Kategorie: Berlin und anderswo

Berlin, Berlin und anderswo…
Achter de Dieken

… Vierter und letzter Teil der Reihe

Um zu wissen, was „Achter de Dieken“ passiert, muss man hinter die Deiche gehen. Der Blick auf den Horizont verändert sich von dort. Im abschließenden Blogeintrag will ich zwei Eindrücken, die von meinen Besuchen frauen- und gleichstellungspolitischer Einrichtungen in der nördlichen Provinz geblieben sind, genauer nachgehen. Der erste bezieht sich auf das verwickelte Verhältnis zwischen feministischer Theorie und frauen- bzw. geschlechterpolitischer Praxis, der zweite auf Veränderungen im Feld der Vernetzungen, die feministische Öffentlichkeit ausmachen.

Die Gespräche haben mir einmal mehr in Erinnerung gerufen, dass die Differenz zwischen Theorie und Praxis in zentralen Hinsichten unhintergehbar ist. Gleichwohl können beide nicht ohne einander bestehen. Diese altbekannte Spannung im Herzen des Feminismus ist nicht aufzuheben, wohl aber muss sie in ihren historisch veränderlichen Ausprägungen bearbeitet werden. Gegen unmittelbare Nützlichkeitsansprüche an Theorie, die seit einiger Zeit an den Hochschulen grassieren, gilt es, auch die Räume für Feminismus als handlungsentlasteter theoretischer Kritik und kritischer Theorie zu verteidigen. Diese müssen sich die Freiheit nehmen können, auf’s Ganze zu gehen, Zusammenhangsanalyse und pointierte Gesellschaftsdeutung zu betreiben, im Selbstbezug den nicht-intendierten Wirkungen und Ausschlüssen feministischer Kritik und frauenpolitischen Handelns nachzugehen, radikal und negatorisch („dies so nicht!“) zu denken und sich in entschieden unpragmatischer Weise zu äußern. Kritik muss auch das Risiko eingehen, nicht auf breite Zustimmung zu stoßen, bisher unsichtbaren oder kleingeredeten Problemen „einen Namen“ zu geben und sie damit öffentlich und politisch bearbeitbar zu machen. Praxistauglichkeit ist dabei weder ein Kriterium für die Richtigkeit noch für die Berechtigung ihrer Deutungen. Feministische Theorie würde sich jedoch ad absurdum führen, wenn sie gar nicht mehr auf gesellschaftliche Veränderung abzielte und deren aktuelle Möglichkeit als Problem kritischer Praxis reflektierte. Dass derartige Reflexionen auch in Gender-Kompetenz-Einrichtungen stattfinden können, die selbst von Trends profitiert haben, die dem theoretischen Feminismus das Wasser abgraben, gehört zu den Paradoxien des status quo feministischer Kritik.

In anderer Weise betreffen derartige Spannungen bzw. Widersprüche die frauen- bzw. geschlechterpolitische Praxis. Dies gilt sowohl für die institutionell eingebetteten Formen der Gleichstellungsarbeit, die Beratungsarbeit in Frauenzentren als auch für die feministischen Projekte und Aktionen in den radikaldemokratischen Experimentierfeldern zwischen Kunst und Politik. Jede dieser Praxen „weiß“ implizit mehr, als sich in ihren einzelnen Akten manifestiert. Sie „weiß“ auch um ihre Reichweite, ihre Grenzen, vielleicht auch um ihre gegenläufigen Effekte. Gleichzeitig nötigen die Legitimationsformen, in denen sie präsentiert werden, und die Anerkennungsbedingungen, denen sie unterliegen, immer wieder dazu, dieses implizite „Mehr“-Wissen nicht nur öffentlich nicht auszusprechen, sondern – je nach Kontext – es durch Erfolgs- und Innovationsverheißungen oder radikale aktivistische Rhetorik sogar aktiv zu desartikulieren. Das „mehr“ im implizit Gewussten kann Kritik beschwichtigen, es unterläuft aber auch bornierte Selbstgenügsamkeiten. Damit tangiert es die säuberlichen Zuordnungen von kritischem versus affirmativem Geschlechterwissen und praktischem Handeln, die sich in Beschreibungen des feministisch/geschlechterpolitischen Feldes so häufig finden. Wie aber koexistieren oder verbinden sich managerielle, sozialtherapeuthisch-beratende, pädagogische, politische und theoretisch-reflexive Aspekte des geschlechterbezogenen Wissens in den jeweiligen Handlungsfeldern? Mit welchen Gründen und von wo aus wird welche Form des Wissens, welche Form der Praxis als affirmativ, kritisch und/oder subversiv bezeichnet? Gibt es dazu einen feministischen Common Sense? Nein! Gibt es dazu eine feministische Kontroverse? Nein, jedenfalls nicht im Sinne eines das Feld strukturierenden Widerstreits.

Der andere Eindruck, den ich von meinen Ausflügen mitgebracht habe, betrifft die große Rolle von Vernetzungen und Bündnissen, die für meine Gesprächspartnerinnen im Gleichstellungsbüro und im Frauenzentrum einen wichtigen Bezugspunkt ihrer Arbeit darstellen. Auch wenn nicht alle Bezüge ständig aktualisiert werden und auch nicht alle im Alltag der Einrichtungen von gleichem Gewicht sein mögen, so gehören sie doch zum weiteren Horizont, in dem die eigene Praxis gesehen, ausgeübt und legitimiert wird.

Während ich diesen Eintrag schreibe, liegt neben mir auf dem Fußboden ein ganzer Berg von Infomaterialien und Flyern, papierene Mitbringsel von den drei Visiten. Es ist unglaublich, was da zusammengekommen ist und selbst als eine, der das Feld nicht ganz fremd ist, staune ich über das inhaltliche und politische Spektrum der Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen, das darin zum Ausdruck kommt. Wenn ich auf der Basis der mitgebrachten Papiere einen weiten Begriff von Vernetzung zugrunde lege, der nicht nur die faktische Zusammenarbeit etwa im lokalen „Bündnis Frau“ oder den Konferenzen der Gleichstellungsbeauftragten, Frauenberatungsstellen und Notrufe bezeichnet, sondern darüber hinaus den Möglichkeitsraum all dessen einbezieht, was mit ein paar Mausklicks an Projekten und relevanten Informationen potentiell erreich- und mit-teilbar wird, tut sich ein beeindruckendes Pluriversum auf.

Schon die oberflächliche Lektüre der Flyer und der punktuelle Besuch von dort angegebenen Webseiten und Links deuten darauf hin, dass es in diesem Netz aus Initiativen, Einrichtungen, Verbänden, Kirchen, Gewerkschaften und Parteien viele querlaufende Fäden, Gleichzeitigkeiten und Ko-Operationen gibt. Die kleinen Erkundungen machen mir bewusst, wie sehr sich die Räume feministischer und geschlechterpolitischer Öffentlichkeit seit den computerfreien bzw. -losen 1970er Jahren und der „Staatsknete“-Diskussion“ der Frauenbewegung verändert haben. Und dabei sind noch nicht einmal die interaktiven Möglichkeiten im WWW 2.0 angesprochen, die auch im Bereich feministischer Mobilisierung und Vernetzung an Gewicht gewinnen.

