„I am asking you to live in the presence of reality, an invigorating life.“
– Virginia Woolf

Am 30. 12. 2019 verstarb unerwartet und plötzlich unser langjähriges Beiratsmitglied Edgar Forster. Edgar gehörte dem Beirat der Feministischen Studien seit 2008 an. Er war ein stets verlässlicher und inspirierender Gutachter und kritischer Wegbegleiter der Studien. Die Herausgeber*innen und die Mitglieder des Beirats gedenken seiner und werden ihn lebendiger Erinnerung behalten. Wir danken Barbara Rendtorff für den Nachruf.


Am 30.12. 2021 ist Edgar Forster ganz plötzlich an Herzversagen verstorben – wir, die wir mit ihm zusammengearbeitet haben, betrauern den Verlust eines liebenswürdigen, klugen Menschen und eines produktiven Wissenschaftlers. Die Geschlechterforschung verliert mit Edgar Forster einen Männlichkeitsforscher, dessen Texte und Theoriebeiträge von einer ungewöhnlich sorgfältigen und intensiven Auseinandersetzung mit feministischer Theorie getragen waren.

In seinem Beitrag „Männliche Resouveränisierungen“ im Heft 2/06 der Feministischen Studien meldete Edgar Forster sich erstmals mit der offensiven These zu Wort, Männlichkeitsforschung dürfe sich nicht jenseits des „historischen Erbes des Feminismus“ entfalten. Es gelte, den Feminismus anzuerkennen, „ohne ihn und die Erfahrungen von Frauen zu verdinglichen und auf diese Weise Differenzen zu tilgen und falsche Abstraktionen des Männlichen und Weiblichen zu reproduzieren.“ Männlichkeitskritik sei eine „theoretische Praxis des Eingriffs“, hatte Forster schon 2005 in seinem Beitrag „Männerforschung, Gender Studies und Patriarchatskritik“ für das Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft erklärt. Sie müsse deshalb „die Position des Sprechens als eines männlich markierten Sprechens“ sichtbar machen, auch „die dem Eingriff eigene Form der Beschränkung und Verausgabung der theoretischen Aktivität“. Mit einer an Roland Barthes angelehnten Unterscheidung von Phänotext, der Ebene der Struktur der Sprache und der Argumente, und Genotext, der körperlichen Stimme, der Ebene, auf der „die Bedeutungen keimen“, verstärkt er diese These: Auch dem logisch erscheinenden, sachlich daherkommenden, aber körperlosen Phänotext hafte, wenn er sich nicht als „theoretischer Eingriff“ kenntlich macht, letztlich eine „theoretische Kraftlosigkeit“[1] an, die bloß seine Funktion als eine Form männlicher Resouveränisierung verdeckt.

An diesen Ansätzen hat Edgar Forster kontinuierlich weitergearbeitet, auch wenn er damit eine Position vertrat, die momentan ein wenig in die Defensive geraten ist. Sie finden sich verdichtet und ausdifferenziert in seinem langen und komplexen Beitrag zu dem Band „Geschlecht-er denken“ , in dem er auf den letzten Seiten mit Rückgriff auf Silvia Federici und Peter Linebaugh vorschlägt, den „Haushalt“ mit seinen „porösen Grenzen“ in einem erweiterten Sinne als Ort der sozialen Reproduktion von Machtverhältnissen ernster zu nehmen und für die Männlichkeitstheorie fruchtbar werden zu lassen. Diesen Schlusspunkt seines Textes nennt er spekulativ und kursorisch. Zwar kann er nun selbst hier nicht mehr weiterdenken – doch lässt sich gerade dieser letzte Text als Anspruch an die weitere Debatte lesen, und als Aufforderung, sich mit diesem Theorieangebot auseinanderzusetzen und daran weiterzudenken. Den Faden können und müssen nun andere aufnehmen.


[1] Edgar Forster: Männlichkeit und soziale Reproduktion. Zur Geschichtlichkeit der Critical Studies on Men and Masculinities. In: Edgar Forster/Friederike Kuster/Barbara Rendtorff/Sarah Speck (2019): Geschlecht-er denken. Theoretische Erkundungen. Opladen, S. 12.