehrauftrag kaum durchalten. Andererseits mag der kritische Anspruch vielen der neuerdings euphemistisch als „Solo-Unternehmer*innen“ bezeichneten Scheinselbständigen des Hochschul- und Kulturbetriebs als anachronistisch erscheinen. Wer die Imperative der neoliberalen Gouvernementalität verinnerlicht hat, weiß die Krise als Chance zu deuten: der verordnete Rückzug ins Home-Office gilt dann als Möglichkeit zur Öffnung neuer „Denkräume“ [2]; das „Zuhause denken“ als neue Philosophie. In der sicheren Quarantäne mit Breitbandanschluss wird das Zuhause nicht als räumliche Enge und intellektuelle Borniertheit erfahren. Obwohl zuletzt ein sozialwissenschaftliches und feuilletonistisches Modethema, erscheint Care nicht als Tätigkeit, die (weiterhin vornehmlich für Frauen) zur Doppel- und Dreifachbelastung wird, wenn das Home-Office parallel zur Ganztagsbetreuung von Kindern und/oder der Versorgung von älteren Angehörige sowie deren (in der Regel zur Corona-Risikogruppe zählenden) Pflegekräften organisiert werden muss. Letztlich exponiert sich jeder Zweifel an einer Aufwertung des Domizilen dem Vorwurf der mangelnden Selbstoptimierung, der auch die fehlende Anpassung an die schöne neue digitale (Hochschul-)Welt zugeschrieben wird. 

[1] Vgl. Gudrun-Axeli Knapp: Warum nicht vermessen sein? Anmerkungen zur Dialektik feministischer Aufklärung. In: Sabine Hark/Johanna Hofbauer: Vermessen Räume, gespannte Beziehungen – Unternehmerische Universitäten und Geschlechterdynamiken. Berlin 2018, S. 39-70.

[2] Vgl. Svenja Flaßpöhler, Autorin von „Die potente Frau“ (Berlin 2018), in mehreren Radio- und TV-Interviews.

Feministische Manifeste

Wir beginnen mit dem Manifest von Thu Hoài Tran, geschrieben im Sommer 2019, in dem sie die Vision eines feministischen Orchesters der Wut, das kollektive Wut zum Nutzen macht, entwirft .

Orchester der Wut (Thu Hoài Tran)

“Wenn Dinge brechen, kann dein ganzes Leben aus den Fugen geraten. So vieles der feministischen und queeren Erfindung rührt aus der Notwendigkeit, unser eigenes Unterstützungssystem herzustellen.” (Adrienne Rich 1997)

Wut ist legitim. In einer rassistisch-patriarchal geprägten Gesellschaft wird jedoch Wut von Körpern, die nicht als weiß und cis-männlich gelesen werden, sanktioniert. Die Gesellschaft erlaubt uns Schwarzen Frauen* und Frauen* of Color nicht, wütend zu sein, vor allem nicht auf die eigenen sexistischen und rassistischen Erfahrungen. Wir müssen die Wut hinunterschlucken, sie gar vor ihnen und vor uns relativieren.

Wie Audre Lorde in „Vom Nutzen unseres Ärgers“ (1983) schreibt, leben wir Schwarze Frauen* und Frauen* of Color innerhalb einer Symphonie der Wut, in der diese unterdrückt wird. Nach Lorde müssen wir jedoch lernen, unseren Ärger auszudrücken und ihn gezielt zu nutzen. Denn Wut ist nicht nutzlos – im Gegenteil, sie kann eine transformative Kraft darstellen. Schwarze Frauen* und Frauen* of Color müssen Lorde zufolge für sich lernen, ihre Wut zu orchestrieren, damit die Wut sie nicht zerreißt. 

Ich frage mich: Warum die orchestrierte Wut nur als individuelle Anpassungs- und Überlebensstrategie in einer rassistisch-patriarchalen Gesellschaft betrachten, wenn wir sie auch als Akt des kollektiven Widerstands nutzen können? Angelehnt an Lorde sieht auch Brittney Cooper in „Eloquent Rage“ (2018) das Potential in der orchestrierten Wut Schwarzer Frauen*, die sich zu einer Bewegung formieren kann. Sich mit der kollektiven Wut zur Wehr setzen, um die Symphonie zu stören. Die Symphonie zu stören, um ungleiche Machtverhältnisse aufzuzeigen. 

Somit müssen wir das (Un-)Mögliche denken lernen: Eine intersektionale Solidarität zwischen Schwarzen Feminist_innen, Indigenen Feminist_innen, Feminist_innen of Color und weißen Feminist_innen, die Privilegien, Machtverhältnisse und Differenzen in den feministischen Kämpfen berücksichtigen, reflektieren und anerkennen. So stellen wir uns ein feministisches Orchester der Wut als Widerstandsformation gegen das rassistisch-patriarchale System vor. Die Wut als Akt des kollektiven Widerstands. Zu Wut gehört Mut. Die Mut zur Wut. Ein feministisches Orchester der Wut, das ihre kollektive Wut zum Nutzen macht. Eine Wut, die die Symphonie durchbricht und stört. Ein Orchester der Wut, geballt wie eine Faust, bereit zum Kampf. Zum Kampf gegen die hegemonialen Strukturen. Das feministische Orchester setzt nun langsam an: leise und lauernd erklingen die ersten Töne der Wut, die sich bedacht, aber stetig kontrolliert steigern. Stets gefährlich, für die Gegnerschaft unberechenbar. So unberechenbar, dass die Wut mit voller Wucht  aus dem Nichts unmittelbar wie ein Pfeil direkt ins hegemoniale Herz zielt. 

Es stimmt: Wut kann zerstörerisch sein. Und das ist gut so. Denn die Wut kann Risse im rassistisch-patriarchalen System hinterlassen. Risse, die hegemoniale Strukturen langsam bröckeln lassen. Risse, die Wunden im System verursachen. Wunden, die zwar nach der Zeit wieder heilen – was aber bleibt sind Narben. Eine Erinnerung, eine Mahnung – dass wir da sind. Mit unserer Wut – die nicht aufhört bis alle auf dieser Erde frei sind. 