Situierte Selbstverständlichkeiten

Sowohl die Komplexität von Theorie/Praxis-Verhältnissen als auch die selbst im provinziellen „anderswo“ erfahrbare Vielfalt strategischer, legitimatorischer und virtueller Vernetzungen widersprechen den säuberlichen Einteilungen, die der Obertitel „Berlin, Berlin und anderswo“ auf den ersten Blick nahelegt. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, bildhaft gesprochen, dass Berlin überall sein kann. Auch an der Förde oder hinterm Deich. Umgekehrt haben sich auch in der Hauptstadt eigene Provinzen des Feminismus und der Genderpolitik herausgebildet, die wenig miteinander zu tun haben und insofern füreinander „achter de Dieken“ liegen. Gleichwohl gibt es jedoch eine für meine Fragestellungen bedeutsame Differenz zwischen Berlin und den vielen ‚anderswos‘ im deutschsprachigen Raum: Berlins unglaubliche Dichte an Universitäten und Fachhochschulen mit Schwerpunkten in der Geschlechter- bzw. Gender- und Diversityforschung und queertheoretischen Fragestellungen. Jedes Semester verlassen zahlreiche Absolvent_innen die Welten des akademischen Feminismus, und viele streben in Berufe und Praxisfelder, in denen sie weiterhin am Thema bleiben können. All das gilt hier in der nördlichen Peripherie mit ihren wenigen über das ganze weite Land verteilten Universitäten bzw. Fachhochschulen allenfalls in homöopathischer Verdünnung. Ich vermute, dass die unterschiedlichen Grade der Verdichtung von akademisch-feministischen und geschlechterpolitischen Milieus Auswirkungen auf die Bezugspunkte und die Selbstwahrnehmung kritischer Praxis haben. Die Selbstverständlichkeit, mit der das Berliner Gender Manifest von 2006 „kritisch reflektierende Praxis“ mehr oder weniger gleichsetzt mit der Dekonstruktion von Geschlecht und dem Ziel der Herstellung von Geschlechtervielfalt erscheint mir dafür symptomatisch. Im hiesigen Kontext wirkt dies jedenfalls weitaus weniger offenkundig. Angesichts der vielen ungeklärten Fragen bezüglich dieser Problematik würde man es sich zu leicht machen, das als Zurückgebliebenheit der Provinz oder reflexiven Mangel abzutun.

Wie aber kann mir die gegenwärtige feministische Diskussion zu Theorie-Praxis-Verhältnissen dabei helfen, angemessen mit den ambivalenten Eindrücken, Erfahrungen und Befunden umzugehen, die ich von meinen Exkursionen in die Praxis mitgebracht habe? Dazu nur eine kurze Skizze als Strukturierungshilfe für die Suche nach einer Antwort. Im Moment sehe ich drei große Richtungen, die sich mehr oder weniger deutlich gegeneinander positionieren: Da sind erstens diejenigen, die auf die inspirierende Rolle von Theorie für die Gender-Beratungspraxis setzen, dies bezieht sich insbesondere auf die Sensibilisierung für die paradoxen Effekte des eigenen praktischen Tuns. Als Feministin, die eher aus der Theoriearbeit kommt, würde ich ergänzend das wechselseitige Verwiesensein von feministischer Theorie und Praxis betonen. Theorie mag so handlungsentlastet sein wie sie will: Ohne die Rückbindung an gesellschaftliche Bedingungen und deren Erfahrung in verschiedenen Praxisfeldern bliebe sie leer und könnte noch nicht einmal mehr ihre eigenen Grenzen und gegebenenfalls Wirkungslosigkeit registrieren und begreifen.

Zweitens gibt es Stimmen, die die grundlegenden Unterschiede zwischen verschiedenen Formen des Geschlechterwissens hervorheben, so etwa dem Alltagswissen, dem wissenschaftlichen Geschlechterwissen und managerialer Genderexpertise. Als prägnantes Beispiel für diese Distanz wird gern der unterschiedliche Bezug auf Zweigeschlechtlichkeit herangezogen: Würden im Alltagswissen Männer und Frauen als schlicht gegeben vorausgesetzt, so befasse sich das wissenschaftliche Geschlechterwissen mit der Art und Weise, wie sie unterschieden werden. Insbesondere Angelika Wetterer betont die ausschlaggebende Bedeutung institutioneller Kontexte für die Herausbildung je spezifischer Wissensformen und sieht anstelle einer fruchtbaren Wechselbeziehung eher eine tendenzielle Unvereinbarkeit der Wissensformen, ihrer Logiken und Anerkennungsbedingungen. In Wetterers Sicht ist die „Fremdsprachigkeit“ oder sogar Unbrauchbarkeit der verschiedenen Formen des Geschlechterwissens füreinander geradezu ein grundlegendes Merkmal vollzogener Differenzierung, wie sie Professionalisierungsprozesse begleite.

Als dritte Strömung würde ich Stimmen zusammenfassen, die sich – oft in Verbindung von gouvernementalitätskritischen, (de)konstruktivistischen und/oder queerfeministischen Orientierungen – mit den institutionalisierten und bürokratieanfälligen Formen von Frauen- und Geschlechterpolitik auseinander setzen. Insbesondere die Strategie des Gender Mainstreaming ist vielfach Gegenstand der Kritik geworden. Die Sympathien in diesem Spektrum liegen – aus meiner Sicht – erkennbar nicht bei staatlich gezügelten Formen der Politik, die Impulse aus sozialen Kämpfen in administrative und juristische Regulative transformieren. Die Sympathien liegen auch nicht bei der professionalisierten Frauen- und Antidiskriminierungsarbeit, die als Formen der sozialtherapeutischen und pädagogischen Entschärfung gesellschaftlicher Konflikterfahrungen und damit als Teil neoliberaler Selbstoptimierungszwänge interpretiert werden. Sie liegen stattdessen bei erfindungsreichen Projekten und basisdemokratischen Aktionen auf Straßen und Plätzen, deren befreiendes Potential (als) hoch (ein)geschätzt wird. Als Modell für diese kollektiven Praxen gelten die repräsentations- und identitätskritischen Bewegungen der Platzbesetzungen seit 2011.

Differierende Ansichten von Theorie und Praxis.

Drei Rahmungen sind hier in aller Kürze und – unweigerlich auch – Verkürzung nur angedeutet, in denen Theorie-Praxis-Verhältnisse sich jeweils in fundamental unterschiedlichen Ansichten darstellen. Auch wenn sie einander auf den ersten Blick auszuschließen scheinen, sehe ich eine Herausforderung darin, sie durch kritische Bestimmung der mit den jeweiligen Positionen einhergehenden Dilemmata füreinander fruchtbar zu machen.

Wie die erste Strömung halte auch ich daran fest, dass nichts so praktisch ist wie gute Theorie. Praktisch heißt dabei nicht unbedingt nützlich in einem instrumentellen Sinne, wohl aber im Sinne eines emphatischen Begriffs, der Praxis als transformatives Übersetzen oder übersetzende Transformation begreift und feministische Theorie als Kritik im Handgemenge, als Vorratsarbeit für die Selbstverständigung der Zeit über ihre Wünsche und Möglichkeiten.

Angelika Wetterers Typologie des Geschlechterwissens eröffnet Reflexionsmöglichkeiten gerade durch ihre bewusste Überzeichnung institutioneller Differenzierung. Diese ist in Rechnung zu stellen und empirisch zugleich zu relativieren. Tatsächlich sind die Wissensformen weniger klar voneinander getrennt; sie beeinflussen sich auf vielfache Weise, aber nicht im Stil herrschaftsfreier Kommunikation, sondern unter Bedingungen von Hegemonien, Machtasymmetrien und Herrschaft.

