Autor: Ilse Lenz

Viele Stimmen im Spannungsfeld wechselwirkender Ungleichheiten

Die Neuen Deutschen

„Das gesellschaftliche Engagement gegen antisemitische, antimuslimische, frauenfeindliche und homophobe Einstellungen muss stärker unterstützt und gefördert werden in allen Teilen der Gesellschaft (uns natürlich eingeschlossen)“ – so lautete eine Forderung des Ersten Bundeskongress der Neuen Deutschen Organisationen, der die LeserInnen dieses Blogs wohl zustimmen werden. Zu dem Kongress trafen sich achtzig Initiativen der zweiten und dritten Generation von EinwanderInnen aus ganz Deutschland in Berlin im Februar 2015. Veranstaltet wurde er von dem JournalistInnennetzwerk Neue Deutsche Medienmacher. Frauen hatten wichtige Sprecherpositionen und auch Frauenverbände und queere Gruppen beteiligten sich, wie beispielsweise DaMigra, der Dachverband der Migrantinnenorganisationen, und die Lesbenberatung Berlin LesMigraS. Diese Gruppen sehen sich nicht als „Ausländer-“ oder Migrantenvereine, sondern als selbstverständlichen Teil dieser Gesellschaft. Also fordern sie keine Integrationspolitik, sondern eine gleichheitliche Gesellschaftspolitik für alle und Maßnahmen gegen Diskriminierung und Rassismus. Sie denken so den Kampf gegen Rassismus und Sexismus zusammen. Dafür wollen sie sich einmischen, organisieren, und sie führen eine Diskussion über Quoten für Entscheidungspositionen. Diese Stimmen stehen für viele andere AktivistInnen mit Einwanderungsgeschichte.

Untersuchungen zu Migrantinnen in der Frauenbewegung zeigen, dass sie als organische Intellektuelle (Gutiérrez Rodríguez 1999)1)Gutiérrez Rodríguez, Encarnación (1999): Intellektuelle Migrantinnen – Subjektivitäten im Zeitalter von Globalisierung. Opladen. und Brückenbauerinnen zwischen den Welten wirken. Auch Männer finden das Bild des „traditionellen Pascha“, das in den deutschen Medien verbreitet wird, beleidigend und suchen neue Wege (ibid.; Ghaderi 2014)2)Ghaderi, Cinur (2014): Politische Identität – Ethnizität – Geschlecht. Wiesbaden.. Nun treten organische Intellektuelle aller Geschlechter in transnationalen gleichheitlichen MigrantInnenbewegungen gemeinsam auf.

Wechselwirkende Ungleichheiten in Bildung und Beruf

Das ist kein Zufall, denn gegenwärtig differenzieren und verflüssigen sich auch in der Bundesrepublik bisherige Ungleichheitskategorien wie Geschlecht, Begehren und Migration. Wenn Ungleichheiten komplexer und flexibler zugleich werden, wo zeichnen sich neue Gleichheiten in der Teilhabe ab und wo verlaufen neue oder alte Linien von Ausschluss und Einschluss? Meine These ist, dass diese Veränderungen den Hintergrund bilden, vor dem die organischen Intellektuellen aller Geschlechter heute auftreten; daher will ich sie hier näher betrachten:

In einem neuen Projekt habe ich erstmals die wechselwirkenden Ungleichheiten von Geschlecht und Migration in Bildung und Beruf anhand des Mikrozensus untersucht.3)Lenz, Ilse (2014): Wechselwirkende Ungleichheiten. Von den Dualismen zur Differenzierung der Differenzen? In: Löw, Martina (Hg.): Vielfalt und Zusammenhalt. Verhandlungen des 36. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Frankfurt a.M. u.a., S. 843-858;
Lenz, Ilse (2015): Deutsche Veränderungen. Neue Gegensätze − neue Gleichheiten? Leverkusen;
Pathways to Success;
Für die Bildung: El Mafaalani 2012.
Dabei unterschied ich nach Herkunftsregion und Migrationsstatus, also deutschem oder ausländischem Pass, wobei ich die Einbürgerung nicht als Assimilation lese, sondern als Absicherung der Lebensplanung vor Ort. So ergab sich ein überraschendes Bild4)Betrachtet wurden nicht die jährlichen Abschlüsse bestimmter Bildungsinstitutionen in Deutschland, sondern der Anteil der jeweiligen Gruppe in der Bevölkerung im Alter von 18-29 Jahren, woraus sich Unterschiede zu anderen Statistiken ergeben.: Die höchsten Abiturraten haben mit etwa 50% Mädchen mit polnischem Pass (weit mehr als herkunftsdeutsche Mädchen mit 26,8%). Der Anteil der AbiturientInnen unter jungen MigrantInnen mit deutschem Pass aus Südosteuropa oder der Türkei ist auf etwa ein Sechstel angestiegen. 15,7% der turkodeutschen Jungen und 17,3% der turkodeutschen Mädchen mit deutschem Pass machen das Abitur, aber nur 7,2 % und 6,3% der Jungen und Mädchen aus der Türkei ohne deutschen Pass. 47,6% der Jungen und 41,5% der Mädchen mit türkischem Pass erreichen den Hauptschulabschluss, 10,5% der Jungen und 15,8% der Mädchen bleiben ganz ohne Abschluss. Der tendenziellen Öffnung für die Jugendlichen mit gesichertem Aufenthalt steht also ein erschreckender Ausschluss von Jungen und Mädchen mit türkischem Pass gegenüber. Während sich das Bildungssystem vor allem für Jugendliche mit deutschem Pass rasch etwas öffnete, werden zugleich mehr als die Hälfte der ‚ausländischen’ Jungen und Mädchen aus der Türkei von weiterführender Bildung ausgeschlossen. Das entgegengesetzte Ergebnis bei den Polinnen zeigt, dass die verbreitete Pauschalbezeichnung ‚Ausländer’ wie auch ‚MigrantInnen’ kaum mehr einen Sinn macht angesichts der großen Unterschiede nach Herkunftsregion und Migrationsstatus. Die MigrantInnen haben sich diese begrenzten Öffnungen mit erkämpft, indem sie die Bildungschancen offensiv wahrgenommen haben (El-Mafaalani 2012).5)El Mafaalani, Aladin (2012): Habitustransformation und soziale Mobilität bei Einheimischen und Türkeistämmigen. Wiesbaden.

Bei der beruflichen Segmentierung zeigen sich ebenfalls (begrenzte) Öffnungen und tiefgehende Ausschlüsse vor allem nach Geschlecht und Migrationsstatus. Um zwei Beispiele zu nennen: Der Anteil im Management liegt bei turkodeutschen Männern mit deutschem Pass so hoch wie bei den herkunftsdeutschen, nämlich bei etwa 7%. Demgegenüber arbeiten etwa 34% der Frauen mit russischem und mit türkischem Pass als Hilfsarbeiterinnen (gegenüber 7,4% der herkunftsdeutschen Frauen) – ein Drittel hat also ungelernte und meist schlecht bezahlte Beschäftigung ohne Aufstiegschancen, wobei die informelle Arbeit nicht eingerechnet ist! Der flexibilisierte Kapitalismus nutzt die Spaltungen nach Geschlecht und auch ausländerrechtlich bedingter Unsicherheit, um ungesicherte, als ungelernt eingestufte Beschäftigung zu reorganisieren. Und während dem Geschlecht als Ungleichheitskategorie gelegentlich eine abnehmende Bedeutung zugeschrieben wird, bewirkt es in Verbindung mit Staatsbürgerschaft/Ethnizität massive Ausgrenzungen.

Naika Foroutan u.a. haben für den gegenwärtigen Übergang den Ansatz der postmigrantischen Gesellschaft eingebracht: Er bezieht sich auf Aushandlungsprozesse vor Ort und die Konflikte, Identitätsbildungsprozesse, sozialen und politischen Transformationen in diesem Zusammenhang, also auf die Gestaltung der Gesellschaft nach erfolgter Einwanderung. Wer gehört dazu und wer nicht? Wer darf mit gestalten und wer nicht? Welche Anerkennungsformen, Rechte und Partizipationsmöglichkeiten werden wem zugestanden?

An diesen Aushandlungsprozessen beteiligen sich organische Intellektuelle aller Geschlechter mit Einwanderergeschichte. Potentiell könnten sie angesichts der neuen Öffnungen in Bildung und Beruf mehr werden und sie werden nicht länger auf eine MigrantInnenstimme aus dem Abseits zu reduzieren sein, sondern sie werden öffentlich mit vielen Stimmen sprechen.