“Manchmal erscheinst du gar nicht, wenn du nicht erscheinst, wie es von dir erwartet wird.” (Ahmed 2017)

Cyborgs Revisited: Zur Verbindung von Geschlecht, Technologien und Maschinen – 5 Fragen

Worum geht es im Schwerpunktthema des neuen Heftes?

Dona Haraway legte in den 1980er Jahren mit „A Manifesto for Cyborgs: Science, Technology, and Socialist Feminism“ einen wichtigen Grundstein für die Science and Technology Studies und stellt zugleich aus Sicht der Geschlechterforschung an die Wissenschaftstheorie ganz grundlegende Fragen, die angesichts technischer Entwicklungen, wie den Wearable Technologies oder Body Enhancement gegenwärtig eine erneute Aktualität erhalten. 30 Jahre nach dem Erscheinen von Haraways berühmten Cyborg Manifest gehen wir in der aktuellen Ausgabe der Feministischen Studien unter dem Titel „Cyborg Revisited“ und mit Blick auf die Neu- und Rekonfiguration der Kategorie Geschlecht durch die Entwicklung und den Einsatz sogenannter Neuer Technologien folgenden Fragen nach: Wie hat sich die Diskussion über die Arbeiten von Dona Haraway entwickelt?  Welche Bedeutung kommt der Cyborg-Metapher heute in der feministischen Theorie und politischen Praxis zu?

Worauf können sich die Leser*innen besonders freuen? 

Die rasante Weiterentwicklung gesellschaftlicher und technologischer Verhältnisse seit den 1980er Jahren, die Digitalisierungsprozesse und jüngste gesellschaftliche Entwicklungen wie die Klimaschutzbewegung haben sowohl Verschiebungen im Werk von Haraway bewirkt als auch zu Verschiebungen in der Kategorie Geschlecht geführt. Im Heft werden grundlegende Fragen aufgegriffen: In welcher Weise kann die Cyborg- Metapher weiterhin für feministische Anliegen fruchtbar gemacht werden? An welchen Stellen muss die Perspektive Haraways weiterentwickelt werden? Die Beiträge des Heftes arbeiten die Aktualität und Anschlussfähigkeit der Metapher in ganz unterschiedlichen Kontexten wie BioArt, Mobilität und Medizin heraus und zeigen damit auf sehr inspirierende Weise verschiedene Anknüpfungspunkte für feministische Theorie und Praxis auf.  

Eine Besonderheit der feministischen studien ist die Rubrik „Im Gespräch“. Mit wem wurde diesmal über welches Thema gesprochen?

In der Rubrik Im Gespräch findet sich ein Austausch zwischen Donna Haraway und ihrer ehemaligen Studentin Thyrza Nichols Goodeve, heute Senior Art Editor bei Brooklyn Rail. Sie diskutieren Ideen und ausgewählte Konzepte aus Haraways Buch „Staying with the trouble“ (2016). Dass Donna Haraway und  Thyrza Nichols Goodeve uns die Zusage für eine gekürzte und fokussierte Fassung des ursprünglichen Gespräches ermöglichten, ist keinesfalls selbstverständlich und wir bedanken uns ganz herzlichen dafür (die Vollversion wurde von Brooklyn Rail veröffentlicht).

Und welche Künstler*in/nen wird bzw. werden in der Rubrik „Bilder und Zeichen“ vorgestellt?

Die norwegische Künstlerin Tone Kristin Bjordam beschäftigt sich schon seit langem mit der Verbindung von Natur, Gesellschaft und Wissenschaft. In ihren Arbeiten visualisiert sie deren Verwobenheit. Ihre Kunst umfasst Videos, Fotografien, Bilder, Objekte und Installationen. Ein umfangreiches Archiv ihrer Werke sowie Interviews zu ihren Ausstellungen sind auch auf Tone Bjordams Website zu finden. 

Welchen Text würden Sie persönlich als ersten lesen?

Die Einleitung gibt einen guten Einblick in die Grundideen des Bandes. Katharina Hoppe führt uns in ihrem Text mit Haraways Gefährt*innen durch die Ethik und Politik der Verwobenheit von Technologien, Geschlecht und Ökologie. Ein hochaktueller Streifzug, der auch sehr gut als Einstieg in den Schwerpunkt gelesen werden kann.  

„Wir kommen gar nicht umhin, diese Fragen breit öffentlich zu diskutieren“ Interview mit Kübra Gümüşay

Kübra Gümüşay setzt sich als Journalistin und Aktivistin für eine gerechte und diskriminierungskritische Form des Zusammenlebens in der Gesellschaft ein. Zuletzt sprach Kübra sich für einen Kurswechsel in aktueller feministischer Politik aus. Wir brauchen mehr eigene Ideen und politischen Gestaltungswillen, ohne den Widerstand gegen Diskriminierung außen vor zu lassen. In einer engen Verzahnung von feministischer Wissenschaft und Politik sieht sie eine wichtige Grundlage, um das gestaltende Potenzial feministischer Politik entfalten zu können. Wir besetzen unterschiedliche Positionen in der feministischen Bewegung wie etwa in der Wirtschaft, im Journalismus, in der Wissenschaft. Doch um eine gemeinsame Richtung einschlagen zu können, sind wir auf einen Austausch untereinander angewiesen. Aus diesem Anlass sind wir ins Gespräch gegangen. Es wurde am Internationalen Frauentag, 8. März 2019, geführt.

Kübra Gümüşay hat 2013 #schauhin und 2016 #ausnahmslos mitinitiiert, schreibt unter anderem für die Tageszeitung, die ZEIT und der Freitag und ist als Referentin z. B. auf der re:publica zu sehen und hören. Im Januar 2020 erscheint ihr Buch Sprache & Sein bei Hanser Berlin.

