Black History Month in Underground Atlanta 2013, Foto: Maureen Maisha Eggers
Black History Month in Underground Atlanta 2013, Foto: Maureen Maisha Eggers

Schwarze Frauen im ‚Shondaland‘.
Die feministische Kulturpolitik einer digitalen Diaspora

Shonda Lynn Rhimes, Jahrgang 1970, ist Drehbuchautorin und Produzentin der Politthriller-Fernsehserie Scandal (Trailer). Rhimes Produktionsfirma Shondaland zeichnet sich auch verantwortlich für den seit September 2014 ausgestrahlten Legal-Thriller How to Get Away With Murder (Trailer), ebenfalls eine Fernsehserie des US-amerikanischen Senders ABC. Rhimes wurde in den Jahren 2007 und 2013 auf die TIME 100 Liste der hundert einflussreichsten Personen (der Welt) gewählt. Auch wenn solche Ehrungen immer ein wenig suspekt sind, so ist doch offensichtlich, dass Rhimes Arbeiten einen festen Platz einnehmen auf digitalen Plattformen und in öffentlich geführten Debatten über die Lebens- und Handlungsräume und die Selbstentwürfe ambitionierter, zielbewusster Schwarzer Frauen.

Beide Serien sind strukturiert um eine Schwarze Unternehmerin. Scandal-Hauptfigur Olivia Pope (Kerry Washington) ist einer Krisenmanagerin nachempfunden, die tatsächlich existiert/e. Es gab sie wirklich: Judy Smith, eine Schwarze Krisenmanagerin, die zunächst im Team des Weißen Hauses der Ära G. W. Bush arbeitete. Smith gründete nach ihrem Dienst im Weißen Haus ihre Firma ‚Smith and Company‘. Sie gilt als die Inspiration für die Figur Olivia Pope (OP). Diese ist wie Smith zunächst Mitarbeiterin im Weißen Haus. Auch OP gibt ihren Job im White House auf, um ihre Krisenmanagement-Firma ‚Olivia Pope & Associates‘ (OPA) zu gründen. OPA gilt als zentrale Vermittlungsinstanz in der Politszene Washingtons. OP kümmert sich parteiunabhängig um Skandale aller politischen Lager. Sie fühlt sich allerdings über persönliche Beziehungen der republikanischen Regierung des Präsidenten F. Grant besonders verpflichtet.

Zentrale Figur der Serie How to Get Away With Murder (HTGAWM) ist die Strafverteidigerin und Juraprofessorin Annalise Keating (Viola Davis). Prof. Keating führt eine renommierte Kanzlei, die ihren Namen trägt. Jedes Semester wählt sie aus dem Kreis ihrer besten Absolvent_innen fünf für die Kanzlei aus, die sogenannten ‚Keating Five‘. Diese macht sie zu First Year Associates ihrer Firma. Gemäß dem Titel der Serie geht es in jeder Folge darum, im Rahmen ihrer Tätigkeit als Strafverteidigerin ihre Klient_innen aus einer Mordanklage zu retten. Es geht zugleich darum, ihren Studierenden das dazu nötige Handlungswissen zu vermitteln.

Keine Schwarzen Serien, aber rassismuskritische

Erstaunlich an beiden Serien ist, dass sie die Zuschreibung umgehen, eine ‚Schwarze Serie’ zu sein. Mediale Wirklichkeitskonstruktionen, in denen zwei Hauptfiguren Schwarz sind, werden relativ schnell als eine ‚Schwarze‘ Handlungsgeschichte wahrgenommen und abgetan. Rhimes Erzählkonstruktionen weisen sehr viele zentrale Schwarze Figuren und Figuren von Menschen of Color auf. Sie entkommen dennoch dieser einengenden Zuschreibung. Die Serien sind zugleich dezidiert rassismuskritisch. Sie thematisieren kontinuierlich die Realität rassistischer Ungleichheitsstrukturen.

Keine schwulen/queeren Serien, aber anti-heteronormative

Beide Serien weisen eine hohe Frequenz von sexuellen (Liebes-)Beziehungen und Handlungen zwischen queeren weißen Männern auf. In der ersten Staffel von HTGAWM ist es in der Tat diese soziale Gruppe, die am häufigsten sexuell handelnd dargestellt wird. Dieses Set-Up würde in der Regel dazu führen, dass die Serie als queer oder schwul wahrgenommen und abgetan wird. Rhimes entkommt auch hier dieser einengenden Zuschreibung. Die Serien repräsentieren recht beiläufig anti-heteronormative sexuelle Konstellationen.