 

Fußnoten   [ + ]

1. Gutiérrez Rodríguez, Encarnación (1999): Intellektuelle Migrantinnen – Subjektivitäten im Zeitalter von Globalisierung. Opladen.
2. Ghaderi, Cinur (2014): Politische Identität – Ethnizität – Geschlecht. Wiesbaden.
3. Lenz, Ilse (2014): Wechselwirkende Ungleichheiten. Von den Dualismen zur Differenzierung der Differenzen? In: Löw, Martina (Hg.): Vielfalt und Zusammenhalt. Verhandlungen des 36. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Frankfurt a.M. u.a., S. 843-858;
Lenz, Ilse (2015): Deutsche Veränderungen. Neue Gegensätze − neue Gleichheiten? Leverkusen;
Pathways to Success;
Für die Bildung: El Mafaalani 2012.
4. Betrachtet wurden nicht die jährlichen Abschlüsse bestimmter Bildungsinstitutionen in Deutschland, sondern der Anteil der jeweiligen Gruppe in der Bevölkerung im Alter von 18-29 Jahren, woraus sich Unterschiede zu anderen Statistiken ergeben.
5. El Mafaalani, Aladin (2012): Habitustransformation und soziale Mobilität bei Einheimischen und Türkeistämmigen. Wiesbaden.

Wir sind alle …?
Wir sind alle Charlie, Ahmet, JüdInnen et cetera?
Wir sind verschieden und zusammen

Dreimal Anlauf nehmen …

Vor zehn Tagen hatte ich diesen Blogbeitrag in meinem Kopf schon fertig: Es sollte um wechselwirkende Ungleichheiten gehen: Wie etwa hängen die Lebenslagen einer deutschen Managerin, eines türkischen Unternehmers, einer polnischen Altenpflegerin und eines homosexuellen Flüchtlings aus Uganda im Berliner Alltag zusammen …

Und dann kam das Massaker von jihadistischen Fundamentalisten an JournalistInnen, JüdInnen und PolizistInnen in Frankreich am 7.1. und 9.1.2015. Das Thema rief mich zu sich und zugleich war ich zunehmend unsicher: Was kann ich dazu sagen? Was kann ich in der Geschlechterforschung dazu finden, wobei ich hier nur auf wenige Ansätze verweisen kann? Also versuchte ich einen Neuanfang zu dem Thema ideologisch motivierter Morde: Während alle über den Islam redeten, sollte man auch über Ungleichheiten und die Lebensläufe der Fundamentalisten sprechen, um anfangen zu können, das grausame Massaker zu verstehen. Verstehen von Gewalt ist eine Voraussetzung, um dagegen wirksam vorzugehen. Das bedarf eines eigenständigen Raumes der Reflektion und Verständigung ohne den Zwang der Parteinahme, wie ihn die Soziologie als kritische Selbstreflexion über gesellschaftliche Zusammenhänge (Heinz Bude) bietet.

Als ich soweit war, kam das Verbot der rechtspopulistischen Pegida-Demonstration wie auch aller anderen Demos in Dresden am 19.1.2015 wegen der Befürchtung eines islamistischen Attentats. Die politischen Freiheitsrechte und die Demokratie in Deutschland wurden durch jihadistische Terrornetzwerke direkt herausgefordert, wenn die Hinweise der Behörden zutreffen. Das verändert die Debatte nochmals: Also zurück auf Los, noch mal nachdenken, wie das alles zusammenzubringen wäre. Und dann merkte ich, das geht (vielleicht noch) nicht und ich komme nur soweit, ein paar grundlegende Fragen zu stellen und mich auf die Suchbewegung zu Antworten aufzumachen. Das ist subjektiv und ich freue mich, wenn Sie mich begleiten und darüber diskutieren wollen.

Vom Banlieue zu jihadistischen Mördern: Stationen und Entscheidungen

Wenn wir an ideologisch motivierte Massaker im letzten Jahrzehnt in Europa denken, fallen mir u.a. die Morde der Neonazis des NSU an Menschen mit Migrationsbiographien von 2000-2006, der Massenmord von Anders Behring Breivik, der als rechtsextremer Kreuzzügler gegen den Islam und den Feminismus auftrat, und die Attentate in Paris ein. Die Attentäter waren Männer, die teils von Frauen im ideologischen Umfeld unterstützt und alltäglich versorgt wurden. Die Mehrheit der Opfer von islamistischen Massakern (des IS oder von Boko Haram) lebt nicht in Europa und zu ihnen zählen viele Muslime.

Man sollte das Massaker von Paris in einen breiteren Kontext stellen. Das gilt auch für die Ideologie. Die Frage, inwiefern der Glauben mörderische Gewalt legitimiert, stellt sich für den Islam und ihr ist mit kulturrelativistischen Thesen nicht auszuweichen. Aber aufgrund ihrer Geschichte − etwa des Christentums in der Kolonialisierung − stellt sie sich ebenso für andere Religionen und Ideologien.

