Naming The Money, 2004; Lubaina Himid; 100 Cut-out figures; acrylic paint on wood; Dimensions variable. Installation view from Navigation Charts; Spike Island, Bristol, 2017; Courtesy the artist, Hollybush Gardens and National Museums Liverpool: International Slavery Museum. Photo: Stuart Whipps.

Ein Orchester der Wut

Im Sommersemester 2019 hatte ich mein regelmäßig angebotenes Seminar zu feministischer Theorie, Relektüren, dem Thema politische Wut gewidmet. In intensiven Seminardiskussionen beschäftigten wir uns intensiv mit Wut und Ärger als politischen Affekten und Kräften der Veränderung. Dabei hatten Feminist*innen schon immer Gründe, wütend zu sein, und in allen Zeiten feministischen Aktivismus gab es Auseinandersetzungen über den „Nutzen des Ärgers“ (Audre Lorde). Der Anlass, sich aktuell damit zu befassen, war nicht zuletzt der Umstand, dass rage in US-amerikanischen Feminismen derzeit ein wichtiges und vielfach behandeltes Thema ist. Im Seminar haben wir Texte unterschiedlicher Genres und aus mehreren Jahrzehnten feministischen Denkens gelesen und uns gefragt, warum es an der Zeit ist, wütend zu sein, wie Wut und Ärger konkret zu transformativen Kräften werden können und vieles mehr. Zum Abschluss des Semesters diskutierten wir Sara Ahmeds Killjoy Manifesto (2017) sowie das Kapitel »A Rage of your Own« aus Soraya Chemalys Buch, Rage Becomes Her. The Power of Women’s Anger (2018). Inspiriert davon entschieden sich die Studierenden, ihr theoretisches Abschlussstatement ebenfalls in Form eines Manifestes zu schreiben. Einige der so entstandenen Manifeste werden wir in den kommenden Wochen in loser Folge hier publizieren. Sie sprechen von den gegenwärtig erlebten gesellschaftlichen Verwerfungen, von der Gewalt und den vielen Weisen der Entmächtigung, die BlPoC, Queers und Frauen* auch aktuell erleben. Sie sprechen aber auch von den vielen existierenden Weisen des Widerstands, des Überlebens und entwerfen neue Formen der Solidarität. Wir beginnen mit dem Manifest von Thu Hoài Tran, geschrieben im Sommer 2019, in dem sie die Vision eines feministischen Orchesters der Wut, das kollektive Wut zum Nutzen macht, entwirft .

Thu Hoài Tran

“Wenn Dinge brechen, kann dein ganzes Leben aus den Fugen geraten. So vieles der feministischen und queeren Erfindung rührt aus der Notwendigkeit, unser eigenes Unterstützungssystem herzustellen.” (Adrienne Rich 1997)

Wut ist legitim. In einer rassistisch-patriarchal geprägten Gesellschaft wird jedoch Wut von Körpern, die nicht als weiß und cis-männlich gelesen werden, sanktioniert. Die Gesellschaft erlaubt uns Schwarzen Frauen* und Frauen* of Color nicht, wütend zu sein, vor allem nicht auf die eigenen sexistischen und rassistischen Erfahrungen. Wir müssen die Wut hinunterschlucken, sie gar vor ihnen und vor uns relativieren.

Wie Audre Lorde in „Vom Nutzen unseres Ärgers“ (1983) schreibt, leben wir Schwarze Frauen* und Frauen* of Color innerhalb einer Symphonie der Wut, in der diese unterdrückt wird. Nach Lorde müssen wir jedoch lernen, unseren Ärger auszudrücken und ihn gezielt zu nutzen. Denn Wut ist nicht nutzlos – im Gegenteil, sie kann eine transformative Kraft darstellen. Schwarze Frauen* und Frauen* of Color müssen Lorde zufolge für sich lernen, ihre Wut zu orchestrieren, damit die Wut sie nicht zerreißt. 

Ich frage mich: Warum die orchestrierte Wut nur als individuelle Anpassungs- und Überlebensstrategie in einer rassistisch-patriarchalen Gesellschaft betrachten, wenn wir sie auch als Akt des kollektiven Widerstands nutzen können? Angelehnt an Lorde sieht auch Brittney Cooper in „Eloquent Rage“ (2018) das Potential in der orchestrierten Wut Schwarzer Frauen*, die sich zu einer Bewegung formieren kann. Sich mit der kollektiven Wut zur Wehr setzen, um die Symphonie zu stören. Die Symphonie zu stören, um ungleiche Machtverhältnisse aufzuzeigen. 

Somit müssen wir das (Un-)Mögliche denken lernen: Eine intersektionale Solidarität zwischen Schwarzen Feminist_innen, Indigenen Feminist_innen, Feminist_innen of Color und weißen Feminist_innen, die Privilegien, Machtverhältnisse und Differenzen in den feministischen Kämpfen berücksichtigen, reflektieren und anerkennen. So stellen wir uns ein feministisches Orchester der Wut als Widerstandsformation gegen das rassistisch-patriarchale System vor. Die Wut als Akt des kollektiven Widerstands. Zu Wut gehört Mut. Die Mut zur Wut. Ein feministisches Orchester der Wut, das ihre kollektive Wut zum Nutzen macht. Eine Wut, die die Symphonie durchbricht und stört. Ein Orchester der Wut, geballt wie eine Faust, bereit zum Kampf. Zum Kampf gegen die hegemonialen Strukturen. Das feministische Orchester setzt nun langsam an: leise und lauernd erklingen die ersten Töne der Wut, die sich bedacht, aber stetig kontrolliert steigern. Stets gefährlich, für die Gegnerschaft unberechenbar. So unberechenbar, dass die Wut mit voller Wucht  aus dem Nichts unmittelbar wie ein Pfeil direkt ins hegemoniale Herz zielt. 

Es stimmt: Wut kann zerstörerisch sein. Und das ist gut so. Denn die Wut kann Risse im rassistisch-patriarchalen System hinterlassen. Risse, die hegemoniale Strukturen langsam bröckeln lassen. Risse, die Wunden im System verursachen. Wunden, die zwar nach der Zeit wieder heilen – was aber bleibt sind Narben. Eine Erinnerung, eine Mahnung – dass wir da sind. Mit unserer Wut – die nicht aufhört bis alle auf dieser Erde frei sind. 

“Manchmal erscheinst du gar nicht, wenn du nicht erscheinst, wie es von dir erwartet wird.” (Ahmed 2017)

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