Das System Shonda. Sichtbare Feministinnen als Führungsfiguren

Rhimes Schwarze Frauenbilder, dargestellt durch die Hauptfiguren Olivia Pope und Annalise Keating, sind entscheidungs-, handlungs- und ganz ausdrücklich gefühlsstarke Charaktere. Sie sind ambitionierte, zielbewusster Schwarze Frauen. Sie sind Unternehmerinnen. Sie leiten eine engmaschig organisierte Gruppe, ein Kollektiv von Mitarbeiter_innen, die sie zur Höchstleistung antreiben, für die sie Sorge tragen und die sie resolut zu beschützen bereit sind. Jede Gruppe ist stark mit den Prinzipien der jeweiligen Hauptfigur identifiziert (die ‚Gladiators‘ von Scandal ebenso die ‚Keating 5‘ von HTGAWM). Olivia Pope und Annalise Keating vermitteln ihrem Team regelmäßig auch auf eine sehr persönliche Weise, dass sie sie brauchen, auch emotional. Es ist eine ungewöhnliche Mischung. Dieser Zusammenhalt weist familienähnliche Strukturen auf. Das scheint mir eine bedeutende Ebene von Rhimes De/Konstruktionsarbeit zu sein.

Eine deutliche Zunahme feministischer Artikulationen

Die beiden Serien greifen Kernthemen der US-amerikanischen Gesellschaft auf und bearbeiten diese symbolisch. Beide Serien sind sehr dialogstark und didaktisch. Sie könnten als eine Einarbeitung einmal in den ‚Politsprech‘ des policy-lastigen Washington DC betrachtet werden, sowie als eine Einführung in die Sprache und die Funktionsstruktur von Legal Studies. Überhaupt erfahren Zuschauende viel und regelmäßig, wie Dinge des Alltags an Orten konzentrierter Macht funktionieren. Die Entscheidung, Scandal im Regierungsapparat eines republikanischen Weißen Hauses anzusiedeln, ist vermutlich eine genial subversive Entscheidung gewesen. Dadurch kann die Serie unablässig aufdecken, welche Handlungen, Strategien und vor allem Kompromisse notwendig sind, um die glatte Fassade tagtäglich herzustellen und zu präsentieren, mit der das regierte Volk von der anhaltenden Autorität der Administration überzeugt werden soll. Rhimes lässt also Kernthemen der US-amerikanischen Gesellschaft durch paradox positionierte aktionsmächtige Insider mit ‚multiple consciousness‘ verkörpern. Es scheint ein Erfolgskonzept zu sein. Es scheint ein Lebensgefühl und Lebensthemen zu kanalisieren, die nach Ausdruck verlangen, aus der Sicht Schwarzer Feministinnen.

Rhimes Hauptfiguren formulieren zunehmend ganz explizit feministische Kritik. In der Scandal Folge Season 4 Episode 7 (Erstausstrahlung am 06.11.14) sind mindestens drei feministisch inspirierte Handlungsstränge auszumachen. Einmal erleidet eine der Gladiators, Abby Whelan, die inzwischen Press Secretary ist, im Weißen Haus einen psychischen Zusammenbruch. Sie sieht sich mit ihrem Ex-Mann konfrontiert, der mit Unterstützung von Präsident Grant der neue Senator von Virginia werden will. Sie ringt damit, die körperliche Misshandlung, die er ihr zugefügt hat, offen thematisieren zu müssen. Sie ruft in Erinnerung, dass andere prominente Frauen an ähnlichen entscheidenden Stellen gescheitert sind. Sie ruft Anita Hill und Monica Lewinsky in Erinnerung, die sich einst für die Veröffentlichung sexualisierter Übergriffe entschieden. Danach aber seien sie aus der Arena der Politik verschwunden.

In der gleichen Folge kritisiert die republikanische First Lady die Geringschätzung ihrer Position. Sie spekuliert, sobald eine Frau zum ersten Mal Präsidentin wird, würde die Position des ‚First Partners‘ zu einer bezahlten Position werden.