Das Gespräch führte Sophia Ermert. Sie promoviert zu Öffentlichkeit und feministischen Politiken.

SE: In dem Role Models Podcast „Kübra Gümüşay über Aktivismus und selbstbestimmtes Prioritäten setzen“  vom Januar 2019 sowie in deinem TedxBerlin Talk „Organised Love“  vom November 2018 sprichst du von zwei unterschiedlichen feministischen politischen Strategien: Feminismus sollte nicht ausschließlich in einer Position der Kritik, vor allem an Sexismus und Rassismus, verharren, sondern aktiv Politik gestalten.  Du beschreibst, dass du lange Zeit für deine eigene politische Praxis die erste Strategie gewählt hast. Du hast z. B. in Talk Shows die Rolle übernommen, gegenwärtige Formen von Sexismus und Rassismus zu benennen. Doch von dieser Rolle distanzierst du dich inzwischen. Was hat dich dazu bewogen? Und was ist für dich der Kern der Unterscheidung zwischen den zwei Strategien?

KG: Die Grundfrage dahinter, die auch viele Konflikte auslöst, ist: Wie kann man in die Zukunft gehen, wenn man sich an der Gegenwart abarbeiten muss? Indem wir ständig über Rassismus und Sexismus sprechen, halten wir beides präsent und befeuern sozusagen eine bestimmte Denkart. Wir befeuern das Hinterfragen von Selbstverständlichkeiten, die nicht hinterfragt werden sollten, wie zum Beispiel die Gleichwertigkeit aller Menschen in ihrer Pluralität und Vielfalt. Wir reiben uns auf und legitimieren zudem diese Positionen, die uns eigentlich schaden. Meine Argumentation ist allerdings nicht, zu sagen, nein, wir reagieren nicht mehr auf Provokationen, wir reagieren nicht mehr auf Sexismus und Rassismus, sondern die Frage ist, wie viel Zeit und Energie und wie viele Ressourcen stecken wir in diese Diskussion. Diese Strategie funktioniert nur in der Gleichzeitigkeit mit anderen Strategien wie z. B. dem Vorleben der Selbstverständlichkeit der gesellschaftlichen Pluralität durch Filme, Musik, Kunst & Kultur. Wir müssen uns auch die Frage stellen, wie eine Organisation antirassistisch und feministisch aufgestellt sein und dies vorleben kann. Wie könnte eine Schule entsprechend organisiert sein? Der ausschließliche Fokus auf Missstände ist – radikal formuliert – Ablenkung.

SE: Du verstehst als Kern der zweiten Strategie eine andere Frage: Wie könnte z. B. ein Unternehmen antirassistisch oder feministisch gestaltet werden. Inwiefern wäre das wirklich eine andere Frage? 

KG: Es wäre kein Abarbeiten an bestehenden Strukturen, wenn wir die Strukturen selbst schaffen würden. Was wir gerade machen, ist, Lösungen zu entwickeln, die Löcher stopfen, die in einem System entstanden sind, das vielleicht an und für sich destruktiv ist und wo es wahrscheinlich grundlegenderen Wandel braucht. Vielleicht ist es das Bedingungslose Grundeinkommen oder vielleicht brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag. Welche anderen Arten des Wirtschaftens wären denkbar? Wie wollen wir konsumieren? Auf Basis welcher Werte wollen wir miteinander leben? Wir kommen aber gar nicht dahin, diese Fragen breit öffentlich zu diskutieren, weil wir sagen: Ah ja, dieses Unternehmen hat sexistische Werbung gemacht und dieses Unternehmen hat x gemacht. Wir investieren Lebenszeit in diese Unternehmen – die diese Aufmerksamkeit häufig geschickt zu monetarisieren wissen. Wie gesagt, ich bin nicht dagegen, dass man das tut, sondern dagegen, dass man es ausschließlich tut. Wenn wir nur diese Fragen, die ich gerade gestellt habe, diskutieren würden und überhaupt nicht mehr auf Rassismus und Sexismus etc. reagieren würden, wäre das auch nicht gewinnbringend. Es geht nur durch Gleichzeitigkeit.

SE: Und ganz konkret? Ginge es darum, eine Politik- und Unternehmensberatung zu führen? Oder sollten sich Menschen zusammen zu tun, die genau diese Visionen haben, die neue Projekte kreieren auf antirassistischer, feministischer Basis? Wäre das deine Vorstellung? 

KG: Also erstens, ich habe mehr Fragen als Antworten. Und zweitens: Ich habe keinen Masterplan in der Tasche und ganz genaue Vorstellungen, wie sich die feministische Bewegung entwickeln muss, damit sie nachhaltig wird. Dafür bin ich noch zu sehr Lernende, Fragende und Suchende. Aber, um deine Frage zu beantworten: Es geht nur über Vorbilder. Die nachhaltigste Methode, um etwas zu verändern, ist Vorleben. Du kannst einem Kind noch so oft erzählen, dass es sich nicht in der Öffentlichkeit in der Nase popeln soll. Wenn du es selber tust, dann kannst du von einem Kind auch nicht erwarten, dass es das nicht tut. Wir prägen oder normieren einander halt die ganze Zeit und versuchen ständig, Normen auszuhandeln. 

Empörung ist ein wichtiges politisches Mittel und ich will es nicht abschaffen. Aber ich denke, dass nur empört zu sein und nur zu sagen, das ist schlecht und das ist schlecht, aber dann nicht zu probieren, wie es anders sein könnte, ist nicht nachhaltig. Welche Haltung zum Leben nehmen wir damit ein? Damit drängen wir uns raus aus der Arena der Schaffenden und Kreierenden, hin zu der Arena derer, die nur den anderen zuschauen und kommentieren. Sie schaffen damit Realitäten und wir sitzen im Publikum und kommentieren. 