Bei aller Sympathie mit dem identitätskritischen, negatorischen und zugleich auf die Kreativität der Vielen setzenden Impetus der dritten Strömung, denke ich, dass feministische Politik nicht auf Formen der Institutionalisierung und Organisierung verzichten kann, die repräsentationelle Elemente beinhalten. Diese Widersprüche werden in den repräsentationskritischen Bewegungen ebenso reflektiert wie die Dilemmata von Verdinglichung, von Gleichheit und Differenz Gegenstände reflektierter Gleichstellungspolitik sind. Insofern ist es falsch, die Richtungen als einander ausschließend anzusehen.

Veränderte Kritikbedingungen

Bislang bin ich immer davon ausgegangen, dass die spezifische Produktivität im durch und durch netzförmigen „Viereck“ von Frauenbewegung, Gleichstellung, Geschlechterforschung und Frauen- bzw. Geschlechterpolitik darin begründet liegt, dass es bei aller Professionalisierung und Arbeitsteilung doch von Grenzgänger_innen getragen wird, die mit feministischen und geschlechterbezogenen Themen in jedem Bereich „zwischen den Stühlen“ sitzen. Sie haben sich der Entweder-Oder-Logik der herrschenden institutionellen Ordnungen von Wissenschaft, Politik und praktischem Expert_innentum nicht gefügt. Nicht immer nur aus freien Stücken, sondern auch als Effekt anhaltender Randständigkeit der ganzen Thematik, trotz aller rhetorischen Modernisierung. Die Position „zwischen den Stühlen“, der Spagat, die Transfers und Reibungen zwischen den verschiedenen Feldern waren es, die zur Vitalität der feministischen Konstellation und zu ihren kollektiven Lernprozessen beigetragen haben. Unübersehbar haben in den vergangenen rund 20 Jahren Formen der Spezialisierung, der Professionalisierung und Arbeitsteilung zugenommen, auch die Öffentlichkeiten, in denen früher der „Schwesternstreit“ und die großen Kontroversen unter Anwesenden ausgetragen wurden, haben sich verändert. Mir scheint, dass die Form des Lernens in kollektiven Debatten der Vergangenheit einer übersichtlicheren, kleinräumigeren und irgendwie auch bornierten „fordistischen“ Konstellation des Feminismus angehört. Der Drive feministischer Grundlagenkritik ist selbst angewiesen auf die Ausschlüsse, die das Feld hervorgebracht hat. Was aber kommt nach der Grundlagenkritik? Auf dem Hintergrund meiner biographischen Erfahrung nehme ich das Abkühlen der „heißen epistemischen Kultur“ des Feminismus, inklusive seiner akademischen Varianten durchaus als Verlust wahr; der Komplexitätsgewinn ist zu begrüßen, aber er verändert die Kritikbedingungen. Gleichzeitig ist unübersehbar, dass sich etwas neu konfiguriert, nicht zuletzt unter Nutzung der neuen Medien und des Internet. Dass die feministischen studien, eine interdisziplinäre Theoriezeitschrift mit Tradition, unter die Blogger_innen gegangen ist, gehört selbst zu diesen Veränderungen.

Während ich über die Eindrücke von meinen Besuchen „Achter de Dieken“ nachdachte, erreichte mich die Email einer ehemaligen Studentin, die vor einigen Jahren zum Promovieren in eines der Zentren der Genderforschung gezogen war und sich nun mit der Frage ihrer beruflichen Zukunft auseinander setzt. Auch sie schreibt von „Achter de Dieken“: „Frage mich aber gerade, ob ich überhaupt noch außerhalb dieser rosaqueeren Pomo-Uniblase leben kann. Gar nicht so leicht, von all dem Abschied zu nehmen.“ Wie symptomatisch ist diese Wahrnehmung des akademischen (Queer)Feminismus als Exklave? Ist sie eine Art Innenansicht auf die sozialisierende Wirkung des Elfenbeinturms oder steht die Exklave als Blase der Freiheit für einen gesellschaftlichen Vor-Schein im Blochschen Sinne? Wie weit sind die Wege von dort nach anderswo? Und zurück?

Berlin, Berlin und anderswo… III

… Teil drei der Reihe Berlin, Berlin und anderswo

Auf Augenhöhe

Am 9. Februar fand das Gespräch mit dem Vierer Team des Frauenzentrums Schleswig statt. Damit liegt der letzte Besuch einer frauen- bzw. geschlechterpolitischen Einrichtung an meinem neuen Wohnort in der Grenzregion zu Dänemark hinter mir. Verglichen mit der prekären Situation der ‚Internationalen Frauenwerkstatt Saheli’, von der ich im vorigen Blogeintrag berichtete, sind sowohl das Gleichstellungsbüro als auch das Frauenzentrum gegenwärtig institutionell gesichert. Das kommunale Gleichstellungsbüro, weil es eine gesetzlich mehrfach verankerte und vor allem im Gleichstellungsgesetz (GstG) des Landes Schleswig-Holstein inhaltlich definierte Aufgabe erfüllen soll, das Frauenzentrum, weil es in der Arbeitsteilung der verschiedenen Einrichtungen in Stadt und Landkreis wichtige Problemfelder abdeckt. Ein für mich erstaunliches Zeichen von Kooperation auf Augenhöhe: Das Frauenzentrum, eine Gründung aus den frauenbewegten 1970er Jahren, ist laut Bericht der Gleichstellungsstelle berechtigt, die städtische Gleichstellungsbeauftragte bei Abwesenheit gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern zu vertreten. Aus großen Städten kenne ich so etwas nicht.

Die Schleswiger Gleichstellungsbeauftragte, Karin P.-N. macht einen patenten, aufgeschlossenen Eindruck. Von Haus aus Erzieherin und Diakonin hatte sie sich vor rund 15 Jahren auf die neu eingerichtete Stelle beworben, weil sie das Aufgabenfeld interessierte und sie sich beruflich mit einer Vollzeitstelle verbessern konnte. Engagiert erzählt sie von den verschiedenen Facetten ihrer Arbeit, dem learning by doing in und durch Praxis, den Anregungen, die sie aus dem vergleichenden Blick über die Grenze nach Dänemark gewinnt, von den Vorteilen der Übersichtlichkeit und der „kurzen Wege“ in einer Kleinstadt, die vieles erleichtern.

Die gegenwärtige Stimmungsmache gegen den vermeintlichen  ‚Genderismus’ und die Überbürokratisierung durch zu viele Gleichstellungsbeauftragte hält sie von sich aus nicht für erwähnenswert. Anstatt des Gegenwinds, bei dem man die Segel anders setzen kann, um vorwärts zu kommen, befürchtet sie eher die Gefahren einer Flaute. Und die droht von anderswo her: So sieht Karin P.-N. in Sparzwängen der Kommunen und in zeitlichen Verdichtungen der Arbeit Entwicklungen, die tendenziell die Bereitschaft tangieren, sich zusätzlich mit gleichstellungspolitischen Themen zu befassen. Vor allem der Bürokratievorwurf und der Verdacht der ‚Doppelarbeit’, wenn sie mit ihrer Querschnittsaufgabe in den Leistungsbereich anderer Abteilungen oder Beratungseinrichtungen gerät, seien bedenklich, da sie bei politischer Opportunität gegen ihre Arbeit ins Feld geführt werden können. Der gesetzliche Auftrag ist unter solchen Bedingungen, so sagt sie, immer noch ein starkes Argument.

