Kategorie: Allgemein

Hybride Gestalten, kollektive Aneignungen, queere Strategien. Aktuelle Tendenzen in der feministischen Kunst der Gegenwart

1)     Worum geht es im Schwerpunktthema des neuen Heftes?

Im Mittelpunkt des neuen Heftes steht feministisch orientierte Kunst der Gegenwart. Dabei sind wir von der Beobachtung ausgegangen, dass feministische Kunst (insbesondere der 1970er Jahre) in den letzten Jahren verstärkt Aufmerksamkeit in Kunstinstitutionen sowie in breiteren Öffentlichkeiten erhält und sich gleichzeitig eine neue, junge Generation queer_feministischer Künstler*innen etabliert. Feministische Kunst der Gegenwart ist wie schon in den 1960er und 1970er Jahren durch eine große Vielfalt und Diversität geprägt und umfasst unterschiedliche Schwerpunktsetzungen etwa in Bezug auf Intersektionalität, Queerness, Hybridität und Kollektivität. Die Beiträge des Heftes reflektieren diese Themen und stellen dabei sowohl Kontinuitäten als auch veränderte Bedingungen heutiger feministischer künstlerischer Arbeit und Kritik heraus.

2)     Worauf können sich die Leser*innen besonders freuen?

Auf ein breites Spektrum an Perspektiven auf gegenwärtige feministische Kunst. Die Beiträge des Heftes stellen (queer-)feministische Künstler*innen bzw. Kollektive aus Performance, Musik, Tanz, Installationskunst und Fotografie aus verschiedenen kulturellen Kontexten vor und diskutieren Themen wie z.B. Ungleichheit, Macht, Rassismus und Rassismuskritik, Intersektionalität und Hybridität, Weiblichkeit und Raum, Geschichte und Zeit, Geniediskurse und weibliche Aneignungen sowie queer_feministische Arbeitsweisen und Kritik. Besonders freuen dürfen sich die Leser*innen aber auch auf ein vielstimmiges Gespräch zwischen gegenwärtigen Künstler*innen und Kulturschaffenden.

3)     Eine Besonderheit der feministischen studien ist die Rubrik „Im Gespräch“. Mit wem wurde diesmal über welches Thema gesprochen?

Die Rubrik „Im Gespräch“ ist tatsächlich eine Besonderheit in diesem Heft: Denn wir haben uns dafür entschieden, ganz verschiedene Künstler*innen, Kollektive und Kulturschaffende ins Gespräch zu bringen, statt Einzelne zu befragen, um so eine Vielstimmigkeit zu erzeugen. Die Performancekollektive hannsjana, Swoosh Lieu und Henrike Iglesias, die Gender-Performerin Bridge Markland, die Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin Monika Kaiser, Autor*in und Dramaturg*in Sasha Maria Salzmann sowie die Filmemacherin, Film- und Videokuratorin Karin Michalski haben uns per E-Mail auf fünf Fragen geantwortet. Zudem führten wir ein Video-Gespräch mit der Malerin Katharina Grosse. Mit allen Künstler*innen und Kulturschaffenden werden Fragen verhandelt nach dem jeweiligen Verständnis von ‚(queer-)feministischer Kunst‘, nach den institutionellen Bedingungen, nach Utopien und nicht zuletzt nach den Un/Möglichkeiten feministischer Kunst in der Corona-Pandemie.

4)     Und welche Künstler*in/nen wird bzw. werden in der Rubrik „Bilder und Zeichen“ vorgestellt?

Um keine einzelne* Künstler*in, kein einzelnes Kollektiv hervorzuheben, in einem Heft, in dem stärker die Vielfalt und Polyphonie feministischer Kunst im Mittelpunkt stehen sollte, haben wir uns gegen eine Rubrik „Bilder und Zeichen“ entschieden. Für das Cover konnten wir Adrian Piper mit einer sehr aktuellen Arbeit im Kontext der Corona-Pandemie gewinnen. Darüber hinaus sind die in den Beiträgen verhandelten Künstler*innen (u.a.: Juliana Huxtable, Firelei Báez, Florentina Holzinger, Mierle Laderman Ukeles) mit Abbildungen von ihren künstlerischen Arbeiten vertreten.

5)     Welchen Text würden Sie persönlich als ersten lesen?

Die Einleitung, da sie einen Einblick in die verschiedenen aktuellen Tendenzen feministischer Kunst ebenso bietet wie auch eine historische Kontextualisierung – und da sie, so hoffen wir, Vorfreude auf das Lesen der Beiträge aufkommen lässt.

Denn er weiß nicht, was sie tun

Ein Plädoyer für die wissenschaftliche Untersuchung von Geschlechterungleichheiten am Arbeitsmarkt


Schon lange bin ich der ganzen Artikel überdrüssig, in denen Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik absichtlich verzerrt darstellt werden, um sich dann entweder darüber lustig zu machen oder diese als Verschwörung gegen Natur und/oder Wahlfreiheit zu brandmarken. Dass dies nun allerdings ein Fachkollege, der Soziologe Martin Schröder tut, ist jedoch mehr als irritierend. Am 18. November 2020 erschien unter dem Titel „Denn sie wissen, was sie tun“ in der Wochenzeitung „Die Zeit“ sein Gastbeitrag, in dem er sich Gedanken über die Frauenquote, Gleichberechtigung im Allgemeinen, den Gender Pay Gap und die Berufswahl von Frauen macht. Er stellt diesem Beitrag gleich voran, dass selbstverständlich Frauen und Männer gleichberechtigt sind und betont: „Wer für mehr Gleichberechtigung eintritt, ist mir deswegen sofort sympathisch“. Nachdem er das klar gestellt hat, setzt er sich im Folgenden mit der Frage auseinander, ob Frauen in Deutschland unterdrückt seien – dies sei, so jedenfalls seine Interpretation – schließlich die Prämisse der Gender Studies und läge auch der jüngst vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder befürworteten Frauenquote für die DAX-Vorstände zugrunde.

Nun wird die Quotenfrage seit jeher kontrovers diskutiert. Es geht dabei nicht nur um die Frage, ob dadurch die Leistung derjenigen geschmälert werde, für die eine Quote gefordert wird, sondern auch um die Frage, inwieweit der Staat regulativ in die Entscheidungen privatwirtschaftlicher Unternehmen eingreifen darf bzw. soll. Dass derzeit Frauen nur selten in den Vorständen von Unternehmen anzutreffen sind, ist jedoch unbestritten. So waren – wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung zeigt – im Jahr 2019 in den 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland – unter den 706 Vorstandsmitgliedern 640 Männer – das entspricht einem Anteil von 90,7%. Bei jenen Unternehmen, für die die 2015 in Kraft getretene Quote für Aufsichtsräte gilt, sieht es nur wenig anders aus. Allerdings erfüllen diese immerhin die Quote für Frauen in Aufsichtsräten – so liegt der Männeranteil dort bei „nur“ 65%. Es gibt also – insbesondere, wenn man sich die Veränderungen in den Aufsichtsräten der etwa 106 Unternehmen, die insgesamt unter die gesetzliche Regelung fallen, seit 2015 anschaut – gute Gründe, sich für Maßnahmen einzusetzen, mit denen der Frauenanteil auch in den Vorständen erhöht werden kann.

Diese Gründe erschließen sich jedoch erst dann, wenn man die Prämisse der freien Entscheidung von Frauen – Martin Schröder spricht in seinem Text fünfmal von der Entscheidung von Frauen bzw. von „weiblichen Entscheidungen“ – hinterfragt. Selbstverständlich gibt es Frauen – und auch Männer –, die sich lieber und auch ausschließlich um ihre Kinder kümmern wollen. Aber es gibt auch Frauen – und Männer –, die einen Beruf erlernt, ein Studium beendet haben, sich mit ihrer Arbeit identifizieren und gerne Führungsaufgaben übernehmen wollen. Allerdings gelingt dies Frauen nicht im gleichen Maße wie Männern – und zwar nicht, weil sie nicht qualifiziert sind, nicht können oder „nicht wollen“, sondern weil in vielen Unternehmen Auswahlprozesse entlang mehr oder minder subtiler Ausschlussmechanismen verlaufen. Wie verschiedene soziologische Studien gezeigt haben, werden Führungspositionen häufig entlang des „similar-to-me“-Effekts vererbt. Es werden stereotype Annahmen über Führungseigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit, Einsatzbereitschaft und Flexibilität wirksam, die sich im Kern mit dem von Virginia E. Schein in psychologischen Untersuchungen festgestellten Statement „think manager – think male“ zusammenfassen lassen. Jenseits der Geschlechterstereotype, die in Auswahlprozessen stattfinden, gelten Menschen, die zeitweise ihre Erwerbsarbeit unterbrechen oder Teilzeit gearbeitet haben, um sich um Kinder oder ältere Angehörige zu kümmern, als nicht karriereorientiert und damit auch nicht geeignet für eine Führungsposition. Die mittlerweile verstorbene US-amerikanische Soziologin Joan Acker hat in vielen Untersuchungen gezeigt, dass Organisationen eine „gendered substructure“ aufweisen. Die Vielzahl der Studien, die in der Arbeits-, Wirtschafts- und Geschlechtersoziologie zu diesem Thema gemacht wurden, gehen jedoch, anders als Martin Schröder unterstellt, nicht (!) per se davon aus, dass Frauen unterdrückt werden und wichtige Positionen aus eigener Kraft nicht erreichen können. Vielmehr versuchen sie, die Mechanismen zu verstehen, die innerhalb von Organisationen dazu führen, dass Frauen oder Personen mit Migrationshintergrund oder Personen mit körperlichen Einschränkungen Kompetenzen abgesprochen werden oder dass Mütter oder Väter bei einer Beförderung nicht berücksichtigt werden. Dass Martin Schröder diese Studien nicht zur Kenntnis nimmt, ist insofern ärgerlich, da er sich als Professor für Soziologie an der Philipps-Universität Marburg mit „sozialer Ungleichheit“ auseinandersetzt und Geschlecht eine wichtige Dimension sozialer Ungleichheit ist.

Ähnlich verkürzt bezieht sich Martin Schröder auf die Forschungen zum Gender Pay Gap. Er verweist auf Studien, die gezeigt haben, dass „junge Menschen geschlechtertypische Interessen“ bei der Berufswahl verfolgten und auch seltener MINT-Fächer studierten. Tatsächlich zeigen die Daten des Statistischen Bundesamtes zur Berufswahl von jungen Frauen und Männern, dass diese sich auf unterschiedliche Berufsgruppen konzentrieren, die dann auch entsprechend als „weiblich“ oder „männlich“ klassifiziert werden. Diese Entscheidung für einen Beruf entsteht aber nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum – vielmehr sind Geschlechterstereotype in allen Sozialisationsinstanzen wirksam. Bereits kleinen Jungen wird mehr technischer Sachverstand zugetraut als Mädchen – und Mädchen wiederum gelten als kompetenter, wenn es darum geht, eine Puppe zu frisieren.

Aber selbst wenn man den Einfluss der geschlechtertypischen Sozialisation auf die Berufs- und Studienfachwahl von Frauen und Männern nicht in Betracht ziehen will, macht es sich Martin Schröder zu einfach, wenn er annimmt, dass Frauen und Männer gleich verdienen würden, wenn sie den gleichen Beruf ergreifen würden. Genau das ist ja nicht der Fall: Die Verdienststrukturhebung zeigt, dass Frauen selbst dann weniger verdienen, wenn sie den gleichen Beruf ausüben wie Männer. So erhalten Expertinnen in der Technischen Forschung und Entwicklung durchschnittlich 704 Euro im Monat weniger als ihre männlichen Kollegen. Darüber hinaus belegen die statistischen Analysen von Ute Klammer, Christina Klenner und Sarah Lillemeier, dass Frauen quer durch alle Berufe auch bei vergleichbarer Arbeit (Work of Comparable Worth) weniger Einkommen erzielen. Die Lohnunterschiede kommen auch deshalb zustande, weil bereits bei der Eingruppierung in unterschiedliche Lohngruppen eben jene geschlechterzuschreibenden Prozesse wirksam werden, die Martin Schröder jetzt einzig auf der Seite der Frauen wahrhaben will. Die bereits angesprochenen Erwerbsunterbrechungen und Teilzeitarbeit sind nämlich nicht nur karrierehemmend, sondern auch einkommensmindernd. Es handelt sich jedoch nicht um einen Automatismus, sondern kann über entsprechende Analysen der einkommensrelevanten Merkmale in den Unternehmen bzw. in den Betrieben aufgezeigt und diskutiert werden. Warum muss eine zeitweise Unterbrechung im gesamten Berufsleben zu einer geringeren Bezahlung führen? Und warum wirken sich Erwerbsunterbrechungen für Frauen sogar nochmal negativer aus als für Männer? Mit dem 2017 in Kraft getretenen Gesetz zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen sind Unternehmen ja unter anderem aufgefordert, ihre Gehaltsstrukturen dahingehend zu überprüfen, ob sie mit einer indirekten Diskriminierung verbunden sind. Ein entsprechendes Prüfinstrument, stellt z.B. die Anti-Diskriminierungsstelle zur Verfügung. Mit dem eg-check können die verschiedenen Anforderungen und ihre entsprechende Inwertsetzung in den unterschiedlichen Entgeltbestandteile geprüft werden. Das bedeutet nicht, dass es zwingend nur Arbeitsplätze von Frauen sind, die bei einer solchen Prüfung – sollte diese überhaupt mit entsprechenden Anpassungen verbunden sein – neu bewertet werden würden, sondern dass sich im Ergebnis auch zeigen lässt, wenn Arbeitsplätze, die mehrheitlich von Männern besetzt werden, nicht angemessen bewertet werden. Diese knappen Hinweise machen deutlich, dass sich der Gender Pay Gap nicht verstehen lässt, wenn man nur die Angebotsseite auf dem Arbeitsmarkt anschaut. Vielmehr bedarf es einer Analyse, die sich auch mit der Tarifstruktur und den Prozessen der Entgeltfindung auf betrieblicher Ebene auseinandersetzt. Dies leistet z.B: die Broschüre „Auf dem Weg zur Entgeltgleichheit von Frauen und Männern“ des BMFSFJ, die ich gemeinsam mit Andrea Jochmann-Döll erarbeitet habe.