Ja, es braucht Menschen, die auch diese Kritik-Rolle übernehmen. Unbedingt. Denn sie wirken als Korrektiv, halten wach und zeigen auf blinde Flecken, die sonst übersehen werden würden. Doch es braucht noch mehr Menschen, die sagen: Ich bin Teil dieser Gesellschaft, ich mache jetzt anders und schaffe damit Tatsachen.

SE: Im Ted-Talk „Organised Love“ benennst du Anfangspunkte, um in diese Richtung zu gehen. Als erstes nennst du Unterstützung oder gegenseitige Wertschätzung. Sie sollen Grundlage sein, wenn wir ins Gespräch darüber gehen, wie denn unsere Welt eigentlich aussehen soll. Wen hast du dir da vorgestellt? Wer redet da miteinander? Sind das Leute, die selbst schon eine Vorstellung davon haben, was Feminismus und was Formen von Sexismus sind? Oder hattest du ein viel unbestimmteres Bild?

KG: Also gemeint waren schon diejenigen, die mit am gleichen Strang ziehen. Letztlich aber ist das ja unglaublich fluide. Wo fängt man an, feministisch zu sein, und wo hört man auf? Ich habe grobe Eckpunkte, an denen ich das irgendwie festmachen kann. Aber meinetwegen jemand, die sich gegen den Gender Paygap engagiert, aber vielleicht keine geschlechtergerechte Sprache verwendet. Ist die Person jetzt feministisch oder nicht? Nur anhand dieser Punkte kann man diese Frage nicht beantworten. Selbst diejenigen, die sich den ganzen Tag, 24 Stunden, 7 Tage die Woche damit beschäftigen, und zu allen Positionen, die es gerade in der Öffentlichkeit gibt, ziemlich progressive, durchdachte Positionen haben, müssen hart daran arbeiten. Das ist ja intellektuell wahnsinnig herausfordernd. Und bedeutet Zeit, das ist ja ein Full-time-Job. Was natürlich auch zur Folge hat, dass diese Arbeit bestimmte Privilegien voraussetzt leider und wenig inklusiv wird.

Es gibt einen sehr schönen Satz von einem amerikanischen Philosophen Anand Giridharadas. Ich muss jetzt paraphrasieren, aber es geht in die Richtung: „Is there a place in wokeness for the awakening?“ Wokeness ist politische awareness und dass man sich politischer Sachverhalte bewusst ist. Gibt es in diesem Wachzustand, oder in diesem Wach-Sein auch einen Raum für diejenigen, die aufwachen? Das ist ein Problem, wenn viele so tun, als seien sie schon immer so antirassistisch und feministisch gewesen. Das stimmt nicht. Wir mussten aktiv das, was wir bisher medial und kulturell gelernt hatten, wieder verlernen und wenn wir das Glück hatten in einem antirassistischen, feministischen Haushalt aufzuwachsen, selbst dort wissen wir, dass Positionen, die in einigen Kreisen vor zehn Jahren verbreitet waren, heute sehr kritisch gesehen werden. Daher ist es ein Prozess. So zu tun, als gäbe es einen ultimativen Status, den irgendjemand erlangt hat und von dort herabschauen kann auf alle anderen ist eine absolute Illusion. Wir alle wissen, wie wir vor einer Stunde, vor einem Tag, vor einem Jahr, vor zehn Jahren gedacht haben und wissen dementsprechend, dass das, was wir heute als die progressivste, reflektierteste Position verstehen, es in wenigen Stunden vielleicht nicht mehr ist. Mir geht es darum, dass wir einander Raum geben, in diesen Diskursen zu wachsen, Raum geben, um Fehler machen zu dürfen, um Dinge zu hinterfragen und eine andere Position einzunehmen. 

SE: Wie fallen die Rückmeldungen auf deine Entscheidung aus?

KG: Mir geht es nicht darum, alles zu verdammen oder irgendwie stigmatisierend da heranzugehen. Dadurch habe ich viel Zustimmung erfahren. Was ich sagen will, ist kein kritischer Rundumschlag, sondern eine konstruktive Frage: Wie können wir das, was wir machen, besser machen? Deshalb waren die Reaktionen bisher sehr gut. Was ich vorbeugend ausschließen möchte, ist der Impuls alles, was irgendwie kritisch oder was Calling-out ist, zu verdammen. Dass gesagt wird: Ihr seid nicht „nett“ und eigentlich muss der Feminismus nett sein, um Menschen mitzunehmen. Nein, das muss er nicht. Sich eine alternative, bessere, gerechtere Welt vorzustellen, muss für bestimmte Menschen unbequem sein. Es geht vielmehr um die innerfeministische Debattenkultur. Letztlich funktioniert es nur durch unser Facettenreichtum. Es braucht diejenigen, die akademisch, intellektuell und präzise bestimmte Prozesse ausleuchten. Es braucht jene, die praktisch, in den Beratungsstellen an diesen Themen arbeiten. Es braucht jene, die in Bezug auf Pflege und Gesundheit das Thema bearbeiten. Es braucht jene, die in Bezug auf Kunst und Kultur das Thema bearbeiten. Es braucht jene, die gucken wie man die Gesamtgesellschaft medial und populär dahingehend ansprechen kann.

SE: Bei der letzten Frage habe ich mich nicht so präzise ausgedrückt. Ich hatte die Frage viel offener gemeint: Gibt es Leute, die dich ansprechen und sagen: Hey, im Grunde ist das, was du da als politische Strategie benennst, das, was ich auch schon mache oder wo ich mit Leuten schon das und das versucht habe, um in diese Richtung zu gehen.