Karin P.-N. hat mir ihren Jahresbericht 2012/13 zu lesen gegeben, der Auskunft gibt über ihre Tätigkeit in jenem Jahr. Neben allgemeiner Beratung zu Themen wie flexible Arbeitszeiten, Wiedereinstieg in den Beruf oder Konflikte am Arbeitsplatz, z.B. Mobbing, spielt vor allem Aufklärungsarbeit eine Rolle, die wesentlich in Form von Vorträgen stattfindet, die sie in Gremien, Einrichtungen und Vereinen hält. Zurzeit bestehende Arbeitskreise, in denen spezifische Themen bearbeitet und Problemlösungsvorschläge entwickelt werden, sind u.a. der Arbeitskreis Alleinerziehende und interessierte Frauen, die AG Arbeitswelt, die AG Familientag und die AG Kinderarmut im Bündnis für Familie in der Region Schleswig-Flensburg. Die Umsetzung von Gender Mainstreaming auf der kommunalen Ebene ist ein zentrales Thema. So wurde in der Gleichstellungsstelle ein Gender-Leitfaden für die Kindertagesstätten erstellt und praktisch erprobt: alle städtisches Kitas nahmen an einer Schulung teil zu „Gender im Kita-Alltag.“ Damit ‚übersetzt’ Frau P.-N. Vorgaben aus den Bildungsleitlinien des Landes Schleswig-Holstein für Kindertagesstätten, in denen die Gender-Problematik einen wichtigen Baustein darstellt, in Praxisfelder der kommunalen Verwaltung. Solche ‚Übersetzungen’ genauer kennenzulernen, die in den verschiedenen geschlechterpolitischen Kontexten unterhalb der Ebene gängiger Pauschalcharakterisierungen von ‚Theorie’ und ‚Praxis’ stattfinden, ist für die Selbstreflexion feministischer Theorie meines Erachtens unverzichtbar.

Praxis mit und ohne Theorie

Im Tätigkeitsbericht ist auch das Anforderungsprofil der städtischen Gleichstellungsbeauftragten aufgeschlüsselt. Neben den allgemeinen Qualifikationen und Fähigkeiten, die für Managementaufgaben gefordert sind, findet sich ein Punkt „frauenpolitische Kompetenz“. Sie besteht aus den Elementen: „Frauenspezifische Interessenvertretung/Parteilichkeit, Engagement in Politik, Gewerkschaften, Verbänden, Vereinen; Kenntnisse der Geschichte und der Positionen der Frauenbewegung, Fähigkeit zur feministischen Geschichtsanalyse, Gender Kompetenz; Kenntnis frauenrelevanter Gesetzeswerke.“ Haltungen, Aktivitäten, Erfahrungen, Kenntnisse und reflexives Vermögen sind in diesem Profil locker zusammengeführt. Die bewegungsgeschichtlichen Zerreißproben, die sich hinter den Komponenten „frauenspezifische Interessenvertretung/Parteilichkeit“ und „Gender Mainstreaming“ verbergen, erscheinen hier aufgehoben, bzw. der Praxis überlassen. Das erinnert mich wieder an einen Satz des holländischen Phänomenologen und Psychologen J.H. Van den Berg, der gesagt hat: „Wir leben beständig eine Lösung der Probleme, die für das Denken hoffnungslos unlösbar sind.“ Wie aber werden im ‚gelebten Leben’, wie es sich etwa in der Praxis eines Gleichstellungsbüros darstellt, die Probleme, wie sie das Denken gefasst und Sprache bezeichnet hat, bearbeitet? Und welches Denken bzw. ‚Wissen’ hat die Probleme als solche bestimmt?

Zweifellos sind in die Problemdefinitionen, in deren Horizont Karin P.-N. arbeitet, über die sie Vorträge hält oder die sie in Form von Schulungen umsetzt, feministische Einsichten und Befunde der Frauen- und Geschlechterforschung eingeflossen. Wie vermittelt auch immer. Im Glossar, das den Tätigkeitsbericht der Gleichstellungsbeauftragten abschließt, finden sich kurze, prägnante Erläuterungen zu den Stichworten „Antidiskriminierung/Diskriminierung“, „Feminismus“, „Frauenquote“, „Gender“, „Gender Mainstreaming“, „Gender Pay Gap“, „Gleichstellungspolitik“, „Gender-Kompetenz“ und „Geschlechterforschung/Gender Studies“. Auch in diese Erläuterungen fließen Einsichten aus dem wissenschaftlichen Diskurs ein. Dennoch sagt sie in unserem Gespräch, dass Geschlechterforschung und feministische Theorie in ihrer täglichen Arbeit keine Rolle spielen würden. Aktuelle Ergebnisse empirischer Forschung nähme sie schon mal zur Kenntnis, aber „am liebsten in einer Kurzzusammenfassung.“ Gelegentlich, so die Antwort auf meine Nachfrage nach feministischer Theorie, würden studentische Praktikantinnen Impulse aus dem akademischen Diskurs ins Spiel bringen. So zum Beispiel die Diskussionen um geschlechtergerechte und diskriminierungsfreie Sprache. Gefragt, welche der im Umlauf befindlichen Varianten sie verwendet, ob Binnen-I, Unterstrich, Sternchen oder anderes, antwortet sie, dass es darum gehe, Frauen überhaupt erst einmal sichtbar zu machen und dass sie männliche und weibliche Sprachformen verwendet. Die konstruktivistische Grundlagendiskussion über die Verdinglichung der Zweigeschlechtlichkeit, etwa durch Gender Mainstreaming, ist für sie – anders, als die kritische Reflexion von Geschlechterstereotypen, die Frauen und Männern zuschreiben, wie sie sind und was sie zu tun und zu lassen haben – sehr weit weg. Das Thema Intersektionalität, das ich als Beispiel für die jüngere feministische Theoriediskussion bringe, übersetzt sie spontan in die Formel des „ganzheitlichen Denkens“, in dem sie geübt sei: „Als Diakonin konnte ich von den jeweiligen unterschiedlichen Lebensbedingungen auch nicht absehen. Das ist für mich selbstverständlich.“ In einem Punkt wird Wissenschaft für sie allerdings aktuell bedeutsam: als geplante Begleitforschung eines Experiments in der Leitung des städtischen Bauamts. Nachdem die bisherige Leiterin wegen der Geburt eines Kindes auf Teilzeitarbeit gewechselt hat, soll das Amt in einer Zweierbesetzung mit einer weiteren Frau in Teilzeit, d.h. ‚familienfreundlich’, geführt werden. Da es sich um den ersten Versuch dieser Art in Norddeutschland handelt, der zudem, angesichts enormer Herausforderungen in der Stadtentwicklung, nicht unumstritten ist, liegt ihr das Gelingen des Projekts und seine Akzeptanz besonders am Herzen. Da erhofft sie von der Wissenschaft empirisch gestützte Belege für den Sinn und die – erwarteten – positiven Wirkungen des Experiments.

