Autor: Susanne Völker

Enteignung. Ek-statische Subjekte und die Frage des ›Eigenen‹

»Machen wir uns nicht vor. Wir werden vom Anderen dekomponiert. […] Wenn wir von meiner Sexualität oder meiner Geschlechtsidentität sprechen, wie wir es tun (und tun müssen), meinen wir also etwas Kompliziertes. Genau genommen ist weder das eine noch das andere ein Besitz, vielmehr sind beide als Modi der Enteignung zu verstehen, als Formen des Daseins für einen Anderen oder sogar kraft eines Anderen«, schreibt Judith Butler (2009a, 38, Herv. i. O.) in dem 2009 in deutscher Übersetzung erschienen Text Außer sich: Über die Grenzen sexueller Autonomie. Ihr Subjektkonzept entfaltet sie hier als Verwiesenheit des körperlich-materiellen, unvermeidlich exponierten und zu Anderen geöffneten, nicht über sich selbst verfügenden Selbst, das sich nicht gehört, sondern hervortritt im Modus der Enteignung. Es findet statt im Verhältnis – zu unterwerfenden und regulierenden (Geschlechter- und Sexualitäts-)Normen, aber auch zu Anderen/m, zu ›Unorten‹ (Butler), die sich der Norm, der Anerkennung und der Sprache entziehen. Das ek-statische Selbst verkörpert somit eine fundamentale Verflochtenheit mit der Welt, eine Verletzbarkeit durch Andere und eine Verletzungsmacht gegenüber Anderen. Es ist nicht-autonom, wird bewegt und verändert durch Andere_s. Es ist in einem nicht-individualistischen Sinne handlungsfähig und verantwortlich für Andere: »Wenn ich für Autonomie kämpfe, muss ich dann nicht ebenso für etwas anderes kämpfen, nämlich für eine Konzeption meiner selbst als eines ausnahmslos vergemeinschafteten Selbst, das von anderen beeinflusst wird, ebenso wie es die anderen beeinflusst, auf eine Art und Weise, die nicht immer klar abgrenzbar ist, in Formen, die nicht vollständig vorhersagbar sind?« (Butler 2009a, 41, Herv. i. O.)

Den Begriff der Enteignung, der zum einen etwa in Hinblick auf sexuelle und geschlechtliche Selbstverhältnisse die Zurichtung durch heteronormative Regime meint, zum anderen und zugleich aber auch Enteignung als Selbstbezug, als Öffnung und Empfänglichkeit für andere_s akzentuiert, ist als theoretisches und politisches Konzept von Judith Butler und Athena Athanasiou (2014) in ihren Gesprächen der Jahre 2009 bis 2012 entwickelt worden. Angesichts der Dominanz der kapitalistischen Sozial- und Wirtschaftsregime des globalen Nordens, der expandierenden neoliberalen (Selbst)Regierungstechnologien und postkolonialen Ausbeutungskonstellationen gegenüber dem ›Rest der Welt‹, erweist sich die Frage der Enteignung bei weitem nicht ausschließlich als eine Frage der Ökonomie, sondern als eine zugleich soziale und kulturelle, als eine Frage der Verflochtenheit vielfältiger Leben, die sowohl ökonomisch ist als auch das Ökonomische überbordet. »An der Ökonomie ist nichts rein ökonomisch«, heißt es im Klappentext des Buches und die Frage des Eigentums, des Besitzindividualismus ist eben keine allein ökonomische, sondern bezieht sich auf die Art und Weise der Selbst- und Weltverhältnisse. Dies ist die konzeptionelle und politische Stärke des Enteignungsbegriffs: gegen ›Verantwortung‹ als Projekt der Herrschaft weißer Männlichkeit, die auf Trennung, Gegenüberstellung von Eigenem/ Eigentum und Anderem zielt, setzen Butler/Athanasiou auf wechselseitige Verwiesenheit als Ausgangspunkt für postsouveräne Praktiken und Handlungsfähigkeit. Es geht darum, die Fiktion des souveränen, ausschließlich sich selbst verpflichteten Subjekts nicht länger zu stützen. Diese ›Responsibilisierung‹ des Subjekts bezeichnet Athena Athanasiou als »neoliberale […] Umwidmung von Verantwortung [in] unverwundbare und niemandem verpflichtete Unabhängigkeit« (Butler/Athanasiou 2014, 149). Dagegen machen sie, indem sie sich auf die höchst mehrdeutige, prekäre, instabile Position der Enteignung bzw. der Enteigneten beziehen, eine wechselseitige Verantwortung relevant. Sie forcieren eine »Disposition zur Offenheit«, die »am Anfang einer Politik gesellschaftlicher Veränderung steht« (ebd.) und die Frage des Eigenen und Eigentums der Kritik unterzieht.