KG: Ach so meinst du das? Was ich am allermeisten bekomme ist tatsächlich Dankbarkeit. Ich glaube, dass diese Konflikte oder diese Ideale bei vielen Betroffenen und Engagierten Verunsicherung bewirken. Und dann zu deiner Nachfrage: Mit Sicherheit gibt es zahlreiche Ansätze, die in diese Richtung gehen und Pionierarbeit leisten. So zum Beispiel das Center for Intersectional Justice. Aber mir ist nicht bekannt, dass all diese Ideale irgendwo bereits Realität wären.

»Reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist«. Über gewöhnliche Leute, den Schutz von Minderheiten und falsch verstandene Meinungsfreiheit

Heute, am 26. Oktober, wird weltweit der Intersex Awareness Day begangen. Eine der Forderungen von Intersex-Aktivist*innen ist die nach mehr Aufklärung in Gesundheits- und Bildungseinrichtungen. Denn Bildung sei der erste Schritt, damit Intersex*-Personen selber über ihre Narrative und Körper bestimmen können. Und ja: Trotz Einführung eines weiteren Personenstandes – divers – ist die Existenz intergeschlechtlicher Menschen noch immer ein tabuisiertes, mit Scham und Stigma behaftetes Thema. Auch geschlechtszuweisende und -vereindeutigende Operationen an Neugeborenen und Kleinkindern mit zum Teil dramatischen physischen und psychischen Spätfolgen gehören längst nicht der Vergangenheit an – und dies trotz der Verurteilung solcher Eingriffe durch die Vereinten Nationen. Die Wissenschaft, allen voran die Medizin, hat einen erheblichen Anteil an der fortgesetzten Diskriminierung und Gewalt, der Intersex*-Menschen ausgesetzt sind.

Einen Tag vor diesem 1996 von Aktivist*innen in Boston initiierten Aktionstag spricht die in der Bundesregierung für Bildung und Forschung zuständige Ministerin, Anja Karliczek von der CDU, mit dem „Spiegel“. Eine gute Gelegenheit, sollte man meinen, beispielsweise über Ethik in der medizinischen Praxis, über verbindliche Richtlinien, um nicht-einvernehmliche kosmetische Eingriffe zu unterbinden oder auch über mehr kritisches Gender-Wissen in der Ausbildung von Mediziner*innen zu sprechen. Aber nein, Karliczek spricht nicht von der epistemischen, institutionellen und körperlichen Gewalt, der intergeschlechtliche Menschen in den Apparaten von Wissenschaft und Medizin ausgesetzt sind. Sie spricht nicht über die Verantwortung, die Politik hier hat, Karliczek hat eine ganz andere Mission. Sie warnt vor einer allgemein stärker werdenden Meinungszensur in Deutschland, besonders an den Hochschulen und Universitäten und sieht die Freiheit von Wissenschaft und Lehre gefährdet. Weimar, raunt die Ministerin, müsse daher „auch heute eine Mahnung sein“. 

Ja möchte man der Ministerin zurufen. Weltweit ist die Freiheit von Forschung und Lehre bedroht – und die Gender, Inter und Trans Studies genauso wie die kritische Sexualwissenschaft gehören überall zu den ersten, die angegriffen werden. Doch für Ministerin Karliczek geht die Bedrohung von anderen aus. Von jenen nämlich, die auf dem „moralischen Thron“ säßen und diejenigen, die sich „nicht voll gendergerecht“ ausdrückten, „gleich runtermachen“ würden. Dabei wollten die Menschen doch nur reden, „wie ihnen der Schnabel gewachsen“ sei. 

Hier ist sie wieder: Die Sorge, die Konservative wie Karliczek und Kramp-Karrenbauer umtreibt, die Sorge, dass die „gewöhnlichen Leute“ abgehängt und moralisch ausgegrenzt werden. Und die gewöhnlichen Leute sind selbstredend heterosexuell und cis-geschlechtlich und haben kein Verständnis für die Verirrungen geschlechtssensibler Sprechweisen oder die Notwendigkeit von Unisex-Toiletten. Einmal abgesehen von der versämtlichenden Unterstellung einer geteilten heteronormativen Moral der gewöhnlichen Leute, sind die Karliczeks und Kramp-Karrenbauers dieser Welt um dieser gewöhnlichen Leute willen bereit, den Schutz von Minderheiten und letztlich diese selbst preiszugeben. Dass sie zudem nicht erkennen, was die Rechte weltweit längst erkannt hat, wie sehr sich nämlich Geschlecht und Sexualität als Felder zur Erringung von Hegemonie eignen, weshalb sie genau deshalb die Leute dort abholen, wo sie reden, „wie ihnen der Schnabel gewachsen ist“, ist die politische Tragik solcher Äußerungen. Die Weimarer Demokratie jedenfalls wurde nicht von Lili Elbe, Johanna Elberskirchen und Magnus Hirschfeld verraten.

Das Attentat von Halle und die Normalisierung neoreaktionärer Politiken

© privat

In den Tagen nach dem mörderischen, antisemitisch, rassistisch und anti-feministisch motivierten Attentat in Halle am 9. Oktober 2019 gab es nicht wenige Stimmen, die nicht nur überrascht taten, sondern die Tat selbst als Tat eines Einzelnen verstanden wissen wollten. Doch faschistische Gewalt geschieht nicht überraschend und auch wenn sie von Einzelnen ausgeübt wird, so ist sie dennoch nicht die Tat eines Einzelnen. Faschistische Tat und faschistische Gewaltstruktur gehören zusammen. Sie ist auch Ergebnis der Normalisierung neoreaktionärer Politiken. Mit dieser Normalisierung neoreaktionärer Politiken haben sich die feministischen studien in Heft 2_2018 auseinandergesetzt. Aus gegebenem Anlass posten wir daher hier Auszüge aus der Einleitung zum Heft.