Von Frauen für Frauen

Während kommunale Gleichstellungsbüros, wenn auch erkämpft durch Engagement ‚von unten’, strukturbezogene Aufgaben auf der Führungsebene der Kommunalverwaltung wahrnehmen und insofern (zumindest auch) top down agieren, repräsentieren Einrichtungen wie das Frauenzentrum Schleswig e.V. inhaltlich und institutionell noch ein Stück der autonomen Tradition der Frauenbewegung: dem Selbstverständnis nach feministisch geprägt, mit dem Ziel des empowerment von Frauen und einer nicht-hierarchischen Teamstruktur. Aber seit den Anfängen in den frauenbewegten Selbsthilfegruppen und der Notrufarbeit der 1970er Jahre hat sich auch Vieles verändert. Einige Stichworte und Zahlen spiegeln die Geschichte des Zentrums als eine der Ausweitung, Konsolidierung und vor allem zunehmender Professionalisierung: Seit 1979 ist das Frauenzentrum Schleswig als gemeinnütziger Verein eingetragen. Seit 1989 ist die Frauenberatungsstelle bei häuslicher und sexueller Gewalt in der Trägerschaft des Vereins, seit 1995 die Schwangerschaftskonfliktberatung und schließlich seit 2000 auch KIK Schleswig-Holstein, ein Kooperations- und Interventionskonzept für alle Institutionen und Einrichtungen, die mit häuslicher Gewalt befasst sind. Seit März 2000 unterstützt zudem ein Förderverein die Arbeit des Frauenzentrums, das finanziert wird aus Landes- und kommunalen Mitteln sowie aus Eigenmitteln des Vereins.

Das Team des Frauenzentrums besteht zurzeit aus drei Frauen, die ein sozialpädagogisches Studium absolviert und Zusatzqualifikationen im beraterischen und sozialtherapeutischen Bereich erworben haben, sowie einer Verwaltungskraft. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt, was sich auch in der Verteilung der Stundenkontingente ausdrückt, im Feld von Frauenberatung bei sexualisierter Gewalt/Notruf/KiK, aber auch die Schwangerenkonfliktberatung nimmt breiten Raum ein. Dass das Frauenzentrum bei finanziellen Notlagen Gelder aus der Bundesstiftung „Mutter und Kind“ verteilen kann, gibt diesem Bereich zusätzliches Gewicht. In der Einschätzung von Monika S., die dem Zentrum am längsten angehört, ist es dieses Doppelprofil und die im Lauf der Zeit erworbene Professionalität, die zu der hohen Akzeptanz beigetragen hat, die das Frauenzentrum in Schleswig genießt. Hätte man früher bei der Thematisierung sexualisierter Gewalt schon mal gehört: „Sowat givt dat bi uns nich“, würde heute die Notwendigkeit ihrer Arbeit doch weitgehend eingesehen. Dieser Wandel, in dem sich Wirkungen feministischer Kritik niederschlagen, ist positiv, aber Monika S. und ihre Mitstreiterinnen beobachten auch Veränderungen der Rahmenbedingungen, die sich erschwerend auswirken. Da ist zum einen der demographische Wandel; die Mitglieder- und Altersstruktur des Vereins verschiebt sich. Mit wachsendem Alter schwinde nicht nur tendenziell die Bereitschaft zur aktiven Teilhabe, auch die biographisch frauenbewegten Impulse gingen dem Feld allmählich verloren. Dem entsprechen Veränderungen auf der Seite der Beratung suchenden Frauen, wie Isabel C. registriert: „Die Politisierung des persönlichen Leids ist zurückgegangen“, dies gelte vor allem für junge Frauen, die kein Bewusstsein von Benachteiligung mehr hätten. Damit würden sich auch die Anforderungen an Beratung verändern.

Wie die Gleichstellungsbeauftragte sagen auch meine Gesprächspartnerinnen vom Frauenzentrum, dass feministische Theorie und Geschlechterforschung in ihren Arbeitsalltag wenig Raum haben: „Sie stellen aber trotzdem eine elementare Basis unserer parteilichen Frauenarbeit dar.“ Im Studium haben sich sowohl Heidi T., die „Neue“ im Team, als auch Isabel C. gezielt mit feministischen Problemstellungen befasst. Isabel C., deren Diplomarbeit Positionen in der feministischen Sprachforschung vergleichend diskutiert, führt vor allem „Zeitmangel“ als Grund für die Entfernung zum wissenschaftlichen Diskurs an. Von größerer Bedeutung seien da Fachkonferenzen und aktuelle Auswertungen von Studien wie z.B. die Analyse von Strafverfahren gemäß § 177 StGB (Sexuelle Nötigung, Vergewaltigung), die sowohl den politischen Auftrag als auch die individuelle Beratungstätigkeit beeinflussen. Kontroversen in ihrem Feld, die vor allem bei Treffen im Netzwerk der Frauennotruftreffen (FNT) oder dem Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Notrufe (bff) ausgetragen werden, dem sie angehören, beziehen sich auf die Interpretation des Auftrags und der Zielgruppe ‚Frauen’: Schließt sie auch Transfrauen ein und sollen männliche Opfer sexualisierter Gewalt einbezogen werden? Hierzu gibt es im Netzwerk unterschiedliche Auffassungen. Für Isabel C. stehen „postmoderne“ Theorie und die Diskussion um Gender und Diversity für eine Entwicklung, die wegzuführen droht von der feministischen, frauenpolitischen Agenda, die ihre Sache ist.

Antifeministische und antigenderistische Strömungen sehen auch die Zentrumsfrauen gegenwärtig nicht als direkte Bedrohung für ihre Arbeit. Die Gefahr einer Delegitimierung komme eher, und auch darin stimmen sie mit Karin P.-N. überein, im Gewand scheinbar rationaler Sachargumente. Der Vorwurf einer „Doppelstruktur“ könne, wenn die politische Stimmung kippt und Mehrheitsverhältnisse sich verschieben, die Akzeptanz eines Ansatzes tangieren, dem es vor allem darum gehe, die betroffenen Frauen zu unterstützen und zu stärken, gegenüber den Paarberatungsansätzen anderer Einrichtungen (z.B. Diakonie und pro familia).

Meine Stippvisiten der frauen- bzw. geschlechterpolitischen Einrichtungen in der nördlichen Provinz beanspruchen nicht, systematische Einblicke zu geben. Es sind Impressionen, die zum Weiterfragen anregen können. Davon auszugehen, wie vielleicht die Überschrift über dieser kleinen Blogserie nahelegt, dass die wahrgenommene Irrelevanz feministischer Theoriebezüge im Arbeitsalltag Symptom einer Ungleichzeitigkeit zwischen ‚Berlin’ und ‚anderswo’ wäre, würde unterstellen, dass die Taktgeber eines avancierten Bewusstseins im großstädtischen Zentrum zu vermuten seien, nicht in der ländlichen Peripherie. Das denke ich nicht. Die Verhältnisse und Kommunikationswege sind viel komplizierter. Ich gehe auch nicht davon aus, dass kritische Theorien per se über höhere Einsichten verfügten und dass sie deshalb in – selbstverständlich ebenfalls kritische – Praxis „umzusetzen“ wären. Gegen die simplifizierenden Annahmen eines solchen ‚Umsetzungsmodells’ könnte die erklärte Randständigkeit des Theoriediskurses durchaus eine sowohl praxisadäquate als auch kritische Antwort sein. Gleichzeitig ist unübersehbar, dass in die jeweiligen Praxen viel an geschlechtertheoretischen Deutungen eingeflossen ist und dass theoriebasierte Praxisreflexion gerade angesichts der in den Gesprächen selbst beschriebenen Veränderungen unverzichtbar ist. Historisch und strukturell haben beide etwas miteinander zu tun, sind aufeinander verwiesen – aber offenkundig sieht die Beziehung heute anders aus als früher, in den Hochzeiten des „magischen Vierecks“ mit seinen relativ überschaubaren Öffentlichkeiten und Perspektivierungen. In meinem nächsten und letzten Blogeintrag will ich dem noch einmal nachgehen.

