Kategorie: Manifeste

Feministische Manifeste

Manifeste, Teil 2

Im Sommersemester 2019 hatte ich mein regelmäßig angebotenes Seminar zu feministischer Theorie, Relektüren, dem Thema politische Wut gewidmet. In intensiven Seminardiskussionen beschäftigten wir uns intensiv mit Wut und Ärger als politischen Affekten und Kräften der Veränderung. Dabei hatten Feminist*innen schon immer Gründe, wütend zu sein, und in allen Zeiten feministischen Aktivismus gab es Auseinandersetzungen über den „Nutzen des Ärgers“ (Audre Lorde). Der Anlass, sich aktuell damit zu befassen, war nicht zuletzt der Umstand, dass rage in US-amerikanischen Feminismen derzeit ein wichtiges und vielfach behandeltes Thema ist. Im Seminar haben wir Texte unterschiedlicher Genres und aus mehreren Jahrzehnten feministischen Denkens gelesen und uns gefragt, warum es an der Zeit ist, wütend zu sein, wie Wut und Ärger konkret zu transformativen Kräften werden können und vieles mehr. Zum Abschluss des Semesters diskutierten wir Sara Ahmeds Killjoy Manifesto (2017) sowie das Kapitel »A Rage of your Own« aus Soraya Chemalys Buch, Rage Becomes Her. The Power of Women’s Anger (2018). Inspiriert davon entschieden sich die Studierenden, ihr theoretisches Abschlussstatement ebenfalls in Form eines Manifestes zu schreiben. Einige der so entstandenen Manifeste werden wir in den kommenden Wochen in loser Folge hier publizieren. Sie sprechen von den gegenwärtig erlebten gesellschaftlichen Verwerfungen, von der Gewalt und den vielen Weisen der Entmächtigung, die BlPoC, Queers und Frauen* auch aktuell erleben. Sie sprechen aber auch von den vielen existierenden Weisen des Widerstands, des Überlebens und entwerfen neue Formen der Solidarität. Im zweiten Manifest spürt Margo Damm dem Ort der Wut nach.

Der Ort der Wut (Margo Damm)

„Das eigentliche Leben wird aus der Gegenwart heraus transportiert“ – kommentiert Christina Thürmer-Rohr ihre kritische Aktualisierung der Begriffe Gegenwart und Gegenwärtigkeit, mit der sie an einer Kritik an einem Leben zwischen Sehnsucht und Utopie arbeitet. Ein damit einhergehendes Ziel: Ein gegenwärtiges Leben, einen gegenwärtigen Blick versuchen, also: Vorhandene Verhältnisse zum Ausgangspunkt der eigenen Kritik werden lassen und bestimmte Machtverhältnisse, auch wenn sie Teil eigener Profitierung werden, anzuerkennen. Aber wie lässt sich dieses eigentliche Leben lernen? Persönlich umgewendet: Wie schaffe ich die Bewegung, eigene Verstrickungen und Gewordenheiten parallel auf zwei Ebenen zu erarbeiten, zu analysieren und dabei zu leben / zu spüren? (Im Sinne von: Das Jetzt ist nicht aufzuteilen in Inhalt und Reflexion).

Mit diesen Fragen versuche ich, mich meiner Wut zu nähern, wobei ein erster Fokus darauf liegen soll, sie aufzuspüren.

Manifest wird also im Folgenden: Sich auf den Weg begeben, angelehnt an Sara Ahmed: ‘Eine Neuordnung von Ideen’ anvisieren, indem ich zunächst offenlege und damit beginne, mich zu stören – mit der Ausgangsfrage: Wie bin ich hier her (zu meiner Erfahrung) gekommen? Womit ich auch feststelle: „Es kann so mühsam sein, (mich) selbst herauszuarbeiten.“ (Ahmed 2017)

Die Frage an mich selbst: ‚Wann bin ich wütend?‘ verbindet sich mit der Frage nach meiner eigenen Positionierung und damit mit der Analyse einer eigenen aktiven Beteiligung.

Ich bin wütend, dass ich in wiederholter Tätigkeit immer wieder auf das Missverhältnis zwischen großen und kleinen Taten stoße und mich daran aufreibe. Ich bin wütend, wenn ich in Situationen merke, ich werde nicht sprechen können, weil ich zu dem Großen (sei dies spezifisches anerkanntes Wissen, Selbst-Präsentation oder einfach nur Eloquenz) nichts Großes beitragen kann. Ich bin wütend, wenn ich weiß, ich könnte sprechen und kann es zugleich nicht, weil ich nicht die unsichtbaren Regeln befolge, die Teil derer sind, die die ‚große‘ Bühne bespielen. Ich bin wütend, wenn ich weiß, dass meine Inhalte, meine Aussagen für mich wichtig und dadurch auch für andere beitragend sein könnten, und diese trotzdem im Teppich der Eloquenz, durch die Wie-was-gesagt-werden-muss-Regelung nicht auftauchen können. Ich bin also wütend um die permanente gegenseitige Ausstreichung von dem Großen und dem Kleinen (Wirken), weil ich glaube, dass sich eigentlich beides gegenseitig bedingt! 