Im Spätsommer 2018 ziehen Neonazis und rechte Hooligans durch die Straßen von Chemnitz und machen gleichermaßen Jagd auf als Nicht-Deutsche wahrgenommene Personen wie auf Journalist*innen und Gegendemonstrant*innen. Es gelingt ihnen zeitweise, mitten in Deutschland einen rassistischen Ausnahmezustand zuetablieren. Der stetig stärker werdende, neoreaktionär agierende, faschistische Flügel der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) um Björn Hocke verbündet sich aktiv mit den marodierenden Nazibanden und den mehrheitlich, aber nicht ausschließlich männlichen Aktivist*innen von „Pegida“, den „Identitären“ und der verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ). Höcke führt gemeinsam mit Lutz Bachmann und Siegfried Däbritz, den Initiatoren von „Pegida“, dem Publizisten, Aktivisten und Geschäftsführer des neurechten Verlags Antaios, Götz Kubitschek, und dem Kopf der österreichischen „Identitären“, Martin Sellner, dessen Buch Identitär in Kubitscheks Antaios-Verlag erschienen ist, den so genannten „Trauermarsch“ an, der vorgeblich dem Gedenken an den, wenige Tage zuvor in einer Messerstecherei zu Tode gekommenen Daniel H. gilt. Es ist der 1. September 2018, der 79. Jahrestag des Überfalls aufdie Zweite Polnische Republik, der Beginn des von Nazi-Deutschland ausgegangenen und die Welt verheerenden völkerrechtswidrigen Angriffskrieges; auch der Beginn des nationalsozialistischen Völkermords an den europäischen Jüd*innen.

Die Parole der ’89er Revolution, die zum Sturz des SED-Regimes und dem Ende der DDR beitrug, „Wir sind das Volk“, haben sich Höcke, Bachmann, Kubitschek und ihre Anhänger längst zu eigen gemacht. Ihre xenophoben Gewaltmärsche deklarieren sie als Selbstverteidigung gegen die so genannte „Messermigration“ und wähnen sich berechtigt, dies zu tun, weil „der“ Staat „die“ Bürger nicht schütze und Merkel „die Vandalen“ ins Land geholt habe. Indem es Höcke und Co.gelingt, die destruktiven Energien rassistisch motivierter Normalbürger*innen, neurechte „intellektuelle“ Vordenker*innen, Thinktanks und Publikationsprojekte, zunehmend besser organisierte und bislang in der NPD organisierte, militante Neonazis sowie den rechtsextremen Flügel der AfD zusammen zu führen, nimmt das Projekt einer völkisch-nationalen Sammlungsbewegung in Chemnitz erstmals deutlich Gestalt an.

Derweil relativiert der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmar die gewaltvollen Aufmärsche, der deutsche Innenminister Horst Seehofer macht einmal mehr Migration als „Mutter aller Probleme“ aus, der Chef des deutschen Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, bezweifelt öffentlich via BILD-Zeitung, dass in Chemnitz überhaupt rechte, rassistisch motivierte Hetzjagden stattgefunden hätten und die Chefredakteure von ZDF und ARD nehmen die Einladung zu einem von der AfD Dresden organisierten Podium zu „Medien und Meinung“ an. Immer noch stehen Feuilleton-Redaktionen bei Götz Kubitschek in Schnellroda Schlange und beginnen Reportagen über ihn und seine Familie mit Beschreibungen eines idyllischen Familienabendessens mit Salat, Ziegenkäse und selbst gebackenem Brot. Thilo Sarrazins neue Kampfschrift, Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht (2018), steht schon nach wenigen Tagen beim größten Buchversandhändler in den Sparten Politik, Multikultur und Wirtschaft auf Platz 1 der Verkaufslisten. In Berlin organisiert der Bundesverband Lebensrecht zusammen mit christlichen Fundamentalist*innen zum fünfzehnten Mal den „Marsch für das Leben“, der u.a. die Illegalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen zum Ziel hat.

Schlaglichter einer Verschiebung der gesellschaftlichen Diskurse weit nach rechts, ermöglicht durch die andauernde Infragestellung der Grenzen des Sagbaren und die fortgesetzte Rede des „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Ermöglicht auch durch die Umkehrung von Tabus und die gezielte Verbreitung von rassistischen, islamfeindlichen, antisemitischen und anti-feministischen fake news sowie kruder Verschwörungstheorien in den sozialen Medien und Netzwerken. Ermöglicht schließlich durch nationalistische und völkische Kampagnen und Parteipropaganda, den durchschlagenden elektoralen Erfolg der erst 2013 gegründeten AfD, die Zunahme des Organisationsgrads, der Militanz und Gewaltbereitschaft außerparlamentarischer Gruppen und Bewegungen und nicht zuletzt durch die in Teilen idyllisierenden und verharmlosenden Reportagen über Kubitschek und andere neurechte Ideolog*innen sowie das Beharren nicht Weniger, die Rechten hätten ein Recht darauf, ihre demokratiefeindliche, schmähende und Menschen verachtende Hassrede zu führen.