„When a woman is President, they’ll suddenly make First Lady an official paid position … The minute a man has to do it, it’ll become a REAL job.“

Und schließlich deklariert Olivia Pope in einem Gespräch mit der anderen Kandidatin für den Senatssitz im Bundesstaat Virginia, der Republikanerin Susan Ross, Professor of Political Science, alleinerziehende Mutter einer Tochter:

„… as a feminist i absolutely understand if you wanna refuse to make adjustments to your image.“

OP hat sich entschlossen, die Kampagne der Gegenkandidatin ohne Bezahlung zu übernehmen. Damit will sie verhindern, dass der gewalttätige Ex-Ehemann ihrer Mitarbeiterin Abby Whelan Senator wird. Schließlich entscheidet sie sich dafür, den Wahl-Werbespot mit der 10-Jähringen Tochter von Professor Susan Ross zu drehen. Die 10-Jährige Casey Ross stellt darin die Stärken ihrer Mutter heraus. Sie hält, im Schlafanzug gekleidet, in ihrem Kinderzimmer stehend, die Promotionsurkunde ihrer Mutter in die Kamera hoch:

„This is my mom’s doctorate degree. That means she’s smart. I want smart people running my country.“

Der Werbespot endet mit der Stimme der Mutter (Prof. Ross) aus dem Off, die Casey daran erinnert, dass es Zeit ist, ins Bett zu gehen.

Rhimes zeigt starke Frauen umgeben von starken Frauen. Sie zeigt Solidarisierungen und Unterstützungsnetzwerke von starken Frauen. Sie zeigt diese Thematisierungen, Kritiken und Aktionsformen, quer durch alle politischen Lager. Sie vereint die Themen unabhängig von Parteilinien und politischen Überzeugungen. Sie macht die Themen relevant für eine sehr große Gruppe von Frauen.

Beide Serien greifen feministische Gesellschaftsanalysen auf. Es geht um ‚Rape Culture’. Prof. Annalise Keating kritisiert den in Gerichtsverfahren üblichen Mechanismus des ‚Slut-Shaming’ als eine ihrer Klientinnen als promiske Frau verunglimpft wird, der ebenfalls beteiligte weiße, männliche Student hingegen nicht. Es wird ein Sex-Tape der 16-Jährigen Tochter des republikanischen Präsidenten gedreht. Ihre Mutter (die First Lady) hält daraufhin ein Gespräch mit ihr über diese unfaire Situation. Sie bedauert, dass es ihrer Tochter nicht um eine genussreiche Erschließung ihrer eigenen sexuellen Lust ging. Sie schärft ihrer Tochter ein, die Beine zusammen zu halten, als strategische Handlung, nicht weil sie ihr lustvolle Erfahrungen nicht gönnt. Sie bewertet eine Zuwiderhandlung als eine folgenreiche Entscheidung, die sie ihrer Tochter ersparen wolle. Überhaupt wird die sexual agency der Hauptfiguren regelmäßig in Szene gesetzt. Alternde Frauenkörper, die sexuelle Handlungen und Interaktionen aktionsmächtig initiieren, gehören zur Normalität beider TV-Formate. Die sexuelle Lust von starken Frauen und ihre Realisierung gehören zu den Grundelementen beider Serien.

Black Feminism Goes Viral!

Die Zeitschrift EBONY Magazine, die bekannteste US-amerikanische Schwarze Zeitschrift, thematisiert in der Märzausgabe (2014) unter der Überschrift „Black Feminism Goes Viral“ einen neuen Trend der öffentlichen Bekanntmachung feministischer Motive und Positionierungen durch prominente Schwarze Frauen. Diese Artikulationen bahnen den Weg und eröffnen ein Podium für wichtige Gespräche über die Art und Weise, wie Gender sich auf Verteilungsgerechtigkeit, Zugangschancen und freie Entfaltung auswirkt. Diese Gespräche finden vor allem sehr öffentlich auf Social-Media-Plattformen statt. Social Media gehöre demnach fest zum Bestandteil einer Black Feminist Toolbox, resümiert der Artikel.