Und ich werde wütender, wenn ich in dieser Analyse dann von mir ab-rücke und zu bemerken scheine, das Persönliche ist strukturell – ich bin noch wütender, wenn ich dann meinen Blick auf das hierarchisch strukturierte System lenke, das es trotz ausformulierter Kritiken oft nicht schafft, von Bewertungsschema alles ‚Große sei besser, das Kleine ist nichtig‘ abzurücken. 

„Den Finger in die Wunde legen“ (Ahmed 2017) bedeutet, an den Wund-/Eiterstellen des Körpers zu arbeiten, bedeutet zunächst einfach erst einmal, offenzulegen, was vor sich hin eitert, also nicht dabei zusehen zu wollen. Ich definiere hier das Große, von dem ich gesprochen habe, als den gesamt einheitlichen Blick, der sich auf den ganzen Körper richtet, während das Kleine den Blick auf einen, z.B. den wunden Körperteil legt. 

Meine Wut lokalisiere ich nun an der Schnittstelle von persönlicher und struktureller Gegebenheit und befrage damit (zunächst nur ganz persönlich ausgehend) anwesende Abwesenheiten und (Un-)Sichtbarkeiten. 

Das Große bildete schon immer einen großen Tisch, (eine Plattform) der dafür sorgt, Bindungen zu erzeugen, die mich / dich / uns auffangen werden und der für eine Stabilität sorgt. Dieser Tisch ist ein Abbild der Mechanismen sozialer Versammlungen, er ist ein allgemein anerkannter Spielraum, der einen Weg der Geschichte der Anerkennung erzählt und dabei die Abwesenheit anderer Geschichten zur eigenen Festigung braucht. Dieser Tisch erzählt die großen Geschichten, arbeitet an den großen Schaltstellen, verändert die Welt (im Großen).

Hier möchte ich den Begriff der Zerrissenheit einbringen. Der Tisch und die Partizipation daran kann bzw. gibt mir einen Begriff von Zuhause. Anerkennung ist Sichtbarkeit ist Stabilität ist Leben führen (können). Zeitgleich: Was passiert, wenn ich nicht vom Großen denken und sprechen möchte, wenn ich eigene Rahmungen mache, in das Kleine gehe? Automatisch entstehen damit die Risse in dieser vermeintlich häuslichen Umgebung des Tisches, der gegebene Spielraum wird zur vorgegebenen Begrenzung. Hier also eine Wut, die zur Öffnung gegenüber einer Heimsuchung beiträgt, die eine präsente Abwesenheit spürbar macht. Diese Wut richtet sich primär gegen die strukturellen Bedingungen, richtet sich aber dann auch gegen uns, gegen unbeteiligte Übereinstimmung, gegen mich, die zwischen Zustimmung und eigener Unterstützung beim Verschwinden schwankt.

Indem meine Wut ein erster Aktualisierungsmoment in der Befragung von Strukturen und damit zur Unannehmlichkeit für mich und mein Umfeld wird, befördert sie mich an die Schnittstelle zwischen responsibility und response (vgl. Haraway: Welche Spielräumen sollen hinzugefügt werden? Was sind meine Spielräume? Wie den Spagat zwischen persönlich affiziertem Kampf und einer feministischen Notwendigkeit, Vielzahl zu denken praktizieren? 

Die Wut wird hierbei Möglichkeit einer ersten Antwort, denn sie beginnt, meine eigene Position in einem Wechselverfahren zwischen mir und meinem Umfeld zu befragen. Sie beginnt, für mich zu sprechen, während ich noch unschlüssig zuschaue, sie beginnt vielleicht damit mit anderen mit zusprechen. Sie kann Potential werden, Ahmeds Aufruf mitzugehen: An einer Welt zu bauen, in der wir gegenseitig zu Bausteinen werden und damit den Tisch, der auf Bausteinen steht ins Wanken zu bringen und zur Re-Strukturierung zu zwingen.

Erneut: Wut als Heimsuchung und  damit auch als Befragung einer Heimat, wobei Heimat sich anlehnen soll an die Beschreibung von Carolin Emcke (2012):

„Heimat ist das, von wo wir ausziehen, wo wir beginnen … Es ist nicht das, wo wir bleiben, es ist nicht das, was uns unverändert begleitet. Die Wanderschaft, auf die wir uns begeben, auf der wir unserem Begehren nachgehen, diese Unruhe, die uns angetrieben hat, das Gefühl des Exils ist die Quelle für das Suchen nach einem anderen Zuhause, nach einer anderen Heimat.“ 

In Anlehnung an diese skizzenhaften Gedankenfetzen und mit Rückblick auf das Seminar wird Wut für mich zum Ausgangspunkt der Suche nach diesem eigentlichen Leben und einem gegenwärtigen Blick – wird eine Aktualisierungsmöglichkeit, die meine Produktivität neu zu ordnen beginnt.