Butler/Athanasiou betonen damit die doppelte Wertigkeit, aber auch das doppelte Vermögen, das mit dem Vorgang der Enteignung verbunden ist: Enteignung verweist einmal auf den »inaugurierender Akt der Unterwerfung des (werdenden) Subjekts unter Normen der Intelligibilität« (ebd., 13). In diesem Sinne bedeutet Enteignung einen konstitutiven, gewissermaßen internalisierten Verlust, dessen was nicht vorstellbar ist, und ermöglicht zugleich ein handlungsfähiges Subjekt. Enteignung ist in diesem Sinne »heteronome Bedingung für Autonomie« (ebd., 14), das heißt auch Bedingung für die Autonomie des liberalen Subjekts, das seine grundlegende Abhängigkeit verdrängt. Diese Autonomie, das ›Eigene‹ des Subjekts, ist Fiktion und verschleiert seine prekäre Hervorbringung durch Andere_s. Die dem Subjekt immanente, grundlegende ontosoziale Prekarität (precariousness) wird in der liberalen Version des autonomen Subjekts insofern umgearbeitet, als der Modus der Enteignung nun zur wichtigen, geradezu ›existenziellen‹ Frage des ›Eigenen‹, der ›Identität‹, des identifizierenden ›Wir‹ und des Eigentums wird. Das Dasein kraft eines Anderen wird verkehrt zum Bestehen auf dem Eigenen und zum (legitimen) Beherrschen jener Anderen, die nicht als frei und gleich anerkannt werden. Athena Athanasiou führt dies aus: »Zweifellos gehört das Eigentum an Grund und Boden zum Kernbestand der Onto-Epistemologie der Subjektbildung in der Geschichte des westlichen, weißen, männlichen, kolonialisierenden, kapitalistischen , besitzenden souveränen Subjekts. Ebenso grundlegend für den Liberalismus war es, die Verfügung über den eigenen Körper als Eigentum zu definieren. Und gerade der Ausschluss bestimmter Körper – paradigmatisch die der Versklavten – aus dieser klassischen Definition des Biopolitischen formte die konstitutive Verbindung zwischen Leben, Eigentum und Freiheit. Das politische Imaginäre der westlichen (post-)kolonialen kapitalistischen Moderne mit ihrem die ganze Menschheit umgreifenden Geltungsanspruch zeigt Sein und Haben ontologisch fest verklammert: Sein wird durch Haben definiert, und Haben gilt als eine Grundvoraussetzung des menschlichen Seins an sich.« (ebd, 28)

Sein als Haben und Verfügen impliziert eine gegen Andere abgegrenzte Autonomie, bei der das Eigentum der Garant für den Subjektstatus ist, konzipiert als Besitzindividualismus. Dies zeigt sich in der Verstrickung zwischen ›Leben, Eigentum, Freiheit‹ – Eigentum als Leben, Freiheit als Eigentum, Leben als Freiheit (zum Eigentum).