Alle Beiträge der Reihe Berlin, Berlin und anderswo …

Saheli lebt …

… Teil zwei der Reihe Berlin, Berlin und anderswo

Inzwischen habe ich mich mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt getroffen und mit der Leiterin der „Internationalen Frauenwerkstatt Saheli“. Das Treffen mit dem Team des Frauenzentrums Schleswig e.V. steht noch aus. Etwas trotzig habe ich die Datei mit den Aufzeichnungen der bisherigen Gespräche „Notizen aus der Provinz“ genannt – ein Akt der Parteinahme, denn ich bin von meinen Stippvisiten beeindruckt an den heimischen Schreibtisch zurückgekehrt.

Die Bereitwilligkeit, sich mit mir, einer ihnen Unbekannten ohne institutionelle Anbindung, zu treffen und von der eigenen Arbeit zu erzählen, hat mich überrascht. Nirgendwo hatte ich mich schriftlich angemeldet. Zum Frauenzentrum war ich einfach mit dem Rad gefahren, um dort – vom Nieselregen leicht derangiert – mein Anliegen vorzubringen. Vorgestellt hatte ich mich als Neubürgerin, die die frauenpolitische Szene in Schleswig kennenlernen möchte. Und als Geschlechterforscherin, zur Zeit auch noch Bloggerin bei den feministischen studien, die sich Gedanken über das Verhältnis von frauen-, gleichstellungs- und antidiskriminierungspolitischer Praxis und Geschlechterforschung bzw. feministischer Theorie macht. Auch bei der „Internationalen Frauenwerkstatt Saheli“, wo ich bei meinem Spontanbesuch ins „Frauenfrühstück“ reingeplatzt war, wurde meine Bitte um ein Gespräch sofort freundlich aufgenommen. Im Gleichstellungsbüro der Stadt, das sich im entfernter gelegenen Rathaus in der Altstadt befindet, hatte ich telefonisch um einen Termin gebeten und war auch hier auf neugieriges Interesse und professionelles Entgegenkommen gestoßen.

Die Settings der Gespräche unterschieden sich. Die Gleichstellungsbeauftragte empfing mich gemeinsam mit ihrer Sekretärin und einer Praktikantin in ihrem großzügigen Büro im Rathaus. Mit der Vertreterin der „Internationalen Frauenwerkstatt Saheli“ sprach ich allein, weil sie die Arbeit ihrer Einrichtung auch ziemlich allein aufrecht erhält. Der Termin beim Frauenzentrum kann erst Anfang Februar stattfinden, weil möglichst das ganze, dann weitgehend neu zusammengesetzte, Team bei dem Gespräch anwesend sein soll.

„Saheli“, so lernte ich, bedeutet „Freundin“. Gegründet vor Jahren von Schleswigerinnen, die einen internationalen Ort für Frauen schaffen wollten, an dem diese gemeinsam nähen oder sonst etwas Handwerkliches herstellen (deshalb „Werkstatt“) und sich bei dieser Gelegenheit kennenlernen und austauschen könnten. Auch eine Anlaufstelle für Migrantinnen im Ortsteil Friedrichsberg sollte es sein, wo diese praktische Unterstützung im Umgang mit Behörden und Ähnlichem bekommen könnten.

Meine Gesprächspartnerin, Frau G., ist vor sieben Jahren zu „Saheli“ gekommen. Als Ein-Euro-Kraft vom Arbeitsamt dorthin vermittelt, um den beiden Gründerinnen und ihrem Verein zur Seite zu stehen. Einen Bezug zur Frauenbewegung oder Frauenpolitik hatte die gelernte Kinderpflegerin und erfahrene Büroangestellte nicht. Das Praxisfeld ihrer Einrichtung hat sie sich im Laufe der Zeit über mitmachendes Lernen erschlossen. Feministische Theorie spielt in einer anderen Welt. Geschlechterforschung auch. Schon das Aussprechen der Worte wirkt hier merkwürdig deplatziert. Die frauenbewegte Vorgeschichte von „Saheli“ ist in den Aktenordnern bewahrt, aber nicht Teil eines bewegungspolitischen Selbstverständnisses der gegenwärtigen Akteurinnen. Dennoch gibt es „Überlebsel“ (Freud) aus jener Zeit, so etwa die Selbstbezeichnung als „Werkstattfrauen“. Frau G. erzählt lachend, dass dieses Wort manche schon irritiert habe. Einer habe sogar als ernstgemeinte Alternative „Empfangsdamen“ empfohlen. Ein Vorschlag aus dem Geist des neuen Begrüßungsmanagements für Flüchtlinge?

Die Initiatorinnen von „Saheli“ sind inzwischen verstorben, es gibt zwar noch eine Vereinsstruktur, aber fast alle Mitglieder haben sich aus der praktischen Arbeit zurückgezogen, Nachwuchs fehlt. Frau G. macht weiter. Der Landkreis und die Stadt tragen nach wie vor anteilig eine Grundfinanzierung (z.B. die Miete für die geräumige Wohnung im Erdgeschoß des nahe dem Bahnhof gelegenen Altbaus). Damit würdigen sie die niedrigschwellige Stadtteilarbeit mit Migrantinnen, vorwiegend türkischer und arabischer Herkunft, neuerdings verbunden mit der nachdrücklichen Empfehlung, die bislang punktuelle Kooperation mit dem Frauenzentrum auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu intensivieren.

Auf verschiedene Weise wird versucht, das Budget aufzustocken. Ein Flohmarkt hat wenig gebracht, mehr schon die kostengünstige Überlassung der Räumlichkeiten für Geburtstags- und Familienfeiern. Die Grundidee ist zündend: da Migrant_innen oft eher kleine Wohnungen haben, brauchen sie einen Ort für Feste. Die Botschaft des Schildes an der Tür von „Saheli“, „Zutritt nur für Frauen“, wird zu solchen Zwecken pragmatisch außer Kraft gesetzt: „Auch die Väter wollen ja wissen, wo ihre Kinder Geburtstag feiern.“ Zum „Frauenfrühstück“ tragen u.a. Spenden der lokalen Tafel bei. Frau G. arbeitet inzwischen nicht mehr auf Ein-Euro-Basis, sondern betreibt „Saheli“ für Null Euro weiter unter dem Vorbehalt, dem Arbeitsmarkt jederzeit zur Verfügung zu stehen. Dieser Vorbehalt von Amts wegen hat aber praktisch kaum Auswirkungen, auch der hiesige Arbeitsmarkt heißt Frauen ihres Alters nicht willkommen.