Ein letzter Aspekt muss an dieser Stelle noch erwähnt werden: Dass Martin Schröder nur sehr selektiv Forschungen rezipiert und darüber hinaus auch Kausalitäten („Insgesamt gibt es weltweit einen klaren Zusammenhang: Je gleichberechtigter ein Land ist, desto seltener studieren Frauen dort technische Fächer“) behauptet, die jeder Grundlage der empirischen Sozialforschung widersprechen, zugleich aber „einigen Gender-Forscherinnen“ unterstellt, ergebnisoffene Forschung nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen und „missliebige Forschung ganz zu unterdrücken“, ist nun fast schon ein Treppenwitz. Allerdings ist es eben am Ende leider gar nicht witzig, da sich in dieser Art der Argumentation nicht nur eine Ignoranz gegenüber geschlechter- und arbeitssoziologischen Forschungen im Allgemeinen zeigt, sondern einmal mehr versucht wird, Gender Studies und Gleichstellungsmaßnahmen zu diskreditieren. Zustimmung findet er damit in einer Zeit, wo Gender-Bashing zum Volkssport geworden ist – so Daniel Hornuff im Deutschlandfunk – sicher. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung aber sieht anders aus.

Frau, Musik und Männerherrschaft

Eva Rieger zum 80. Geburtstag


Wer Eva Rieger im November 2019 während des Festakts zum 40-jährigen Bestehen des Archivs Frau und Musik im Kaisersaal des Frankfurter Römer erlebt und ihre Laudatio gehört hat, wäre nicht auf die Idee gekommen, sie sei im 80. Lebensjahr. Mit Charme, inspirierendem Elan, feministischem Kampfgeist und vollkommener Unbeirrbarkeit betonte sie die Wichtigkeit des Archivs und forderte dessen Verstetigung durch eine „auf Dauer angelegte Unterstützung von Stadt und Land“. Eva Rieger sprach aus der Perspektive der Zeitzeugin: Sie hat in diesen vier Jahrzehnten durch ihr Forschen, Publizieren, Vernetzen und Fördern die musikwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterstudien geprägt und vorangetrieben. Sie war eine der maßgeblichen Initiatorinnen für die Diskussion über Geschlecht als kulturelle Kategorie innerhalb der Musikforschung. Sie spielte und spielt eine zentrale Rolle für die gegenwärtige Position der Gender Studies in der Musikwissenschaft. „Die offizielle Musikwissenschaft“, so Eva Rieger in Frankfurt, habe sich der Frauen- und Geschlechterforschung gegenüber „eher im Hintergrund“ gehalten und abgewartet, „ob diese merkwürdige Erscheinung bald wieder verschwinden würde. Sie verschwand nicht.“ Dieses ‚wir verschwinden nicht‘ war ein herausgehobener Moment im Bewusstsein, welcher Weg in diesen vier Jahrzehnten zurückzulegen war – gegen Widerstände. 

Vergegenwärtigen wir uns den Ausgangspunkt, von dem aus Eva Rieger vor vier Jahrzehnten zu starten hatte, vergegenwärtigen wir uns, welcher (Doktor-)Vätergeneration Eva Rieger 1981 ihr zweites Buch Frau, Musik und Männerherrschaft. Zum Ausschluß der Frau aus der deutschen Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Musikausübungseinerzeit ‚auf den Tisch legte‘: Nach Klarinetten-Studium am Städtischen Konservatorium Berlin (1963-66) und Studium von Schulmusik, Musikwissenschaft und Anglistik in Berlin (1967-72) war sie von 1973 bis 1977 Wissenschaftliche Assistentin an der Hochschule der Künste Berlin und wurde 1976 von Carl Dahlhaus mit einer Dissertation über Schulmusikerziehung in der DDR promoviert. Es war ein sehr erfolgreicher Karrierebeginn im Kräftefeld der führenden Berliner Musikwissenschaft um Carl Dahlhaus. Das setzte sich nahtlos fort mit einer Berufstätigkeit als Studienassessorin und Lehrbeauftragte in Berlin und ab 1978 als Akademische Rätin im Bereich der Lehramtsausbildung an der Universität Göttingen. Und dann, nach nur fünf Jahren, neben dieser Berufstätigkeit, legte sie ihr zweites Buch vor: Als Habilitationsschrift hätte sie Frau, Musik und Männerherrschaft seinerzeit nicht einreichen können, obwohl dieses Buch im wahrsten Sinne (und viel mehr als manche Habilitationsschrift) ein Standardwerk war. Im Zuge der Frauenbewegung fragte Eva Rieger darin nach der Benachteiligung der Frau in der deutschen Musikkultur und untersuchte die Gründe für die mangelnde Repräsentanz der Frauen in der Musikkultur. In Rezensionen wurde ihr vorgeworfen, sie habe die weibliche Teilhabe nicht ausreichend in den Blick genommen. Darauf reagierte sie im Vorwort zur zweiten Auflage und benannte zwei noch heute gültige Aufgaben der musikbezogenen Gender Studies: „Für die Erforschung des Problemkreises ‚Frau und Musik‘ ist beides wichtig: das Aufspüren der Werke von Frauen, die trotz aller Schwierigkeiten aktiv waren, und zugleich das Benennen und Ergründen der Barrieren, die Frauen an der Musikproduktion hinderten.“(Rieger 1981, 6).

Eine Würdigung von Eva Riegers enormen Verdiensten um die musikbezogenen Gender Studies bedarf keiner langen Ausführungen, welcher (Doktor-)Vätergeneration[1]  gegenüber sie sich durchzusetzen hatte – wiewohl dies systemisch für die Prägung ihres Denkens von nicht zu überschätzender Wirkung war. Dennoch, weil darin ein Charakteristikum von Eva Rieger greifbar wird, ein kurzer Blick auf ein Interview, das sie 1983 mit Carl Dahlhaus führte: Er sah im „Begriff des Werkes, nicht […] des Ereignisses […] die zentrale Kategorie der Musik­historie, deren Gegenstand sich […] durch Poiesis, das Herstellen von Gebilden, nicht durch Praxis, das gesellschaftliche Handeln, konstituiert.“ (Dahlhaus 1977, 14).Trotz aller erkennbaren Wertschätzung für Dahlhaus bringt Eva Rieger ihre konträre Position äußerst hartnäckig ins Gespräch, reklamiert, es müsse „nebeneinander liegende Methoden geben, mit Musik umzugehen“(Rieger 1983, 6) und macht kein Hehl daraus, wenn sie seine Antworten für unbefriedigend hält: „Ich bin zwar nicht ganz zufrieden, belasse es aber dabei.« (Ebd.).

Das Sich-nicht-zufriedengeben zeichnet Eva Rieger aus, die es immer nur für den Moment dabei belässt und beharrlich auf Erkenntnis- und Methodendifferenzen zurückkommt, insbe­sondere auf diese vor vierzig Jahren thematisierte und noch heute diskutierte Differenz zum Thema Musikwissenschaft und Biographik. Beginnend mit ihrer Biographie Nannerl Mozart. Leben einer Künstlerin im 18. Jahrhundert (1991) und fortgesetzt mit den nach ihrer Pensio­nierung[2] entstandenen (Doppel-) Biographien Minna und Richard Wagner. Stationen einer Liebe (2003), Leuchtende Liebe, lachender Tod. Richard Wagners Bild der Frau im Spiegel seiner Musik (2009), Friedelind Wagner. Die rebellische Enkelin Richard Wagners (2012) und Frida Leider. Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit (2016) hat sie ein eindrucksvolles Œuvre von Biographien vorgelegt und anhand dieser konkreten Beispiele die Blicke auf weibliche Professionalität und das musikhistorisch als relevant geltende Berufsspektrum von Frauen erheblich erweitert. 

„Vernetzen Sie sich“, hat Eva Rieger den Zuhörenden im Frankfurter Römer zugerufen. Sie ist darin ein leuchtendes Vorbild: Die Gründung des Arbeitskreises Frau und Musik (1978), der Sektion „Frauen- und Geschlechterforschung“ in der Gesellschaft für Musikforschung (1994), des Sophie Drinker Instituts Bremen (2001), des Forschungszentrums Musik und Gender an der Hochschule für Musik und Theater Hannover (2006) – sie alle wären ohne Eva Riegers maßgebliches Zutun nicht zustande gekommen. Zugleich setzte sie sich mit großem Engagement als Redaktions- oder Beiratsmitglied ein (1988-92 in den Feministischen Studien und ab 1997 in Women & Music. A Journal of Gender and Culture), wobei ihr die Gründung des Jahrbuchs Musik und Gender im Jahr 2008 ein besonderes Anliegen war. 

Auf diese Weise wurde Eva Rieger generationenübergreifend und aktiv die Brücke zur US-amerikanischen Genderforschung schlagend zu einer zentralen Akteurin für die musikwissen­schaftlichen Gender Studies und förderte, zunächst im Zusammenwirken mit Mariann Steegmann und nach deren Tod im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten durch die Mariann Steegmann Foundation, eine Vielzahl von DoktorandInnen und HabilitandInnen auf ihren Qualifizierungswegen. Dass sie sich dabei auf so viele KollegInnen verschiedener Generatio­nen einließ und ihnen etwas zutraute, ist ein Schlüssel zum Gelingen. 

Möglicherweise hat das mit Eva Riegers Begeisterung für die menschliche Stimme zu tun. „Während sich im Lauf der Jahre die Sprache als eher kognitiver Erwerb abspaltet, bleibt der Gesang aufs engste mit dem Körper und den Emotionen verbunden. Vielleicht liegt hierin der Grund dafür, daß die menschliche Stimme zugleich seelisch und körperlich erschüttern und berauschen kann“, so beschreibt sie das „Gefühl der Euphorie, das Gesang auslösen kann.“ (Rieger/Steegmann 2002, 310f.). Wer dafür empfänglich ist wie Eva Rieger, die bei einer Opernaufführung zu erleben eine Offenbarung ist, ist in der Lage, andere Stimmen zu hören und sich mit ihnen zu verbinden, wie es Eva Rieger mit ihren Editionen von Quellentexten (Frau und Musik 1980, Ethel Smyth – Ein stürmischer WinterErinnerungen einer streitbaren Komponistin 1988, „Mit tausend Küssen Deine Fillu“. Briefe der Sängerin Marie Fillunger an Eugenie Schumann 2002) immer wieder getan hat. 

Ein ins-Zentrum-Rücken ihrer Person ist Eva Rieger unangenehm: Auf keinen Fall wollte sie zu ihrem 80. Geburtstag eine weitere Festschrift. Umso wichtiger, sie hier als Wissenschaft­lerin würdigen, auf die Erträge ihres Forschens und Publizierens hinweisen sowie Dank dafür sagen zu können, in welcher Weise sie die musikbezogenen Gender Studies geprägt und ihnen Zukunftsperspektiven eröffnet hat.


Dahlhaus, Carl (1977): Grundlagen der Musikgeschichte, Köln.

Rieger, Eva (1981): Frau, Musik und Männerherrschaft. Zum Ausschluss der Frau aus der deutschen Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Musikausübung, Berlin. [2. Auflage mit neuer Einleitung: Kassel 1988. Japanische Übersetzung 1985, koreanische Übersetzung 1988.]

Rieger, Eva (1983): Interview mit Carl Dahlhaus. In: Zeitschrift für Musikpädagogik 8/22, 3–8. 

Rieger, Eva/ Steegmann, Monica (Hrsg.) (2002): Göttliche Stimmen. Lebensberichte berühmter Sängerinnen von Elisabeth Mara bis Maria Callas, Frankfurt a.M.