Das Land hat sich verändert. Was in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, in Mölln und Solingen Anfang der 1990er Jahre begann und im Terror des NSU auf infamste Weise fortgesetzt wurde, zeigt sich heute auf den Straßen von Chemnitz und Freital, in den täglichen Angriffen auf geflüchtete Menschen und ihre Unterkünfte, in den Gewaltandrohungen gegenüber jenen, die sich für Geflüchtete engagieren. Längst haben wir auch nolens volens zu leben gelernt mit dem aggressiven und auf Ressentiment gestimmten Ton, den Publizist*innen und Politiker*innen wie Birgit Kelle und Harald Martenstein, Akif Pirinci und Beatrix von Storch, Thilo Sarazin, Matthias Matussek und viele andere anschlagen, wenn es um die Rechte geschlechtlicher, sexueller und anderer Minderheiten, um die geschlechtergerechte Gestaltung unserer Gesellschaft ganz allgemein oder die Gender Studies im Besonderen geht – und uns damit auseinander gesetzt. Sie alle haben wesentlich dazu beigetragen, dass eine Grammatik der Härte und die Register der Bezichtigung und des Verdachts, der Verfemung und Verleumdung zunehmend den öffentlichen Comment prägen. Respektlosigkeit, Hassrede und Gewalt sind so zu einem festen Bestandteil des Alltags geworden. Vernachlässigung und Verunsicherung, Ausgrenzung und Entwürdigung prägen vielleicht mehr denn je das gesellschaftliche Miteinander. Ein auftrumpfender und niederträchtiger Rassismus vergiftet das soziale Klima; sexistische sowie homo- und trans*feindliche Anfeindungen und Übergriffe nehmen zu. Das politische Parteiensystem findet keine Antwort auf die neoreaktionäre Landnahme der Demokratie oder bewegt sich – allen voran die CSU – selbst weiter nach rechts. Unterdessen etablieren sich in 14 deutschen Landtagen und im Bundestag AfD-Thinktanks, mit denen Akteur*innen aus dem völkisch-nationalistischen Spektrum in den Plenarsälen und der Öffentlichkeit für eine Normalisierung kruden völkischen Gedankenguts sorgen. Und während sich in Dresden und auch in vielen anderen Orten in Deutschland noch immer viele Hunderte von Islamfeindlichkeit mobilisieren lassen, anderenorts die Mobilisierung gegen „Genderwahn“, „Genderterror“ und die vorgebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern zeitweise Abertausende „besorgte Bürger“ auf die Straßen brachte und so genannte Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa) marodierend durch Köln und Hannover zogen, breiten sich die teils selbst ernannten, teils von den Medien dazu hochgejazzten „intellektuellen“ Vordenker*innen und Schriftsteller*innen des völkisch-nationalistischen Projekts auf den virtuellen und analogen Marktplätzen der Republik aus, um ihre Ideologie in den Kapillaren der Gesellschaft zu versenken. Mit ihrer Präsenz auf den Straßen und Plätzen, in den TV-Talkbuden und Sommerinterviews, in den täglichen Nachrichten, auf Twitter, Facebook und Youtube, in der Bildungsarbeit, in Sportvereinen und Nachbarschaftshilfen, in den Parlamenten und staatlichen Verwaltungen verfügt die Neue Rechte über das vielleicht wichtigste politische Instrument, um ihre Vorstellungen in den Herzen und Hirnen der Menschen zu verankern: Deutungshoheit. Der Prozess der Normalisierung neoreaktionärer Politiken der Feindschaft ist längst in vollem Gange.

Diese Normalisierung reaktionärer, teilweise proto-faschistischer Politiken ist freilich nicht auf Deutschland beschränkt. Das weltweite Erstarken autoritärer Regime ebenso wie der Vormarsch terroristischer und fundamentalistischer Bewegungen, die zunehmende Spaltung der Gesellschaften in einen wie auch immer sich liberal-demokratisch verstehenden und einen rechtspopulistischen Teil, der stete Ruf nach einfachen Lösungen, das Absterben der Institutionen und Garantien der parlamentarischen Verfassungsdemokratie, der Mangel an inneren wie äußeren Frieden schaffenden Diskursen und Erzählungen, die Atomisierung der Subjekte im endlosen Strom der Waren und Medien, die Wiederbelebung manichäischer Freund / Feind-Dichotomien, die Dämonisierung der Fremden und der Rückgriff auf das vermeintlich Eigene, das es gegen diese Fremden zu verteidigen gilt, die Wiederkehr von Begriffen wie „Volk“, „Nation“ oder gar „Rasse“, ebenso wie der Rekurs auf „Heimat“, „Kultur“ und „Identität“, auf „natürliche Geschlechterunterschiede“ und „angestammte Territorien“; die Rede davon, dass „die“ Fremden uns überrollen oder überschwemmen, sie unsere „Sozialsysteme destabilisieren“, „unsere Werte“ missachten und ungerechtfertigt etwas bekommen, was doch eigentlich nur „uns“ zusteht, sind in der Tat Anzeichen dafür, wie sehr die Grenzen zum Autoritären, Neoreaktionären, jedenfalls nicht mehr an der Demokratie, an Solidarität und Emanzipation orientierten verschoben wurden. Dazu gehört, wie gesagt, in der Regel auch ein mehr oder minder explizit formulierter Anti-Feminismus und Anti-Genderismus, die nicht als isolierbare Positionen zu verstehen sind, sondernals Teil einer (extrem) rechten Ideologie, für die der Fokus auf Nation undVolk als identitäre und homogene Gemeinschaften konstitutiv ist.

Anlässe zuhauf für die feministischen studien, nach den Möglichkeitsbedingungen der Verschiebung nach rechts sowie der Etablierung und Normalisierung neoreaktionärer Politiken zu fragen. Wir wollten (erste) Antworten aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern und unterschiedlichen disziplinären Hintergründen finden, um die Frage, wie das möglich ist,beantworten zu können. Wie vollzieht sich die Verschiebung nach rechts, die auch eine Diskursverschiebung ist, darin aber nicht aufgeht? Welche Dynamiken der Normalisierung rechter Rhetorik lassen sich ausmachen? Wie werden antidemokratische Einstellungen verbreitet und zunehmend zu ›normalen‹ Ansichten? Kurzum: Wie werden reaktionäre Politiken normalisiert? 