Jeden Vormittag ist Frau G. in der „Werkstatt“, wenn Termine anfallen auch mal nachmittags. Sie hilft bei der Anmeldung von Kindern in der Schule, beim Ausfüllen amtlicher Formulare; wenn es sein muss, setzt sie sich auch in den Bus und begleitet eine Frau zum Arzt. Sogar Deutschunterricht gibt sie. Zwar ist der nicht zertifiziert, da dafür die Voraussetzungen nicht gegeben sind, aber das Deutschsprechen ist eingebettet in praktische Aktivitäten, Kochen zum Beispiel, und macht Spaß. Sie habe es einfach nicht geschafft, sagt sie, „Saheli“ nach dem Tod der Gründerinnen nicht weiterzubetreiben, auch wenn sie manchmal am Ende ihrer Kräfte sei: „Aufhören, das kann ich meinen Mädels nicht antun.“

Fragen wie „Was wollen sie noch?“ oder „Was bleibt?“, die die Selbsthistorisierung des Feminismus begleiten, werden hier auf eine Weise beantwortet, die mich berührt hat. Da ist anscheinend ein „Nachlass“ angenommen worden, eine „Verlassenschaft“, wie es so schön im Österreichischen heißt. Dieser „Nachlass“ wird von Frau G. und den verschiedenen Nutzerinnen der Einrichtung weitergetragen als Praxis, die weder unmittelbar von den gesellschaftskritischen Deutungen des Feminismus inspiriert ist, noch sie zu Legitimationszwecken heranzieht, die aber in einem Geist der praktischen Frauensolidarität Probleme aufgreift, um im Alltagleben Unterschiede zu bewirken.

Während unseres Gesprächs klingelt mehrfach das Telefon, werden Verabredungen getroffen, schaut eine zur Tür herein. Man mag es angesichts der Rahmenbedingungen kaum glauben: Saheli lebt.

Axeli Knapp

Berlin, Berlin und anderswo …

Alle zieht es nach Berlin. Etliche meiner Mitstreiterinnen aus der Frauen- und Geschlechterforschung wohnen jetzt in der Hauptstadt oder wollen dorthin. Der Puls der Zeit scheint dort zu schlagen und manche sehen in Berlin die heimliche Hauptstadt der Genderforschung und des Feminismus. Mich hat es dagegen vor vier Jahren als frisch gebackene Ruheständlerin in die ländliche Peripherie gezogen. Nun wohne ich im „Echten Norden“, der bis vor kurzem noch als „Land der Horizonte“ für sich warb. Über Fragen feministischer Theorie und Praxis, die mich so lange beschäftigten, habe ich seit meinem Umzug zwar weiterhin gelesen und geschrieben, aber kaum einen Austausch mit anderen gehabt. Soweit ich bisher sehe, gibt es an meinem neuen Wohnort, der „freundlichen Kulturstadt“ (künftig wahrscheinlich „Wikingerstadt“) am „Ostseefjord Schlei“ kein feministisch-akademisch und linksliberal-grünlich geprägtes Milieu wie das, in dem ich mich in Hannover bewegte. Aber es befinden sich unter den laut Zensus 23.701 Einwohner_innen unübersehbar Menschen, die sich in Geschlechterfragen engagieren.

Bei der Lektüre der Schleswiger Nachrichten, dem lokalen, ziemlich bodenständigen Blatt, ist mir aufgefallen, wie präsent frauenbewegte, antidiskriminierungs-, gleichstellungs- und geschlechterpolitische Anliegen in Stadt und Landkreis Schleswig-Flensburg sind. Da lese ich, dass das einzige Kino am Platz in Kooperation mit dem regionalen „Bündnis Frau“ thematisch einschlägige Filmvorführungen organisiert, wie jüngst wieder zum „Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen“. Im St. Petri-Dom, dem Wahrzeichen der Stadt, wird zum „Männersonntag“ eingeladen zu einem „Gottesdienst von Männern nicht nur für Männer“. Und der Pastor des Ortsteils Friedrichsberg schreibt im Gemeindeblatt als seine Antwort auf die Frage „Was ist Liebe?“: „Wenn mein Mann im Urlaub auch nach der fünften Kirchenbesichtigung noch nicht die Geduld verliert.“ Im Rathaus gibt es die Vernissage einer von der „Arbeitsgruppe Hexenprozesse in Schleswig“ organisierten Ausstellung. Zur Eröffnung spricht neben dem Bürgermeister die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. In die Ausstellung eingeführt wird durch einen Vertreter der Arbeitsgruppe, der zugleich als Betreiber der geschichts- und museumspädagogischen Agentur „Zeitensprung“ Stadtführungen zum Thema „Hexenprozesse“ anbietet. Ziel der Ausstellung ist – nach fast 400 Jahren – die „Rehabilitierung der zu Unrecht verurteilten Frauen“. Die passende Begleitmusik zur Vernissage liefert eine Formation namens „Pech und Schwefel“. In der Rubrik „Region in Kürze“ wird unter der Überschrift „Von Frauen für Frauen: Tag der Begegnungen“ ein umfangreiches Vortrags- und Workshop-Programm von Frauen annonciert, die therapeutisch, coachend und beratend tätig sind. Der Erlös soll an das Frauenhaus und die Frauenberatungsstelle Wilma in Flensburg gehen. Bei der Lektüre des Kursangebots („Die Göttin ruft! Rückverbindung mit unserer weiblichen Kraft“, „Der Qigong-Weg der Frau“, „Lichtblicke des Frauseins“) fühle ich mich fast in die bewegten Zeiten der Berliner Sommeruniversitäten zurück versetzt, als es noch keine Separierung zwischen „autonomen“ und „Institutionenfrauen“ gab und Vertreterinnen der sogenannten „Spiri-Fraktion“, wie es damals hieß, sich noch mit linken Feministinnen und Wissenschaftlerinnen auseinander setzten und umgekehrt. Beim Gang zur Friseurin komme ich gleich an zwei Häusern vorbei, die einschlägige Beschilderungen tragen: „Frauenzentrum Schleswig e.V.“ und eine „Internationale Frauenwerkstatt Saheli“, die auf Plakaten in ihren Fenstern zum „Frauenfrühstück“ einlädt. All das erstaunt und macht neugierig.

Die Frage nach der Zukunft des Feminismus, wie sie im Jubiläumsheft der feministischen studien unter dem Titel „Was wollen sie noch?“ gestellt wurde, treibt mich nach wie vor um. Vielleicht sogar stärker als früher, weil ich, bedingt durch den Milieuwechsel, in manchen Einschätzungen unsicherer geworden bin. Im Grunde sind es weniger die anti-genderistischen Kommentare im Netz und in den Printmedien, die mich beunruhigen – die waren als Reaktion auf die gesellschaftliche Wirkung von Frauen-, Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitik zu erwarten. So ärgerlich und in ihren sozialklimatischen Wirkungen nicht zu unterschätzen sie auch sein mögen, letztlich sind sie Indikatoren des Erfolgs feministischer Kritik. Mehr Kopfzerbrechen bereitet mir das, was ich als Bröckeln und Ausfransen eines politisch-wissenschaftlichen Feldes und seiner Öffentlichkeitsformen empfinde. Oder sollte ich besser von seiner Ausbreitung und Normalisierung bei gleichzeitiger Vervielfältigung von Zugängen und Teilöffentlichkeiten sprechen? Von einer Streuung von Ansätzen und Strömungen, die inhaltlich nicht nur wenig verbindet, sondern die offenkundig im Widerspruch zueinander stehen, ohne dass sich daraus noch eine jener verbindenden und verbindlichen Kontroversen entwickeln würde, wie sie für den Feminismus bzw. die feministische Theoriediskussion bis zur Jahrtausendwende noch charakteristisch waren?