Wenn die Religion zur vorherrschenden „Leiterklärung“ wird, werden die sozialen Kontexte leicht vernachlässigt: Jihadistische Salafisten in Deutschland sind jung, überwiegend männlich1)Der Frauenanteil an deutschen JihadistInnen in Syrien wird auf 10-15 Prozent geschätzt. und oft aus dem Bildungssystem herausgefallen. In den Medien wird das mit dem Kürzel „jung – männlich – ungebildet“ beschrieben, aber daraus ergeben sich keine Antworten, sondern gerade Fragen an die Ungleichheits- und die Geschlechtersoziologie. Zunächst zu „ungebildet“: Wie erklärt sich dies Herausfallen, das mehr als die Hälfte der männlichen und weiblichen Jugendlichen mit türkischem Pass in Deutschland betrifft? Gleichzeitig hat der Anteil der jugendlichen MigrantInnen mit Bildungserfolg deutlich zugenommen, so dass deren Lebenswege sich zunehmend differenzieren. Aber die rigide Selektion und folgende Desorientierung von „BildungsverliererInnen“ geht auch auf die Ausschlussmechanismen im und die Reformunfähigkeit des Bildungssystems zurück.

Dann zu „männlich“ in dem Kürzel: Die Geschlechterforschung kritisiert das platte biologistische Stereotyp vom „männlichen Gewalttäter“ radikal. Zum Einen zeigt sie unterschiedliche Männlichkeiten von der hegemonialen bis zu untergeordneten Männlichkeiten auf und differenziert so die Männerbilder – auch die Bilder von Migranten und Muslimen.2)Vgl. u.a. die Forschungen von Zülfukar Çetin, Ahmet Toprak und das Netzwerk Männlichkeiten Migration und Mehrfachzugehörigkeiten wie auch die Überlegungen von Maureen Masiha Eggers zu Jungen und ihrem Neffen. Zum Zweiten hat die feministische Gewaltforschung nachdrücklich darauf hingewiesen, dass mit der interpersonalen Gewalt individuelle Entscheidungen und Verantwortung verbunden sind. Damit hat sie auch dem Stereotyp widersprochen, dass soziale Ungleichheit automatisch zu Gewalthandeln führt: Man wird nicht als Gewalttäter geboren, sondern einige Personen werden in der Verarbeitung von biographischen Erfahrungen dazu.

Was weiß man über diese Erfahrungen und Entscheidungen? Die jihadistischen Mörder in Paris haben Ausgrenzungen aufgrund des Migrationshintergrunds wie auch Einschlüsse, z.B. in der Schule oder auf dem Arbeitsmarkt erfahren. Sie wurden nicht religiös erzogen. Auffallend ist die Desorientierung und Kleinkriminalität, die sie in das Gefängnis führte. Die Begegnung mit einem radikalen Salafisten im Knast führte sie zu einer Art Erweckung, einer Neuformierung ihrer Subjektivität mit salafistischen Versatzstücken. So begannen sie ihre terroristische Karriere − teils mit einer militärischen Ausbildung im Nahen Osten.

Viele desorientierte junge Männer wenden sich dem jihadistischen Neosalafismus3)Rauf Ceylan unterscheidet zwischen puristischem, politischem und jihadistischem Neosalafismus. zu, der Gewalt gegenüber Männern, Frauen und Kindern akzeptiert und verübt. Dabei spielen die männlich zentrierte Gewaltkultur im Internet (z.B. extreme Gewaltspiele) wie auch Berichte über den Krieg und die hohen Opfer im Nahen Osten, insbesondere in Palästina, eine wesentliche Rolle. Oliver Roy spricht von einem postislamischen Lebensstil, bei dem Versatzstücke des Islam in einen puristischen Lebensstil der Erweckten eingebaut werden. Diese fordern so Anerkennung, Aufwertung und öffentliche Macht über Leben und Medien ein. Die Bereitschaft zum Märtyrertod bedeutet Reinheit und Opferbereitschaft, was auf perverse Weise den Gewaltrausch und -exzess begründet, mit dem die Täter beliebig Menschen in ihrer Reichweite umbringen. Sie überschreiten globale ethische Grundnormen der Menschlichkeit, wie sie in den globalen Frauen- und Menschenrechten4)Vgl. dazu die World Action Platform der IV: UN Weltfrauenkonferenz von Beijing und die Resolution 1325 des Weltsicherheitsrats, die Geschlechtergewalt in militärischen Konflikten ansprechen und Maßnahmen enthalten. und den Weltreligionen inklusive des Islams verankert sind.