Kreutziger-Herr, Annette/ Noeske, Nina/ Rode-Breymann, Susanne/ Unseld, Melanie: Einleitung. In Diess. (Hrsg.) (2010): Gender Studies in der Musikwissenschaft. Quo Vadis? Festschrift für Eva Rieger zum 70. Geburtstag (Jahrbuch Musik und Gender 3), Hildesheim, 11-22.


[1] Eva Riegers Vater Julius Rieger (19011984) war evangelisch-lutherischer Pfarrer in London. Er unterstützte seinen Freund Dietrich Bonhoefferim Widerstand gegen die NS-Diktatur. 1940 wurden Rieger und seine Frau, die Bibliothekarin Johanna Rieger, geb. Krüger, in Port Erin auf der Insel Man interniert, wo am 21. November 1940 Eva Rieger geboren wurde. Rieger kehrte 1953 mit seiner Familie nach Berlin zurück und war Superintendent des Kirchenkreises Berlin-Schöneberg.

[2] Eva Rieger vertrat 1978 eine Professur an der Universität Osnabrück. Im Zuge eines Übernahmeverfahrens nach § 148 Abs. 5 NHG wechselte sie an der Universität Göttingen aus der Position einer Akademischen Rätin in die Gruppe der ProfessorInnen und setzte ihre Tätigkeit nach Schließung des dortigen Lehramtsstudiengangs an der Universität Hildesheim fort. 1991 folgte sie einem Ruf auf eine Professur für Historische Musikwissenschaft mit Schwerpunkt Sozialgeschichte der Musik an die Universität Bremen. Zunächst beurlaubt, zog sie im Jahr 2000 nach Vaduz und wurde 2003 pensioniert.

Trumpism and the spectre of socialism. On the US election

I write this while we are still waiting to know the outcome of the 2020 American presidential election.  Six states—Alaska, Arizona, Nevada, North Carolina, Georgia and Pennsylvania—have yet to finish counting their votes and may not complete and certify those counts for days. Some states do not even require that absentee ballots arrive at the polls before November 12th.  While Biden has a slim path to victory and Trump an even slimmer one, we also don’t know what will happen with the court challenges the Trump campaign is filing today. These challenges will, among other things, attempt to de-legitimize mail ballots, a long established and accepted means of voting used this year by tens of millions to avoid crowded social settings during the Covid 19 pandemic.  

So there is much we do not know. But there are some things we do know, and with which we must reckon, no matter the outcome.  

Of approximately 155 million voters, which is about three quarters of the American adult population, between 72-75 million have voted to re-elect Donald Trump. This is a substantial increase over the 63 million that brought Trump to power in 2016. Thus, Trump not only lost few of his previous supporters, he recruited new ones, including from Black, Latinx and young white populations. Nearly a third of American voters affirm his presidency, and want more of it, or at least ardently want to avoid a Biden presidency.  

So what do we know about that? 

These voters either like or do not care that this president makes no attempt to lead or gather the nation, but, rather, barks, boasts, name-calls and attacks in the manner of an undisciplined playground bully. 

They either like or do not care that he pays lower taxes than working people and is nearly half a billion dollars in debt to unknown creditors.

They either like or do not care than he failed to deliver on his 2016 campaign promises, from a new health care plan, to re-industrializing the Midwest to a border wall paid for by Mexico, to addressing the opioid crisis. 

They either like or do not care that he eggs on white supremacist hate groups, armed rightwing militias, and dangerous conspiracy theories linked to threats of extreme civil violence.   

They either like or do not care that he has been credibly accused of sexual harassment or assault by over two dozen women, and routinely attacks female interlocutors or opponents with misogynist slurs. 

They either like or do not care that he approached Covid 19 almost indifferently, without regard for public health and medical protocols, such that the American infection and death rate is now surging in regions that support him and surpasses that of any industrialized nation, has helped to crater the economy, and will likely soon break the already overburdened American health care system.

They either like or do not care that the only federal fiscal rescue package during COVID, the CARES Act, far from alleviating the frightening predicaments of the working and middle class economically displaced by the pandemic, constituted the greatest single upward redistribution of wealth in the history of capitalism through tax cuts to the wealthy and cheap, unrestricted loans to corporations. 

They either like or do not care about his rejection of the climate emergency and related ecological crises that threaten everything about the future. 

Perhaps most significantly, they either like or do not care about the President’s contempt for democratic institutions, norms and practices. They affirm or are indifferent to the fact that his regime has all the markings of a new fascism, guaranteed to intensify in a second term. Apart from his own dictatorial personality, on display as he baselessly declared himself the election winner on Tuesday night, these include attempts to pack and control the courts and independent government agencies; punishing legislators, governors and entire states for lack of loyalty; relentless attacks on the media, on professionals and intellectuals; disseminating propaganda from his office; using the military and police to intimidate and quash resistance, and of course, challenging established procedures and outcomes for elections. 

But apart from those who really like all of the above—and some do—what of those who just do not care because the Trump regime offers something else that is vital to them? Here, there is no single issue or monolithic account. For some, all that matters is their investment portfolio or tax bill.  For others, it is the sanctity of heterosexual marriage or the unparalleled innocence of the fetus. For a few, it is Jerusalem or the West Bank settlements and for still others it is gun rights. And of course, for many it is their imperiled white and male supremacist entitlement. For nearly all, however, a certain kind of freedom is at stake. In nearly every interview with a Trump voter leading to the election, Biden and the Democratic Party were identified with socialism and Trump with freedom. The GOP Congressional campaigns pounded this theme: To vote against a Democrat was to prevent a socialist takeover of the nation, one exemplified in the DNC primary, by the “Squad” in Congress, by the supposed Marxists organizing Black Lives Matter, and by the Black woman VP candidate who once endorsed Medicare for All. 

It would be easy to imagine this as warmed over Cold War talk, and certainly that is what consolidated Trump support in Miami, Florida where millions of Cubans still nurse resentment over the 1959 revolution. But the Cold War was barely at play in the tarring of the Biden-Harris ticket with socialism. Rather, the danger at stake is the kind Hayek charted in the Road to Serfdom and Friedman depicted in Capitalism and Freedom. This is the sleeping socialist giant that the right sees contained in any program for social justice (which the right calls “social engineering”), that is, in any effort to redress systemic, historically generated unequal access to housing, banking, education, jobs and even voting, and the promise to replace regressive with progressive taxes on income and wealth.   

Obamacare is identified by the GOP with socialism. Fox News refers routinely to the socialism of the DNC. And the rightwing news site, Breitbart, identified “Kamrade Kamala” with communism after she released a campaign video explaining equity as a principle in which everyone begins a competition from the same starting line and plays by the same rules. These attributions do not invoke the danger of political repression (though they may extend to associations with enforced “political correctness”).  Rather, they draw on a fear of social provision and redistribution replacing a raw (rigged) market economy that Trump supporters have learned to identify as the space of self-determination. They may be living on a financial precipice, coping with opioid addiction in their families and communities, sending their children to failing schools and regard college as financially unreachable. But the socialist mantra fills them with fear that what little they have will be taken away by a Green New Deal, expanded Obamacare, expanded college accessibility, immigration reform, and a nation less hard and mean toward outsiders as well as its racially and ethnically abjected insiders. 

Of course what animates some Trump voters is more raw: visceral racism and xenophobia; hatred of feminists, environmentalists, and coastal elites; enraged resentment of the disdain they know educated and cosmopolitan Americans have for them; and love for a bully who grabs what he wants and assaults as he pleases. The passion of all Trump supporters cannot be explained by neoliberalism alone. But the most brilliant thing the GOP and its auxiliary media outlets did to overcome Trump’s actual performance was to tar the Democrats tout court with socialism and identify Trump with freedom. It was a version of freedom expressed in his resistance to Covid protocols, in his tax cuts for the rich, in extending the power and rights of corporations and in seeking to destroy what remained of the regulatory and social state. It was a version of freedom already saturating anti-government and anti-democratic neoliberal culture. All the GOP had to do was build on it. 

One can only wonder. If the DNC was going to be tarred with the socialist label, might it have been better to run an actual democratic socialist rather than Biden? Might this have generated a chance to educate America about what democratic socialism (and the freedom it features!) actually is, to openly excoriate the Trumpist kleptocracy and not only the person, and to galvanize the tens of millions of Millennials who once regarded 2020 as a year that could generate a fighting chance for the planet and their own prospects of thriving? Biden ran on decency, but that old-fashioned virtue wasn’t exactly at the top of most people’s concerns in the twenty-first century. For many, a better future is. 

»Im Übrigen hatte ich all die Jahre nur einen zerstreuten Blick für die Frauen« – Zum Tod von Rossana Rossanda

Einen ihrer letzten öffentlichen Auftritte hatte Rossana Rossanda im Frühjahr 2019 in der Casa Internazionale delle Donne in Rom. Anlässlich der Wahlen zum Europäischen Parlament nahm sie auf Einladung zweier Kandidatinnen der kleinen Linkspartei La Sinistra an einer Wahlkampfveranstaltung teil. Zwar hat sich Rossanda nie als Feministin verstanden, doch reizte sie bis in ihre letzten Lebensjahre die Auseinandersetzung über das Verhältnis der Frauen zur Politik, die „stürmische Beziehung“ des Feminismus zum politischen Gemeinwesen. Am 20. September dieses Jahres ist Rossana Rossanda im Alter von 96 Jahren gestorben. 

Viele Nachrufe bemühten den Vergleich mit Rosa Luxemburg, beschworen den Mythos von der Grande Dame der italienischen Linken. Rossanda hat diese Zuschreibungen in ihrer Autobiographie, die 2007 in deutscher Übersetzung mit dem Titel Die Tochter des 20. Jahrhunderts erschien, als Projektionen anderer zurückgewiesen.[1] Sie selbst bezeichnete sich als „besiegte Kommunistin“. Die Niederlage wurde ihr zur Herausforderung: „Die Sache des Kommunismus […] ist so kläglich gescheitert, dass man sich unbedingt damit auseinandersetzen muss.“[2] Die Geschichte dieses Scheiterns ist Teil ihrer Lebensgeschichte.

Mitten im Krieg begann sie 1941 in Mailand ihr Studium: Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie. Über Antonio Banfi, ihren Philosophieprofessor, kam sie in Kontakt mit der Resistenza, wurde Kurierin der italienischen Widerstandsbewegung. Nach 1945 schloss sie ihr Studium ab, gab aber eine sich anschließende Verlagstätigkeit rasch wieder auf. Stattdessen wurde die Arbeit im Partito Comunista Italiano (PCI) zu ihrer Berufung. 

Dass der Wiederaufbau und die Leitung der Mailänder Casa della Cultura zu ihrer ersten Aufgabe gehörte, kann rückwirkend als wegweisend gedeutet werden: Politik und Kultur, Kommunismus und Avantgarde gehörten für Rossanda fortan zusammen: Bildung durfte kein Privileg mehr sein, aber dem „Durchschnittsgeschmack“ durfte nicht nachgegeben werden: „Es erwies sich als falsch anzunehmen, daß man, ausgehend von einem leichter verständlichen Realismus, schließlich bei der Avantgarde ankommen würde“[3]: Rossanda war streng, anspruchsvoll und fordernd sich selbst wie anderen gegenüber. 

Mehr als zwei Jahrzehnte lang machte sie in der größten kommunistischen Partei Westeuropas Karriere, wurde Mitglied im Zentralkomitee und Parlamentsabgeordnete. 1969 beteiligte sie sich an der Gründung der Monatszeitschrift il manifesto, in der die Parteiführung für ihre desinteressierte bis abweisende Haltung gegenüber der Arbeiter- und Studentenbewegung und ihre zurückhaltende Reaktion auf die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 kritisiert wurde. Auf die Linksabweichung folgte der Parteiausschluss. 

Die manifesto-Gruppe entschloss sich daraufhin, das Monatsheft in eine gleichnamige, parteiunabhängige Tageszeitung umzuwandeln. Es war der Versuch, die kommunistische Tradition mit dem militanten Politikverständnis der Neuen Linken zu verbinden. Rossanda hat diesen Lebensabschnitt in ihrer Autobiographie als eine „andere Geschichte“ angekündigt, aber zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht.[4] Es ist vor allem diese „andere Geschichte“, ihre Arbeit in der linksintellektuellen Tageszeitung, die sie als Journalistin und Essayistin, als streitbare Intellektuelle der internationalen Linken berühmt machte.

Erst mit dem Ausschluss aus dem PCI und der Öffnung zur autonomen Linken, begann für Rossanda die Auseinandersetzung mit dem Feminismus. Bisher hatte sie sich als emanzipierte Frau wahrgenommen, „die den Männern nicht viel vorzuwerfen hatte.“[5] Die Aufwertung einer besonderen weiblichen Identität war ihr ebenso fremd wie die Solidarität unter Emanzipierten. „In meinen Ohren hatte der Protest, dessen Echo ich in der Ferne vernahm, etwas Unausgegorenes und Halbherziges.“[6] Der frauenbewegte Habitus, die folkloristische, schrille Anklage, bedeutete für Rossanda eine ästhetische und intellektuelle Zumutung. 