Enteignung meint zum zweiten den gewaltförmigen Entzug von grundlegenden Lebensmitteln (Wohnraum, Nahrung, medizinische Versorgung, Bildung, Fürsorge, Teilhabe an ›Arbeit‹ und anderes mehr). Diese Politiken der Privilegierung und Benachteiligung bis hin zum Entzug existenzieller Lebensgrundlagen erfordern Widerstand. Die Frage, die Judith Butler stellt, ist, wie der gewaltförmigen und erzwungenen Enteignung in politischen Konflikten und in den Relationen globalisierter Ungleichheiten zu begegnen ist, ohne sich auf die Anerkennung des liberalen Besitzindividualismus beziehen zu müssen (ebd., 20), der die wechselseitige Abhängigkeit und Angewiesenheit ›unserer‹ Existenzweisen leugnet. Dies ist angesichts weltweiter Fluchtmigrationen, auf die aktuell von Seiten privilegierter und geschonter Regionen überwiegend mit Abschottung, Grenzziehung dem ›Schutz des Eigenen‹ reagiert wird, aus meiner Sicht die zentrale Frage für jene Kräfte, die für ein gemeinsames Teilen der Welt einstehen wollen.

In ihrer Kritik an der restriktiven Konzeption des Menschlichen spricht Judith Butler von einem »Aufstand auf der Ebene der Ontologie, eine[r] kritische[n] Eröffnung der Fragen: Was ist real? Wessen Leben ist real? Wie ließe sich die Realität neu gestalten?« (Butler 2005, 50). Die körperlich-soziale Externalität des Selbst konstituiert ein sozio-ontologisches Verhältnis zur Ethik und zum Politischen, das nicht individuell sein kann, das nicht besitzt, sondern von Anderen enteignet, mit ihnen verknüpft, ihnen gegenüber verpflichtet ist: »Wenn ich von anderen beansprucht werde, sobald ich meinen Anspruch erhebe, wenn Gender für jemand anderen und von jemand anderem ist, bevor es mein Gender wird, wenn Sexualität eine gewisse Enteignung des ›Ichs‹ mit sich bringt, dann bedeutet das nicht das Ende für meine politischen Forderungen. Es bedeutet nur, dass man, wenn man solche Forderungen erhebt, diese für weit mehr als nur sich selbst erhebt.« (Butler 2009b, 33)

Mit dieser Konzeption von Enteignung, die nicht einfach ein ›positiver‹ Bezugspunkt ist, sondern den Blick auf die Dynamiken von Subjekt, Handlungsfähigkeit und Involviertheit lenkt, wird auch die Frage der ›Ökonomie‹ des politischen Handelns, verstanden als Relationierung, als Austauschbeziehungen, als Logiken des Beziehens, des Eigenen und des Anderen/Fremden relevant. Wenn Enteignung auch Abrücken von Besitz, von Eigentum als Grundlage von Leben bedeutet, gäbe es dann Chancen, dass andere Logiken, Ökonomien und auch Ökologien des Politischen hervortreten? Wo finden sich Konzepte des Politischen, die Politik weniger mit bürgerlich-liberalen, kapitalistischen Autonomievorstellungen verknüpfen, sondern das Stattgeben von nicht-identischer Verbundenheit und von Nichtverfügbarkeit zeigen können? Wie lassen sich Formen des kollektiven Handelns als Ausüben des gemeinsamen Bewohnbarmachens/Haltens von ›Welt‹ verstehen, die Differenzen ermöglichen, die Politik der Ähnlichkeit und des ›Wir‹ beenden und andere Relationen hervorbringen? Teil jener Bewegungen zu sein, die diesen Fragen nachgehen, ihnen antworten, ist das großartige Verdienst und die inspirierende und ermutigende Kraft der Texte Judith Butlers.


Butler, Judith (2005): Gefährdetes Leben. Politische Essays, Frankfurt a.M.
Butler, Judith (2009a): Außer sich: Über die Grenzen sexueller Autonomie, in: Dies.: Die Macht der Geschlechternormen, Frankfurt a.M., S. 35-69.
Butler, Judith (2009b): Einleitung: Gemeinsam handeln, in: Dies.: Die Macht der Geschlechternormen, Frankfurt a.M., S. 9-33.
Butler, Judith/Athanasiou, Athena (2014): Die Macht der Enteigneten, Zürich/Berlin.