Wenig beachtet werden die neopatriarchalen Normen: Die jihadistischen Männer kämpfen und „schlachten“ (nach dem Wortlaut eines IS-Werbevideos mit Deutschen im Kampfgebiet), gläubige Frauen sollen sie heiraten, versorgen und motivieren. Der IS vertritt einen extrem neopatriarchalen Männerbund und will seine Macht global und in Europa erweitern, indem er diese Normen und Symbole gezielt einsetzt.

Der jihadistische Salafismus behauptet also eine neopatriarchale menschenfeindliche Männlichkeit, die im Bruch zum Islam und den Menschenrechten steht, um Macht einzufordern, für die junge fanatisierte Männer ihr Leben lassen und das Leben der Anderen bedenkenlos vernichten. Auch deswegen haben sich muslimische wie auch andere Frauen und Männer eindeutig und in großer Mehrheit dagegen gewandt: Wir sind Charlie, wir sind Ahmet, wir sind JüdInnen. Dass so viele Menschen die Bezeichnungen der Opfer – und damit der Anderen – übernahmen, bedeutet nicht Identität mit ihnen, sondern Gemeinsamkeit im Wissen der Verschiedenheit.

Die Neuformierung eines zivilen öffentlichen Raums

Auf das Massaker sind Herausforderungen für die (Demonstrations-)Freiheit und die die Demokratie auch in Deutschland gefolgt. Das Demonstrationsrecht wurde durch islamistische Drohungen gefährdet und durch den Staat eingeschränkt. Darüberhinaus werden die Grenzen der politischen Gemeinschaft zunehmend heftig umstritten. Völkische und rassistische Stimmen grenzen islamische MigrantInnen tendenziell aus. Pegida etwa fordert die Pflicht zur Integration, ein Wiedereinreiseverbot für „religiöse Fanatiker“ und ist gegen Gender Mainstreaming. Alice Schwarzer will zwar zwischen Islam und Islamismus unterscheiden, wendet sich aber gegen die Anerkennung des Kopftuches und zeigt Verständnis für die Pegida-Mitläufer. Die Mehrheit der MuslimInnen und der organisierte Islam in Deutschland beanspruchen ihren Platz in der politischen Gemeinschaft, indem sie sich zur Demokratie, Meinungsfreiheit bekannten und das Massaker klar verurteilten. Die Kanzlerin hat erklärt, dass der Islam seinen Platz in Deutschland hat. Zwei Stimmen gehen in dem religiös durchtränkten Diskurs gegenwärtig unter: Die säkularen MigrantInnen, die deren überwiegende Mehrheit bilden, und die migrantischen FeministInnen, die sich gegen Gewalt und für interkulturelle Geschlechtergerechtigkeit einsetzen. Die Gemengelage ist unklar und die Stimmen der Ausgrenzung werden lauter. Es ist nicht auszuschließen, dass es ein weiteres jihadistisches Attentat in Deutschland geben könnte. Wie wird es dann möglich sein, die demokratische Gemeinsamkeit und die Forderungen nach Gleichheit und Anerkennung zu behaupten?

Denn es geht nicht nur um die Auseinandersetzungen um die Grenzen, sondern auch um die Werte der politischen Gemeinschaft. Wie kann ein ziviler öffentlicher Diskursraum wiederentstehen, in dem nicht die militärischen Logiken von Abschreckung und Sicherheit vorherrschen, sondern in dem über individuelle Freiheit, friedliches Zusammenleben und Solidarität unter Verschiedenen gesprochen und gestritten werden kann? Ein mögliches Leitwort haben Jugendgruppen in einer Pariser Banlieue erarbeitet: „Nous sommes tous ensemble“. In meiner freien Übersetzung:

Wir sind verschieden und zusammen

Fußnoten   [ + ]

1. Der Frauenanteil an deutschen JihadistInnen in Syrien wird auf 10-15 Prozent geschätzt.
2. Vgl. u.a. die Forschungen von Zülfukar Çetin, Ahmet Toprak und das Netzwerk Männlichkeiten Migration und Mehrfachzugehörigkeiten wie auch die Überlegungen von Maureen Masiha Eggers zu Jungen und ihrem Neffen.
3. Rauf Ceylan unterscheidet zwischen puristischem, politischem und jihadistischem Neosalafismus.
4. Vgl. dazu die World Action Platform der IV: UN Weltfrauenkonferenz von Beijing und die Resolution 1325 des Weltsicherheitsrats, die Geschlechtergewalt in militärischen Konflikten ansprechen und Maßnahmen enthalten.