Doch im Laufe der Siebziger Jahre traf sie im Umfeld von il manifesto auch auf Frauen, die „anders“ waren: Feministinnen, die ihre politische Passion teilten, allerdings nicht nur die sozialliberalen Reformbestrebungen ablehnten, sondern auch die sozialistisch-kommunistischen Revolutionsversprechen zurückwiesen. Sie drängten im Namen der sexuellen Differenz auf eine radikale Transformation der Geschlechter- und Gesellschaftsordnung. 

Als sie 1978 eingeladen wurde, für das Kulturprogramm von Radio Rai3 eine Sendereihe zum Verhältnis von Frauen zur Politik zu gestalten, nahm Rossanda die Herausforderung der „Anderen“ an: Ausgehend von einer Reihe politischer Schlagwörter suchte sie mit ihren feministischen Gesprächspartnerinnen die Krise der modernen (linken) Politik zu ergründen und die feministische Kritik als Impuls für eine Neudefinition des Politischen zu verstehen.[7]

Aus diesem Dialog entwickelte Rossanda ein anderes Bewusstsein für ihr Frausein. „Denn sobald mir die Sprache der Frauen nicht mehr als regressiv oder unausgegoren erschien, nicht mehr als eine erlittene Verkürzung, sondern als eine gewollte, als ein Signal, […] konnte ich sie nicht mehr überhören und betrachtete die Frauen mit neuen Augen. Dieses Geschlecht, das kein Geschlecht ist, wurde mir nun zu einem.“[8]

Die Achtziger Jahre sollten zur produktivsten Phase in Rossandas wechselhaftem Verhältnis zum Feminismus werden. Die Tageszeitung Il manifesto öffnete sich feministischen Themen und Debatten, parallel beteiligte sich Rossanda an mehreren feministischen Zeitschriftenprojekten: In Rom gehörte sie zu den Begründerinnen des Monatshefts für Politik und Kultur Orsaminore (1981-1983). Für die erste Ausgabe schrieb sie den Essay „Zur Frage der weiblichen Kultur“, dessen Übersetzung die feministischen studien  in Heft 1/1989 publizierten. In der Nachfolge von Orsaminore entstand die Zeitschrift Reti (1987-1992), in der rund um die geopolitische Wende von 1989 gemeinsam mit Feministinnen aus dem Umfeld des PCI über Ziele und Prioritäten einer Politik der Geschlechterdifferenz diskutiert wurde. Außerdem publizierte Rossanda Beiträge zu den Themen Literatur, Körperlichkeit und Sexualität in der psychoanalytisch inspirierten Zeitschrift Lapis (1987-1996)[9] und begleitete die Arbeit der von Historikerinnen initiierten Zeitschrift Memoria (1981-1991). 

In der deutschen Rezeption wurden Rossandas kritische Positionierungen innerhalb der italienischen (differenz)feministischen Debatten nur bedingt wahrgenommen. Die Übersetzung ihrer Radiogespräche erschien 1980 nicht mit dem Originaltitel Le Altre (Die Anderen), sondern als geschlechtsneutrale Einmischung. Dass es Rossanda nicht um generelle (zivil-)gesellschaftliche Interventionen ging, sondern um eine spezifisch feministische Kritik am Politikverständnis der Moderne, blieb verschleiert. Der in Italien bereits 1987 publizierte Sammelband Anche per me, mit Artikeln und Essays, die zwischen 1973 und 1986 im Austausch mit den feministischen Gruppen entstanden und Rossandas veränderten, feministischen Blick auf die politischen und kulturellen Ereignisse dokumentieren, erschien in der deutschen Übersetzung Auch für mich erst 1994, in einer völlig veränderten politischen Weltlage. Rossanda ersetzte die italienische Einleitung, in der sie ihr Verhältnis zum Feminismus reflektiert hatte, mit einem Vorwort für die deutsche Ausgabe, in der „die Verwüstung des Politischen“ nach der Wende von 1989 im Mittelpunkt steht und ihre feministische Liaison unerwähnt bleibt.[10]

Bei öffentlichen Auftritten, insbesondere jenseits Italiens, hat Rossanda gerne mit ihrer Distanz zu den „Anderen“ kokettiert, die Ambivalenz ihres Verhältnisses zum Feminismus betont. Als sie im Oktober 1989 anlässlich des 200. Jahrestags der Französischen Revolution in Frankfurt/Main zur internationalen Frauenkonferenz „Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht“[11] eingeladen wurde, wiegelte sie ab. Die Ehre, den Eröffnungsvortrag zu halten, gebühre ihr eigentlich nicht, da sie dem Feminismus erst spät begegnet sei und die Frauenbewegung nie als „das einzige oder besondere Gebiet“ ihres politischen Engagements ausgemacht habe. Auf die Rolle der emanzipierten Frau und eines Vorbilds für die Verbindung der Frauenemanzipation mit anderen sozialen Befreiungskämpfen des 20. Jahrhunderts wollte sie sich nicht festlegen lassen. Die Gleichberechtigung, die den Frauen 1789 verwehrt geblieben war, könne längst nicht mehr das Ziel feministischer Politik sein. Sie verwahrte sich gegen jede Vereinnahmung seitens des Gleichheitsfeminismus, grenzte sich jedoch zugleich ebenso scharf von jeder Verherrlichung der Weiblichkeit und eine daraus abgeleiteten separatistischen „Politik der Frauen“ ab, wie sie auf der Konferenz u.a. von Adriana Cavarero für die Philosophinnengruppe Diotima vertreten wurde. [12]

Im Rückblick verpasste Rossanda in Frankfurt die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass die in der deutschsprachigen feministischen Debatte als „Italienerinnen“ rezipierten „Mailänderinnen“ nicht für das gesamte Spektrum des italienischen Differenzdenkens standen. Trotz der gemeinsamen Arbeit an den feministischen Zeitschriften, ging Rossanda nie so weit, die differente Differenzkonzeption ihrer feministischen Freundinnen als gemeinsame Sache zu verteidigen. Eigensinnig beharrte sie darauf, eine Randgängerin des Feminismus zu sein: „Jene Begegnung war tatsächlich eine der wichtigsten in meinem Leben und ich würde sie nicht missen wollen, auch wenn sie immer problematisch geblieben ist, denn wenngleich sie mich gelehrt hat, wahrzunehmen, dass ich nicht nur ein Individuum, sondern eine Frau war […], so hat sie mich doch nicht dazu verleitet, mich primär und mehr als alles andere als Frau zu fühlen.”[13]

Rossanda interessierte sich für das Denken der sexuellen Differenz, solange es nicht auf die Verherrlichung der weiblichen Differenz, die Anerkennung einer identitätslogischen Geschlechterkonstruktion abzielte. In den Siebzigerjahren erkannte sie, dass die feministische Weigerung, sich an der traditionellen Politik zu beteiligen, nicht pauschal als Zeichen einer Entpolitisierung gedeutet werden durfte, sondern als „Keim sowohl einer Krise der traditionellen Politik als auch einer Kritik, die eine andere Politik einleiten könnte.“[14] Sie hoffte, dass der Keim jenseits der feministischen Kleingruppen aufgehen könnte, doch je älter sie wurde, desto skeptischer bewertete sie die feministische Revolte. 

Die Kontroverse um die praktische Wirksamkeit der theoretischen Einsichten des Feminismus wurde 2010 auf einer zu Ehren ihres 85. Geburtstags veranstalteten internationalen Konferenz mit dem Titel „Donne Politica Utopia“ noch einmal öffentlich ausgetragen. [15] In ihrem Eröffnungsvortrag, den die feministischen studien 2011 publizierten, resümierte Rossanda die „stürmische Beziehung“ zwischen Feminismus und Politik. Sie anerkannte die Entlarvung des mutmaßlich geschlechtsneutralen Staatsbürgers, stellte aber in Frage, dass es den Feministinnen der Siebzigerjahre gelungen sei, eine politische Transformation zu erwirken: „Es besteht, wie mir scheint, eine Pattsituation zwischen dem Umriss der Theorie und dem der vorgeschlagenen Politik. Der Hauptpunkt, den der zweite Feminismus hervorgehoben hat, wie die Exklusion aus der Polis entsteht, und wie eine Inklusion sich durch gemeinsames Handeln beider Geschlechter bewerkstelligen lässt, bleibt ungelöst.“[16]

Die Vehemenz, mit der die „besiegte Kommunistin“ ihren feministischen Freundinnen nachhaltige politische Erfolge gegen das Patriarchat abstritt, hat zu Verletzungen geführt, kaum zu dauerhaften Zerwürfnissen. Dankbar erinnern ihre feministischen Freundinnen nicht erst postum an „Rossanas Gaben“[17]: Mit ihrer politischen Leidenschaft begründete Rossanda in der kollektiven journalistischen Arbeit, im konfrontativen Verhältnis zu den Nachgeborenen eine Genealogie kritischer, weiblicher Intellektualität. 


[1] Rossana Rossanda: Die Tochter des 20. Jahrhundert. Übers. v. Friederike Hausmann und Maja Pflug. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2007.

[2] Ebd. S. 7. 

[3] Ebd., S. 328.

[4] Ebd., S. 463.

[5] Rossana Rossanda: Anche per me. Donna, persona, memoria dal 1973 al 1986, Mailand: Feltrinelli 1987, S. 17. (Übers. v. CD)

[6] Rossana Rossanda: Einmischung [1979]. Übers. v. Maja Pflug, Andrea Spingler und Burkhart Kroeber. Frankfurt/Main: Europäische Verlagsanstalt 1980, S. 25. 

[7] Im Untertitel der Publikation der Radiointerviews werden die Begriffe, mit denen sich die einzelnen Sendungen beschäftigten, genannt: „Gespräche mit Frauen über ihr Verhältnis zu Politik, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Demokratie, Faschismus, Widerstand, Staat, Partei, Revolution, Feminismus“ (vgl. Rossanda 1980).

[8] Ebd., S. 37. 

[9] Die Beiträge erschienen zuletzt gesammelt in Rossana Rossanda: Questo corpo che mi abita. Hrsg. v. Lea Melandri. Turin: Bollati Boringhieri 2018. 

[10] Rossana Rossanda: Auch für mich. Aufsätze zu Politik und Kultur. Übers. v. Leonie Schröder. Hamburg: Argument, S. 11-17. Die Ausgabe enthält keinen Hinweis auf die gleichnamige italienische Ausgabe und verzichtet auf einen detaillierten Quellennachweis, mit dem eine Spur zu den feministischen Zeitschriften hätte gelegt werden können. 

[11] Der vollständige Titel der Konferenz lautete: „Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht. 200 Jahre Aufklärung – 200 Jahre Französische Revolution“; sie fand von 5. – 8. Oktober 1989 in Frankfurt/Main statt. Der Band, der die Konferenzbeiträge dokumentiert, erschien unter dem Titel „Differenz und Gleichheit. Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht. Hrsg. v. Ute Gerhard, Mechthild Jansen, Andrea Maihofer, Pia Schmid, Irmgard Schultz. Frankfurt/Main: Ulrike Helmer 1990.

[12] Rossana Rossanda: Differenz und Gleichheit. In: Gerhard u.a. (1990), S. 13-28. 

[13] Rossanda (1987),  S. 17 (Übers. CD). 

[14] Rossanda (1980), S. 11 Herv. i. O.

[15] Die internationale Konferenz „Donne Politica Utopia“ fand von 14.-15. Mai 2010 in der Aula Magna der Universität von Padua statt. Die einzelnen Beiträge wurden 2011 in einem gleichnamigen, von Alisa De Re herausgegebenen Konferenzband veröffentlicht, sie sind außerdem fast alle auch online nachzuhören.

[16] Rossana Rossanda: Feminismus und Politik, eine stürmische Beziehung. Übers. v. Regine Othmer. In: feministische Studien 2/2011, S. 293-301.

[17] Vgl. die Nachrufe von Ida Dominijanni: I doni di Rossana. In: Internazionale, 21.09.2020 und Maria Luisa Boccia: Da donna a donna, da amica ad amica, Centro per la riforma dello stato, 24.09.2020 

Corona-Tier

Großputz! Care nach Corona neu gestalten

Ein Positionspapier zur Care-Krise aus Deutschland, Österreich, Schweiz

care-macht-mehr.com

August 2020

Initiativkreis

Prof. Dr. Margrit Brückner, Frankfurt. Prof. Dr. Eva Fleischer, Innsbruck. Prof. Dr. Claudia Gather, Berlin. Dr. Karin Jurczyk, München. Dr. des. Frank Luck, Basel. Prof. Dr. Maria S. Rerrich, München. Prof. Dr. Barbara Thiessen, Landshut. Dr. Bernhard Weicht, Innsbruck.