Feministische Manifeste

Wir beginnen mit dem Manifest von Thu Hoài Tran, geschrieben im Sommer 2019, in dem sie die Vision eines feministischen Orchesters der Wut, das kollektive Wut zum Nutzen macht, entwirft .

Orchester der Wut (Thu Hoài Tran)

“Wenn Dinge brechen, kann dein ganzes Leben aus den Fugen geraten. So vieles der feministischen und queeren Erfindung rührt aus der Notwendigkeit, unser eigenes Unterstützungssystem herzustellen.” (Adrienne Rich 1997)

Wut ist legitim. In einer rassistisch-patriarchal geprägten Gesellschaft wird jedoch Wut von Körpern, die nicht als weiß und cis-männlich gelesen werden, sanktioniert. Die Gesellschaft erlaubt uns Schwarzen Frauen* und Frauen* of Color nicht, wütend zu sein, vor allem nicht auf die eigenen sexistischen und rassistischen Erfahrungen. Wir müssen die Wut hinunterschlucken, sie gar vor ihnen und vor uns relativieren.

Wie Audre Lorde in „Vom Nutzen unseres Ärgers“ (1983) schreibt, leben wir Schwarze Frauen* und Frauen* of Color innerhalb einer Symphonie der Wut, in der diese unterdrückt wird. Nach Lorde müssen wir jedoch lernen, unseren Ärger auszudrücken und ihn gezielt zu nutzen. Denn Wut ist nicht nutzlos – im Gegenteil, sie kann eine transformative Kraft darstellen. Schwarze Frauen* und Frauen* of Color müssen Lorde zufolge für sich lernen, ihre Wut zu orchestrieren, damit die Wut sie nicht zerreißt. 

Ich frage mich: Warum die orchestrierte Wut nur als individuelle Anpassungs- und Überlebensstrategie in einer rassistisch-patriarchalen Gesellschaft betrachten, wenn wir sie auch als Akt des kollektiven Widerstands nutzen können? Angelehnt an Lorde sieht auch Brittney Cooper in „Eloquent Rage“ (2018) das Potential in der orchestrierten Wut Schwarzer Frauen*, die sich zu einer Bewegung formieren kann. Sich mit der kollektiven Wut zur Wehr setzen, um die Symphonie zu stören. Die Symphonie zu stören, um ungleiche Machtverhältnisse aufzuzeigen. 

Somit müssen wir das (Un-)Mögliche denken lernen: Eine intersektionale Solidarität zwischen Schwarzen Feminist_innen, Indigenen Feminist_innen, Feminist_innen of Color und weißen Feminist_innen, die Privilegien, Machtverhältnisse und Differenzen in den feministischen Kämpfen berücksichtigen, reflektieren und anerkennen. So stellen wir uns ein feministisches Orchester der Wut als Widerstandsformation gegen das rassistisch-patriarchale System vor. Die Wut als Akt des kollektiven Widerstands. Zu Wut gehört Mut. Die Mut zur Wut. Ein feministisches Orchester der Wut, das ihre kollektive Wut zum Nutzen macht. Eine Wut, die die Symphonie durchbricht und stört. Ein Orchester der Wut, geballt wie eine Faust, bereit zum Kampf. Zum Kampf gegen die hegemonialen Strukturen. Das feministische Orchester setzt nun langsam an: leise und lauernd erklingen die ersten Töne der Wut, die sich bedacht, aber stetig kontrolliert steigern. Stets gefährlich, für die Gegnerschaft unberechenbar. So unberechenbar, dass die Wut mit voller Wucht  aus dem Nichts unmittelbar wie ein Pfeil direkt ins hegemoniale Herz zielt. 

Es stimmt: Wut kann zerstörerisch sein. Und das ist gut so. Denn die Wut kann Risse im rassistisch-patriarchalen System hinterlassen. Risse, die hegemoniale Strukturen langsam bröckeln lassen. Risse, die Wunden im System verursachen. Wunden, die zwar nach der Zeit wieder heilen – was aber bleibt sind Narben. Eine Erinnerung, eine Mahnung – dass wir da sind. Mit unserer Wut – die nicht aufhört bis alle auf dieser Erde frei sind. 

“Manchmal erscheinst du gar nicht, wenn du nicht erscheinst, wie es von dir erwartet wird.” (Ahmed 2017)