»Reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist«. Über gewöhnliche Leute, den Schutz von Minderheiten und falsch verstandene Meinungsfreiheit

Heute, am 26. Oktober, wird weltweit der Intersex Awareness Day begangen. Eine der Forderungen von Intersex-Aktivist*innen ist die nach mehr Aufklärung in Gesundheits- und Bildungseinrichtungen. Denn Bildung sei der erste Schritt, damit Intersex*-Personen selber über ihre Narrative und Körper bestimmen können. Und ja: Trotz Einführung eines weiteren Personenstandes – divers – ist die Existenz intergeschlechtlicher Menschen noch immer ein tabuisiertes, mit Scham und Stigma behaftetes Thema. Auch geschlechtszuweisende und -vereindeutigende Operationen an Neugeborenen und Kleinkindern mit zum Teil dramatischen physischen und psychischen Spätfolgen gehören längst nicht der Vergangenheit an – und dies trotz der Verurteilung solcher Eingriffe durch die Vereinten Nationen. Die Wissenschaft, allen voran die Medizin, hat einen erheblichen Anteil an der fortgesetzten Diskriminierung und Gewalt, der Intersex*-Menschen ausgesetzt sind.

Einen Tag vor diesem 1996 von Aktivist*innen in Boston initiierten Aktionstag spricht die in der Bundesregierung für Bildung und Forschung zuständige Ministerin, Anja Karliczek von der CDU, mit dem „Spiegel“. Eine gute Gelegenheit, sollte man meinen, beispielsweise über Ethik in der medizinischen Praxis, über verbindliche Richtlinien, um nicht-einvernehmliche kosmetische Eingriffe zu unterbinden oder auch über mehr kritisches Gender-Wissen in der Ausbildung von Mediziner*innen zu sprechen. Aber nein, Karliczek spricht nicht von der epistemischen, institutionellen und körperlichen Gewalt, der intergeschlechtliche Menschen in den Apparaten von Wissenschaft und Medizin ausgesetzt sind. Sie spricht nicht über die Verantwortung, die Politik hier hat, Karliczek hat eine ganz andere Mission. Sie warnt vor einer allgemein stärker werdenden Meinungszensur in Deutschland, besonders an den Hochschulen und Universitäten und sieht die Freiheit von Wissenschaft und Lehre gefährdet. Weimar, raunt die Ministerin, müsse daher „auch heute eine Mahnung sein“. 

Ja möchte man der Ministerin zurufen. Weltweit ist die Freiheit von Forschung und Lehre bedroht – und die Gender, Inter und Trans Studies genauso wie die kritische Sexualwissenschaft gehören überall zu den ersten, die angegriffen werden. Doch für Ministerin Karliczek geht die Bedrohung von anderen aus. Von jenen nämlich, die auf dem „moralischen Thron“ säßen und diejenigen, die sich „nicht voll gendergerecht“ ausdrückten, „gleich runtermachen“ würden. Dabei wollten die Menschen doch nur reden, „wie ihnen der Schnabel gewachsen“ sei. 

Hier ist sie wieder: Die Sorge, die Konservative wie Karliczek und Kramp-Karrenbauer umtreibt, die Sorge, dass die „gewöhnlichen Leute“ abgehängt und moralisch ausgegrenzt werden. Und die gewöhnlichen Leute sind selbstredend heterosexuell und cis-geschlechtlich und haben kein Verständnis für die Verirrungen geschlechtssensibler Sprechweisen oder die Notwendigkeit von Unisex-Toiletten. Einmal abgesehen von der versämtlichenden Unterstellung einer geteilten heteronormativen Moral der gewöhnlichen Leute, sind die Karliczeks und Kramp-Karrenbauers dieser Welt um dieser gewöhnlichen Leute willen bereit, den Schutz von Minderheiten und letztlich diese selbst preiszugeben. Dass sie zudem nicht erkennen, was die Rechte weltweit längst erkannt hat, wie sehr sich nämlich Geschlecht und Sexualität als Felder zur Erringung von Hegemonie eignen, weshalb sie genau deshalb die Leute dort abholen, wo sie reden, „wie ihnen der Schnabel gewachsen ist“, ist die politische Tragik solcher Äußerungen. Die Weimarer Demokratie jedenfalls wurde nicht von Lili Elbe, Johanna Elberskirchen und Magnus Hirschfeld verraten.

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