Ausgangspunkt

Die Auswirkungen der Corona-Krise im Care-Bereich sind nicht überraschend. Denn Krise war schon vorher im Erziehungs- und Gesundheitsbereich, in Sozialer Arbeit und im Familienalltag. Wir haben sie im länderübergreifenden Care-Manifest vom Sommer 2013 als Care-Krise bereits skizziert: 

“Care in allen Facetten ist in einer umfassenden Krise. Hierzu gehören unverzichtbare Tätigkeiten wie Fürsorge, Erziehung, Pflege und Unterstützung, bezahlt und unbezahlt, in Einrichtungen und in privaten Lebenszusammenhängen, bezogen auf Gesundheit, Erziehung, Betreuung u.v.m. – kurz: die Sorge für andere, für das Gemeinwohl und als Basis die Sorge für sich selbst, Tag für Tag und in den Wechselfällen des Lebens. Care ist Zuwendung und Mitgefühl ebenso wie Mühe und Last. Gleichwohl ist Care keine Privatangelegenheit, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Auch wenn derzeit einzelne Themen öffentlich verhandelt werden (Kita-Ausbau, Pflegenotstand, Burnout etc.), sind grundsätzliche Lösungen nicht in Sicht. Das Ausmaß der Krise zeigt sich erst, wenn alle Care-Bereiche zusammen gedacht werden.”

Die Krise in Care-Bereichen, die durch die Corona-Pandemie nun noch viel deutlicher zu sehen und zu spüren ist, zeigt sich am ohnehin schon bestehenden Mangel an Pflegefachpersonen ebenso wie an der Not von 24-Stunden-Betreuerinnen aus osteuropäischen Ländern. Sie betrifft auch Familien mit Kindern, vor allem durch die Gleichzeitigkeit von Home-Office und Home-Schooling  für Alleinerziehende eine unlösbare Aufgabe. Angehörige von Menschen mit Behinderungen sind betroffen, die nach der Schließung von Betreuungseinrichtungen als Unterstützungspersonal in Verantwortung genommen wurden. Nicht zuletzt leiden Kinder und Jugendliche, die nicht mehr in Kindertagesstätten (Kitas), Horte und Einrichtungen der offenen Jugendarbeit gehen können. Zutage treten auch die Probleme, die entstehen, wenn Sozialarbeits-, Gesundheits- und Pflegestrukturen vor allem nach ökonomischen Kriterien ausgerichtet werden. Dies zeigt der eklatante Mangel an Personal und Ausrüstung. Deutlich wurde auch, dass diejenigen, die Care leisten, einerseits endlich als “systemrelevant” sichtbar und als solche auch beklatscht wurden, aber andererseits in den Krisenstäben und Expertengremien nicht oder nicht angemessen vertreten waren. 

In der noch andauernden Pandemie wird einmal mehr deutlich, dass zum Menschsein nicht nur der Wunsch nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit gehört, sondern auch Verletzlichkeit und Angewiesenheit. Menschen können  in jedem Alter  ohne Care nicht (über-)leben. Frauen sind als Care-Gebende sowohl in Familien als auch in Care-Berufen überproportional aktiv. Dass Care-Tätigkeiten in beiden Bereichen sinnstiftend und erfüllend sein können, entdecken aber auch immer mehr Männer. Wir sollten Care jenseits von Geschlechterklischees denken und adressieren, ohne Geschlechterhierarchien zu verfestigen. Und: Care-Arbeit muss geschlechtergerecht finanziert werden.

Die Krise kann dann eine Chance sein, wenn nicht nur Prämien und Held*innentitel verteilt werden, sondern die Gelegenheit genutzt wird, unsere Gesundheits-, Sozial- und Wohlfahrtssysteme und somit die Gesamtheit von Care-Arbeit gesellschaftlich solidarischer zu organisieren und zu finanzieren. Wir haben dazu erste Arbeitspakete vor dem Hintergrund unserer Forschungen zusammengestellt, die an einigen Stellen exemplarisch auf die besondere Situation in den drei Ländern Deutschland, Österreich, Schweiz Bezug nehmen.

Care-Reform-Arbeitspakete

I. Care Mainstreaming einführen!

Abhängigkeiten von Anderen und die Sorge füreinander sind keine Randerscheinungen, die auf kleine Gruppen der Gesellschaft reduziert sind. Vielmehr besteht menschliches und gesellschaftliches Leben aus Interdependenzen, denen mit unterschiedlichen Arten von Care begegnet wird. Eine faire Gesellschaft muss deshalb an diesen – für die Existenz aller – notwendigen Tätigkeiten und Bedarfen ausgerichtet werden. Überall in ökonomischen und sozialpolitischen Planungsprozessen soll Care von Beginn an mitgedacht werden: Care Mainstreaming heißt, dass bei allen politischen Maßnahmen aller Ressorts die Auswirkungen auf Menschen, die Care-Verantwortung tragen, die Care-Tätigkeiten leisten oder die Care benötigen, als verpflichtende Dimension bei Entscheidungen berücksichtigt werden. Es braucht dafür eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, wie wir Care gemeinsam organisieren wollen, in der die Stimmen aller Beteiligten gehört werden. So startet z.B. derzeit in Österreich ein digitaler Beteiligungsprozess zur Zukunft der Pflege, der in der parlamentarischen Entscheidungsfindung seinen Niederschlag finden muss.

      II. Professionelle Care-Arbeit angemessen
finanzieren und entlohnen!

Die Finanzierung von Kliniken, Pflege-, Sozial- oder Erziehungseinrichtungen basierend auf öffentlichen Mitteln und Beitragszahlungen muss so geändert werden, dass die Erfüllung des sozialpolitischen Auftrags im Vordergrund steht, statt die Erwirtschaftung von Renditen. Dies betrifft vor allem gute Rahmenbedingungen für Nutzer*innen und Beschäftigte. Das Beispiel Österreich zeigt, dass es möglich ist, dies auch politisch umzusetzen: So sind dort in mehreren Bundesländern Altenpflegeheime verpflichtend gemeinnützig zu führen. 

Auch in Care-Berufen, die spezialisierte, oft hochqualifizierte Ausbildungen erfordern, ist eine angemessene Tarifierung von Care-Arbeit, die den spezifischen Anforderungen der Tätigkeiten entspricht, wesentlich. Seit den 1980er Jahren gibt es ausgearbeitete Modelle der Arbeitsbewertung, die sowohl Beziehungskompetenzen als auch die unmittelbare Verantwortung für Menschen einbeziehen.

Care-Arbeiter*innen in der Pflege, der Erziehung, der Sozialen Arbeit, aber auch Arbeitende in der Gebäudereinigung sind gewerkschaftlich wenig organisiert. Zudem ist in Deutschland der Anteil der tarifgebundenen Arbeitgeber*innen, die in Verbänden organisiert sind, in vielen dieser Branchen gering. Damit fehlen wesentliche Voraussetzungen für erfolgreiche Tarifverhandlungen und auch für Flächentarife. Um mehr Macht in Tarifauseinandersetzungen zu haben, bessere Löhne und Arbeitsbedingungen auszuhandeln, ist es erforderlich, dass sich deutlich mehr Beschäftigte aus dem Care-Bereich zusammenschließen und gewerkschaftlich organisieren. Solange dies nicht der Fall ist, ist die Politik gefordert, entsprechende Rahmenbedingungen und Mindeststandards zu setzen, wie dies aktuell in Deutschland im Bereich der Pflege geschieht: Neben dem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn wird für die Pflege durch eine “Pflegekommission” bestehend aus Vertreter*innen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern ein Branchenmindestlohn verhandelt. Dies kann aber nur ein Schritt zu einem System angemessener und gerechter Löhne sein. Das wäre auch für viele weitere Care-Berufe mit geringem Organisationsgrad notwendig.

     III. Arbeitsbedingungen in Care-Berufen verbessern! 

Der Mangel an Menschen, die in Care-Berufen wie Pflege, Sozialer Arbeit oder Kindererziehung und -betreuung arbeiten wollen, ist über bessere Bezahlung alleine nicht zu beheben. Ein wesentlicher Faktor sind die Bedingungen, unter denen professionelle Care-Arbeit heute geleistet wird. Das gesellschaftliche Image als zweite, schlechtere Wahl gegenüber der ‘eigentlichen’ Versorgung oder Betreuung in Familien ist dabei nur ein Aspekt. Imagekampagnen, die hervorheben, dass die Lebensbedingungen in Heimen besser sein können als ihr Ruf und dass Kitas besonders gute Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten bieten können, reichen nicht aus. Für die Umsetzung qualitativ hochwertiger professioneller Care-Arbeit braucht es neben gut ausgebildetem Personal vor allem angemessene Betreuungsschlüssel und Fallzahlen, hinreichend Zeit für Kommunikation, um Care-Aufgaben im Dialog gestalten zu können und auf das Wesentliche fokussierte Dokumentationspflichten. Hierzu gehört z.B. gesellschaftlich-politisches Engagement wie die „Pflegeinitiative“ des Berufsverbandes SBK (Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner: www.pflegeinitiative.ch). Dann können Fachpersonen das tun, wofür sie ausgebildet sind: Menschen unterstützen in einem selbstbestimmten Leben. Ebenso braucht es eine Arbeitswelt mit flachen Hierarchien, Mitsprache bei der Gestaltung der Arbeitsprozesse sowie Möglichkeiten für kontinuierliche Fort- und Weiterbildung. Ein weiteres positives Beispiel ist aus Deutschland mit aktivistischer Organisierung gelungen, rund um die Arbeitskämpfe an der Berliner Charité 2014. Hier wurde ein erweiterter Pflegeschlüssel und das Wieder-‚Insourcing‘ von Berufsgruppen in die Klinik (z.B. Reinigungskräfte, Hausmeister*innen) erkämpft.

Prekarisierte Angebote in Pflege und Betreuung, wie etwa die häusliche 24-Stunden-Betreuung, müssen neu geregelt werden: Ausreichende Sozialversicherung, angemessene Entlohnung, fairer Zugang zu Sozialleistungen, kontrollierte Arbeitsbedingungen mit genügend Freizeit und Erholung, menschenwürdige Lebensbedingungen in den Haushalten sowie ein sicherer Aufenthaltsstatus sind vorzusehen. Dies sollte ohne Pseudo-Selbständigkeit und Abhängigkeiten von Vermittlungsorganisationen umgesetzt werden. Darüber hinaus braucht es gesamteuropäische Zugänge, damit nicht die Lösung von Problemen in einem Land durch migrantische Arbeitskräfte zu einer Verschärfung der Care-Krise in deren Herkunftsländern führt. 

Ein erster Schritt dazu wäre die Ratifizierung (Österreich) bzw. Umsetzung (Deutschland, Schweiz) der ILO Konvention 189 zum Schutz von Hausangestellten.  Die Kampagnen dazu sollten von Selbstvertretungsorganisationen der migrantischen Pflege- und Betreuungskräfte, Gewerkschaften und NGOs gemeinsam getragen werden. Zudem braucht es lokale Informationskampagnen, um die migrantischen Arbeitskräfte über die ihnen zustehenden Rechte aufzuklären und die Haushalte über ihre Pflichten zu unterrichten.

     IV. Mehr Zeit für Care im Alltag und im Lebenslauf!

Care braucht Zeit – im Beruflichen und im Privaten. Die jeweiligen Aufgaben folgen einer eigenen Logik, nicht einem standardisierten Takt, und davon hängt die Qualität von Care stark ab. Deshalb müssen Menschen über ein Recht auf Zeit für Care-Aufgaben verfügen, das sie beim Berufseinstieg erhalten. Das Verhältnis von Ausnahme und Regel bei der Inanspruchnahme von persönlichen Care-Zeiten wird damit umgekehrt. Denn bislang gilt jede Unterbrechung oder Verkürzung der Erwerbsarbeit als Abweichung von der ‘normalen’ Erwerbsbiografie. Da verstärkte Care-Bedarfe zu jedem Zeitpunkt auftreten können und oft unvorhersehbar sind, ist mit starren Einzelregelungen  etwa nach der Geburt eines Kindes  nicht viel geholfen. Das Care-Zeit-Budget sollte daher über den gesamten Lebensverlauf hinweg selbstbestimmt und flexibel für unterschiedliche Care-Aufgaben genutzt werden können. Und es muss, da es um gesellschaftlich relevante Tätigkeiten geht und die Erwerbsgesellschaft auf diese angewiesen ist, auch mit einem Lohnersatzanspruch und sozialer Sicherung einhergehen. Ein solches “Optionszeitenmodell” (www.fis-netzwerk.de) zielt darauf, berufliche Unterbrechungen oder Arbeitszeitreduzierungen für Care-Aufgaben für alle Menschen zu einer neuen Normalität zu machen. Wenn diese selbstverständlich werden, tragen nicht mehr vor allem Frauen die Risiken für Care-bedingte berufliche Auszeiten.

Dieses Zeitmodell kann nur dann geschlechtergerechte Wirkung erzielen, wenn es flankiert wird durch begleitende steuerliche und sozialversicherungsrechtliche Regelungen (z.B. bei Renten und Pensionen) sowie durch Abschaffung des Gender Pay Gap.