Geht es um Schutz?
Verletzende Dynamiken: Sexualisierte Gewalt und rassistische Instrumentalisierungen

Die sexualisierte Gewalt gegen Frauen* in der Silvesternacht insbesondere in Köln, aber auch Hamburg bestürzt, erfüllt mit Wut und Schmerz. Es geht darum, bei denen zu sein, die dieser Gewalt begegnet sind, durch sie verletzt wurden, es geht darum, die konkreten Gewalterfahrungen zu thematisieren und für diesen Ausgangspunkt der Debatte aufmerksam zu bleiben. Und gerade deshalb, weil es darum geht, diese Gewalt zurückzuweisen und ihr entschieden entgegenzutreten, gilt es, ihre sozialen Dynamiken und Logiken zu verstehen.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen* hat eine andauernde Geschichte in patriarchalen Gesellschaften, in denen die Dominanz des zum ‚eigentlich Menschlichen‘ verallgemeinerten Männlichen in unterschiedlichen kulturellen, religiösen und (geo-)politischen Konstellationen in Ost und West, Norden und Süden praktiziert wird. Die Frage der Akzeptanz oder Verurteilung von sexualisierter Gewalt wird dabei unterschiedlich beantwortet. Es sind hier in erster Linie die jahrzehntelangen Kämpfe von Frauen*bewegungen und ihren Allianzen, durch die Gewalt in nicht-öffentlichen, ‚privaten‘ Räumen, in Verwandtschaftsbeziehungen publik gemacht und geahndet wurde und die immer wieder erneut den öffentlichen Raum als für alle Geschlechter zugänglichen Raum erstreiten (wird dieser doch allzu oft eben nicht nur Frauen* verwehrt). Die Versionen patriarchaler Dominanzen und Varianten ‚männlicher Herrschaft‘ (Bourdieu) sind vielfältig und sehr unterschiedlich in ihrer Intensität, physischen Gewalthaftigkeit und rechtlichen Absicherung bzw. Begrenzung; sie treffen diejenigen, die als ‚Frauen‘ klassifiziert werden, wie auch – mit ähnlichen und anderen Attacken und Regulierungen – jene, die für Geschlechter und Sexualitäten jenseits heteronormativer Legitimationen einstehen.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen* konstruiert ‚Frauen‘ und markiert Körper in besonderer Weise als (physisch, psychisch und sozial) verletzbar und verletzungsoffen. Sie ist darauf aus, souveräne Handlungsmacht zu erlangen und die Adressatinnen* ohnmächtig, handlungsunfähig zu machen. Sexualisierte Gewalt ist eine Praxisform zwischen (heterosexuellen) Männlichkeiten, bei denen Frauen* und andere Andere zum Spiegel eigener Handlungspotenz und auf diese Weise instrumentalisiert werden.

Aktuell nehmen weltweit gewaltförmige Auseinandersetzungen zu – in Form von Bürgerkriegen, Kämpfen gegen Armut und soziale Ausbeutung, kulturalisierten und ethnisierten Konflikten, Frontstellungen religiöser Selbstverständnisse oder nationalistischen Identitätspolitiken. Sie ereignen sich zum Teil in Kriegshandlungen, die ganze Länder erfassen, zum Teil als einzelne Gewalt- und Terrorakte. Wenngleich die Gefährdung von Leben und die Massivität der Gewalt höchst unterschiedlich ist, ist keine Weltregion daran unbeteiligt.