Wenn wir von „neoreaktionären Politiken“ sprechen, wollen wir dies in deskriptiver Hinsicht verstanden wissen als Zusammenführung verschiedener Kräfte, die von national-konservativen über rechtspopulistische bis hin zu rechtsextremen, antidemokratischen Positionen, Programmen und Bewegungen reichen – und deren Verbindung in der Arbeit gegen die Demokratie und an der Aufhebung liberaler Werte besteht. Der Begriff ‚neoreaktionär‘ erscheint uns als derzeit passende Beschreibung dieser Koalition und ihrer Ziele: Neoreaktionäre Politiken reagieren auf gesellschaftspolitische Entwicklungen der Liberalisierung oder Reflexivierung und sind darauf gerichtet, emanzipatorische Errungenschaften im Bereich der Lebensformen, der Geschlechterverhältnisse und der Sexualität sowie der Familie zurückzunehmen und die mit Migrationsprozessen einhergehende soziale wie kulturelle Veränderung von Gesellschaft ebenso wie Prozesse politischer und wirtschaftlicher Globalisierung zu stoppen. Die neoreaktionäre Zukunft besteht in einer imaginierten Vergangenheit nationaler wie kultureller Homogenität, geschlechtlicher Eindeutigkeit und traditioneller Lebensformen. Die Verbindung zwischen historischen reaktionären und aktuellen neoreaktionären Kräften ist die Ablehnung der Demokratie. Bezeichnete der erste Begriff die Koalition aus Adel, Klerus und Besitzenden, die sich Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich gegen Aufklärung und bürgerliche Revolution formierte, so ist die Abwehr der ‚kulturellen Revolution‘, die häufig mit der Chiffre ’68 verbunden wird, die treibende Kraft der neoreaktionären Formation. 

Die Beiträge zu diesem Heft greifen diese Perspektive und die aufgeworfenen Fragen auf verschiedene Weise auf. Sie untersuchen, wie rechte Diskurse funktionieren und welche Bedeutung dem Rekurs auf traditionelle Geschlechterrollen und Familienverhältnisse dabei zukommt. Sie gehen der Verbreitung neoreaktionärer Ansichten nach und fragen nach den intellektuellen Fundamenten der rechten Weltanschauung, aber auch danach, wie rechtem Hass auf politische wie analytische Weise zu begegnen ist. In den Blick gerückt werden bislang in diesem Zusammenhang wenig beachtete soziale Kontexte wie die von Franziska Schutzbach beschriebene Szene der so genannten Pick Up Artists (PUA) – eine Szene, die sich selbst als Selbsthilfe-Community beschreibt, in der Männer lernen, wie sie Frauen „verführen“.

Sabine Hark und Aline Oloff

Call for Abstracts: Feminism, Secularism, and Religion

In many religions, the symbolization of gender and sexuality is strongly institutionalized, due in a large measure to religious notions of transcendence. The religious symbolization of gender reflects an androcentric understanding of the world which hampers social change in this realm. Time and again, women* and LGBT*persons have to struggle rigorously for acceptance and equality of opportunity in the hierarchy of the religious social order. Furthermore, on the level of social life, religion is consistently made relevant by legitimating assumed natural gender differences (as for example in the recent declaration of the congregation for Catholic education on the ‘question of gender theory in education’). As a consequence, feminist research has responded to religion with a certain amount of reserve. This also holds true for feminist analyses of religion(s); often, they are not regarded as a constituent part of feminist studies. Accordingly, feminism and religion seem not to be compatible. Instead, feminism – understood as a programmatic approach which is inherently connected to an enlightened, egalitarian modernity – seems to go hand in hand with secularism, although the promise of gender equality does not obtain insofar as it includes an androcentric bias. 

The special issue of feministische studien focuses on these complex, but scarcely discussed connections between feminism, secularism, and religion. In order to get to the bottom of the interdependencies and tensions between religious and non-religious worldviews, the special issue invites contributions that shed light on the problem from different contexts and theoretical perspectives.

Hence, feminist approaches in the religious sphere often disappear from view: how women* and LGBT*persons in varying religious contexts are reshaping and transforming religious gender arrangements, or how they are fighting to shift religious notions of sexuality and change religious gender codes—whether on the level of religious organizations, religious practices, or religious knowledge—how they question power relations, demand rights and recognition, or take over social space in the religious domain, does often meet a negative response in secular feminism. Moreover, it seems to be difficult to understand from a secular feminist perspective, how religion is experienced as a resource of practiced emancipation, lived equality and freedom, or how the turn to religion could also align with a feminist approach. Finally, a dialogue between secular and religious women* becomes impossible, when secular feminism envisions itself as neutral.

The aim is to contribute to a deeper understanding between secular and religious feminist approaches. This subject unfolds against the backdrop of an intensifying problematization of religious gender relations in the context of migration and asylum discourses, whether on the global or on the local level, recognizing in particular that ‘Islam’ and the ‘Islamic gender order’ have become the epitome of racialization and othering. Secular feminism must deal carefully with racism and antisemitism; this also means, to engage in introspection regarding its own reproduction of white, colonial, anti-Islamic, or anti-Semitic patterns of thinking and the resulting symbolic modes of boundary making between ‘us’ and ‘them’. Likewise, religious feminisms cannot evade the possibility of varying approaches to gender difference and (in)equality. This also includes a consideration of the relationship between feminism and Christianity. 

Accordingly, we invite theoretical and empirically based contributions that

●          critically reconstruct the rejection of religious feminist positions and racialising forms of boundary making between secular and religious feminisms; 

●          relate secular and religious feminisms to each other in a constructive way and focus on common characteristics and similarities;

●          discuss feminist theologies and feminist religious movements in a nuanced way concerning their positions that are critical of religion and

●          analyse the relation between feminism, secularism, and religion historically as well as with respect to contemporary times. 

Submission and timetable

We kindly invite to submit abstracts (300 – 500 words) until 15th October 2019to 

manuskripte@feministische-studien.deas well as to 

heidemarie.winkel@uni-bielefeld.de and angelika.poferl@tu-dortmund.de

Invitations to submit full papers will be send out until 15th November 2019.

Full papers of max. 40.000 characters need to be submitted by 15th August 2020.

Papers will be selected through peer review. 

For further information please contact Prof. Dr. Heidemarie Winkel (heidemarie.winkel@uni-bielefeld.de), Prof. Dr. Angelika Poferl (angelika.poferl@tu-dortmund.de) or Dr. Aline Oloff (aline.oloff@tu-berlin.de).