         V. Digitalisierung und die Auswirkungen auf
Care-Arbeit: Kritisch 
reflektieren und geschlechtergerecht organisieren!

Der hohe Ökonomisierungsdruck in Care-Institutionen treibt digitale Rationalisierungs- und Standardisierungsprozesse voran. Care-Arbeit ist aber nicht ohne weiteres durch digitale und virtuelle Angebote ersetzbar. Sie braucht unmittelbare menschliche Interaktion, Kommunikation sowie Beziehungen aufgrund persönlichen Vertrauens.

Eine mögliche Gefahr der Digitalisierung liegt darin, dass die impliziten technologischen Möglichkeiten als Lösung für problematische Arbeitsbedingungen gelten, ohne die nötigen strukturellen Reformen für Betroffene und Beschäftigte anzugehen. Wo in Care-Berufen viele Frauen beschäftigt werden, sind Weiterbildungen und betriebliche Schulungen nicht so verankert wie in der Industrie, auch weil Frauen oft in Teilzeit arbeiten und ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen. Für Alleinerziehende ist die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Weiterbildung noch herausfordernder. Care-Beschäftigte dürfen aber nicht abgehängt werden von den digitalen Entwicklungen in ihrem beruflichen Umfeld.

Neue Perspektiven sind nötig, um eine geschlechtergerechte und diskriminierungsfreie Technik zu entwickeln. Hierfür braucht es mehr Frauen als Entwickler*innen, die auch Care- Arbeiter*innen an der Technikentwicklung beteiligen, um ihr Erfahrungswissen einzubeziehen. Es braucht einen Wandel auf gesellschaftlicher Ebene, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geschlechtergerecht zu organisieren. Mobiles und flexibles Arbeiten bietet hierfür Chancen. Dabei sind aber unter den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung klare Regularien und Betriebsvereinbarungen notwendig, die sich nicht einseitig zum Vorteil der Arbeitgeber*innen ausrichten.

Durch neue Online-Anbieter*innen, die flexibel buchbare Care-Arbeitskräfte vermitteln, bereitet sich aktuell ein neuer prekärer Markt in Privathaushalten aus. Eine Reihe von Start-ups der digitalen Plattformökonomie erzielen Gewinne mit App-basierter Vermittlung von Dienstleistungen. Die angepriesene Flexibilität bezahlen jedoch die Arbeitskräfte, auf die die sozialen Risiken abgewälzt werden. Deshalb braucht es spezifische arbeitsrechtliche Regulierungen in diesem Feld und einen umfassenden Schutz der Care-Arbeitskräfte in der Plattform-Ökonomie.

     VI. Caring Communities:
Sorgende Nachbarschaften fördern!

Wenn wir in der Corona-Krise eines gelernt haben, dann, dass es eine hohe Bereitschaft gibt, zusammen zu halten, aufeinander zu achten und füreinander zu sorgen. Nachbarschaften sind eine wichtige Ressource für das Alltagsleben, können aber nicht auf Dauer Leerstellen des Sozial- und Wohlfahrtsstaates füllen. Deshalb braucht es heute und auf lange Sicht unterstützende Strukturen, z.B. Hauptamtliche aus der Sozialen Arbeit, die freiwilliges Engagement vernetzen und stärken. Sie sollen auch Menschen stützen, die in Familien, Wohngemeinschaften und Nachbarschaften Betreuungs- und Pflegearbeit übernehmen, und mit Informationen versorgen. Zudem sind Anlaufstellen vonnöten, wie etwa Stadtteilcafés oder Dorfläden. Beteiligungsprozesse in der Stadt- und Regionalplanung, um Begegnungsräume und ausreichende Infrastrukturen zu schaffen, sind dazu ebenso unumgänglich wie barrierefreies Bauen. 

  VII. Ausreichend Schutz vor Gewalt!

Care ist eine emotional aufgeladene Tätigkeit, da Sich-Sorgen auf Beziehung und Kontakt beruht, ob im familialen oder professionellen Feld. Sorgen braucht das sich Einlassen in einem asymmetrischen Kontext sowohl von Seiten der Sorge-Gebenden als auch von Seiten der Sorge-Nehmenden. Eigene und fremde Wünsche, Ängste, Wut, Scham und andere Gefühle müssen bewältigt und Vorgehensweisen ausgehandelt oder zumindest gegenseitig akzeptiert werden. Care schließt daher mögliches Scheitern durch Missverstehen, Vernachlässigung, Übergriffigkeit oder Gewalttätigkeiten ein und stellt eine Gratwanderung zwischen Hingabe und Abgrenzung, Verantwortung und Bevormundung, Desinteresse und Selbstausbeutung dar. Care-Beziehungen sind besonders dann gefährdet, wenn sie von Machtverhältnissen durchzogen sind wie z. B. Eltern-Kind-Beziehungen, Fürsorge für Kinder in Einrichtungen, Pflege zu Hause und in Einrichtungen und auch Partnerbeziehungen zwischen Frauen und Männern aufgrund von Hierarchien. Besonders in Zeiten von Abschottungen wie während der Corona-Pandemie bleibt Gewalt oft unsichtbar, obwohl viele Anzeichen dafürsprechen, dass aufgrund eingeschränkter Möglichkeiten einander auszuweichen einerseits und steigender Belastungen andererseits, Übergriffe zunehmen. Wie sich Gewalt in Familien und in Einrichtungen in und seit der Corona-Krise verändert hat, muss wissenschaftlich untersucht werden, ebenso die Frage, wie vorhandene Schutz- und Beratungseinrichtungen greifen, wen sie erreichen, wen nicht und wie diese Maßnahmen ausgebaut werden müssen. 

Bezogen auf Häusliche Gewalt fordert bereits die Istanbul-Konvention des Europarates (seit 1.8.14 in Österreich, 1.2.18 in Deutschland, 1.4.18 in der Schweiz in Kraft) regelmäßiges Monitoring von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, Sicherung des Schutzes aller von Gewalt Betroffenen, bedarfsgerechte Schutz- und Beratungseinrichtungen, wirksame Schutzrechte von Kindern und Abbau von Kooperationshindernissen zwischen beteiligten Institutionen, um das Recht aller Menschen auf Unversehrtheit zu wahren.       

VIII. Selbst- und Mitbestimmungsrechte
von Care-Empfänger*innen ernst nehmen!

Im Zuge der Corona-Maßnahmen wurden freiheitsbeschränkende Entscheidungen in Institutionen, etwa Besuchs- und Ausgangsverbote, ohne die Einbeziehung von kontrollierenden Instanzen getroffen. Es war nicht mehr überall möglich, dass die Zuständigen für Heimaufsicht und gesetzliche Betreuer*innen/Erwachsenenvertreter*innen Besuche machen konnten. In den Krisenstäben waren Care-Empfänger*innen, z.B. Menschen mit Behinderungen, nicht vertreten. Die gesetzliche Verpflichtung zur Bereitstellung der erforderlichen Mittel für Inklusion wurde in Frage gestellt. Prinzipien der Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) müssen jedoch auch in der Krise gelten. Gleiches gilt für die Prinzipien der Kinderrechtskonvention. Dies bedeutet, dass Partizipation im Sinne von Mitbestimmung (“Mit uns, nicht über uns”) an allen Entscheidungen, die Care-Empfänger*innen betreffen, umfassend verankert und umgesetzt werden muss. Das heißt auch, dass Nutzer*innen mit ihrer Expertise in die Entwicklung von Konzepten und Maßnahmen aktiv einbezogen werden sollen. Dazu braucht es Teilhabe fördernde Strukturen und Prozesse wie Selbstvertretungsorgane in Einrichtungen, partizipative Hilfe- und Sozialplanung. 

     IX. Europäische und internationale
Solidarität stärken!

Die Corona-Krise hat gezeigt: Bei Gefahr wurde der Nationalstaat gestärkt und vor allem in diesem Rahmen Solidarität gezeigt. Europa steht aber für internationalen Zusammenhalt, grundsätzlich und gerade in Krisenzeiten. Es braucht deshalb Katastrophenschutzpläne, die länderübergreifend gelten, sowie unbürokratische Kooperationen, die gegenseitige Hilfe bei Care-Bedarfen ermöglichen. Zudem müssen Grundrechte wie Asyl und Recht auf reproduktive Selbstbestimmung garantiert bleiben. Die 2017 vom Europäischen Parlament, dem Rat und der Kommission verabschiedete Proklamation “Europäische Säule sozialer Rechte” mit den drei Bestandteilen “Chancengleichheit und Arbeitsmarktzugang”, “Faire Arbeitsbedingungen” sowie “Sozialschutz und soziale Inklusion” muss zügig umgesetzt werden – auch mit einer Einladung an die Schweiz, daran mitzuwirken (https://ec.europa.eu/commission/sites/beta-political/files/social-summit-european-pillar-social-rights-booklet_en.pdf).    

Diese Liste an Arbeitspaketen ist nicht abschließend. Aber wer sich beim Aufräumen und Umbauen allzu viel vornimmt, schafft meist nichts. Lassen Sie uns also damit anfangen. Zur alten ‘Normalität’ wollen wir nicht zurück!

Neue Bündnisse schmieden!

Der kommende Großputz wird nur zu bewerkstelligen sein, wenn alle – gerade auch die unterschiedlichen Interessensgruppen – zusammenwirken. Wir als Initiativkreis von Forscher*innen können sozial- und gesundheitswissenschaftliche Expertise liefern. Aber es braucht zusätzlich Fachwissen aus der Praxis, von Nutzer*innen und Beteiligten aus allen Care-Bereichen: Pflege, Betreuung, Versorgung, Erziehung, Beratung, Sozialer Arbeit. Unverzichtbar sind dabei die Wohlfahrtsverbände, Verwaltungen, Gewerkschaften und Initiativen, die sich mit einzelnen oder übergreifenden Care-Themen befassen. 

Kontakt

www.care-macht-mehr.com

V.i.S.d.P. Prof. Dr. Barbara Thiessen, Am Lurzenhof 1, D-84036 Landshut

Zitationsvorschlag: Thiessen, B., Weicht, B., Rerrich, M.S., Luck, F., Jurczyk, K., Gather, C., Fleischer, E. & Brückner, M. (2020). Großputz! Care nach Corona neu gestalten. Ein Positionspapier zur Care-Krise aus Deutschland, Österreich, Schweiz, http://care-macht-mehr.com/Wir danken Deborah Oliveira (Zentrum Gender Studies, Universität Basel, Schweiz), Katharina Pühl (Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin, Deutschland) und Dr. Sarah Schilliger (IZFG Universität Bern, Schweiz) für Beratung und Anregungen. 

Zukunftsbilanz: Transnationale Feminismen 25 Jahre nach Peking

Um Bilanzen geht es in diesem Heft der feministischen studien. Genauer: Um eine Bilanzierung transnationaler Feminismen 25 Jahre nach Peking. Auf die 5 Fragen der Blog-Redaktion antworten die Herausgeberinnen des Heftes, Uta Ruppert, Tanja Scheiterbauer und Katharina Liebsch

1) Worum geht es im Schwerpunktthema des neuen Heftes?

Vor 25 Jahren fand im September 1995 die Weltfrauenkonferenz in Peking statt – Anlass, im neuen Heft den Blick nach vorne zu richten und aus der Gegenwart heraus die Komplexität transnationaler Feminismen in ihren verschiedenen lokalen und regionalen Bezügen und im Zusammenhang mit den Krisen des globalen Kapitalismus, zu diskutieren. Im Zentrum stehen Fragen nach den Perspektiven und zukünftigen Möglichkeiten regional verankerter feministischer Kämpfe um ›gute‹ und nachhaltige Weltentwicklung(en), nach den Chancen und Grenzen transnationaler feministischer Kooperationen und Solidaritäten und nach den Potenzialen von Intersektionalitätsansätzen, die Raum und Zeit bzw. Geopolitik und Historizität als Dimensionen ernst nehmen. 
2) Worauf können sich die Leser*innen besonders freuen?

Auf eine anregende Mischung aus Diskussionen, Stellungnahmen und Positionierungen zu den gegenwärtigen Bedeutungen transnationaler Feminismen, Länder bezogenen Analysen und zwei in die deutsche Sprache übertragenen Schlüsseltexte des jüngeren ‚Panafrikanischen Feminismus‘. 
3) Eine Besonderheit der feministischen studien ist die Rubrik „Im Gespräch“. Mit wem wurde diesmal über welches Thema gesprochen?

Gesprächspartnerin in diesem Heft ist Awin Swed, Aktivistin der kurdischen Frauenbewegung in Nordsyrien. 
Das Gespräch mit ihr vergegenwärtigt, wie sehr die Perspektiven feministischer Kämpfe mit den Konfigurationen inter- und transnationaler Politik verbunden sind. Auch wenn es in der derzeitigen Corona-Pandemie in den Hintergrund getreten ist: der Syrienkonflikt ist aufgrund der Beteiligung einer Vielzahl von Staaten, die um die Neuordnung der Region kämpfen, ein Austragungsort der Auseinandersetzungen um die Neuformierung globaler Politik. Trotzdem, so zeigt das Interview, entwirft die kurdische (Frauen-)Bewegung durch ihre lokalen Praktiken und Politiken inmitten dieses Konflikts eine alternative Zukunft und entwickelt Mechanismen und Politikstrategien, um Gleichheit und Gerechtigkeit basisdemokratisch umzusetzen.  
4) Und welche Künstler*in/nen wird bzw. werden in der Rubrik „Bilder und Zeichen“ vorgestellt?