Im Ringen um ökonomische Vormacht und die Dominanz eines spezifischen Verständnisses von ‚Moderne‘ sind die Länder des globalen Nordens in die Auseinandersetzungen eingebunden, in denen sie zwischen Bündnispartnern und gegnerischen ‚Anderen‘ unterscheiden. Die politischen Handlungen folgen mit dieser Schaffung einer Wir-Gruppe der Zugehörigkeit und der Betrauerbaren (bspw. der ’Europäer‘) und jenen Nichtbetrauerbaren, deren Leben nicht in gleicher Weise und mit der gleichen Dringlichkeit zählt, einer spezifischen Logik. Judith Butler hat dies sehr eindrücklich bereits anhand der Zäsur des 11. September 2001 für die US-amerikanische Politik unter George W. Bush herausgearbeitet: es ist die Logik des Krieges.

Mit Kriegserklärungen und Ausnahmezuständen antworteten Frankreich und Belgien auf die Terroranschläge in Paris und setzten damit das vermeintliche Zur-Rechenschaft-Ziehen der Verantwortlichen in Form einer Kriegshandlung durch. Mit der Verstärkung und Schließung von Grenzen, dem faktischen Außerkraftsetzen der Genfer Flüchtlingskonvention, der Aushöhlung des Asylrechts reagierten zahlreiche europäische Regierungen auf die Bewegung der vor Krieg und unerträglichen Lebensbedingungen Flüchtenden. Die Lager, in denen geflüchtete, entwurzelte und vielfach traumatisierte Menschen untergebracht werden, sind nicht allein Ausdruck der überforderten Kapazitäten aufnahmebereiter Gesellschaften. Sie konstituieren auch Wir-Gruppen und Abgegrenzte, die sich als integrationsfähig zu bewähren haben. In den privilegierten, dominierenden, geschonten Ländern – etwa Westeuropas – verbreiten sich Logiken, die nicht von ‚Außen‘ kommen, sondern die in den Gesellschaften lokalisiert sind: hier werden soziale Andere konstituiert – als ‚Flüchtlinge‘, als problematische ‚Muslime‘ etc. Gegenwärtig bestärken rassistische und antimuslimische Ausfälle diese Kriegslogiken und machen Geflüchtete zu bedrohlichen Anderen, deren Lebensrechte nicht selbstverständlich anerkannt werden, sondern zur Disposition stehen. Zugleich sind diese Prozesse nicht getrennt von weltweit zunehmenden Kriegslogiken, d.h. die Gewaltförmigkeit und Destruktivität der sozialen Verhandlungen kursieren in gleichermaßen lokalen und global geöffneten Räumen.

Die Expansion sexualisierter Gewalt gegen Frauen* ist Teil dieser politischen und sozialen Logiken, in denen die weltumspannenden Konflikte derzeit lokal ausgetragen werden. Insofern stehen die Übergriffe auf Frauen* zwar – worauf feministische Stellungnahmen hingewiesen haben – in einer langen Kontinuität alltäglicher sexualisierter Gewalt in patriarchalen westlichen Gesellschaften, zugleich ist sexualisierte Gewalt eine Praxis im Rahmen politischer Handlungslogiken, die sich in der Gegenwart konstituieren. Es sind diese Kriegslogiken, die die Frage von Geschlecht und sexualisierter Gewalt in besonderer Intensität thematisieren und aktualisieren.

Dies zeigt sich einmal in der Frage der Männlichkeit: der Krieg ist nicht nur ein Schauplatz der Artikulation und Reproduktion von Männlichkeit(-en). Unter den „ernsten Spielen“ der ‚männlichen Herrschaft‘ ist er der Ernsteste. Zu einem Zeitpunkt, zu dem diese ‚männliche Herrschaft‘ – etwa in der Sozialfigur des weißen, europäischen, heterosexuellen, (post-)kolonialen Mannes – ins Wanken gerät, d.h. in der die Herrschaft dieser unmarkierten und bislang geschonten Männlichkeit nicht unbefragt bleibt, ja konkurrierende Männlichkeiten die eigene Partikularität ausstellen, ist der Zugriff auf ‚Frauen‘ – als Adressatinnen* eigener Potenz und/oder als schützenswertem abhängigem ‚Gut‘ ein probates Instrument zur Wiedererrichtung einer zentrierten Männlichkeit.