Digitale Vergemeinschaftungsräume als neue Bindungsstruktur

Die beiden Shondaland-Serien sind nicht ganz unumstritten – auch im Kontext von Black Feminist Power. Beide Hauptfiguren leben in recht implizit gehaltenen, nicht-monogamen Liebeskonstellationen. Darin besteht wohl eine der Hauptkritiken, dass zu diesen Konstellationen jeweils mindestens ein weißer Mann gehört. Tatsächlich sind beide Erzählstrukturen voller Brüche, Umbrüche und überraschenden Wendungen. Die Hauptfiguren handeln gradlinig und ungradlinig zugleich. Konstant ist nur die Resolutheit ihres strategischen Vorgehens. Shondalands Heldinnen scheinen also eine nicht ganz unbeträchtliche Lust an ‚Bad Feminisms’ zu haben. Eine feministische Lebenshaltung, in der nicht strikt nach einer Doktrin gelebt wird. Eine Haltung, die ganz offen mit eigenen Ambivalenzen umgeht, die messy ist. Trotz dieser Kritik scheinen sich die Diasporan Black Feminists/Scholars/Activists/Performers, die sich in der digitalen Arena regelmäßig zu den beiden TV-Formaten äußern, einig zu sein, dass beide Hauptfiguren resiliente und handlungsstarke ambitionierte Frauen gut repräsentieren.

Beide Formate regen Debatten über feministische Thematisierungen erfolgreich an. Es gibt Live-Tweets während der Sendungen. Diese gelten gewissermaßen als Instant-Feedback. Shonda Rhimes (@shondarhimes) und verschiedene Darsteller_innen greifen Tweets auf und re-tweeten sie. Offenbar werden Theorien der Zuschauenden, Kosenamen für die zentralen Figuren, Bezeichnungen, Sprechweisen von den Drehbuchautor_innen übernommen und in die Erzählstruktur eingearbeitet. Es entsteht dadurch eine Art interaktive Plot-Weiterentwicklung. Das erinnert an Schwarzen kommunikativen Traditionen von ‚Call and Response‘. Es gleicht einer kontinuierlichen gegenseitigen Einflussnahme. Als bekannt wurde, dass Michelle Obama jetzt auch ein Fan von Scandal geworden ist (sie gibt das während eines Radio Interviews vom 30.01.14 mit Ryan Seacrest an) explodieren ‚Black Twitter’ und die digitale Diaspora mit Kommentierungen und Liebesbekundungen. Social Media ermöglicht eine zeitnahe verhältnismäßig großflächige Teilnahme an diskursive Verhandlungen über gelungene Symbolisierungen oder Fragen zu dem Gehalt der Serienhandlungen. Die aktuellste Ausgabe des Online Journals Feminist Africa 18 (e-spaces : e-politics) betont die zunehmende zentrale Bedeutung der digitalen Diaspora als Verhandlungsraum für Selbstbilder, Aktionsformen und Kollektivitätserfahrungen Schwarzer Frauen.

Chimamanda Adichie, Lupita Nyong’o, Warsan Shire und ‚Flawlessness’ als Soundtrack der New Black Feminist Power

In dem Lied „***Flawless“ sampelt Beyoncé Knowles 2013 in ihrem fünften Album, einem Excerpt aus dem TEDx talk „We Should All Be Feminists“, eine Rede der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie. Diese Geste der Anerkennung hat zu einer breiteren Bekanntmachung Adichies Arbeiten beigetragen. Beyoncés Geste wird als die Geste einer starken Schwarzen Frau verstanden, die ihre Bühne mit einer anderen starken Schwarze Frau teilt, und sich und ihr Gegenüber damit gleichzeitig stärkt. ‚Flawless’ gilt in der Umgangssprache als ‚einwandfrei’. ‚Flawlessness’ symbolisiert ein neues Selbstbewusstsein, das Selbstverständnis ambitionierter, zielbewusster (bold), entscheidungs-, handlungs- und gefühlsstarker Frauen. Frauen wie Lupita Nyong’o die neue ästhetische Maßstäbe anregen und dies öffentlich artikulieren. Frauen wie Warsan Shire (@warsan_shire) die feministisch inspirierte Lyrik per Twitter verbreiten und damit öffentlich artikulieren. ‚Flawlessness’ bezeichnet eine neue Form des Zusammenhalts, die Würdigung anderer starken Frauen.

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