Hier stellen wir ägyptische Graffiti-Kunst aus den revolutionären Zeiten nach 2011 vor. Das Beitragsbild ist ein Ausschnitt aus einem der gezeigten Graffiti. Die Graffiti sind Ausdruck der starken Politisierung von Geschlechterverhältnissen in diesen Umbrüchen sowie des großen Engagements von Frauen und verweisen zugleich auf die damit verbundenen Gewalterfahrungen. Die Symbolkraft der Abbildungen zeigt, wie weiblich konnotierte Körper und Sexualität in den gesellschaftlichen Kämpfen in Ägypten zu zentralen Austragungsorten der Auseinandersetzung um die zukünftige gesellschaftliche und politische Ordnung wurden.  
5) Welchen Text würden Sie persönlich als ersten lesen?

Die Einleitung. Sie ist in diesem Heft mehr als der übliche einführende Überblick. Vielmehr werden hier transnationale Feminismen historisch, theoretisch, politisch kontextualisiert und entlang der Frage nach den Möglichkeiten zukünftiger feministischer Kooperation nicht nur pointiert dargestellt, sondern auch in ihrer politischen Bedeutung gewichtet und gewürdigt. 

Die ›Entdeckung‹ der Reinigungskraft: Von Schutzmaßnahmen und der unterschiedlichen Wertschätzung systemrelevanter Berufe

Nichts hören wir alle seit Bekanntwerden der Ausmaße der Covid-19-Pandemie so häufig wie Anleitungen zum Händewaschen und die Lieder, die wir dabei singen sollen. Es geht um Desinfektion und Hygiene beim Niesen und Husten – wichtige Hinweise für das alltägliche Leben, die auch nach Abklingen der Pandemie angewandt werden sollten, um sich selbst und verletzbare Gruppen zu schützen. Zu solchen Hinweisen gehört auch der Rat, nicht krank zur Arbeit zu gehen. Wer krank ist, sollte zu Hause bleiben und sich auskurieren – eigentlich ein Allgemeinplatz, der sowohl dem Schutz der Arbeitnehmer_innen selbst als auch den Kolleg_innen oder Mitfahrer_innen im ÖPNV zugutekommt. Nur: Dass es ein Privileg ist, dies tun zu können, wird mit Blick auf Menschen deutlich, die in prekarisierten Arbeitsbereichen tätig sind und für die sich diese einfache Grundregel schwieriger gestaltet.

Auf diese Problematik deutet der jüngst bekannt gewordene Fall im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg hin. Hier wurde eine Ausbreitung des Corona-Virus entdeckt, die wohl insgesamt 20 Patient_innen sowie 20 Mitarbeiter_innen der Onkologie betrifft. In einem Artikel von Spiegel-Online heißt es: „Laut SPIEGEL-Informationen gehen die Infektionen auf eine infizierte Reinigungskraft zurück, die Anfang vergangener Woche Bediensteten der Klinik wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes aufgefallen war.“ Die Pressestelle habe allerdings angegeben, die Infektion könne nicht auf eine einzelne Person zurückgeführt werden. Der NDR griff am Folgetag diese Aussage aus dem Spiegel-Artikel in einem Nachrichtenbeitrag auf und zitierte die Klinik: Die Reinigungskraft könne aus Sicht des UKE schon aufgrund ihres mangelnden Direktkontakts mit Patient_innen und medizinischem Personal nicht die Infektionsquelle sein. In einem späteren Beitrag des NDR wiederum heißt es, zunächst habe sich ein Pfleger krankgemeldet, dann ein Arzt und danach erst sei „eine Reinigungskraft mit Symptomen bei der Arbeit entdeckt“ worden. 

An dieser Stelle kann und soll es nicht darum gehen, über die genauen Umstände zu spekulieren. Vor dem Hintergrund meiner ethnografischen Forschung zu Reinigungsarbeiten im Krankenhaus stellen sich jedoch Fragen, die über diesen einzelnen Fall hinausgehen. Ist es Zufall, dass ein Pfleger und ein Arzt sich selbst krankmeldeten, eine Reinigungskraft mit Krankheitssymptomen dagegen von anderen beim Arbeiten „entdeckt“ wurde (NDR), bzw. „aufgefallen“ war (Spiegel Online)? Diese Formulierungen in der Berichterstattung erzeugen fast den Eindruck, als gehe es hier um ein ,Ertappen‘ – jedenfalls tritt die Reinigungskraft im Gegensatz zu Pfleger und Arzt nicht aktiv auf. Dies deutet auf eine Struktur hin, die während meiner Forschung immer wieder deutlich wurde: Reinigungskräfte müssen täglich darum kämpfen, im hierarchischen Gefüge des Krankenhauses überhaupt als Akteur_innen wahrgenommen zu werden.

Reinigung im Krankenhaus ist körperlich anstrengend, auf vielfache Weise prekarisiert und wird weitgehend von Frauen* verrichtet, überwiegend von Migrant_innen. Die ökonomische und gesellschaftliche Geringschätzung dieses Arbeitsbereichs hängt mit der historisch kontinuierlichen Feminisierung all derjenigen Tätigkeiten zusammen, die mit Hausarbeit assoziiert werden. Darüber hinaus werden in diesem Bereich auch Prekarisierungsprozesse in der Migrationsgesellschaft deutlich, beispielsweise wenn Bildungsabschlüsse von Migrant_innen nicht anerkannt und Zugänge zu anderen Tätigkeitsbereichen strukturell erschwert werden. In der Geschlechterforschung werden die Wechselwirkungen zwischen Zuschreibungen an diejenigen, die eine Arbeit ausführen, und der Bewertung dieser Tätigkeit vielfach untersucht. Reinigungskräfte, so zeigt auch meine Forschung, sind alltäglich mit rassistischen Zuschreibungen sowie mit der Abwertung ihrer Tätigkeit und ihrer Fähigkeiten konfrontiert.

Die konkreten Arbeitsbedingungen der Reinigung in Krankenhäusern hängen mit Ökonomisierungsprozessen des Gesundheitssystems zusammen, im Zuge derer die ,nicht-medizinischen‘ Arbeitsbereiche meist an externe Dienstleistungsfirmen oder Tochterunternehmen ausgelagert werden. Reinigungskräfte sind dort unterbezahlt und erhalten häufig nur Teilzeitverträge und die sogar oft befristet. Im Zuge von Sparmaßnahmen werden die von einer Person in der gleichen Zeit zu reinigenden Flächen immer größer.

Meine Gesprächspartner_innen aus der Reinigung berichteten mir besorgt, sie müssten immer mehr Abstriche in der Qualität ihrer Arbeit machen, um das Pensum annähernd bewältigen zu können. Außerdem schilderten sie mir ihre Angst, krank zu werden, weil sich dadurch ihre Arbeitsbedingungen zusätzlich verschlechtern könnten – ein Grund, wenn irgend möglich (auch krank) zur Arbeit zu kommen. Es wurden von ihnen zudem immer wieder hygienische Schulungen und der Infektionsschutz für Reinigungskräfte selbst bemängelt: Anleitungen kämen zu kurz und Informationen würden eher informell untereinander weitergegeben. Diese Zustände verwundern nicht zuletzt vor dem Hintergrund des naheliegenden Zusammenhangs zwischen mangelnder Reinigung und Infektionsgefahren. Auf diese Verbindung und die dringend gebotene Personalaufstockung der Krankenhausreinigung – aktuell und auf Dauer – weist zurzeit auch die Gewerkschaft ver.di hin.

Seit Ausbruch der Pandemie haben schon viele Geschlechterforscher_innen die aktuelle Situation analysiert und kommentiert (einen Überblick über geschlechtersoziologische Texte zu Corona bieten Tanja Carstensen, Imke Schmincke und Isabel Klein). Unter anderem wird diskutiert, was es bedeutet, dass die meisten „systemrelevanten“ Berufe überwiegend so genannte Frauenberufe sind (z.B. Lena Hipp). Dass Berufe wie die Pflege aktuell viel mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren, ist sicherlich ein positiver Nebeneffekt der Pandemie. Dabei, so machen auch Pflegekräfte deutlich, darf es jedoch nicht bleiben, vielmehr müssen die Arbeitsbedingungen in diesen Berufen grundlegend verbessert werden – auch über die Krise hinaus (z.B. Barbara Thiessen). Dies sollte auch und nicht zuletzt für den Arbeitsbereich Reinigung gelten: In Zeiten, in denen es nicht mehr nur in klinischen, sondern allen öffentlichen Räumen um erhöhte Hygienestandards und Infektionsschutz gerade für die Verletzbarsten unserer Gesellschaft geht, gewinnt die Reinigung an Bedeutung. Die Anerkennung dafür fehlt jedoch noch weitgehend – auch in der Corona-Berichterstattung über systemrelevante Berufe und in öffentlichen Beifallsbekundungen. Letzteres bedauert auch die Klinik-Reinigungskraft Erika Radisavljevic in einem Spiegel-Online-Interview, das bisher eine Ausnahme darstellt. 

Die Corona-Pandemie zeigt drastisch, dass die bisher immer noch weitgehend unsichtbare Reinigungsarbeit sichtbarer werden muss. Die besonders in der Geschlechterforschung geführte Debatte um gesellschaftlich ungleich verteilte Verletzbarkeiten muss auch diesen Arbeitsbereich und seine Akteur_innen einbeziehen, damit sie nicht erst in der Krise ,entdeckt‘ werden. 

Feministische Manifeste

Manifeste, Teil 2

Im Sommersemester 2019 hatte ich mein regelmäßig angebotenes Seminar zu feministischer Theorie, Relektüren, dem Thema politische Wut gewidmet. In intensiven Seminardiskussionen beschäftigten wir uns intensiv mit Wut und Ärger als politischen Affekten und Kräften der Veränderung. Dabei hatten Feminist*innen schon immer Gründe, wütend zu sein, und in allen Zeiten feministischen Aktivismus gab es Auseinandersetzungen über den „Nutzen des Ärgers“ (Audre Lorde). Der Anlass, sich aktuell damit zu befassen, war nicht zuletzt der Umstand, dass rage in US-amerikanischen Feminismen derzeit ein wichtiges und vielfach behandeltes Thema ist. Im Seminar haben wir Texte unterschiedlicher Genres und aus mehreren Jahrzehnten feministischen Denkens gelesen und uns gefragt, warum es an der Zeit ist, wütend zu sein, wie Wut und Ärger konkret zu transformativen Kräften werden können und vieles mehr. Zum Abschluss des Semesters diskutierten wir Sara Ahmeds Killjoy Manifesto (2017) sowie das Kapitel »A Rage of your Own« aus Soraya Chemalys Buch, Rage Becomes Her. The Power of Women’s Anger (2018). Inspiriert davon entschieden sich die Studierenden, ihr theoretisches Abschlussstatement ebenfalls in Form eines Manifestes zu schreiben. Einige der so entstandenen Manifeste werden wir in den kommenden Wochen in loser Folge hier publizieren. Sie sprechen von den gegenwärtig erlebten gesellschaftlichen Verwerfungen, von der Gewalt und den vielen Weisen der Entmächtigung, die BlPoC, Queers und Frauen* auch aktuell erleben. Sie sprechen aber auch von den vielen existierenden Weisen des Widerstands, des Überlebens und entwerfen neue Formen der Solidarität. Im zweiten Manifest spürt Margo Damm dem Ort der Wut nach.

Der Ort der Wut (Margo Damm)

„Das eigentliche Leben wird aus der Gegenwart heraus transportiert“ – kommentiert Christina Thürmer-Rohr ihre kritische Aktualisierung der Begriffe Gegenwart und Gegenwärtigkeit, mit der sie an einer Kritik an einem Leben zwischen Sehnsucht und Utopie arbeitet. Ein damit einhergehendes Ziel: Ein gegenwärtiges Leben, einen gegenwärtigen Blick versuchen, also: Vorhandene Verhältnisse zum Ausgangspunkt der eigenen Kritik werden lassen und bestimmte Machtverhältnisse, auch wenn sie Teil eigener Profitierung werden, anzuerkennen. Aber wie lässt sich dieses eigentliche Leben lernen? Persönlich umgewendet: Wie schaffe ich die Bewegung, eigene Verstrickungen und Gewordenheiten parallel auf zwei Ebenen zu erarbeiten, zu analysieren und dabei zu leben / zu spüren? (Im Sinne von: Das Jetzt ist nicht aufzuteilen in Inhalt und Reflexion).

Mit diesen Fragen versuche ich, mich meiner Wut zu nähern, wobei ein erster Fokus darauf liegen soll, sie aufzuspüren.