Der zweite Punkt ist damit die Instrumentalisierung von Frauen* als Beutegut zwischen Männern/Männlichkeiten, denen – entsprechend der Kriegslogik – Handlungsmacht und Subjektstatus entzogen wird.

Was bedeutet das alles in Bezug auf die Silvesternacht in Köln? Ich antworte auf diese Frage als weiße Mittelschichtsfrau, deren soziale Existenz gesichert ist, die eine privilegierte Position in der postkolonialen Gegenwart innehat und die nicht der Verletzbarkeit einer Flucht- und/oder einer Kriegssituation ausgesetzt ist. Und insofern wäre noch einmal zu unterscheiden, in welchen Weisen und Konfigurationen Frauen* zum ‚Gegenstand‘ patriarchalisch-paternalistischer Politiken werden. ‚Weiße Frauen‘ sind sicher nicht von den kolonialen Politiken betroffen, die Gayatri Chakravorty Spivak früh (im Original 1988) für women of color treffend beschrieben hat: „Weiße Männer retten braune Frauen vor braunen Männern“, sondern profitieren und partizipieren an postkolonialen Rassismen und Dominanzen. Dennoch werden auch die mit der Klassifikation ‚weiße Frau‘ Bezeichneten (d.h. die durch diese Klassifikation Bevorteilten, die zugleich Adressantinnen* von Sexismus sind) erneut zum Beschützenswerten zwischen ‚weißen Männern‘, wird ihnen Handlungsfähigkeit streitig gemacht. Genau zu analysieren wäre, wie in der gegenwärtigen Debatte Frauen* als ‚braune Frauen‘ (Spivak) adressiert werden – sicherlich ebenfalls ohne eigene Handlungsmacht, aber als gleichermaßen beschützenswert oder nicht; und/oder als ‚Frauen der anderen Männer‘?

Erfahrene Gewalt, Schmerz und Trauer ebenso wie die Zurückweisung von Sexismus und Gewalt und das Recht auf öffentlichen Raum werden aktuell für rassistische Zuschreibungen instrumentalisiert. Es geht daher auch darum, die Essentialisierungen und Kulturalisierungen von Tätergruppen, aber auch der Frauen* zurückzuweisen.

Und es geht zuvorderst darum, die Dynamiken des Krieges, der Kriegsführung und der Gruppenbildung und die damit verbundenen zerstörerischen Unterwerfungs-, Ohnmachts- Verletzungsdynamiken zu durchbrechen. Das hieße, (körperliche) Unversehrtheit auf der Grundlage der prinzipiellen Verletzbarkeit von Leben, und damit auch von allen Menschen gleich welchen Geschlechts, zu ermöglichen und gesellschaftlich zu halten. Es hieße der Verletzbarkeit, der Prekarität von Leben Beachtung zu schenken, sich ihr zuzuwenden: konkret, im Einzelfall und Überall.

Sicher geht es dabei auch um Schutz gefährdeter Leben, vor Gewalt, vor Verfolgung, vor Krieg, vor Diskriminierung, vor Sexismus, vor Rassismus; es geht um den Schutz von Menschen, deren Leben, Körper, Begehren nicht normativen Vorgaben entsprechen. Es wäre aber eine Art ‚Schutz‘, der sich auf Konvivialität, auf ein egalitäres Teilen von Welt (Irigaray), auf die Ermöglichung von nicht externalisierten Differenzen bezieht.

Doch solange wir (ein jeweils zu positionierendes ‚wir‘ queer-feministischer Allianzen) von einem Schutz sprechen, der patriarchal gewährt und verteilt wird, haben wir der kriegerischen Struktur der ernsten Spiele ‚männlicher Herrschaft‘, die Frauen* als Frauen konstituiert, noch nicht wirklich etwas entgegengesetzt.