Bis dato hat mir immer die Metapher vom „magischen Viereck“ (Ilse Lenz) aus autonomer Frauenbewegung, Frauenforschung, Gleichstellungsstellen und frauenbewegten Politikerinnen geholfen, das Entstehen der frauenbewegt-feministischen Konstellation, ihre unterschiedlichen Ausprägungen in West und Ost, ihre Veränderungen und Formen der Öffentlichkeit zu begreifen. Die regulative Idee eines nicht identischen, aber solidarischen „Wir“, eines bei aller Differenz geteilten Projekts der Gesellschaftskritik und praktischen Veränderung war es, die die auseinanderstrebenden Kräfte immer wieder einfing und um Grundlagenfragen versammelte. Viele Erzählungen über den „westlichen“ Feminismus beschreiben ihn in diesem Sinne anhand der Debatten, der Lern- und Abarbeitungsprozesse, welche sowohl die Kritikperspektiven als auch die Selbstreflexion von Anfang an strukturierten: Die Täter/Opfer/Mittäterschaftsdebatte, die Gleichheit-Differenz-Debatte, die Debatte über Ungleichheit und Unterschiede unter Frauen, die Sex/Gender-Debatte und die Debatte über den Sinn und die Grenzen dekonstruktiver Ansätze. Es waren politische Debatten und kollektive Lernprozesse im Medium feministischer Theorie. In ihrem Zuge entstand niemals ein Einheitsdenken, wohl aber entwickelten sich Formen einer Reflexivität und Anforderungen an Komplexität, die ex negativo die Konturen des im Zeichen des Feminismus Denk- und Sagbaren umrissen.

An einem hohen Maß an Übereinstimmung kann es zweifellos nicht liegen, dass die heiße feministische Debattenkultur abzukühlen scheint. Es wird ja auch durchaus Kritik an einander geübt, sie bleibt allerdings punktuell und zündet nicht. Gibt es heute keine großen Themen mehr, die der Kontroverse würdig wären? Hat das besagte „Viereck“ seine Magie durch institutionelle Ausdifferenzierung so weitgehend verloren, dass Spannungsverhältnisse nicht mehr wahrgenommen werden und übergreifende Kontroversen nicht mehr möglich erscheinen? Ist das Ausbleiben von Widerstreit eine Ermüdungserscheinung oder Zeichen einer arbeitsteiligen Professionalisierung, Disziplinarisierung und Etablierung? Zeigen das Dominantwerden identitätspolitischer Problematiken und die Emphase der Dekonstruktion jetzt ihre Kehrseite? Und steht mit der Reflexion dieser Kehrseite eine Rekonfigurierung feministischer Gesellschaftskritik auf der Tagesordnung? Oder ist das Angebot an trans- und internationaler feministischer Theorie inzwischen so groß, unübersichtlich und für die Einzelnen nahezu uneinholbar, dass wir die Kontroversefähigkeit aus diesem Grund verloren haben?

Was soll ich davon halten, wenn eine Weggefährtin aus der Geschlechterforschung sich verabschiedet und verkündet, fortan nichts mehr zu dem Thema schreiben zu wollen. Warum nimmt sie ihre Kritik an jüngsten Entwicklungen in diesem Feld nicht – wie früher – zum Anlass, eine Debatte anzustacheln? Wie ist es einzuschätzen, wenn eine feministische Medienwissenschaftlerin in der Einleitung eines Buches mitteilt, „Gender“ sei „sowas von out“, meint sie damit „Gender“ oder auch die kritische Analyse von Geschlechterverhältnissen und den Feminismus? Was bedeutet es, wenn eine Gender-Professorin mir in einer Mail schreibt, dass sie manchmal an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns zweifelt? Geht es um die institutionellen und diskurspolitischen Bedingungen von Gender & Diversity Studien oder um die gesellschaftlichen Problematiken, die diese adressieren sollen oder könnten?

Die verschiedenen Eindrücke bewegen dazu, alte Grundsatzfragen des Feminismus mit Blick auf die veränderten Rahmenbedingungen und Trends erneut und entschiedener aufzuwerfen: In welchen Dialektiken bewegt sich feministische Aufklärung gegenwärtig und was genau bedeutet es, vom „erfolgreichen Scheitern feministischer Kritik“ zu sprechen, einem Topos, der anscheinend eine verbreitete Wahrnehmung trifft? Wie sieht der ungeliebte Erfolg aus und worin genau besteht das, was als „Scheitern“ bezeichnet wird? Ist Erfolg ohne Ambivalenz denkbar und wie sieht Kritik aus, die nicht (auch) scheitert? Wäre sie nicht zum Fürchten? Was passiert in den Übersetzungsprozessen zwischen den verschiedenen Feldern des Politischen? Wie ist es um das Verhältnis kritischer Ansätze im „akademischen Feminismus“ (Hark) und praktischen Veränderungsinteressen bestellt? Verweisen Phänomene der „Ver-Inselung“ und „Fremdsprachigkeit“ (Wetterer) füreinander auf einen Mangel von Theorie und Praxis oder sind sie Indikatoren vielleicht spät erfolgter, aber unumgänglicher Differenzierungsprozesse? Was sind heute die Kernprobleme feministischer Kritik? Ist feministische Theorie dabei, zur Flaschenpost zu werden, während „Institutionenfrauen“ und andere in diesem Feld engagierte Personen in ihren professionspolitischen Projekten von Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsarbeit mühsam dicke Bretter bohren und dabei auf Sicht steuern? Oder war sie es vielleicht schon seit längerem, ohne sich das einzugestehen? Wenn es viele Absender feministischer Theorie gibt, aber keine bestimmten Adressat_innen, noch nicht einmal die im Zeichen feministischer Grundlagenkritik auseinander genommene „imagined community“ der „Frauen“, bleibt dann nur die Vagheit einer Multitude? Welche Botschaften schicken feministische Theoretiker_innen an deren Adresse? Wer soll sie lesen? Wer will sie lesen? Wer kann sie lesen? Schicken Feminist_innen anderer Weltgegenden auch Flaschenpost? Wo strandet sie?

Nun aber Stopp!

Bevor ich nach Berlin fahre, um statt der entschleunigten „Langsamzeit“ meines neuen Zuhauses am nördlichen Rand mal wieder den schnellen Puls des Zentrums zu spüren, will ich ins Rathaus, ins alte „Graukloster“, um mich mit der Gleichstellungsbeauftragten zu treffen. Termine im Frauenzentrum und der „Internationalen Frauenwerkstatt Saheli“ sind auch schon verabredet. Mich interessieren die Probleme, mit denen sie als Verfechterinnen von Frauenbelangen, als Akteurinnen von Gleichstellung und Antidiskriminierungspolitiken in ihrer Arbeit hauptsächlich zu tun haben und die Frage, an welchen Formen von Wissen sie sich in ihrer jeweiligen Arbeit orientieren. Spielt feministische Theorie dabei eine Rolle? Wenn ja, in welcher Form? Spüren sie im Alltag den Gegenwind des „Anti-Genderismus“ und Antifeminismus und welchen Reim machen sie sich darauf? Ich bin gespannt und werde berichten.

Axeli Knapp

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