Manifest wird also im Folgenden: Sich auf den Weg begeben, angelehnt an Sara Ahmed: ‘Eine Neuordnung von Ideen’ anvisieren, indem ich zunächst offenlege und damit beginne, mich zu stören – mit der Ausgangsfrage: Wie bin ich hier her (zu meiner Erfahrung) gekommen? Womit ich auch feststelle: „Es kann so mühsam sein, (mich) selbst herauszuarbeiten.“ (Ahmed 2017)

Die Frage an mich selbst: ‚Wann bin ich wütend?‘ verbindet sich mit der Frage nach meiner eigenen Positionierung und damit mit der Analyse einer eigenen aktiven Beteiligung.

Ich bin wütend, dass ich in wiederholter Tätigkeit immer wieder auf das Missverhältnis zwischen großen und kleinen Taten stoße und mich daran aufreibe. Ich bin wütend, wenn ich in Situationen merke, ich werde nicht sprechen können, weil ich zu dem Großen (sei dies spezifisches anerkanntes Wissen, Selbst-Präsentation oder einfach nur Eloquenz) nichts Großes beitragen kann. Ich bin wütend, wenn ich weiß, ich könnte sprechen und kann es zugleich nicht, weil ich nicht die unsichtbaren Regeln befolge, die Teil derer sind, die die ‚große‘ Bühne bespielen. Ich bin wütend, wenn ich weiß, dass meine Inhalte, meine Aussagen für mich wichtig und dadurch auch für andere beitragend sein könnten, und diese trotzdem im Teppich der Eloquenz, durch die Wie-was-gesagt-werden-muss-Regelung nicht auftauchen können. Ich bin also wütend um die permanente gegenseitige Ausstreichung von dem Großen und dem Kleinen (Wirken), weil ich glaube, dass sich eigentlich beides gegenseitig bedingt! 

Und ich werde wütender, wenn ich in dieser Analyse dann von mir ab-rücke und zu bemerken scheine, das Persönliche ist strukturell – ich bin noch wütender, wenn ich dann meinen Blick auf das hierarchisch strukturierte System lenke, das es trotz ausformulierter Kritiken oft nicht schafft, von Bewertungsschema alles ‚Große sei besser, das Kleine ist nichtig‘ abzurücken. 

„Den Finger in die Wunde legen“ (Ahmed 2017) bedeutet, an den Wund-/Eiterstellen des Körpers zu arbeiten, bedeutet zunächst einfach erst einmal, offenzulegen, was vor sich hin eitert, also nicht dabei zusehen zu wollen. Ich definiere hier das Große, von dem ich gesprochen habe, als den gesamt einheitlichen Blick, der sich auf den ganzen Körper richtet, während das Kleine den Blick auf einen, z.B. den wunden Körperteil legt. 

Meine Wut lokalisiere ich nun an der Schnittstelle von persönlicher und struktureller Gegebenheit und befrage damit (zunächst nur ganz persönlich ausgehend) anwesende Abwesenheiten und (Un-)Sichtbarkeiten. 

Das Große bildete schon immer einen großen Tisch, (eine Plattform) der dafür sorgt, Bindungen zu erzeugen, die mich / dich / uns auffangen werden und der für eine Stabilität sorgt. Dieser Tisch ist ein Abbild der Mechanismen sozialer Versammlungen, er ist ein allgemein anerkannter Spielraum, der einen Weg der Geschichte der Anerkennung erzählt und dabei die Abwesenheit anderer Geschichten zur eigenen Festigung braucht. Dieser Tisch erzählt die großen Geschichten, arbeitet an den großen Schaltstellen, verändert die Welt (im Großen).

Hier möchte ich den Begriff der Zerrissenheit einbringen. Der Tisch und die Partizipation daran kann bzw. gibt mir einen Begriff von Zuhause. Anerkennung ist Sichtbarkeit ist Stabilität ist Leben führen (können). Zeitgleich: Was passiert, wenn ich nicht vom Großen denken und sprechen möchte, wenn ich eigene Rahmungen mache, in das Kleine gehe? Automatisch entstehen damit die Risse in dieser vermeintlich häuslichen Umgebung des Tisches, der gegebene Spielraum wird zur vorgegebenen Begrenzung. Hier also eine Wut, die zur Öffnung gegenüber einer Heimsuchung beiträgt, die eine präsente Abwesenheit spürbar macht. Diese Wut richtet sich primär gegen die strukturellen Bedingungen, richtet sich aber dann auch gegen uns, gegen unbeteiligte Übereinstimmung, gegen mich, die zwischen Zustimmung und eigener Unterstützung beim Verschwinden schwankt.

Indem meine Wut ein erster Aktualisierungsmoment in der Befragung von Strukturen und damit zur Unannehmlichkeit für mich und mein Umfeld wird, befördert sie mich an die Schnittstelle zwischen responsibility und response (vgl. Haraway: Welche Spielräumen sollen hinzugefügt werden? Was sind meine Spielräume? Wie den Spagat zwischen persönlich affiziertem Kampf und einer feministischen Notwendigkeit, Vielzahl zu denken praktizieren? 

Die Wut wird hierbei Möglichkeit einer ersten Antwort, denn sie beginnt, meine eigene Position in einem Wechselverfahren zwischen mir und meinem Umfeld zu befragen. Sie beginnt, für mich zu sprechen, während ich noch unschlüssig zuschaue, sie beginnt vielleicht damit mit anderen mit zusprechen. Sie kann Potential werden, Ahmeds Aufruf mitzugehen: An einer Welt zu bauen, in der wir gegenseitig zu Bausteinen werden und damit den Tisch, der auf Bausteinen steht ins Wanken zu bringen und zur Re-Strukturierung zu zwingen.

Erneut: Wut als Heimsuchung und  damit auch als Befragung einer Heimat, wobei Heimat sich anlehnen soll an die Beschreibung von Carolin Emcke (2012):

„Heimat ist das, von wo wir ausziehen, wo wir beginnen … Es ist nicht das, wo wir bleiben, es ist nicht das, was uns unverändert begleitet. Die Wanderschaft, auf die wir uns begeben, auf der wir unserem Begehren nachgehen, diese Unruhe, die uns angetrieben hat, das Gefühl des Exils ist die Quelle für das Suchen nach einem anderen Zuhause, nach einer anderen Heimat.“ 

In Anlehnung an diese skizzenhaften Gedankenfetzen und mit Rückblick auf das Seminar wird Wut für mich zum Ausgangspunkt der Suche nach diesem eigentlichen Leben und einem gegenwärtigen Blick – wird eine Aktualisierungsmöglichkeit, die meine Produktivität neu zu ordnen beginnt.

Corona und die Hochschulen. Anmerkungen zum Digitalisierungsvirus

Seit die Universitäten zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus geschlossen wurden, versenden die Hochschulleitungen Rundmails mit der Aufforderung, für das anstehende Sommersemester digitale Lösungen für Forschung und Lehre auszuarbeiten, um die Aufrechterhaltung des universitären Betriebs sicherzustellen. Wie zur Motivation publizieren die Onlineportale aller Tages- und Wochenzeitungen ständig neue Mode-, Ernährungs- und Fitnesstipps für ein effizientes Arbeiten im Home-Office. In der digitalen Geschäftigkeit wird der Schmerz um die an Covid-19 Verstorbenen, die Sorge um die Kranken und Gefährdeten verdrängt. Die neue Grußformel „Bleib gesund!“ ist in ihrer Befehlsform mehr Aufforderung als Wunsch.

Dagegen wäre ein radikalfeministisches Innehalten wünschenswert, das sich dem digitalen Übergang zum business als usual verweigert und die Trauer um den Verlust von Öffentlichkeit und feministischen (Lehr-) Praktiken zum Ausdruck bringt. 

Die verordnete soziale Distanzierung, wirft alle (die eine haben) auf die Gemeinschaft mit ihren Vertrauten zurück und macht die Gesellschaft mit Fremden nahezu unmöglich: das zufällige wortlose Miteinander im Kino oder im Hörsaal, die flüchtige Begegnung im Café oder im Zug. In einem räumlich und zeitlich beschränkten Draußen bleiben alle auf ihre eigenen, schnellen Schritte, das jeweilige Ziel konzentriert. Vorsichtig, gar misstrauisch auf Abstand bedacht, fehlt die Aufmerksamkeit für Gesichter, Gesten und Gerüche, die uns neugierig machen, befremden, Erinnerungen wecken, auf andere Ideen bringen, zum Nachdenken anregen. Ins Freie zu gehen heißt, ins Unvorhergesehene gehen. Die Kontamination mit den Anderen ist das Glück und zugleich das Wagnis der Öffentlichkeit. Daran zu erinnern, stellt die aktuell gebotene Rücksichtnahme nicht in Frage. Die Klage über den Verlust des offenen Miteinanders sucht zu benennen, was auch diejenigen schmerzt, die infolge einer Infektion oder zur Vorsorge in Quarantäne leben müssen. Sie ist außerdem eine Form der Verweigerung, die digitale Simulation als Ersatz gelten zu lassen. 

Mit den Einschränkungen des öffentlichen Lebens geht die Universität als öffentlicher Bildungsraum verloren. Der Campus reduziert sich auf eine digitale Lernplattform, in der Inhalte zu einem an die gängigen digitalen Formate angepassten Content werden, um möglichst jederzeit für das wissenschaftliche Content-Sharing abrufbar oder an der Schnittstelle zum E-Commerce verfügbar zu sein. 

Längst wurden die zwiespältigen Effekte der Vermessung und Metrisierung von wissenschaftlichen Praktiken für den akademischen Feminismus kritisch analysiert und die Un/Möglichkeiten von feministischer Theorie und Praxis im Rahmen der unternehmerischen Universität reflektiert. [1] Nachdem sich feministisches Wissen in strategischer Absicht allzu oft als Gender- und Diversity-Expertise integrieren und kommodifizieren ließ, käme es nunmehr darauf an, den Überschuss gegenüber jedem digital content zu betonen und feministische Praktiken nicht in der willfährigen Anpassung an digitale Verkehrsformen preiszugeben. In dem als positiver Nebeneffekt der sogenannten Corona-Krise erwarteten bzw. durch das Krisenmanagement erzwungenen „Schub für die Digitalisierung“ klingt nicht von ungefähr die Metapher für einen Krankheitsverlauf mit nachhaltigen Folgen an: Vieles von dem, was autonome feministische Theoriebildung und Wissensvermittlung ausmacht und seit jeher in der Institution kaum zur Entfaltung zu bringen war, droht im virtuellen Hörsaal gänzlich verloren zu gehen. Für den feministischen Austausch braucht es mehr als ein unscharfes Bild und einen verzerrten Ton in der Konferenzschaltung. Ein virtuelles Meeting bringt nicht in Beziehung, es sorgt lediglich für einen Kontakt, dessen Verlauf und Dauer häufig genug nicht von der Qualität der Kommunikation und der Stimmung unter den Beteiligten abhängt, sondern von der Verfügbarkeit und Geschwindigkeit der Internetverbindung. 

Eine kritische Haltung gegenüber der Transformation des Homo academicus in einen nach ökonomischen Parametern programmierten Homo digitalis lässt sich im Hinblick auf die berufliche Karriere oder die bloße Existenzsicherung qua Lehrauftrag kaum durchalten. Andererseits mag der kritische Anspruch vielen der neuerdings euphemistisch als „Solo-Unternehmer*innen“ bezeichneten Scheinselbständigen des Hochschul- und Kulturbetriebs als anachronistisch erscheinen. Wer die Imperative der neoliberalen Gouvernementalität verinnerlicht hat, weiß die Krise als Chance zu deuten: der verordnete Rückzug ins Home-Office gilt dann als Möglichkeit zur Öffnung neuer „Denkräume“ [2]; das „Zuhause denken“ als neue Philosophie. In der sicheren Quarantäne mit Breitbandanschluss wird das Zuhause nicht als räumliche Enge und intellektuelle Borniertheit erfahren. Obwohl zuletzt ein sozialwissenschaftliches und feuilletonistisches Modethema, erscheint Care nicht als Tätigkeit, die (weiterhin vornehmlich für Frauen) zur Doppel- und Dreifachbelastung wird, wenn das Home-Office parallel zur Ganztagsbetreuung von Kindern und/oder der Versorgung von älteren Angehörige sowie deren (in der Regel zur Corona-Risikogruppe zählenden) Pflegekräften organisiert werden muss. Letztlich exponiert sich jeder Zweifel an einer Aufwertung des Domizilen dem Vorwurf der mangelnden Selbstoptimierung, der auch die fehlende Anpassung an die schöne neue digitale (Hochschul-)Welt zugeschrieben wird. 

[1] Vgl. Gudrun-Axeli Knapp: Warum nicht vermessen sein? Anmerkungen zur Dialektik feministischer Aufklärung. In: Sabine Hark/Johanna Hofbauer: Vermessen Räume, gespannte Beziehungen – Unternehmerische Universitäten und Geschlechterdynamiken. Berlin 2018, S. 39-70.

[2] Vgl. Svenja Flaßpöhler, Autorin von „Die potente Frau“ (Berlin 2018), in mehreren Radio- und TV-Interviews.